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Lionardo da Vinci

Rotgolden fällt der Sonne letzter Schein
Ins stille Refektorium hinein,
Noch weilt der Meister an der Arbeitsstätte.
Um ihn ward`s leer, die Schüler gingen fort,
Ihr Abschiedsgruß blieb ohne Dankeswort,
Er handhabt schweigend Pinsel und Palette.
Schaut nur und malt, von allem unberührt,
Dann sinkt die Rechte, die den Pinsel führt,
Als sei die Kraft erlahmt in dieser Stille.
Die blicke schweifen in das Bild hinein, -
Ist`s nicht, als ob im letzten Abendschein
Lebendig werde die Gestaltenfülle?
Da knarrt die Tür, ein Schatten trifft die Wand,
Ein Bruder im Schneeweißen Mönchsgewand
Tritt langsam näher an des Malers Seite.
,,Nun, Meister Lionardo, gönnt Euch Ruh`,
Bald deckt die Nacht das Werk der Hände zu,
Kommt noch ein wenig mit hinaus ins Weite!"
Der Meister seufzt. ,,Der heut`ge Tag war schlecht;
Seht hier den Kopf des Herrn, und gebt mir recht!
Das wird kein Heiland, wie ich mich auch quäle.
Wohl kann ich meistern jeder Linie Zug,
Nur ist die edle Form noch nicht genug, -
Ich zwinge nicht die göttlich hohe Seele!"
Der andre in dem weißen Ordenskleid
Steht stumm und schaut. Er fühlt des Künstlers
Leid:
Der Kopf war gestern besser fast als heute.
Des ganzen Tages Mühen schaffte nichts;
Noch zeigt kein Stempel dieses Angesichts,
Daß mehr es als die andern rings bedeutete.
Die Jüngere, ja! die sitzen lebensfrisch -
Ein Meisterwerk ist jeder! - um den Tisch,
Man meint, sie müßten reden, sich erheben.
Wie Petri Hand das große Messer greift,
Der Blick des Thomas scheu den Judas streift,
In dessen Kopf unheimlisch fast das Leben!
Und Lionardo lacht: ,,Der Bösewicht
Geriet mir besser, frommer Pater - nicht?
Hier freilich hat der Haß mich auch begeistert!
Zu diesem Antliß lieh ich Zug für Zug
Vom Feind, der mir die schwerste Wunde schlug,
Den Durst nach Rache hab` ich so bemeistert!"
Der Bruder mit dem weichen Schwärmerblick
Tritt leise, scheu fast, einen Schritt zurück,
Vom Judas schaut zum Herrn er in der Mitte.
Dann blickt er auf den wunderbaren Mann,
Den Florentiner, der so Großes kann,
Und endlich wagt er zögernd seine Bitte:
"Herr, ob der Kopf auch noch so meisterhaft,
Vielleicht das Beste, das Ihr je geschaft,
Ihr müsst ihn tilgen, einen andern malen!
Sonst wahrlich, großer Lionardo, glaubt,
Gelingt Euch nimmermehr des Heilands Haupt!
Ihr müsst den Preis dafür jenem Zahlen.
Bezwingt Ihr aber Eure Rachelust,
So wächst das heil`ge Können in der Brust!
Bringt dieses Opfer, hört! Last Euch beschwören!
Jetzt lass` ich Euch! Es wird ein heißer Streit,
Ich weiß es wohl, da braucht Ihr Einsamkeit,
Die Stimmen Eures Inersten zu hören!"
Er hebt die Hand zum Kreuzeszeichen auf,
Ein: ,,Pax vobiscum!"murmelt er darauf
Und wendet sich, um aus dem Raum zu schreiten.-
Die Dämm`rung schleicht auf leisem Fuß heran,
Umspinnt mit ihrem Netz dem stillen Mann
Und läßt es langsam auf die Wände gleiten.
Da reckt sich hoch die mächtige Gestalt,
Das schöne Antlitz, weich vom Haar umwallt,
Durchzuckt durch Zeit zu Zeit ein häftig Beben.
Die großen die Augen heiß und brennend glühn,
Es bricht hervor ein zornig Blitzesprühn, -
Dann sänftigt endlich sich das wilde Leben.
Fast Nacht ist´s schon, da fährt die Künstlerhand
Noch einmal mit dem Pinsel an die Wand, -
Ein starker Zug, -- noch einer, - dann - ein
Stöhnen?
Nein, von sich werfend nur das Arbeitskleid,
Holt tief er Atem, wie vom Alp befreit,
Und aus den Zügen spricht ein mild Versöhnen.
- Die Schüler kommen morgens, - o des Schrecks! -
Judas Ischarioths Haupt ein Farbenklecks?
Wer hat's getan? - Des Meisters Stolz vernichtet!
Wie trägt er's nur? - Scheu blickt auf ihn die Schar;
Er malt am Heilandskopf und wunderbar
Hat sich sein düstres Angesicht gelichtet.
Adelheid Stier
Quelle: Velhagen & Klasings 1905 von Jast jadu 2002