Gifs von Pegasus

Waldemar Bonsels

Himmelsvolk

Die Lerche

Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2000

 

Die Lerche

Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber Onna, die Bachstelze, war schon auf uns sah die Lerche fallen.
"Wie ist es?" sagte sie zu ihr, "wollen Sie hier bleiben, ich meine, wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese niederlassen, oder wie ist es?"
"Guten Morgen", sagte die Lerche
Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art, wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als ihre Worte. dann meinte sie, um nichts freundlicher:
"Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedlung, man findet wohl, was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa, die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was sie wollen:"
"Ich will wieder fort", sagte die Lerche. "Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt vom Glanz und der Kühle, daßich nicht mehr recht wußte, wo ich mich niederließ, es war wie ein heller, seliger Taumel, wissen Sie."

"Taumel....?" wiederholte die Bachstelze und wippte, "und was reden Sie da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch garnicht aufgegangen?"
"Doch," sagte die Lerche, "hoch oben schien sie schon."
"Aber Liebe! Wozu diese Übertreibung? Wir sind hier unten einfache und ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig, die aufschneiden. Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne noch nicht aufgegangen ist, Schön sind Sie übrigens auch nicht gerade."
"Nein," sagte die Lerche, "ich bin nicht schön."

"Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der Linde Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen, als die Kugel des Jägers reicht,ja, daß sie sich so hoch emporschwingen können, daß sie, die doch große Vögel sind, wie kleine Punkte am Himmel erscheinen."
Die Lerche nickte. "O ja," sagte sie nachdenklich, "die Falken fliegen sehr hoch."
"Ja, nun, und — — ? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie höher fliegen können als die Falken?"
Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall Recht behielt, wo es sich irgend einrichten ließ.

"Wie ist es denn mit dem Singen, meine Gute?" sagte sie, "haben Sie es jemals zu einer rechten Melodie gebracht?"
Die Lerche schüttelte den Kopf. "Ich muß immer jubeln", sagte sie.
"Jubeln? Nun ja... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hören?"
"Doch," antwortete die Lerche, "es hat mich sehr glücklich gemacht."
"Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese. Und nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?"
"Nein, ich fliege in die Saat zurück, aber vielleicht erlauben Sie, daß ich etwas Tau nehme?"
"Gut," sagte Onna, "nehmen Sie also." Und sie schaute zu, wie die Lerche trank, und es bereitete ihr freude, sich so gut und gastfreundlich gegen einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich zu sein schien, noch schön war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege brachte.

Als die Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der elf. Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der Tau der Gräser in der Morgenkühle auf, und die erwachenden Blumen grüßten ihn mit feinem Läuten und frischem Duft.
"Ach," rief die Lerche entzückt und voll höchsten Erstaunens, "haben Sie hier einen Blumenelfen?"
"Das will ich meinen", sagte die Bachstelze und trat etwas zurück, damit die Fremde den Elfen besser sehen konnte.
Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und plötzlich breitete er seine Arme aus, und mit erhobenen Flügeln eilte er auf sie zu:
"O du! o du!" rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glück. "Ist es denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet, du Himmliche im Blauen, du liebliche Verkünderin der Morgenfreude, o du, die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden Höhe her verscheucht, wie glücklich bin ich, daß ich dich sehe."

Und er legte seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg sein goldhaariges Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein so leidenschaftliches Schluchzen der freude aus, als sei ihm das größte Glück widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der erde begegnen kann.
"Ja, Herrgott," sagte die Bachstelze leise und kraute sich betroffen im Nacken, "das muß mir passieren, also gerade mir..." Aber sie sollte noch ganz andere Dinge erfahren.

"Ich liebe dich, du schöner Vogel", sagte der Elf zur Lerche, und sein Lächeln, das durch die Tränen brach, war voll heißen Danks. "Du bist es gewesen, die mich getröstet hat, als ich im Morgenrot den Weg in meine Heimat nicht mehr fand, durch dein Lied ist der Glaube in mein Herz zurückgekehrt, daß ich ihn einst wiederfinden würde. Ich sah den Menschen, der sein Tagewerk auf dem acker begann, wie er seine Augen gläubig zu dir emporhob, dein Jubel segnete seine Arbeit und begleitete sein Gebet in die Regionen der Herrlichkeit Gottes empor. So fällt dein Gesang mit dem Tau durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner Freude klingt die morgenluft, die das Gemüt von den Schatten der nacht erlöst. Ich segne dich, du Verkündigerin des Lichts, ich danke dir aus Herzensgrund."
"Aber bitte," sagte die Lerche, beschämt vom Glück des Elfen, "Sie sind wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja nur, was ich muß, ich kann nicht anders."
"Ich weiß es," antwortete der Elf, "aber mein Herz muß lieben, alles was berufen ist, die Schönheit der welt in ihrem Sinn zu offenbaren, ich lobe den Schöpfer, wenn ich dich lobe, du kleiner Vogel."

Jetzt war Onna, die Bachstelze, doch gerührt; sie trat ein wenig vor und meinte:
"Man hätte das garnicht gedacht, daß die Lerche soviel bedeutet, wenigstens ich nicht. Wie sie da so saß, im Gras... unerfahrene Leute hätten sie für einen Spatzen gehalten. Aber, es ist ja wahr, sie jubelt morgens."
Der Elf lächelte auf so holdselige Art, wie nur er lächeln konnte, und Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm nicht gewesen sein, sonst würde der Elf nicht lächeln. Da sagte er zu ihr:
"Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie ein Falke im Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der schöpfung, wie auch den Menschen, erkennen willst, so mußt du sie in ihrer Freiheit aufsuchen. Die Lerche fliegt höher als alle anderen Vögel, nur die Adler schwingen sich so weit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung gesetzt, die, früher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag verkündet."

"Alle Achtung," meinte Onna, "ich brächte das nicht fertig, aber ich habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne weiteres, daß ein so kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken? Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche."
"Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn", meinte der Elf, und die Lerche nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen, als würde alles in der welt reich und gut durch seine Nähe.
"Wenn du einst heimfliegst, will ich singen", sagte sie endlich, und sie nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und winkte der Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne entgegenflog.

Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch, zu besuchen, der schwer mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis fertig, das das Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch eine Weile damit, dann wird das Gemüt ruhiger.
Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen hatte, vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und überall umher zuzuschauen, wie schön das Leben war.

Bild



© Copyright 2000 by JADU

 

Webmaster