zurück

Gullivers Reisen
Die Reise nach Liliput

von Jonathan Swift

Erstes Kapitel Wie Gulliver Schiffsarzt wurde - Wie er Schiffbruch litt und in die Gewalt der Zwerge geriet.
Zweites Kapitel Der Kaiser von Liliput - Gulliver erlernt die Landessprache. - Er muß sich die Taschen ausräumen lassen.
Drittes Kapitel Von Seiltänzern und Stockspringern. - Kavalleriemanöver auf dem Schnupftuch. - Der wiedergefundene Hut.- Gulliver steht breitbeinig und erlangt seine Freiheit.
Viertes Kapitel Gulliver besichtigt die Hauptstadt und küßt der Kaiserin die Hand. - Von Hochhackigen und Flachhackingen. - Von Dickendern und Spitzendern. - Kriegsgefahr.
Fünftes Kapitel Warum Gulliver Hafen und Leinen verfertigt. - Wie ihm seine Brille zu statten kommt. - Etwas von der Undankbarkeit der Fürsten. - Warum Abgesandte von Blefusku ihn aufsuchen.
Sechstes Kapitel Etwas über Menschen, Tiere und Pflanzen in Liliput. - Gesetze, Gebräuche und Ansichten. - Die Menschen sind überall dieselben. - Näherinnen und Schneider. - Der große Fresser wird gefährlich.
Siebentes Kapitel Warum Gulliver sein Lederwams auf den kaiserlichen Palast deckte. - Warum man ihn des Augenlichts berauben und ihn verhungern lassen wollte. - Er reist nach Blefusku.
Achtes Kapitel Gulliver findet ein Boot. - Warum er nicht gefesselt nach Liliput geschickt wird. - Ausrüstung des Bootes. - Abschied von Blefusku. - Heimkehr.

Die Reise nach Liliput

Erstes Kapitel

Wie Gulliver Schiffsarzt wurde. - Wie er Schiffbruch litt und in die Gewalt der Zwerge geriet.

Gulliver, der weltberühmte Reisende, dessen erstaunliche Erlebnisse und Abenteuer in diesem Buche berichtet werden sollen, war der Sohn eines kleinen englischen Landbesitzers. Seine Geburt fällt in das Jahr 1667. Der Vater versuchte den Knaben eine höhere Bildung angedeihen zu lassen; drei Jahre hindurch ermöglichte er es, ihn auf eine hohe Schule zu Cambridge zu schicken, dann aber reichten seine Mittel nicht mehr aus und er sah sich gezwungen, den nunmehr siebzehnjährigen Jüngling in London bei einem Wundarzt in die Lehre zu geben, wie das zu jener Zeit der Brauch war. Gulliver bemühte sich mit allem Fleiß, die Geheimnisse der Chirurgie und der Wundarzneikunde zu bemeistern, so daß er auch bald dem Mr. James Bates, seinem Lehrherren, eine wertvolle Stütze wurde. Die kleinen Geldsendungen aber, mit denen der Vater ihn ab und zu erfreute, verwendete er zur Anschaffung von Büchern über Navigation, Mathematik und solche Wissenschaften, die einem von Nutzen sein können, der die Welt zu bereisen beabsichtigt, denn von jeher war es des jungen Mannes Lieblingswunsch gewesen, einmal in die Ferne schweifen zu können, weit hinaus über die Grenzen des Heimatlandes, fremde Länder und Völker sehen, und dann reich an Erfahrungen und ungewöhnlichen Erlebnissen zu den staunenden Landsleuten heimzukehren.

So lebte er seinen Beruf und seinen Zukunftsträumen, keins über dem anderen vergessend, bis die vierjährige Lehrzeit zu Ende war. Inzwischen hatte der Vater mit Hilfe einiger Verwandten etwas Geld aufgebracht, nicht viel, aber ausreichend, den jungen Wundarzt nach Holland auf die damals berühmte Universität zu Leiden zu schicken und dort mehrere Jahre Naturwissenschaften studieren zu lassen. Nach seiner Rückkehr verschaffte ihm Mr. Bates, der ihn in gutem Gedächtnis behalten hatte, den Posten eines Schiffsarztes an Bord der "Schwalbe". Mit diesem Fahrzeuge machte er mehrere Reisen nach den östlichen Küstengegenden des Mittelmeeres und fühlte sich glücklich, seinem Verlangen nach fremdartigen Eindrücken Genüge tun zu können. Später verheiratete er sich und ließ sich auf Zureden des genannten alten Freundes als Wundarzt in London nieder.

Allein die Zahl der Leute, die seine Kunst in Anspruch nahmen, um sich ihre beschädigten Leiber von ihm wieder zurechtflicken zu lassen, blieb so gering, daß der Ertrag seiner Tätigkeit ihn und die Seinen nur kärglich ernährte. Er beschloß daher, von neuem als Schiffsarzt zur See zu gehen. Sechs Jahre lang fuhr er bald nach Ostindien und bald nach Westindien, und es gelang ihm, in dieser Zeit eine hübsche Summe Geldes zurückzulegen. Während seiner Mußestunden an Bord vertiefte er sich in die besten Werke der alten Klassiker sowohl, wie auch der Schriftsteller seiner eigenen Zeit, denn gute Bücher mit sich zu führen war steht's seine erste Sorge. In den fremden Hafenorten beobachtete er aufmerksam das Leben und die Sitten der Eingeborenen und erlernte nach Möglichkeit ihre Sprachen, wobei ihm sein treffliches Gedächtnis sehr zu statten kam.

Auf der letzten dieser Fahrten erfuhr er jedoch allerlei Mißgeschick, wodurch ihm das Seeleben fast verleidet wurde. Er versuchte es daher wiederum mit der Landpraxis und quälte sich noch einmal drei Jahre lang redlich, ohne aber auf einen grünen Zweig zu kommen. Endlich wußte er sich keinen Rat mehr, als abermals an Bord zu gehen. Ein gewisser William Pritchard, Kapitän des Bollschiffes "Antilope", das nach der Südsee unter Segel zu gehen im Begriff stand, machte ihm ein vorteilhaftes Anerbieten. Er ergriff die Gelegenheit mit Freuden, nahm Abschied von Weib und Kind und ging am 4. Mai 1699 von Bristol aus in See.

Heutzutage legen unsere Dampfer die Fahrt nach der Südsee in wenigen Wochen zurück, damals aber, vor 200 Jahren, dauerte es viele Monate, ehe die schwerfälligen Segelschiffe jener Zeit auf dem Wege um das Kap der Guten Hoffnung herum und durch den Indischen Ozean die australischen Gewässer erreichten.

Obgleich es im Verlaufe der langen Fahrt der "Antilope" nicht an allerlei Abenteuern fehlte, so müssen diese hier doch übergangen werden, weil sie gegenüber den außerordentlichen Begebenheiten, die nunmehr zu erzählen sind, gänzlich unbedeutend erscheinen würden. Wir lassen jetzt den Schiffsarzt Gulliver selbst das Wort ergreifen.

"In diesen südlichen Gewässern," so berichtet unser Reisender, "überfiel uns ein schreckliches Unwetter, und der Sturm verschlug uns bis in das Meer, das nordwestlich von Bandiemensland liegt. Der Kapitän stellte durch eine Beobachtung fest, daß wir bis zum 30. Grad südlicher Breite gelangt waren. Um 5. November lief die "Antilope" bei dickem, umsichtigem Wetter und schwerem Sturm auf ein Riff und ging sogleich in Stücke. Mir und sechs Leuten von der Mannschaft gelang es unter großer Lebensgefahr ein Boot auszusetzen und von dem Wrack und dem fürchterlich umbrandeten Riff freizukommen, Allein unsere Kräfte waren durch das tagelange, unausgesetzte schwere Ringen mit dem Orkan und durch die damit verbundene Entbehrungen bereits so erschöpft, daß wir uns schon nach kurzer Zeit nicht mehr imstande fühlten, die Riemen zu handhaben. Verzweiflungsvoll überließen wir uns dem rasenden Winde und der tobenden See, die auch schon nach kaum einer halben Stunde das Boot zum kentern brachten.

Ich weiß nicht, was aus meinen Unglücksgefährten, sowohl denen, die mit mir im Boot gewesen sind, als auch denen, die auf dem Wrack blieben, geworden ist, ich habe jedoch leider allen Grund, anzunehmen, daß keiner von ihnen mit dem Leben davongekommen ist. Ich selber schwamm, so gut dies bei dem ungeheuren Seegang anging, vom Wasser geblendet und in Todesangst drauf los, bis ich erlahmte; schon meinte ich, elend ertrinken zu müssen, da spürte ich auf einmal Grund unter den Füßen, so daß ich mich aufrecht zu stellen vermochte. Der Sturm hatte nachgelassen; ich schritt mit den Wellen vorwärts durch das flacher werdende Wasser, ungefähr eine Seemeile weit, und erreichte zu meiner großen Freude bei völligem Abenddunkel eine niedrige Küste.

Ich wanderte eine Strecke landeinwärts, in der Hoffnung, Menschen zu begegnen, aber so sehnsüchtig ich auch um mich schaute, nirgends erblickte ich ein Licht, nirgends eine menschliche Wohnstätte; das Land schien gänzlich kahl und öde zu sein. Zuletzt überwältigte mich die Müdigkeit, ich streckte mich auf dem Boden und fiel sogleich in tiefen Schlaf, der, meiner Schätzung nach, mindestens neun Stunden währte, denn als ich wieder erwachte, war der Tag bereits angebrochen.

Neu gekräftigt wollte ich mich aufrichten, daß aber konnte ich nicht, denn zu meinem Schrecken fand ich, daß nicht nur meine Arme und Beine, sondern auch mein Kopf unverrückbar an den Boden gefesselt waren, letzterer vermittelst meines langen Haares, das mann auf irgend eine Weise straff im Erdboden verankert zu haben schien. Da ich damit nur zum Himmelsgewölbe aufblicken konnte, begann die brennende Sonne mich empfindlich zu blenden. Bald bemerkte ich, daß auch mein Oberkörper durch eine große Menge dünner Fäden niedergehalten wurde.

Nach und nach fiel mir ein eigentümliches Geräusch auf, das ringsum mich summte und surrte, und es dauerte auch gar nicht lange, da krabbelte etwas auf meinem linken Bein; langsam kam es heran, erst über meinen Bauch, dann über meine Brust, und endlich war`s dicht an meinem Kinn. In höchster Neugierde zwang ich den Kopf so weit empor, daß ich nach der Stelle hinblicken konnte, und nun sah ich dort ein menschliches Wesen stehen, so winzig klein, daß es keine sechs Zoll messen konnte. Das Männlein trug Pfeil und Bogen in den Händen und einen Köcher auf dem Rücken. Während ich den kleinen betrachtete, merkte ich, wie noch mindestens vierzig andere von der selben Art auf meinem Leibe heranrückten. Was ich empfand, läßt sich nicht beschreiben; war`s nun Schreck, Erstaunen oder Grauen, genug, ich mußte meinen Empfindungen Luft machen und stieß plötzlich ein lautes Gebrüll aus. Die Männlein entflohen in größter Überstürzung, und später erfuhr ich, daß einige beim Hinabspringen von meinem Leibe ernstliche Beschädigungen erlitten hatten.

Es dauerte aber nicht lange, da krabbelten sie von neuem heran; der vorderste reckte sich so hoch er konnte, um einen Überblick über mein Gesicht zu erlangen, und was er sah, versetzte ihn so in erstaunen, daß er die Arme emporwarf und mit einem schrillen aber deutlichen Stimmchen die Wörter "Hekina degul", rief,was von seinen Gefährten mehrmals wiederholt wurde. Ich lag in großer Furcht und Angst und machte einen versuch mich zu befreien; der mißglückte zwar, aber ich bekam wenigstens den linken Arm frei, der, wie meine übrigen Gliedmaßen, mit unzähligen Schnüren an den Boden festgepflöckt gewesen war. In gleicher Weise hatte man mein Haar an Holzpflöcke gebunden; unter heftigen Schmerzen riß ich einige davon aus und konnte nun den Kopf ein wenig seitwärts bewegen. Die kleinen Menschen waren entflohen, ehe ich einige von ihnen erwischen konnte, und nun erhob sich rings um mich ein großes Geschrei von tausend dünnen Stimmchen, nach dessen Aufhören einer im Kommandoton rief: "Tolgo phonak!", worauf wohl an hundert Pfeile zugleich auf meine linke Hand abgeschossen wurden, was ich wie ebenso viele Nadelstiche empfand. Dann schossen sie zahllose Pfeile in hohem Bogen auf mich ab, von denen die meisten wohl auf meine Kleidung niederfielen, manche aber auch mein Gesicht trafen, das ich sogleich mit der linken Hand zu schützen suchte. Noch einmal strengte ich alle meine Kraft an, mich loszureißen, da überschütteten sie mich mit einem neuen Pfeilregen, und einige versuchten, mir ihre Speere in die Seiten zu rennen; zum Glück aber Trug ich ein Lederwams und dies vermochten sie nicht zu durchstoßen.

Ich hielt es nun für das beste, mich ganz ruhig zu verhalten und die Nacht abzuwarten; in der Dunkelheit wollte ich dann mit meiner linken Hand die Fesseln lösen. Wenn die übrigen Eingeborenen nicht größer wären, als meine winzigen Peiniger, dann, so meinte ich, würde ich leicht mit dem ganzen Volke fertig werden, so zahlreich es auch immer sein mochte. Es sollte aber ganz anders kommen.

Als die Zwerglein sahen, daß ich mich beruhigt hatte, hörten sie mit dem Schießen auf, aber nach dem zunehmenden Tosen um mich her zu schließen, vergrößerte ihre Menge sich immer mehr. Bald fingen sie unweit von meinem rechten Ohr an zu klopfen und zu schaffen, als wären Zimmerleute bei der Arbeit; nach einer Weile wendete ich den Kopf nach der Seite und erblickte eine etwa anderthalb Fuß hohes Gerüst aus Balken und Brettern; vier Männlein stiegen auf Leitern hinan, und der Vornehmste hielt eine lange Rede an mich, von der ich natürlich kein Wort verstand. Ich will nicht vergessen, zu erwähnen, daß der Kleine seine Rede mit dem dreimaligen Ruf: "Lango debul san!" anfing; später erfuhr ich die Bedeutung dieser Wörter. Auch hatte man zuvor die Schnüre an meiner linken Kopfseite gelöst, um mir zu ermöglichen, mich nach rechts zu wenden und den Redner zu betrachten.

Der war ein Mann in mittleren Jahren und etwas größer als seine Begleiter; zwei davon standen ihm zur Seite, der Dritte mußte ein Diener sein, denn er trug des Redners Schleppe. Wenn wir auch dieses Mannes Worte unverständlich blieben, so entnahm ich doch aus seinem Mienenspiel und seinen Gebärden, daß er mich zeitweise bedrohte, mir dann wieder gut zuredete, mir Versprechungen machte; sein Wohlwollen ausdrückte und mich bedauerte.

Meine Antwort bestand weniger in Worten, als in ausdrucksvollen Gebärden; ich betonte meine Unterwürfigkeit und rief die Sonne als Zeugin an; sodann aber beschwor ich den Herrn, mir etwas zu essen zu schaffen, denn da ich bereits seit mehreren Stunden vor dem Schiffbruch keine Nahrung zu mir genommen habe, litt ich arge Hungersqualen. Der Hurgo (so nennt man dort einen Mann von besonders hohem Range) verstand mich sogleich. Er verließ das Gerüst und befahl, Leitern an meine Seiten zu lehnen. Dies geschah ,und nun kletterten gegen hundert der Männlein herauf und liefen, jedes einen schweren Korb mit Fleisch schleppend, bis in den Bereich meiner Hand. Die Fleischstückchen waren trefflich zubereitet und sehr wohlschmeckend; ich erkannte Schulterstücke, Rücken, Lenden und Keulen, letztere kleiner als Lerchenflügel. Ich schob immer mehrere Stücke zugleich in den Mund, dazu einige Brote, so groß wie Flintenkugeln. Die Kleinen überboten einander im Zureichen, wobei sie aus einem Erstaunen ins andere fielen.

Dann begehrte ich zu trinken. Es mochte ihnen klar geworden sein, daß ein so gewaltiger Esser auch wohl einen entsprechenden Durst entwickeln müsse, und so wanden diese verständigen Zwerglein mit großem Geschick ein mächtigen Faß herauf, rollten es auf meine Brust und schlugen den Boden ein. Ich leerte es auf einen Zug, was freilich keine große Leistung war, da es etwa nur einen halben Liter enthielt. Das Getränk schmeckte wie leichter Burgunder. Ich trank auch noch ein zweites Faß, als ich aber noch mehr verlangten, da bedauerten sie, mir nichts mehr geben zu können, weil der Vorrat erschöpft sei.

Ich muss gestehen, daß ich mehrfach die Versuchung spürte, die ganze Sippschaft zu packen und auf den Boden zu schleudern. Aber wenn ich daran dachte, wie sie mir mit ihren Pfeilen zugesetzt hatten, dann hielt ich es für sehr wahrscheinlich, daß sie mir noch schlimmeres zufügen könnten, und so unterließ ich es weißlich. Überdies fühlte ich mich auch nach meinen Unterwürfigkeitsbeteuerungen ehrenhalber verpflichtet, friedfertig zu bleiben, ganz abgesehen von den Gesetzen der Gastfreundschaft; denn hatte die kleinen Leute mich nicht soeben erst noch ganz großartig bewirtet?

Ich konnte mich im stillen gar nicht genug über die Furchtlosigkeit dieser winzigen Sterblichen wundern, die so keck auf mir herumliefen, trotzdem eine meiner Hände frei war, denn in ihren Augen mußte ich doch sicherlich ein ganz ungeheures Geschöpf sein. Als sie nach einiger Zeit die Überzeugung gewonnen hatten, daß mein Appetit gestillt war, erschien ein Abgesandter der Landesherren. Seine Exzellenz schwang sich auf den dünneren Teil meines rechten Unterschenkels und schritt mit einem Gefolge von zwölf Herren bis dicht an mein Gesicht heran. Er zeigte mir sein das kaiserliche Insiegel tragendes Beglaubigungsschreiben und redete dann etwa zehn Minuten lang in sehr bestimmtem, aber keineswegs bedrohendem Tone auf mich ein; dabei deutete er öfters nach vorn, wo, ich später erfuhr, eine Viertelmeile entfernt die Hauptstadt lag, nach der ich auf Befehl des Kaisers gebracht werden sollte.

Ich gab eine kurze, freilich ganz überflüssige, weil unverständliche, Antwort; darauf berührte ich mit meiner linken Hand die rechte, natürlich über die Köpfe seiner Exzellenz und des Gefolges hinweg, sodann meinen Kopf und Leib, um anzudeuten, daß ich meiner Fesseln ledig zu sein wünschte. Der hohe Herr verstand mich sogleich, denn er schüttelte den Kopf und bedeutete mich, daß ich als Gefangener transportiert werden müßte; als Trost aber fügte er hinzu, man würde mir reichlich zu essen und zu trinken geben und auch die beste Behandlung zuteil werden lassen.

Fast hätte ich jetzt wieder versucht mich loszureißen, aber der Schmerz in Händen und Gesicht, wo noch viele Pfeile steckten, belehrte mich eines besseren; ich überschaute die immer mehr anwachsende Menge meiner Feinde und gab durch Zeichen zu verstehen, man möge nach Belieben mit mir verfahren, worauf der Hurgo und sein Gefolge sich höflich und mit vergnügten Gesichtern verabschiedeten. Gleich darauf erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei, in dem ich wiederholt die Worte "Peplom selan" unterscheiden konnte; dann wurden die Schnüre an meiner linken Seite soweit gelockert, daß ich mich auf die rechte drehen konnte. Vorher hatte man mir Gesicht und Hände mit einer angenehm riechenden Flüssigkeit befeuchtet, die in wenigen Minuten jeden Schmerz beseitigte. Hiernach und wohl auch infolge des reichlichen Mahles wurde mir ganz behaglich zu Mute, und endlich schlief ich ein. Mein Schlaf dauerte acht Stunden, und das war kein Wunder, denn die Hofärzte hatten auf kaiserlichen Befehl dem mir gereichten Wein Betäubungsmittel beigemischt.

Wie ich später erfuhr, war dem Kaiser sogleich, nachdem man mich am Strande schlafend gefunden hatte, durch einen Eilboten Meldung gemacht worden. In der sofort abgehaltenen Ratssitzung wurde sowohl meine Fesselung, wie auch meine Speisung angeordnet und der Befehl erteilt, ein Gefährt herzurichten, auf dem ich nach der Hauptstadt transportiert werden könnte.

Diese Entschließung mag manchem unvorsichtig und gefährlich erscheinen, und ich glaube auch nicht, daß ein europäischer Fürst unter gleichen Umständen ebenso gehandelt hätte; meiner Meinung nach handeln die kleinen Leutchen nicht nur außerordentlich klug, sondern auch großmütig, denn sie hätten sie mich während meines Schlafes mit ihren Speeren und Pfeilen zu töten versucht, dann wäre ich von dem Schmerz erwacht, und Schreck und Wut hätten mich sicherlich solche Kraft verliehen, daß es mir ein leichtes gewesen wäre, meine Bänder zu sprengen. Das kleine Volk hätte sich dann meiner nicht erwehren und auch keine Schonung erwarten können.

Unter den Eingeborenen jenes Landes findet man viele treffliche Mathematiker, und nicht selten stößt man auf sinnreiche mechanische Vorrichtungen und große, kunstvolle Maschinen. Der Kaiser begünstigt die darauf hinzielenden Bestrebungen und ist im Besitz verschiedener künstlich und stark gebauter Lastfuhrwerke, um Bäume und andere schwere Gegenstände damit fortzubewegen. Oft läßt er Kriegsschiffe von nicht weniger als neun Fuß länge mitten im Walde bauen, wo das erforderliche Holz gewachsen ist, und dann auf diesen Transportmaschinen drei- bis vierhundert Ellen weit bis in die See schaffen.

Fünfhundert Zimmerleute und Techniker mußten unverweilt das größte dieser Fuhrwerke für die Fortschaffung meiner Wenigkeit instand setzen. Das Ding war ein hölzerner Rahmen, sieben Fuß lang und vier Fuß breit; er wurde durch zweiundzwanzig Räder fortbewegt und befand sich ungefähr drei Zoll über dem Erdboden. Bereits vier Stunden nach meiner Landung war man damit von der Hauptstadt abgefahren; ein Geschrei, das ich vor meinem Einschlafen noch undeutlich hörte, hatte seine Ankunft verkündet. Es wurde dicht an meine Seite gebracht. Die Hauptschwierigkeit war nun, mich aufzuladen. Zu diesen Zweck errichtete man achtzig starke Pfosten, je einen Fuß hoch; auf diesen Pfosten wurden Flaschenzüge angebracht und in Gurte gehakt, die man mir um Körper und Gliedmaßen geschlungen hatte; sodann ergriffen neunhundert der stärksten Männer die Leinen der Flaschenzüge und rissen mit Aufbietung aller Kräfte, bis ich in der Schwebe hing; dann schob man mir den Wagen unter, ließ mich darauf nieder und band mich fest. Diese Beladung hatte drei Stunden in Anspruch genommen, ohne daß ich dabei aus meinen Betäubungschlafe erwacht wäre. Fünfzehnhundert Pferde größter Rasse, jedes etwa vier und einen halben Zoll hoch, wurden vorgespannt, und nun ging es der Hauptstadt zu.

Wir mochten ungefähr drei Stunden unterwegs gewesen sein, als ich durch ein brolliges Vorkommnis aus dem Schlafe geweckt wurde. An dem Wagen war etwas in Unordnung geraten, er mußte daher halten. Einige junge Leute benutzten die Gelegenheit, kletterten herauf und kamen leise bis an mein Gesicht, um mich zu betrachten. Einer von ihnen, ein vorwitziger Gardeoffizier, schob seine Pike tief in mein linkes Nasenloch, was mich dermaßen kitzelte, daß ich heftig niesen mußte; die Bürschlein stahlen sich eiligst und unbemerkt davon, und ich erfuhr erst nach drei Wochen die Ursache meines plötzlichen Erwachens.

Wir kamen nur langsam vorwärts und machten bei Anbruch der Nacht halt. Eine Wache von tausend Mann postierte sich um meinen Wagen, fünfhundert mit Pfeil und Bogen und fünfhundert mit Fackeln. Als die Sonne aufging, wurde die Reise fortgesetzt, und gegen Mittag waren wir bis auf zweihundert Ellen an das Stadttor herangekommen. Der Kaiser kam uns mit seinem Hofstaat entgegen; Seine Majestät ließ sich nur mit mühe davon zurückhalten, meinen Leib zu ersteigen und sich so in unberechenbare Gefahr zu begeben.

Unweit des Ortes, wo der Wagen hielt, stand ein alter Tempel, der größer des ganzen Reiches; er war verödet und außer gebrauch, weil einige Jahre zuvor eine ruchlose Mordtat in seinem Bereiche verübt worden war. In diesem Gebäude sollte ich meine Wohnung erhalten. Das große, gen Norden gerichtete Eingangstor war vier Fuß hoch und beinahe zwei Fuß breit, ich konnte also leicht hineinkriechen. Neben dem Tore, auf beiden Seiten, befanden sich zwei Fenster, sechs Zoll über der Erde; in dem linken dieser Fenster mußte der Hofschmiedemeister nicht weniger als einundzwanzig Ketten befestigen, so stark und ungefähr auch so lang wie die feinen Uhrketten der europäischen Damen, und diese Ketten wurden mir mit Hilfe von sechsunddreißig Vorlegeschlössern um den Knöchel des linken Beines gelegt.

Dem Tempel gegenüber, auf der anderen Seite der Heerstraße, erhob sich in einer Entfernung von zehn Schritten ein fünf Fuß hoher Turm. Dieser erstieg der Kaiser mit vielen seiner Großen, um mich in Augenschein zu nehmen. Es hieß, daß an einem Tage gegen hunderttausend Menschen zu gleichem Zwecke gekommen seien, und ich bin fest überzeugt, daß mehrmals mindestens zehntausend Leute zugleich mit Hilfe von Leitern auf mich heraufkletterten, trotz der Abwehr meiner Wächter. Sehr bald aber wurde eine Bekanntmachung erlassen, wonach jedes Besteigen meiner Persönlichkeit bei Todesstrafe verboten wurde.

Als man die Gewißheit erlangt hatte, daß ich mich von den Ketten nicht losreißen konnte, da zerschnitt man alle übrigen Fesseln; ich stand auf und reckte und dehnte mich im Frohgefühl der Erlösung, aber in meinem Herzen fühlte ich mich so traurig und niedergedrückt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Das Erstaunen des Volkes, als es mich in meiner ganzen Größe aufrecht stehend und gehend sah, ist nicht zu beschreiben. Die zwei Ellen langen Ketten gestatteten mir nicht nur einige Schritte im Halbkreise vor- und rückwärts zu tun, sondern auch in das Tor hineinzukriechen und mich innerhalb des Tempels auf dem Boden auszustrecken.

 

Quelle: Gullivers Reisen, Turmverlag Albert Platzek 1904, von Maco by Jadu 2003