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Das Abendmahl des Leonardo da Vinci

Von Ferdinand Neubürger

Eins kann man den heutigen Italienern nicht absorechen; sie haben die Empfindung pietätvoller Dankbar für ihre großen Männer. Man braucht zum Beweis dessen nicht erst in Rom auf den weltbekannten Monte Pincio — dem Berliner Tiergarten oder dem Pariser Bois vergleichbar — zu gehen, wo uns auf Schritt und Tritt die monumentalen marmornen Bilder aller großen Männer Italiens in Form von Hermen und Büsten aus dem Grün der Büsche und Bäume entgegenleuchten; nein, jede Stadt und jedes Städtchen haben ihren verdienstvollen Mitbürgern Standbilder errichtet.

Diese Pietät ist aber leider nicht immer lebendig gewesen. Gewiß hat die ehemalige Zerrissenheit Italiens das Ihrige beitragen. Zeugen dieses früheren Mangels an Pietät für das Überkommene finden sich fast in allen größeren und kleineren italienischen Städten.

Am eindringlichsten predigt nicht bloß die Vergänglichkeit alles Schönen, sondern auch den früher herrschenden Mangel an sorgsamer Bewahrung eines großen überkommenen künstlerischen Schatzes der Zustand des weltberühmten Gemäldes von Leonardo das Vinci "das Abendmahl." Es ist gewiß nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß dieses Gemälde in Millionen Exemplaren von Nachbildungen über die ganze Erde verbreitet ist. Neben der Sixtinischen Madonna Raphaels und dessen Madonna della Sedia ist es zweifellos am verbreitetsten.

Das Original, dieses Meisterwerk selbst aber, wie sieht es aus?

Beschädigt
Original

 

An der Westseite der Kirche S. Maria della Grazie — auf dem Corso Magenta zu Mailand — befindet sich ein ursprünglich zu diesem Gotteshaus gehöriges, gegenwärtig profanen Zwecken dienendes Gebäude, über dessen großer Eingangstür die aufschrift steht : "Cenacolo Vinciano," zu deutsch: "Vincis Abendmahl." Dies ist der Ort, wo wir das berühmte Werk zu suchen haben. Wir treten in den als Vorraum dienenden Hausflur, zahlen unsern Franken Eintrittsgeld, passieren ein Tourniquet rechts, öffnen die daneben befindliche Tür und stehen in einem länglichen, mit mehr oder minder schlecht gehaltenen Decken- und Wandgemälden bedeckten ziemlich großen Raum, auf dessen westlicher (schmälerer) Wand sich die Trümmer des weltberühmten Bildes befinden. Es sieht sehr schlimm aus. Die Farben sind verwischt oder verdorben, fast alle Gesichter und Gewänder der Apostel und Jesu nur noch andeutungsweise vorhanden; bloß die Komposition als Ganzes ist erkennbar, sonst ist nicht eine Figur wohlerhalten; am besten sind noch die Hände konserviert — insbesondere die Linke Jesu ist von einer so plastischen und zugleich edlen Natürlichkeit — ebenso die Brotstücke und Früchte in deren Nähe — daß man von ihr wohl auf die ursprüngliche Vollkommenheit des Ganzen zurückschließen darf.

Auch der Apostel Andreas, ferner Thomas und Jakobus der Ältere sind noch erträglich zu nenen; desgleichen die Hände Simons — nur Christus selbst ist bös weggekommen und sieht wie verwischt aus. Das Gebälk, die Decke, die Drapierung der Wände, der tisch und vor allem die unteren partien des Bildes, die Füße und die darüber befindlichen gewänderteile, sind kaum noch zu erkennen. So befindet sich das Bild in dem denkbar traurigsten Zustand. Denn ein böses Geschick, ein Unstern, der über diesem Meisterwerk waltete, hat nämlich gewollt, daß das Kloster St. Maria delle Grazie, für dessen Refektorium das Gemälde (vor 1499) geschaffen und inmittelbar mit Oelfarben auf die Wand gemalt wurde, seinem ursprünglichen Zweck entzogen und (wann) ist mir unbekannt) in — eine Kavalleriekaserne verwandelt worden war.

Seit Jahren hat man eingesehen, daß die Beherbergung jugendlicher Vaterlandsverteidiger auch an einem andern Ort stattfinden kann, und gegenwärtig ist der kostbare Schatz der Verwaltung des Archäologischen Museums anvertraut worden. Einheimische, zumeist aber Fremde aus der ganzen Welt wallfahrten nach Mailand, stehen staunend und schmerzvoll bewegt vor diesen Trümmern einstiger unvergleichlicher Schönheit, und unwillkürlich drängt sich dem beschauer die Frage auf : warum läßt man dies Werk in solchem Zustand, warum restauriert man es nicht? —

Wie es sich jetzt darstellt, ist von Leonardo eigentlich nur noch die Komposition vorhanden, von den Farben bloß noch ein Weniges, und was da zu sehen ist, müßte ergänzt und aufgefrischt, müßte in einer seines Schöpfers würdigen Form hergestellt werden können, ohne dessen genius Gewalt anzutun. Sollten in Italien — und wenn es nicht anders sein könnte, auch außerhalb dieses Landes — nicht Maler vorhanden sein, die befähigt und darum würdig wären, das Gemälde wiederherzustellen, nicht, wie es einst war, denn das ist unmöglich, aber doch annähernd so, wie es einst ausgesehen hat. Man wende nicht ein, daß das so Wiederhergestellte nicht mehr das Werk Leonardos sein würde. Was jetzt noch von ihm vorhanden ist, ist es doch auch nicht, und das eben sollte und müßte die Aufgabe des vervollständigenden und nachschaffenden Künstlers sein, das Werk im Geist und in der Technik des großen Toten zu ergänzen, so, wie das vergleichsweise mit den Torsen plastischer Kunst, z. B. mit dem vatikanischen Laokoon geschehen ist. Nur wer so viel Pietät, Selbstverleugnung und Künstlerschaft in sich vereinigte, in diesem Sinn zu arbeiten, wer ferner durch künstlerische Taten den beweis seiner Befähigung bereits erbracht hätte, wer außerdem mit seinem eigenen Ruf für das Gelinngen einzustehen den Mut hätte, wäre der geeignete Mann für diese große Aufgabe.

Und ist diese denn nicht für den höchsten Ehrgeiz ein würdigstes Ziel? — Man sage ferner nicht, daß die Anregung, wie wir sie in vorstehendem geben, nicht von uns, nicht von Deutschen, sondern von Italienern ausgehen müßte; denn die großen Geister gehören nicht ausschließlich dem Land ihrer Geburt an, sondern an den Segnungen und den unsterblichen Wirkungen ihrer Schöpfungen partizipieren wir alle, und jeder von uns, welcher Nation er auch angehöre, hat das Recht, seine Stimme zu erheben zu Vorschlägen, deren ausführung freilich eine Ehrenpflicht Italiens ist und bleibt. Erst wenn diese ruhmvolle Aufgabe gelöst sein wird, wenn Leonardos große Schöpfung sich in einer würdigen Form vor die Augen der betrachter stellt, wir man aufhören, Goethes freilich in einem andern Sinn gebrauchtes Wort auf dieses Gemälde anzuwenden: "Ein großer Aufwand schmählich ist vertan!"

Quelle: Die Woche, 1904, von rado jadu 2001

 

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