zurück

Wer ist Roy Raperpotz?

1. Roy Raperpotz und das verbotene Tor
2. Roy Raperpotz und das Orakel Guckifix
3. Roy Raperpotz und der Traum des Spartakus
4. Roy Raperpotz und die Schule Raperpotz

4. Roy und die Schule Raperpotz

Als Roy am nächsten Morgen erwachte, mußte er sich zunächst umschauen, wo er überhaupt war. Er hatte so tief und fest geschlafen, daß er es wirklich nicht mehr wußte. Er lag in einem Bett aus purpurnem Samt. Als er die Bettdecke zur Seite schlagen wollte, gab sie eigenartige Töne von sich. „Hm, jetzt schon aufstehen, Roy Raperpotz? Vielleicht noch ein halbes Stündchen?“ Und da wußte Roy, wo er war. Er war in der Schule Raperpotz. Und schnell kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück. Racket mußte schon unterwegs sein, denn sein Bett war leer. Aufgeregt stand Roy auf, wusch sich in Windeseile und wollte sich gerade anziehen, als die Tür aufflog. „Roy, schnell, du mußt mitkommen.“ Romy stürzte in das Zimmer, drehte sich jedoch sofort verlegen zur Seite. „Oh, entschuldige. Ich dachte, du wärst schon angezogen.“ - „Schon gut. Ich bin gleich fertig.“

Hastig zog sich Roy an und folgte Romy nach draußen, wo bereits mehrere Kinder wie Hühner aufgeregt hin- und herliefen. Einige von ihnen schrien dabei wild. Morella war zurückgekehrt und irrte nun völlig wirr zwischen all den Kindern im Hof herum. In ihren Haaren sah Roy überall schwarze Strähnen, solche, wie auch er eine hatte, und ihr Mantel war mit tiefen schwarzen Löchern übersät. Roy ahnte schon, was geschehen war. Morella war zu Spartakus geflogen, um seinen Traum zu berichtigen. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, daß sie nicht bemerkte, wie der Regen langsam und schleichend immer näher kam. Eigentlich ist sie ein Meister des Träumelns und eine der Klügsten und Weisesten im Ältestenrat Traumanias. Aber gestern ärgerte sie sich dermaßen über diesen Greg Haport, daß sie alle Vorsicht und Weisheit vergaß. Als sie den Regen sah, war es fast schon zu spät. Mit letzter Kraft schleppte sie sich hierher zurück. Niemand konnte ihr helfen, bis von der Seite ein knochiger Mann herbeisprang und sie stützte. „Mein Gott, Morella! Wie konntest du nur so unvorsichtig sein? Wir werden sie behandeln müssen!“, rief er zwei anderen Männern zu, die aus dem Keller gerannt kamen. Zu dritt schafften sie sie in den Keller des Schlosses. „Wohin bringen sie sie?“ fragte Roy Romy. „In dem Keller werden alle behandelt, die vom Regen getroffen wurden.“ - „In dem Keller? Aber wie?“ - „Ich weiß nicht. Ich war noch nie dort unten.“

Aus dem Obergeschoß erklang eine Stimme. „Alle Schüler sofort in die Klassenzimmer. Der Unterricht beginnt in zehn Minuten. Alle Erstkläßler melden sich bei Mrs. Weding im ersten Stock.“

Erst jetzt fand Roy Zeit, sich umzublicken. Die weiten Flügel zu beiden Seiten des Schlosses waren ihm gestern schon aufgefallen. Sie umschlossen einen großen Innenhof. Die Türme konnte Roy nur sehr schlecht erkennen, so hoch waren sie. Es schien fast, als ob sie überhaupt kein Ende hätten. Die Fenster hatten etwas Magisches an sich. Sobald er hineinschaute, sah er zwar ein Spiegelbild, doch es war nicht seines. Auch wenn es seinen Bewegungen folgte, so sah er doch eindeutig einen ganz anderen Jungen. Roy konnte sich nicht erklären, wer dieser Junge war und warum er ständig seinen Bewegungen folgte. Doch jetzt hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken. Er ging mit den anderen Kindern in den ersten Stock, wo sie bereits von Mrs. Weding erwartet wurden. Mrs. Weding war eine relativ junge, hübsche und sehr nette Frau. Aber eigenartigerweise hatte auch sie schon graue Haare, wie scheinbar alle erwachsenen Menschen hier. Sie begrüßte jedes Kind mit einem freundlichen Händedruck und ein paar persönlichen Worten.

Als Roy an der Reihe war, nahm sie sich besonders viel Zeit. „Sieh an. Da ist er ja. Der berühmte Roy Raperpotz. Ich hoffe, es wird dir bei uns gefallen.“ - „Ja. Ich denke schon.“ erwiderte Roy verlegen. „Gut. So setze dich.“ Roy setzte sich neben Racket auf einen der Stühle, welche im Kreis angeordnet waren. Ein paar der Kinder hatte er draußen schon gesehen. Da war der kleine schüchterne Rothaarige namens Sam, der sich kaum traute, den Mund aufzumachen. Und auch einer der beiden Jungen, die mit Greg Haport zusammen waren - sein Name war Ed Fischer - betrat jetzt in frechem Schritt das Zimmer. Als alle Schüler sich gesetzt hatten, schloß Mrs. Weding die Tür und nahm auf einem Stuhl in der Mitte Platz. Sie begann den Unterricht: „Wißt ihr, warum ihr hier seid, Kinder?“ - „Wir wollen lernen, den Menschen ihre Träume zu bringen.“ antwortete ein Mädchen. „Ja, richtig, Marie. Und weißt du auch, wie wir das nennen?“ Noch bevor Marie antworten konnte, polterte es aus Racket heraus: „Träumeln, wir nennen es Träumeln.“ - „Ja, genau, Racket. Träumeln ist das richtige Wort dafür. Und wie träumelt man richtig, Racket? Kannst du uns das sagen?“ - „Ja...eh.., ich...“ verlegen schaute er zu Boden. „Nein. Ich weiß es nicht.“ - „Weiß es jemand?“ fragte Mrs. Weding in die Runde.

Niemand meldete sich. „Roy. Kannst du uns sagen, wie man träumelt?“ Was sollte Roy ihr antworten? Er war den ersten Tag in dieser Schule und den dritten Tag in diesem merkwürdigen Land. Woher sollte er wissen, wie man träumelt? Aber er hatte es ja schon einmal gesehen! So antwortete er mutig: „Man fliegt mit einem Zaubermantel durch die Luft und zerstreut Traumsand und feuert aus einer Kugel Blitze ab.“ Mrs. Weding sah ihn erstaunt und erschrocken an. „Woher weißt du das, Roy? So werden nur verbotene Träume geträumelt.“ Roy sah, wie Ed Fischer ihn durchdringend anstarrte und dabei drohende Worte mit den Lippen formte. „Ich habe davon gehört.“ log Roy, obwohl ihm dabei sehr unbehaglich zumute war. Aber er wollte nicht schon am ersten Tag Ärger bekommen. „Vergiß ganz schnell, was du da gesehen hast, Roy. So etwas ist streng verboten hier in Raperpotz.“

Dann fuhr sie wieder mit freundlichem Ton fort: „Aber es stimmt, daß man zum Träumeln einen Traummantel und eine Kugel, eine Traumkugel, benötigt. Weiß jemand, wie diese Kugel heißt?“ Fragend schaute sie zu Ed Fischer. „Ed?“ - „Das ist ein Konkel.“ - „Ja, richtig. Und was macht man damit?“ - „Ich weiß nicht.“ antwortete Ed in einer Art, die Roy merke ließ, daß Ed schon ziemlich gut Bescheid wußte, was das Träumeln anging, mehr als er zuzugeben bereit war. Da es sonst jedoch niemand wußte, erklärte es Mrs. Weding selbst: „Die Kugel, mit der die Träume zu den Menschen gebracht werden, ist der Konkel. Ihr werdet später lernen, wie man mit ihn benutzt. Aber etwas fehlt uns noch. Wir haben den Traummantel, der uns zu den Menschen bringt, wir haben den Traumsand und den Konkel, der die Träume weiterschickt. Was fehlt uns noch? Etwas, das all diese Dinge verbindet. Wer weiß es?“ Sie schaute in die Runde. „Sam? Weißt du es?“ - „Ich... ich.... nein.“ sagte er schüchtern und blickte zu Boden. „Das ist nicht schlimm, Sam. Du bist hier, um es zu lernen. Es sind die Traumsprüche in unserer eigenen Sprache, in hunduisch. Es ist die Sprache, die alle Dinge miteinander verbindet. Erst sie bringt die Menschen in unser Land, wo sie träumen. Die Traumsprüche verbinden die Träume mit dem Konkel und schickt sie zu den Menschen.“

Aufmerksam lauschten alle Kinder Mrs. Weding. „Hunduisch wird das erste sein, das ihr lernen werdet. Wir werden gleich morgen damit anfangen. Doch jetzt werde ich euch die Schule zeigen.“ Sie murmelte etwas und auf einmal begann sich das Zimmer zu drehen. Alle Schüler bewegten sich nach oben durch das Haus und schwebten plötzlich über der Schule Raperpotz. Und obwohl sie nun ganz oben waren, konnte Roy noch immer nicht die Türme sehen, die wahrhaftig irgendwo im Himmel zu stehen schienen.

So, Kinder. Von hier aus seht ihr die ganze Schule. Sie wurde von einem der größten Meister unseres Landes erbaut, von Meister Sotalex.“ Roy horchte auf. Dies war der Name des Mannes, den Roy suchen sollte. Wie Guckifix ihm prophezeite, wird Sotalex ihm den heiligen Somnel geben können. Und dieser Sotalex hatte Raperpotz erbaut? Roy nahm sich vor, mehr darüber herauszufinden. Doch erst hörte er weiter aufmerksam den Worten Mrs. Wedings zu.

Hinter der Schule befindet sich ein großes Träumelfeld. Dort üben vor allem die jüngeren Schüler das Träumeln.“ Alle Kinder blickten nach hinten. „Ah, wie ich sehe, ist Mr. Finley gerade mit seiner Klasse dort. Naja. Viel scheinen sie bei ihm ja nicht gelernt zu haben, oder?“ Roy sah mehrere Gestalten in der Luft hin- und herfliegen. Einige stießen zusammen und krachten auf den Boden. Doch kurz darauf flogen sie schon wieder durch die Luft. Anscheinend war nichts Ernsthaftes passiert. „So, Kinder, jetzt werden wir noch durch einige Klassenzimmer gehen.“ Schon während sie dies aussprach, bewegte sich das Zimmer nach unten, stoppte und gab den Blick in einen der anderen Räume frei. „Dies ist die Klasse, in der der richtige Umgang mit Traumsand gelehrt wird und hier hinten...“ Sie drehte sich um und alle Schüler taten es ihr nach. „Hier hinten seht ihr die Klasse für Tierträume, daneben die für Kinderträume und direkt darunter ist die für Erwachsenenträume, aber dorthin werdet ihr erst viel später kommen.“

So zogen sie durchs ganze Haus. Mrs Weding zeigte ihnen noch die Zimmer für Träume der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sie zeigte ihnen Klassenräume, in denen hunduisch gelehrt wurde und wie man den Konkel und den Zaubermantel richtig benutzt, sie zeigte ihnen die Klasse für Traumgeschichte und für die Geschichte der Menschheit, was ein besonders schweres und wichtiges Fach sei, wie sie betonte. Roy konnte sich das alles kaum merken. Diese Schule mußte unzählige Klassenzimmer haben! Roy zweifelte schon daran, dies jemals alles zu erlernen. Aber dann kamen sie schließlich doch im letzten Zimmer an und Mrs. Weding verkündete feierlich: „In diesem Zimmer, meine Lieben, wird übermorgen die Aufnahmeprüfung stattfinden.“ Ein Raunen ging durch die Schar der Schüler. Racket wurde käseweiß. „Übermorgen schon? Oh Gott. Ich werde bestimmt wieder durchfallen.“ Das Zimmer war winzig klein und hatte keine Fenster. Roy mußte sich anstrengen, um etwas zu erkennen. An der hinteren Wand hing ein großer Spiegel, sonst konnte er nichts weiter sehen, keine Stühle, keine Tische, gar nichts. Der Raum war völlig leer.

Seltsam. Das konnte doch unmöglich ein Klassenzimmer sein, oder? Was sollte dies für eine Aufnahmeprüfung sein? Doch noch bevor er sich weiter den Kopf darüber zerbrechen konnte, bewegten sie sich schon wieder und im Nu war das Zimmer wieder an seinem alten Platz, wo die Reise durch die Schule Raperpotz begann. „So, jetzt kennt ihr die Schule Raperpotz. Ich hoffe, sie wird euch gefallen, vorausgesetzt, ihr besteht die Aufnahmeprüfung übermorgen.“ Racket fing schon wieder an zu schnauben. Er konnte das Wort „Aufnahmeprüfung“ schon nicht mehr hören. „Habt ihr noch irgendwelche Fragen?“ Mrs. Weding schaute in die Runde. Roy hatte heute so viel gesehen, daß ihm ganz schwindlig zumute war. Obwohl er natürlich tausend Fragen hatte, wußte er nun gar nicht so recht, was er eigentlich fragen sollte. Doch noch bevor er seine Gedanken ordnen konnte, sprang Marie neben ihm auf und polterte los. „Warum sind in allen Fenstern so seltsame Gestalten, die sich bewegen, wenn man daran vorbei geht?“ Roy horchte auf. Auch Marie hatte diese merkwürdigen Bilder in den Fenstern bemerkt! Also ging es nicht nur ihm so.

Ich habe schon auf diese Frage gewartet, Marie. Nein, das sind keine seltsamen Gestalten. Das seid ihr. Habt ihr vergessen, Kinder? Ihr sind im Land der Träume, und in jedem Traum kommt der wahre Mensch zum Vorschein, offenbart sich der eigene Charakter und das wahre Wesen eines Menschen. Denjenigen, den ihr in diesen Fenstern seht, das seid ihr selbst, ihr seht euer wahres Ich.“ - „Das bin ich in diesem Fenster?“ fragte Marie erstaunt. „Aber sie sieht mir doch gar nicht ähnlich.“ - „Das ist erstaunlich, nicht wahr?“ Mrs. Weding lächelte Marie an. „Sie spiegelt ja auch nicht dein Äußeres, sondern dein Inneres wider. Verstehst du?“ - „Aber die Spiegelbilder der anderen sehen doch alle ganz normal aus?“ - „Ja, das stimmt. Für dich sehen sie normal aus, weil du sie nicht sehen kannst, Marie. Da jeder seinen eigenen Traum hat, kann auch nur jeder sein eigenes Spiegelbild sehen und nicht das der anderen.“ Marie setzte sich etwas verdutzt wieder hin. „Ich soll das sein? Mein Inneres? Dieses häßliche Ding?“ - „Schau sie dir ganz genau an, Marie. Du wirst überrascht sein, was du sehen wirst.“ Roy hörte fasziniert zu. „So, liebe Kinder. Morgen werdet ihr den ersten Träumelspruch lernen. Für heute ist es genug. Also los, hurtig hinaus.“ Mrs. Weding stand auf und wollte das Zimmer verlassen.

Als sie schon fast aus der Tür war, hatte Roy doch noch eine Frage: „Woher kommt der Regen, Mrs. Weding?“ Roy sah ihr nettes Gesicht plötzlich sehr ernst werden. Sie überlegte, was sie erwidern sollte. „Niemand in Traumania weiß, woher der Regen eigentlich kommt, Roy. Aber ich hoffe - wir alle hoffen - daß du uns eines Tages die Antwort darauf geben wirst.“ Sie drehte sich um und verließ den Raum. Roy, Racket und Romy gingen zurück in ihr Zimmer, wo sie noch lange über diese seltsame Schule sprachen, über die vielen Unterrichtsfächer und Klassen, in denen sie das Träumeln lernen würden und über dieses kleine Zimmer, in dem ihre Aufnahmeprüfung stattfinden sollte, wobei Racket wieder schlecht wurde. Roy war mit seinen Gedanken wieder ganz woanders. Was hatte Mrs. Weding ihm gesagt? Er wird wissen, woher dieser furchtbare Regen kam? Er? Ausgerechnet er? Roy Raperpotz? Aber woher sollte gerade er das wissen? Spät löschten sie das Licht und legten sich schlafen. Roy zog seine Decke tief über den Kopf.

Copyright by Tiras Rapkeve, Januar 2001
Tiras-Rapkeve@gmx.net

zurück

Der Erzähl-Club mehr von Roy

© Copyright 2001 by JADU

www.jadukids.de