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Wer ist Roy Raperpotz?

1. Roy Raperpotz und das verbotene Tor
2. Roy Raperpotz und das Orakel Guckifix
3. Roy Raperpotz und der Traum des Spartakus
4. Roy Raperpotz und die Schule Raperpotz

1. Roy Raperpotz und das verbotene Tor

Roy war ein schüchterner kleiner Junge mit blonden strubbeligen Haaren und einer seltsamen schwarzen Strähne darin, die ihn jeden Morgen beim Kämmen dermaßen ärgerte, daß er länger als all die anderen Jungen im Badezimmer stand, um sie zu bändigen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte diese Strähne nicht besiegen. Sie stand von seinen Haaren ab wie ein störrischer Esel, der nicht hören will. Alle anderen Kinder - besonders Greg, der größte Junge im Waisenhaus St. Jones - lachten ihn aus deswegen. Und gerade heute war die Strähne noch widerspenstiger als sonst. So sehr er sich auch mühte, so oft er auch versuchte, sie flach an seinen Kopf anzuschmiegen, immer wieder stellte sie sich auf und trotzte jeder Bewegung seines Kammes, als ob sie sich heute ganz besonders hervortun wollte, als ob es heute einen ganz besonderen Grund dafür gäbe.

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on außen pochte bereits Greg an die Tür. „He, Raperpotz! Roy Raperpotz! Wenn du nicht gleich rauskommst, dann kannst du für immer drin bleiben.“
Um seine Worte zu betonen, stieß er noch einmal kräftig mit dem Fuß gegen die Tür. „Hast du mich verstanden, Raperpotz?“
Roy packte hastig seine Sachen zusammen. Er haßte es, so genannt zu werden. Immer wieder hänselten ihn die Kinder wegen seines Namens. Raperpotz. Roy Raperpotz. Dies war wirklich ein sehr seltsamer Name. Roy Raperpotz. Doch solange er denken konnte, hieß er schon so. Und ebensolange lebte er schon in diesem Waisenhaus, weit außerhalb der Stadt, zusammen mit vielen anderen Kindern, die kein zu Hause mehr hatten. Er wußte nicht, wer seine Eltern waren, noch wußte er, wo er hingehörte. Keiner hier konnte ihm das sagen und keiner wußte, wie er eigentlich in dieses Waisenhaus gekommen war, nicht einmal Direktor Finlox.

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oy öffnete die Tür und schaute vorsichtig hinaus. Von der Seite packte ihn Greg und zog ihn aus dem Bad. „Raperpotz, du siehst aus wie ein Struwwelpeter. Was hast du eigentlich die ganze Zeit da drin getrieben?“ Er stupste ihn in die Seite. “Wegen dir werden wir noch alle zu spät zum Frühstück kommen!“ Er schob Roy zur Seite und ging lauthals brüllend ins Bad.
Im Frühstücksraum waren bereits alle Kinder versammelt. Der Direktor, Herr Finlox, ein finster dreinblickender knorriger Mann, schritt vor der Reihe der Kinder entlang. Bei jedem hatte er etwas auszusetzen: „Steck dein Hemd richtig rein, Peter. Kopf hoch, Martin. Michael, putz deine Schuhe.“ Kurz vor Roy stoppte er seinen langsamen und schleppenden Gang und schüttelte den Kopf. „Raperpotz, Raperpotz. Du wirst es wohl nie lernen. Schau dich an. Weißt du, wie du aussiehst? Wie ein Kind von der Straße. Was soll nur aus dir werden?“ - „Aber..“, versuchte Roy sich zu verteidigen. „Nichts aber“, unterbrach ihn Finlox. „Jeden Morgen hast du die gleiche Ausrede. Du gehst sofort in den Keller zu Morella und läßt dir deine Haare schneiden, ist das klar?“

Die Kinder im Saal verstummten. Jeder fürchtete sich vor Morella. Sie war eine alte seltsame Frau, die im Keller von St. Jones hauste und nur selten ins Haus - geschweige denn in den Garten - kam. Einige behaupten sogar, sie wäre eine Hexe und hätte schon etliche kleine Kinder verhext. Alle Kinder, sogar Greg! hatten Angst vor ihr und jeder im Saal war froh, nicht an Roy’s Stelle zu sein.
Finlox stand wartend vor Roy und musterte ihn scharf. Roy drehte sich um und verließ den Frühstückssaal. Was sollte er tun? Was sollte er sagen? So hungrig er auch war, er mußte sich fügen. Und da er zwar klein und schüchtern, aber keinesfalls feige war, schritt er die kalten Stufen hinunter in den Keller zu Morella. Doch eigenartigerweise - je tiefer er kam, desto weniger Angst hatte er. Ja, und obwohl er im Halbdunkel nicht viel sah, so kam ihm die Umgebung sogar irgendwie bekannt vor.

Nur ein- oder zweimal war er in diesem Keller und so richtig konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, auch nicht an Morella, doch er spürte das eigenartige Gefühl, schon sehr oft hier gewesen zu sein. Er konnte es sich nicht erklären. Er kam zu einem Raum, der durch ein Kaminfeuer hell erleuchtet war, so daß er an den Wänden Regale mit seltsam anmutenden Gläsern sehen konnte. In der Mitte stand ein großer Holztisch mit vier Stühlen daran. Vor dem Kamin stand gebückt eine Frau mit grauem, wallendem Haar. „Komm ruhig näher, Roy Raperpotz. Ich habe schon auf dich gewartet. Du solltest eigentlich schon längst hier unten sein, schon seit Wochen. Was hat dich aufgehalten?“ Roy wußte nicht so recht, was er erwidern sollte. „Direktor Finlox hat mich eben erst hier heruntergeschickt. Sie sollen mir meine Haare schneiden.“ - „Finlox, dieser Trottel“, erwiderte Morella empört, ohne sich vom Kamin wegzudrehen. „Haare schneiden. Ist das sein einziges Problem? Haare schneiden? Der hat keine Ahnung von dem, was hier vor sich geht. Setz dich Roy.“

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eugierig schaute sich Roy im Raum um. Als er sich setzte und wieder zum Kamin schaute, war Morella jedoch verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Er schaute in jede Ecke und jede Richtung, doch er konnte sie nicht mehr sehen. Er war ganz alleine. Dort saß er nun und wartete und wußte nicht was er tun sollte. Es saß dort bestimmt bis Mittag, doch es geschah nichts. Morella war verschwunden und kam nicht wieder zurück. So wartete er weiter, bis es schon fast dunkel war, denn Direktor Finlox hatte ihm eindeutig erklärt, daß er ohne einen neuen Haarschnitt nicht aus dem Keller zu kommen brauchte. Zum Glück fand er in einem Regal ein paar Äpfel und einen Kanten Brot, damit stillte er seinen Hunger und er leerte einen Krug Wasser, der auf dem Tisch stand. Doch allmählich wuchs in ihm die Sorge, daß Morella heute gar nicht mehr zurückkommen würde. Da erklang plötzlich eine leise, schnurrende Stimme. „Königliche Hoheit! Ein Glück, daß ich Euch gefunden habe.“ Roy schaute sich um. Es war niemand zu sehen. In der Ecke saß nur ein schwarzer Kater mit einigen weißen Haaren an der Kehle und schaute ihn freundlich an.

Sonst war niemand da. Aber woher kam dann diese Stimme, die ihn mit königlicher Hoheit ansprach? „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie lange ich Euch gesucht habe, Euer königliche Hoheit. Endlich habe ich Euch gefunden!“ Tatsächlich - es war der Kater, der zu Roy sprach. Roy konnte kaum seinen Augen und Ohren trauen. War dies hier etwa eine Hexenküche mit sprechenden Tieren? „Ihr müßt mir helfen. Ihr seid meine letzte Hoffnung. Ihr seid unsere letzte Hoffnung.“ - „Bist du das, der da zu mir spricht?“ fragte Roy ungläubig den Kater. „Ja, natürlich bin ich es. Erkennt Ihr mich denn nicht?“ - „Nein. Wer bist du?“, fragte ihn Roy erstaunt. „Ich bin’s, Racket. Euer ergebener Diener. Aber ja, ich hätte es mir denken müssen. Ihr erkennt mich nicht in dieser Gestalt. Ich vergesse immer wieder, daß ich ein Kater bin.“ - „Sollte ich dich kennen?“ fragte Roy immer erstaunter. „Oh, ja. Natürlich. Wir sind die besten Freunde. Erinnert Ihr Euch nicht? Ihr müßt Euch doch erinnern. Wir waren jeden Tag zusammen. Ihr wißt schon, damals in Traumania.

Bis dieser große Regen kam und unsere Welt zu zerfallen begann.“ - „Wovon sprichst du da? Ich kann mich an keinen Regen erinnern.“ - „Ihr wißt wirklich nichts davon? Ihr habt alles vergessen! Oh, wir müssen uns beeilen. Wir müssen zurück in unsere Welt, bevor es zu spät ist, wenn es nicht schon jetzt zu spät ist.“ Roy war sehr aufgeregt. „In unsere Welt? Du weißt, woher ich komme?“ - „Ja, natürlich weiß ich es.“, schnurrte Racket. „Ihr seid Roy Raperpotz, der jüngste Sproß der königlichen Familie von Traumania.“ Racket verneigte sich tief vor Roy. „Und seit dem Regen habt Ihr diese schwarze Strähne, die Euch übrigens sehr gut steht, meint zumindest Romy. Naja. Da kann man wohl geteilter Meinung sein.“ - „Romy?“, fragte Roy erneut sehr aufgeregt, denn nun schien er sich doch an etwas zu erinnern. „Sagt bloß, Ihr habt auch Romy vergessen? Oh, wir müssen uns wirklich beeilen. Folgt mir!“

Racket lief zu einer Seitentür in der hinteren dunklen Ecke des Raumes, die Roy vorher nicht wahrgenommen hatte und plötzlich standen sie mitten im Garten hinter dem Waisenhaus. Er lief bis zu der Hecke mit den großen Büschen am anderen Ende des Gartens. Als Racket unter der Hecke hindurchschlüpfen wollte, stockte Roy: „Wir dürfen nicht hinter die Hecke. Direktor Finlox hat uns streng verboten, hinter diese Hecke zu gehen.“ - „Vergeßt Direktor Finlox, Roy. Wir werden bald zu Hause sein. Kommt!“

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us irgendeinem Grunde - auch, wenn sie sonst überall durch das Gelände stromerten - hielten sich doch alle Kinder aus dem Waisenhaus fern von dieser Hecke. Es kam ihnen nie in den Sinn, das Verbot zu mißachten. Auch Roy beschlich ein ungutes Gefühl, das er nicht beschreiben konnte. Doch mutig folgte er dem Kater, der sich Racket nannte und das unangenehme Gefühl wich schnell einem neuen, wunderbaren, einem, das er nie zuvor erlebt hatte. Doch er meinte, es zu erkennen aus Büchern, die er gelesen hatte. Es war das Gefühl der Heimat, das Gefühl, nach Hause zu kommen. Mit pochendem Herzen lief er Racket nach.

H
inter dem letzten großen Busch verborgen lag ein kleiner Pavillon. Die Mauern waren bereits vergilbt und der Putz bröckelte von den Wänden. Der Eingang war gerade groß genug, um Roy problemlos hindurchzulassen. Racket tippte mit seiner Pfote gegen einen Stein in der Wand und ein seltsames Licht erstrahlte plötzlich und erhellte den gesamten Pavillon. Fast im selben Augenblick erklang eine tiefe Stimme direkt vor ihnen: „Wer stört die Ruhe des Wächters des verbotenen Tores?“ - „Miau. Ich bin es, Racket.“ hauchte der Kater sanft und ehrerbietig. „Ach, du bist es schon wieder. Du wirst es wohl nie aufgeben. Hast du das Rätsel gelöst?“ - „Nein“, antwortete Racket etwas verärgert, „aber ich habe einen Freund mitgebracht, ein Mitglied der königlichen Familie, siehst du? Es ist Roy Raperpotz.“ - „Hm. Ja. Ich sehe. Es ist wirklich Roy Raperpotz. Er trägt die schwarze Strähne im goldenen Haar. Hm. Dennoch muß auch er das Rätsel lösen, um durch das Tor zu gehen.“ - „Ja, ja.“, erwiderte Racket eifrig. „Stell ihm die Frage. Er wird sie beantworten. Er wird es wissen. Ich weiß es.“ - „Also gut.“, ertöne die Stimme, jetzt sogar noch tiefer als vorher. „Höre mir aufmerksam zu mein junger Freund:

Es ist ein Ort, den alle Menschen kennen.
Ob gut, ob böse, sie alle ihn Ihr eigen nennen.
Es ist ein Ort, an dem sich jeder Wunsch erfüllt,
ein Mantel, in den man sich des nächtens hüllt,
dort wo Erwachs‘ne wie die Kinder tollen,
und nie mehr von dort gehen wollen.
Ein Ort, an dem es keine Grenzen gibt,
an dem nur eins, der eigne Wille siegt,
zu dem man geht mit Freuden fort.
Sag mir, was ist das für ein Ort?

Kennst du die Antwort, Roy Raperpotz? Sag sie schnell, und ich öffne dir mein Tor.“ Roy dachte angestrengt nach. Ein Ort, den alle Menschen kennen? Ein Mantel, in den man sich des nächtens hüllt und wo sich jeder Wunsch erfüllt? Was konnte das nur sein? Von der Seite störte ihn Racket beim Nachdenken. „Wißt Ihr es, Roy? Ihr wißt es doch, nicht wahr? Sagt es dem Wächter. Ihr müßt es doch wi . . .“ Plötzlich erlosch das Licht an der Mauer und Racket sprang blitzartig durch eine Seitentür aus dem Pavillon. Von der anderen Seite kam Direktor Finlox hereingepoltert: „Raperpotz, Roy Raperpotz. Was machst du hier? Du solltest dir doch deine Haare schneiden lassen, du Lümmel. Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?“ Er packte Roy am rechten Ohr und zerrte ihn aus dem Pavillon. „Ihr werdet es wohl nie lernen. Ihr solltet doch nicht hinter diese Hecke gehen. Habe ich euch das nicht tausendmal gesagt? He?“

Er hielt Roy so fest am Ohr, daß der arme Junge vor Schmerz das Gesicht verzog und zerrte ihn ins Haus. „Wir werden morgen weiter darüber reden. Jetzt aber ab ins Bett! Los!“ Er schubste ihn in sein Zimmer, wo Greg schon hemmungslos schnarchte und schloß die Tür. Roy stieg leise in sein Bett. Immer wieder mußte er an Racket und an diese geheimnisvolle Welt denken, von der er ihm erzählte hatte und an das Rätsel, dessen Lösung ihnen das verbotene Tor zu dieser Welt öffnen sollte, zu einer Welt, die angeblich seine eigene war. Und plötzlich wußte er die Lösung des Rätsels. Zufrieden und voller Erwartungen an den nächsten Tag schlief Roy todmüde unter seiner warmen und kuschligen Decke ein.

Copyright by Tiras Rapkeve, Januar 2001
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