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Erster Teil
Zu Blöd!!!!
Zweiter Teil
Die Reise nach Brobdingnag
 
Dritter Teil
Die Reise nach Laputa und anderen merkwürdigen Ländern
 
Vierter Teil
Die Reise nach dem Lande der Huynhnms
 

Vorwort

Jonathan Swifts großer satirischer Roman "Gullivers Reisen" ( Gulliver`s Travels into several remote nations of the world ) erschien im Jahre 1726 und ist das hervorragendste Werk dieses ebenso berühmten wie viel angefochtenen Schriftstellers. Das Buch wird gelesen werden, solange die unzähligen ironischen sarkastischen Pfeile, die der Autor auf die Fehler und Lasten der Menschheit abschießt, ihre Berechtigung haben und ihre Ziele nicht verfehlen. Und sollte die Zeit einmal kommen, wo es den Erdbewohnern gelungen wäre, ihre Torheiten und Verderbheiten abzulegen und so tugendhaft zu leben, daß die beißende und bittere Medizin der Satire auf sie nicht mehr angewendet zu werden brauchte, so würde das Buch trotzdem noch mit demselben Vergnügen und Genuß gelesen werden, wie heute, wegen der bewunderungswürdigen Erfindungskraft, die der Verfasser darin an den Tag legt, und mit der hohen Kunst, mit der er die unmöglichsten Abenteuer so natürlich zu schildern versteht, daß der Leser, solange er das Buch vor sich hat, in den Glauben an die Wirklichkeit des Erzählten hineingetäuscht wird.

In dem Lande der Däumlinge, Liliput, wohin der Autor uns zuerst führt, zeigst er uns, wie erbärmlich unbedeutend und nichtig alles sich alles das darstellen würde, was uns Menschen gewaltig, erhaben und groß dünkt, z.B. unsere Leidenschaften, unsere Kriege, unsere Wissenschaft und unsere ehrgeizigen Bestrebungen, wenn wir dasselbe bei den insektenhaft kleinen Bewohnern eines winzigen Ländchens beobachten können.

In Brobdingnag, dem Lande der sechzig Fuß hohen Riesen, hält er uns gewissermaßen das verkehrte Ende des Teleskops vors Auge und zeigt uns, wie kleinlich und wertlos unsere Institutionen, unser Tun und Treiben solchen mit gigantischen Fähigkeiten ausgerüsteten Wesen erscheinen müßte.

Gullivers vierte Reise bringt ihn nach dem Lande der edlen Pferde, der Huynhnms. Die Schilderung dieses Abenteuers übertrifft an Kraft, Schärfe und Rücksichtslosigkeit der Satire die aller vorhergehenden. In der Reise nach Liliput stellte er vornehmlich die damalige englische Politik und deren Träger an den Pranger der Lächerlichkeit; in der Schilderung von Brobdingnag führt er uns die Muster einer guten Regierung und eines weisen und redlichen Landesvaters vor; in Laputa usw. verspottet er die Irrwege der Gelehrsamkeit und der Wissenschaft; in der vierten Reise aber vertieft und verbreitert sich der Strom feiner Satire und überflutet, einer mächtigen Überschwemmung gleich, alle Einrichtungen zivilisierter Gesellschaft und alle Leidenschaften der menschlicher Natur.

Er beschreibt hier ein Land, wo Pferde die herrschende Rasse bilden, wo die Menschen auf der Stufe wilder, abstoßender, unzähmbarer Bestien stehen, die äußerlich noch menschenähnlich sind und alles, was schlecht im Menschen ist, in widrigster Nacktheit zur Schau tragen.

Es ist begreiflich, daß gerade dieser Teil des Werkes dem Autor sehr verübelt worden ist, daß man ihn der wildesten Übertreibung beschuldigt und behauptet hat, so etwas könne nur ein krankhaft überreizter Menschenfeind erdacht und geschrieben haben. Die Menschen können nun einmal die Wahrheit nicht hören und wenden sich entrüstet ab, wenn ihnen einer den Spiegel vorhält.

Swift schrieb diesen satirisch-politischen Roman, um seinen Mitmenschen zu zeigen, wie häßlich ihre Fehler und Laster im Gegensatz zur Schönheit der Tugend seien, und um ihnen zugleich die Mittel an die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie die Verirrungen vermeiden können.

Bei der Umgestaltung des Romans zu einem Jugend- und Familienbuche mußten umfangreiche Kürzungen vorgenommen werden. Den jugendlichsten der Leser wird die Fabel allein schon die angenehmste Unterhaltung und auch viel lehrreichen bieten, größeren Gewinn aber wird der Gereiftere haben, der den sittlichen Zweck des Werken zu verstehen imstande ist.

Als Schluß dieses Vorwortes mögen einige kurze Mitteilungen über den Lebensgang und die Arbeit des Autors hier Platz finden.

Jonathan Swift wurde im Jahre 1667 zu Dublin geboren; sein Vater lebte damals bereits nicht mehr, und auch die Mutter verlor er bald nach seiner Geburt. So fiel er der mangelhaften Fürsorge von Verwandten anheim und war auf die Hilfe und Unterstützung fremder Menschen angewiesen, wenn er in der Welt vorwärts kommen wollte. Es ist wohl anzunehmen, daß dieser Umstand dazu beigetragen hat, seiner Lebensanschauung die düstere, verbitterte Richtung zu geben, die in allen seinen Schriften so scharf zum Ausdruck gekommen ist.

Als er sein erstes Werk erscheinen ließ, zählte er bereits vierunddreißig Jahre, er hatte sich dem geistlichen Berufe zugewendet und verfaßte von nun an eine große Menge politischer und theologischer Schriften, die sich durch ätzende Ironie, Gedankenschärfe und meisterhafte Beherrschung des Wortes auszeichneten. Seine zahlreichen anderen Werte müssen wir hier unerwähnt lassen.

Swift war ein Mann von seltenster Begabung, außerordentlicher Schlagfertigkeit, unbeugsamer Willenskraft und unermüdlicher Ausdauer. Als Satiriker hat er in der gesamten Literatur nicht seinesgleichen, und so ist es erklärlich, daß er in dem politischen Drama seines Vaterlandes eine bemerkenswerte und wichtige Rolle gespielt hat.

Erwähnt sei hier noch eins seiner zahlreichen Gedichte, die "Verse auf meinen Tod", in denen er voll Laune und Komik die verschiedenartigen Empfindungen beschreibt, mit denen sein Ableben seine Freunde, Bekannten, Gegner und Feinde erfüllen würde.

Swift starb am 19.Oktober 1745 als Dean von Sankt Patrick und wurde in der St. Patrickskathedrale zu Dublin beigesetzt. Die Grabschift, die er selber schrieb, lautet:

Hic depositum est corpus
Jonathan Swift, S.T.P
Ubi saeva indignatio
Ulterius cor lacerare nequit.
 
Im Oktober 1904
Friedrich Meister

 

 

Quelle: Gullivers Reisen, Turmverlag Albert Platzek 1904, von Maco by Jadu 2003