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Von Heim und Herd

Der Begriff "zuhause" ist in jeder Sprache ein weihevolles Wort. Der Lebenskampf "draußen" bedeutet ein ewiges Ringen mit der Umwelt. Kälte, Hitze oder Regen und die Einflüsse von Dingen und Menschen bedrohen dort unaufhörlich die Pläne, Hoffnungen und Pflichten des Menschen. Wer aber zuhause ist, fühlt sich geborgen unter seinen Lieben, er kann ausruhen in der Nähe des freundlichen Herdes. Es gibt kein Volk der Erde, das nicht beglückt die Segnungen eines Heinis empfände, wie bescheiden dieses auch immer aussehen mag. Und wenn die Nacht kommt, schließen die Menschen aller Länder und Rassen ihre Augen, um Ruhe zu finden. Welcher Art ihre Weltanschauung auch sein möge, sie alle suchen Entspannung von der "Welt" im Geiste des alten Verses:

O Herr, verscheuch mit gutem Besen
Spukgeister und verhexte Wesen,
und laß uns keinesfalls erscheinen
ein schlimmes Tier mit langen Beinen
und Dinge, welche dröhnend fallen:
O Herr, erlös uns von dem allen!

Dieser Wunsch nach Schutz vor unbekannten Mächten ist bei den Naturvölkern, die in einer Welt beseelter Dinge und allgegenwärtiger Geister leben, weit stärker ausgebildet, als der Zivilisierte es sich vorstellen kann.

Je älter, je primitiver ein Volk, um so weiter erstreckt sich ihm das Gebiet, das es als sein Heim betrachtet. So ist das Zuhause der primitivsten Stämme nicht so sehr die meist nur zeitweilig errichtete Zufluchtsstätte, die die Familie vor Wind und Regen schützt und wo sie die Nacht zubringt, sondern das gesamte weitausgedehnte Stammesland. Der Eindringling, der es wagt, unaufgefordert diesen heiligen Boden zu betreten, wird mit dem Tode bestraft. Nicht der zufällige Ort, wo die Familie gerade ihr Lager errichtet, sondern der Grund und Boden des Stammes ist ihr Heim. Das Land gehört allen, und alle gehören dem Stammesland.

Wie nun sah die älteste menschliche Wohnstätte eigentlich aus? War der Höhlenmensch, wie moderne Karikaturen ihn so oft zeigen, wirklich der erste Hausbesitzer? Keineswegs. Die Tatsache, daß eine Menge ältester menschlicher Kulturgüter in Höhlen gefunden wurden, in deren Schutz sie zuweilen die Jahrtausende überdauern konnten, hat den Laien irrtümlich zu der Annahme geführt, daß die Höhle die erste Lösung für die vielleicht schon in prähistorischen Zeiten herrschende Wohnungsnot war. Diese Annahme jedoch beruht auf einer Unterschätzung der menschlichen Erfindungsgabe und läßt die klimatischen und geographischen Einflüsse auf die Wahl einer Behausung unberücksichtigt.

Das Vorhandensein von Höhlen in einer Gegend war durchaus keine Vorbedingung für das Entstehen menschlicher Siedlungen. Im Gegenteil, es haben sich in höhlenlosen Gebieten mehr Zeugnisse für das Vorhandensein vorgeschichtlicher Haushaltungen gefunden als in höhlenreichen Regionen. Wenn Höhlen oder Grotten als Wohnstätten erwählt wurden, so war immer ein besonderer Grund dafür vorhanden, sei es die Unwirtlichkeit des Klimas während der Höhepunkte der Eiszeit (z. B. während des sogenannten Mousteriens) oder die Erfordernisse der Jagd auf Wild, das in gewissen Gebirgs gebenden besonders reichlich vorkam. Der Mensch der europäischen „Knochenkultur", dessen Beute vor allem der Höhlenbär (Ursus spelaeus) war, folgte ihm bis hinauf in die hohen Alpen, wo er sich deshalb seine Wohnstätten baute. Die höchstgelegene Siedlung dieser Art ist das sogenannte Drachenloch von Vättis (Schweiz), das sich 2445 Meter über dem Meeresspiegel erhebt.

Die Zeitgenossen dieses alpinen Jägers jedoch, deren Beutetiere im Flachland lebten, wohnten nicht in Höhlen. Es gibt zum Beispiel keinerlei Anzeichen dafür, daß etwa die Stämme der eiszeitlichen Prä-Chelléen-Kultur jemals in Höhlen gelebt hätten. Troglodysmus (das Leben in Höhlen) war entweder eine vorübergehende Notwendigkeit oder häufiger nur eine Nebenerscheinung des Wohnens in von Menschenhand gebauten Behausungen. Die bekanntesten vorgeschichtlichen Höhlen, die von modernen Gelehrten entdeckt und beschrieben worden sind, wie Le Moustier im französischen Vezere-Tal, Font-de-Gaume in der Dordogne, Mas d'Azil (Ariege) und die Aurignac-Grotte (Haute Garonne) sowie die alten italienischen und spanischen Höhlen zeigen die interessante Tatsache, daß sie hauptsächlich nicht als Familienwohnstätten, sondern als Gemeinschaftshäuser oder, wenn das Wort hier am Platze ist, als Kirchen benutzt wurden. Während die in der Nähe des Einganges gelegenen Räume zuweilen als vorübergehender Unterschlupf zu Wohnzwecken dienten, zeigen die inneren Gänge und Wölbungen religiöse und zauberische Wandmalereien, und die Überreste von Altären mit zur Schau gestellten Tierschädeln beweisen deutlich, daß es sich um Kultstätten handelte, Nur die vorderen Teile der Höhlen dienten gelegentlich als Wohnungen, und selbst dann wurde der Raum unter dem überhängenden Gestein der Eingänge vor dem Inneren der Höhle als Behausung bevorzugt.

Von den zahlreichen Stämmen unserer Zeit, die noch immer auf der Kulturstufe der Steinzeit leben, bevorzugen nur die Weddas von Ceylon und die Toala von Celebes Höhlenwohnungen, und zwar aus dem Grunde, weil in ihren Stammesgebieten zahlreiche Höhlen vorkommen. Andere kulturell gleich alte Stämme wohnen hinter Windschirmen, diesen ältesten „Häusern" der warmen Zonen, die auch von den Zeitgenossen des paläolithischen Höhlenmenschen außerordentlich oft zur Wohnstätte erkoren wurden. Das vergängliche Baumaterial konnte natürlich die Jahrtausende nicht überdauern, obwohl die Reste eines solchen diluvialen Windschirms von Forrer im Elsaß in der Nähe von Spichern aufgefunden worden sind.

Ein Windschirm besteht aus Ästen, Zweigen und Rinden-Stücken, die geradlinig oder kreisförmig in den Boden gesteckt werden. Diese einfache Grundkonstruktion wird mit Gebüsch, Laub, Moos oder Gras verstopft und bildet so einen guten Schutz gegen Wind und Regen.

Tasmanischer Windschirm

Der Windschirm ist die Behausung von Stämmen, deren Wirtschaftsform des Sammelns und Jagens sie zu unaufhörlichem Umherschweifen in weitausgedehnten Gebieten zwingt, wie die Australier, die ausgestorbenen Tasmanier, die Weddas, die Negritos, die Buschmänner und manche Indianerstämme. Diese Stämme, die den wilden Tieren nachziehen und auf steter Suche nach ihren Hauptnahrungsmitteln, wie Krautern, Wurzeln und Beeren, begriff en sind, brauchen Wohnungen, die schnell errichtet und ebenso schnell abgebrochen werden können. Wenn verschiedene Familien sich zu gemeinsamer Jagd zusammengetan haben, so errichten sie oft ihre Windschirmenahebeieinander.Die Buschmänner improvisieren während ihrer Jagdausflüge noch einfachere Unterschlupfe, indem sie die Zweige von wildwachsenden Büschen zu sogenannten Bosjes zusammenflechten, während ihre Windschirme in den Wüstengebieten der Kalahari von soliderer Bauart sind. Die Chaco-Stämme erbauen ihre Schutzdächer in langen Reihen und bedecken sie mit Schilf, während die Negritos Grasdächer bevorzugen. Das „Haus" der Andamanen ist ein einfacher Windschirm, der auf vier Pfählen ruht. Indianerstämme wie die Apachen erbauen sich „Wickiups" aus ineinander verflochtenen Zweigen und Büschen und benutzen sie als bevorzugte Sommerwohnstätten.

Windschirm der Andamanen

Aber schon die älteste Form der menschlichen Behausung zeigt in ihrer Urgestalt bereits die beiden grundlegenden Elemente der späteren Haustypen: die Rund- oder Bienenkorbhütte und das Rechteckhaus. Die primitiveren Stämme bevorzugen oft die Rundhütte, die sich in Australien und bei vielen afrikanischen und amerikanischen Stämmen findet. Bautechnisch ist sie einfach aus der Verflechtung zweier halbkreisförmiger Windschirme entstanden. Das Rechteckhaus andererseits geht auf zwei parallel aufgestellte, senkrecht errichtete Windschirme zurück, die durch ein Dach verbunden werden.

Bienenkorb oder Rundhütte

Der Windschirm und die aus ihm entstandenen Hausformen bieten jedoch nur in warmen Gegenden genügenden Schutz. In kälteren Zonen muß ein Haus bei Jägerstämmen ebenso schnell errichtbar sein, aber sein Material muß ausreichenden Schutz gegen Wind und Kälte bieten. So ist das Iglu der Eskimo nichts weiter als eine Bienenkorbhütte, deren Baumaterial aus Eisklötzen und Schnee besteht. Ein langer am Ende offener Gang führt von der eigentlichen Wohnhütte ins Freie, um die Zufuhr von frischer Luft zu gewährleisten, ohne den eisigen Wind der Arktis ins Innere eindringen zu lassen. Die warme Behaglichkeit dieser Eskimowohnungen ist bekannt, jedoch berichtet Stefansson, daß „ein neues Lager wärmer als ein altes" sei, „denn ein neugebautes Schneehaus ist ein Schneehaus, während ein altes ein Eishaus ist". Obwohl die Erbauung eines Iglus mehr Zeit beansprucht als die Errichtung einer tropischen Rundhütte ist es dennoch für diese Jäger nur eine vorübergehende Behausung, die im Frühling verlassen werden muß, wenn der Schnee des Daches zu schmelzen beginnt und wenn die Wasserlachen auf dem Fußboden das Innere des Eskimohauses während des Sommers in einen See verwandeln. Dasselbe Haus kann im Herbst, wenn der Schnee wieder zu frieren beginnt, wieder benutzt werden, aber dies ist nur dann üblich, wenn die früheren Bewohner sich zufällig wieder in derselben Gegend niederlassen.

Die Habgier weißer Imperialisten hat sowohl die Eskimo wie andere primitive Stämme zur Arbeit in Bergwerken und anderen Unternehmungen heranzuziehen versucht, wofür die Eingeborenen zur Belohnung die zweifelhaften Segnungen der Zivilisation erfuhren und in Holzhäusern oder Wellblechbaracken ihre Wohnungen aufschlugen. Der Erfolg dieser Verpflanzung war zum Beispiel in Wainwright Inlet so schädlich für die Gesundheit der Eingeborenen, daß man sie schließlich sogar bat, wieder zu ihren Schneehäusern zurückzukehren. Wo immer solche Versuche gemacht worden sind — in der Arktis, in Südafrika oder anderswo —, immer ist das Resultat für die Gesundheit der betreffenden Naturvölker gleichermaßen schädlich gewesen.

Wir sahen, daß der Windschirm, diese älteste von Menschenhand errichtete Behausung, selbst in seinen einfachsten Anfängen bereits die Formelemente der beiden hauptsächlichsten Haustypen aufzeigt: die Kugelform der Bienenkorbhütte und die Struktur des Rechteckhauses. Aber auch eine andere leicht errichtbare und leicht abbrechbare Wohnstätte ist aus dem Windschirm entstanden: das Zelt. Die verschiedenen Zeitformen, die von primitiven Stämmen und ihren zivilisierten Nachahmern errichtet werden, zeigen vor allem die „Häuser der Nomaden, deren Wirtschaftsform im Jagen oder in der Tierzucht besteht und deren Wohnstätten deshalb genau so beweglich sein müssen wie ihre Lebensweise.

Rechteckhaus der Kwakiutl-Indianer

Die Zelte der arktischen, subarktischen und der ihnen verwandten Stämme bestehen aus einer Konstruktion kreisförmig in den Boden eingerammter Pfähle, die sich nach oben kegelförmig verjüngen und die je nach Klima und Jahreszeit mit Rinde oder Tierhäuten bedeckt werden. Wohlbekannt ist uns allen seit unserer Kinderzeit die charakteristische Form des Tipis der Prärieindianer, das mit besonderer Sorgfalt errichtet wird. Welche Indianergeschichte wäre wohl vollständig, ohne daß ein Tipi darin vorkäme! Obwohl seine Form uns vertraut ist, so ist doch die Art, wie es erbaut wird, weniger bekannt. Watermann be&chreibt seine Konstruktion mit den folgenden Worten:

Um ein Tipi zu erbauen, banden die Indianer zwei Pfahle in V-Form zusammen, deren Verbindungspunkte mit einem langen Lederstrick aneinander befestigt wurden, dessen Ende lose herabhing. Ein dritter Pfosten wurde dann der Spitze des Vs angefügt, und alle drei Pfähle wurden in Form eines Dreifußes aufgestellt. Dies war die Grundform des Zeltes. Eine Anzahl weiterer Pfähle wurde dann kreisförmig an die drei Hauptpfosten angelehnt und von den Frauen - denn dies war Weiberarbeit - mit Hilfe des herabhängenden Lederstricks fest an die anderen angebunden. Dann wurde die vorher vorbereitete Bedachung über die Pfahlkonstruktion gehoben und mit Pflöcken kreisförmig auf dem Boden befestigt. Diese Außenhülle des Zeltes war so zugeschnitten, daß an der oberen Spitze eine Öffnung für den Rauch gelassen wurde, an der sich zwei Klappen oder „Ohren" befanden. Die Verbreitung dieser Zeltform hing von der Verbreitung der Büffelherden ab. Oft zog ein ganzer Stamm mit seinen Zelten hinter einer Büffelherde her, und sobald die Tiere ihren Aufenthaltsort veränderten, folgten ihnen die Indianer mit ihren Zelten nach." Beim Zeltbau wird jede Kleinigkeit mit der größten Sorgfalt beobachtet, und obwohl Beweglichkeit das Hauptcharakteristikum des Indianerzeltes ist, so wird es doch stets mit außerordentlicher Präzision errichtet.

Zelt der Prärieindianer
(Sogenanntes "Tipi" )

Das Tipi wird von dem Laien oft mit dem sogenannten Wigwam der auf der atlantischen Seite des nordamerikanischen Kontinents hausenden Algonkin verwechselt. Aber das Wigwam ist kein eigentliches Zelt. Sein Name bedeutet einfach „Wohnung". Meist ißt es ein niedriger konischer Bau mit gewölbtem Dach, wie er noch heute von den Säe, den Fox, den Chippewa und anderen Indianerstämmen benutzt wird.

Im Inneren Labradors sind die Zelte der Indianer, etwa der Naskapi, nicht ganz so kompliziert wie die Tipis der Prärieindianer, jedoch ist ihr Grundriß derselbe. In der Wildnis der heutigen Jagdgründe dieser Indianer, die durch die Jahrhunderte unverändert erhalten geblieben sind, deckt noch mancher alte Jäger sein Zelt im Winter mit Karibuf eilen und im Sommer mit Birkenrinde, deren einzelne Stücke sorgsam zugeschnitten und mit Knochennadel und Lederfaden zusammengenäht werden, so daß das Dach genau auf die stützende Pfahlkonstruktion paßt. Moderne Indianer jedoch tauschen für die kostbaren von ihnen im Winter erjagten Tierfelle bei der Hudson's Bay Company schwere leinene Zeltbahnen ein, mit denen sie ihre Zelte bedecken, deren Bauart, die nur durch einen quergelegten Firstbalken leicht verändert wird, noch immer der alten Tradition folgt. Ein derartiges Zelt ist nicht so schön anzusehen wie die alten mit Fell und Rinde gedeckten Behausungen, aber schon nach dem ersten Schneefall auf die Zeltleinwand erinnert nichts mehr an unser Maschinenzeitalter.

Hauptformen Primitiver Zelte

Die Zelte des einzigen arktischen Stammes Europas, der Lappen, ähneln denen der nordamerikanischen Indianer. Während des Sommers jedoch werden diese „Goattas" verlassen, um mit aus Baumstämmen leicht erbauten Hütten vertauscht zu werden, deren Form jedoch noch ganz der des Zeltes folgt. Manche Völker der Amurgegend setzen noch immer zwei Windschirme zusammen, die mit einem sattelförmigen Dach verbunden werden. Die mit Filz oder Leder gedeckten Jurten der zentralasiatischen Nomaden sind niedrig und langgestreckt und werden oft über Erdgruben errichtet. Diese Art Zelte benützen viele Völker Zentralasiens bis an die Grenze von Tibet. Die schwarzen Zelte der Tibetaner mit ihren aus den Haaren des Jak hergestellten Filzbedeckungen sind völlig wasserdicht. Die schleierartige Hülle gewährt von innen einen Blick auf die Außenwelt. Die Zelte der nordafrikanischen Wüstennomaden haben einen rechteckigen Grundriß und sind entweder mit Palmblättern oder mit Fellen bedeckt. Ähnliche ledergedeckte Zelte werden von den südamerikanischen Nomaden der patagonischen Hochebene, wie den Tehueltsche und den Tsoneca, bewohnt.

Trotz unserer modernen Hilfsmittel haben wir es nicht vermocht, praktischere Behausungen für schnellbewegliche Truppen oder Jäger zu erfinden als das Zelt. Soldaten und Pfadfinder benutzen es noch heute, und mancher moderne Wanderer mag sein Lagerfeuer oder seinen Picknickplatz mit einem schnell errichteten Wind schirm geschützt haben, ohne sich des ehrwürdigen Alters dieser Einrichtung bewußt zu werden. Der geübte arktische Jäger, indianisch oder weiß, versteht es noch immer, Schutz hinter einem aus Zweigen und Ästen zusammengeflochtenen Dach zu finden, das, mit dicken Schichten von Schnee oder Eis bedeckt, die Winde des Nordens vom Lagerplatz fernhält.

Alle diese alten Formen vorübergehender Behausungen haben die gemeinsame Eigenschaft, daß sie schnell aus vorhandenem Material errichtet und ebenso schnell wieder abgebrochen werden können. Wie nun aber sahen die ersten solideren Konstruktionen aus? Wie ist das Haus, so wie wir es heute kennen, entstanden?

Es ist eine seltsame, aber höchst bezeichnende Tatsache, daß die ersten solideren Baukonstruktionen nicht als Wohnstätten für Menschen errichtet wurden, sondern daß sie dem Zweck dienten, die Pflanzenprodukte der Wildnis, von denen der Lebensunterhalt des Stammes abhing, zu schützen und aufzubewahren. Viele Völker, besonders Australiens und Amerikas, ernähren sich gänzlich oder zum Teil von einer Art oder von mehreren Arten wildwachsender Pflanzen, deren Samen,Wurzeln, Knollen oder Früchte ihre Hauptnahrung während des gesamten Jahres darstellen. Diese Erntevölker, die noch nicht bis zum Bodenbau fortgeschritten sind, aber auch nicht mehr zu den Sammlern und Jägern gerechnet werden können, finden ihren Lebensunterhalt auf den gewaltigen Feldern wildwachsender Pflanzen oder Früchte, die die Natur für sie im Gelände ihres Stammesgebietes angelegt hat. Dort wachsen Tausende eßbarer wilder Wurzeln, oder es sind die Felder des wilden Wasserreises oder Wälder, wo die Eichel wächst - auf jeden Fall sind die Stämme, die diese Produkte ernten, an ihrer Erhaltung als lebenswichtige Produkte aufs stärkste interessiert. Diese Stämme leben nicht mehr von der Hand in den Mund. Sie sorgen für ihre zukünftige wirtschaftliche Sicherheit, indem sie die wildwachsenden pflanzlichen Produkte sammeln, verarbeiten und aufspeichern. Deshalb errichten sie in der Nähe der Erntefelder Verstecke und Vorratshäuser, um die kostbaren Früchte zu schützen, während sie selbst immer noch in Behausungen primitivster Art wohnen. Die Vorratsspeicher zum Beispiel der Eichelsammler von Kalifornien sind solid gebaute kegelförmige Vorratshäuser mit grasgedeckten Dächern. Ein solid errichtetes Familienwohnhaus wäre für diese Stämme noch immer ein Luxus. Es hat nur dort Sinn, wo Völker sich dauernd auf einem bestimmten Gebiet angesiedelt haben, um Bodenbau zu treiben. Deshalb konnten nur die Bodenbauer solidere Wohnstätten in unserem Sinne entwickeln.

Vorratsspeicher für Eicheln
Miwok-Indianer Kalifornien

Aus dem einfachen Viereck- und Rechteckhaus sind mit der Zeit eine große Anzahl verschiedenartigster Hausformen hervorgegangen, insbesondere stroh- oder grasgedeckte solid gebaute Hütten mit Giebeldächern, die von weit größeren Dimensionen sind als die älteren Vorbilder.

Diese Art Wohnstätte, das erste „feste" Haus, tauchte schon in neolithischen Zeiten während der sogenannten Campignien-Periode auf. Bei den noch heute lebenden primitiven Völkern ist es vor allem das Heim der ältesten Pflanzer, die durch die Notwendigkeit, auf das Reifen der von ihnen gesäten und gepflanzten Feldprodukte warten zu müssen, eine seßhafte Lebensweise angenommen haben. In Gegenden gemischter kultureller Eüiflüssenehmen die Häuser der Pflanzer die verschiedensten Formen an. Ihr Grundriß ist viereckig oder oval (die Viereckhäuser haben oft pyramidenförmige Dächer), und in manchen Fällen werden die Wohnstätten auf Bäumen oder Pfählen errichtet. Zum erstenmal macht sich nun auch das Bestreben bemerkbar, das Innere und Äußere des Hauses zu verschönen, und eine größere Menge verschiedenartiger Materialien wird dazu benutzt,die Konstruktion zu verstärken. Ein paar Zweige oder Holzpfosten werden nicht länger als ausreichend für den Bau eines Hauses angesehen, Erde, Lehm oder Dung werden sorgsam mit Stroh, Gras oder anderen Bindemitteln vermischt, um zum Errichten von Wänden zu dienen, die dem Wetterwechsel der Jahreszeiten standhalten können. Das Haus, nun nicht länger ein nur zeitweilig errichteter Unterschlupf, füllt sich mit einer immer zunehmenden Menge von Gebrauchsgegenständen, und die größere Seßhaftigkeit seiner Bewohner führt zur Entwicklung eines Gemeinschaftslebens. Zum erstenmal leben größere Gruppen von Menschen dauernd mit- und nebeneinander. Gemeinsames Interesse und ein immer deutlicher hervortretendes Bedürfnis nach Geselligkeit führen zur Einrichtung von Versammlungsplätzen und damit zum Bau von Gemeinschaftshäusern, in denen die Männer ihre Beratungen abhalten und wo Musiker und Geschichtenerzähler die versammelten Stammesmitglieder mit ihren Darbietungen unterhalten.

Lehmhäuser der Musgu
(Kamerun, Westafrika)

Ein sich verheiratender westafrikanischer Pangwe zum Beispiel erbaut sich sofort zwei Häuser: eins für seine Frau und seine zukünftigen Kinder, das andere, größere, als Gast- und Gemeinschaftshaus, in dem er die Hauptzeit des Tages verbringt, während er nur zu den Mahlzeiten und nachts bei seiner Familie erscheint. Mit der zunehmenden Vergrößerung der Familie wächst auch die Zahl der von ihr bewohnten Gebäude, die oft so sauber aussehen, daß Tessmann sie mit „Puppenhäusern, frisch aus der Schachtel" vergleicht.

Besonders in Afrika hat die architektonische Verzierung der hölzernen Grundkonstruktion der Häuser mit Lehm und anderen Materialien zu pittoresken und interessanten Formen geführt. Die Musgu von Nord-Merun zum Beispiel gehören zu den Meisterbauern solcher eigenartiger Häuser.

Im Nigergebiet werden Viereckhäuser mit flachem Dach bevorzugt, die fast ohne jede Abänderung von den Hochkulturvölkern Anatoliens, Persiens und den Eingeborenen der mittleren und nordwestlichen Provinzen Indiens übernommen worden sind. Selbst in der Sonne getrocknete Ziegelsteine wurden schon in ältester Zeit benutzt, obwohl die primitiven Bodenbauer, die wohl die Kunst des Brennens von Tonwaren kannten, dennoch nicht das Wissen um das Brennen von Ziegeln erworben hatten. Lehm als Baumaterial spielt auch bei dem Wohnungsbau der zentral- und nordamerikanischen Indianer wie besonders der Navaho und Pueblo eine wichtige Rolle.

Die Erfindungsgabe dieser Stämme erzeugte bei kluger Beobachtung der klimatischen und geographischen Möglichkeiten eine fast unerschöpfliche Verschiedenartigkeit von Hausformen. So wurden Siedlungen, die in der Nähe von Seen oder Sümpfen gelegen waren, oft auf Pfahlrosten errichtet. Pfahlbauten kommen jedoch auch in trockenen Gebieten vor, wo sie vor allem als Schutz gegen Feinde und wilde Tiere erbaut werden. Die geräumigen Pfahlhäuser Neuguineas haben ein ansprechendes Äußere und sind einen, drei oder mehr Meter über dem Boden konstruiert.

Pfahlbauten sind den Menschen schon seit uralten Zeiten bekannt gewesen, wie die aufgefundenen prähistorischen Siedlungen der Pfahlbauer zeigen. Sie wurden in Europa zu einer Zeit errichtet, als Höhlen noch immer zum vorübergehenden Aufenthalt dienten. Die bekanntesten dieser neolithischen Siedlungen befinden sich in der heutigen Schweiz, in Deutschland und Italien. Diese Dörfer wurden sogar schon von Hunden bewacht, nämlich dem Torfspitz, Canis familiaris palustris. Die parkettierten Fußböden zeigen eingelegte Muster aus Birkenrinde, Überreste von Bastmatten sind gefunden worden, und mancherlei durch günstige Umstände jahrtausendelang erhaltene Einrichtungsstücke beweisen, daß der Mensch jener Zeit ein komfortables Leben führte. Außerhalb Europas errichteten prähistorische Baumeister ihre Pfahlhäuser in Ostasien und Indochina. Diese Häuser standen in Gruppen, meist in Reihen, beieinander, genau wie ihre heutigen Ebenbilder in den Dörfern der Südsee. Auf Borneo wohnt zuweilen die gesamte Dorfbevölkerung in einem einzigen Hause, das mehr als hundert Meter lang sein kann. Ähnliche „Großhäuser" aus vorgeschichtlicher Zeit sind in Europa, besonders in der Ukraine, ausgegraben worden.

"Tukul"
(Haus) am oberen Nil

Langgestreckte, vielzimmrige Häuser sind die herkömmlichen Wohnstätten vieler indonesischer und südamerikanischer Stämme, die meist sippenweise, oft zu hundert Personen und mehr, ein solches Gebäude bewohnen. Oder die gesamte Dorfbevölkerung wohnt in zweien oder dreien solcher Häuser, die um einen Dorfplatz herum gruppiert sind. Ein solches Haus der Papua von Neuguinea war sechzig Meter lang und zwölf Meter breit. Es enthielt „eine unten gelegene Haupthalle, die die Gesamtlänge des Hauses einnahm und zum alleinigen Gebrauch der Männer diente, und war auf beiden Seiten von gemauerten, drei Stock hohen Wohnungen flankiert, in deren untersten gekocht wurde, während Frauen und Kinder in den mittleren und die Männer in den obersten wohnten."

Giebeldachhaus der Batak
(Sumatra)

Die Indianerstämme Alaskas und Britisch-Kolumbiens lebten in Häusern, „die groß genug waren, zwei bis drei Generationen und zwei oder mehr Gesellschaftsklassen zu beherbergen." Ein solches Haus bestand aus einer Reihe konzentrisch angelegter Plattformen, von denen jede nächste etwa einen halben Meter über der vorangehenden lag. Lange, dicke Stützpfosten aus behauenem Zedernholz bildeten die Stützwände jeder einzelnen Plattform. Solche Häuser, z. B. der Tlingit, hatten seltsame Namen wie „Der angenehm aussehende Ort", „Die Stelle, wo man durchschwimmen kann", „Haus der Bärenmänner" und ähnliche, was an die nach ihren Aushängeschildern benannten Häuser des mittelalterlichen Frankreichs erinnert, die „Das Haus des lachenden Narren" oder „Das Haus des springenden Fisches" hießen, nicht zu vergessen Balzacs unsterbliches „Haus zur ballspielenden Katze".

Hausbemalung der Tsimshian-Indianer
(nordpazifische Küste Nordamerikas), einen Bären darstellend

Die Felsenwohnungen der Pueblo stellen eine andere Abart des primitiven Etagenhauses dar, von denen einige eine überraschende Ähnlichkeit mit den „penthouses" aufweisen, die auf den Wolkenkratzern von New York errichtet als Symbole äußersten Luxus und modernster Erfindungsgabe gelten. Afrikanische Gegenstücke zu diesen Pueblohäusern sind die Felsenwohnungen von Medinine (Tunesien) mit ihren Reihen nebeneinanderliegender aus dem Felsen ausgehauener Wohnungen.

Felsenhaus der Hopi-Indianer
(Die alte Stadt Walpi)

Die Konstruktion der Pueblo-„mesas" und ähnlicher alter Wohnstätten wie die Felsenhäuser der Krim, die Kegelhäuser von Kappadozien, die höhlenartigen Wohnungen von Arizona und andere zeigt deutlich, daß sie hauptsächlich zu Verteidigungszwecken dienten. Wo natürliche Felsenbildungen in einer Gegend fehlten, wurden Festungswälle künstlich aus Erde oder anderen Materialien errichtet. Besonders afrikanische Dörfer sind oft von gewaltigen Mauern oder Palisaden umgeben, und zur Zeit der großen Sklaven Jagden wurden von den Eingeborenen komplizierte Festungswerke zum Schütze ihrer Dörfer erbaut. Bei den Völkern der alten Sudankulturen wurden die Wohnhäuser oft gänzlich unter der Erde angelegt. Noch heute sind die meisten Heimstätten des Nigergebiets halb oder ganz unterirdisch. Die Banda in Französisch-Äquatorialafrika errichten ihre Häuser an strategischen Stellen um einen genauen Überblick über das Gelände zu haben. Diese Häuser haben so niedrige Eingänge, daß ein Besucher auf Händen und Knien rutschen muß, um in das „Wohnzimmer" zu gelangen.

Im östlichen Mbamland Kameruns sprechen noch heute die Überreste der von den Fulbe, Wüte und Tikar errichteten Festungsbauten eine lebendige Sprache der Vergangenheit. Die Palisaden dieser Festungen hatten massive Eingangspforten, und ihre dicken Lehmmauern waren bis zu sechs Meter hoch. Sie waren mit Brustwehren ausgestattet, von denen aus die Verteidiger ihre Pfeile und Speere auf die Angreifer niederhageln ließen.

Banda-Haus
(Französisch-Äquatorialafrika)

Die Baumhäuser Neuguineas können nur mit Hilfe von Strickleitern erreicht werden,, die man während der Nacht einzieht. Wo Türen oder türähnliche Vorrichtungen bekannt sind, werden sie durch Verschlüsse so gesichert, daß nur der Eingeweihte sie öffnen kann. Hölzerne Schlüssel nehmen zuweilen solche Dimensionen an, daß es dem abends allein ausgehenden Ehemann unmöglich ist, den Hausschlüssel unbemerkt in seiner Tasche verschwinden zu lassen.

Geschnitzter Hauspfosten der Maori
(Neuseeland)

Wenn wir die Wohnstätten primitiver Stämme vom ästhetischen Gesichtspunkt aus beurteilen wollen, so muß der Preis wohl den Baumeistern Polynesiens zuerkannt werden. Die Maori von Neuseeland zum Beispiel verwandeln ihre Viereckhäuser in regelrechte Kunstwerke. Die kanuförmigen, mit Schilf, Gras oder Palmblättern gedeckten Dächer werden von hervorragend schön geschnitzten Pfeilern gestützt. Der Formenreichtum dieser Bauten zeigt, welch hohes Kulturniveau von diesen Stämmen erreicht wurde. Von den einfachen mattenbedeckten Hütten des Volkes bis zu den künstlerisch ausgestatteten Häusern der Reichen weisen ihre Bauten alle nur erdenklichen Stil- und Konstruktionsarten auf, und die w h a r a oder das Gemeinschaftshaus ist ein Monument kunstgewerblichen Fleißes und guten Geschmacks. Auf Hawaii, Samoa, Niuafu sind von primitiven Stämmen die architektonisch und künstlerisch besten Resultate erzielt worden, und die noch immer geheimnisumwitterten steinernen Kolossalstatuen der Osterinsel und die prähistorischen Basaltruinen von Ponape sind noch heute Zeugnisse vergangener Größe. Die pyramidenförmigen Vorratshäuser der Maori, in denen gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln zur Bewirtung der zum hakari - Feste eintreffenden Gäste aufgestapelt wurden, waren bis zu siebenundzwanzig Meter hoch. Ihre neun Quadratmeter große Basis trug eine Reihe sich nach oben verjüngender in Etagen angeordneter Speicherräume.

Als der Mensch anfing, seine eigene Geschichte aufzuschreiben, begann die Zeit der alten Hochkulturen. Große Bevölkerungsgruppen schlössen sich zu Gemeinden zusammen, die über die Bedeutung des Dorfes hinausgingen. Neuerfundene und bessere Werkzeuge machten es möglich, behauene Steine als Material für Wohnungen und öffentliche Gebäude zu verwenden. Die Paläste der Reichen betonten den Unterschied von Kasten und Klassen — die Stadt entstand. Die nun gebauten turmhohen Monumente waren nicht nur Zeugnisse von Macht und Reichtum, ihre solide Konstruktion konnte die Jahrhunderte überdauern.

Die Häuser der altmexikanischen Azteken wiesen die unterschiedlichsten Stilarten auf, von den zweigumflochtenen Hütten der heißen Gebiete bis zu den Steinhäusern des Hochlandes, die ihre prächtigste Vollendung in majestätischen Tempeln und Palästen erreichten. Die den Göttern geweihten Bauwerke der Maya Guatemalers waren noch großartiger.

Die für die „Ewigkeit" errichteten Bauten dieser alten Völker sind nie übertroffen worden. Noch immer gehören die Pyramiden Ägyptens zu den sieben Weltwundern, und wir haben die Kunst, Steine so exakt zu behauen, daß sie ohne Mörtel zu Bauten von unvergänglicher Lebensdauer zusammengefügt werden können, noch nicht wieder erlernt. Die Tempel Indiens, Chinas und die Ruinen von Ur sind Monumente, die von überragendem technischen Wissen und von außerordentlichem Reichtum künden. Die in ihren Viadukten, Palästen und Denkmälern verwandte Kunst der Römer, Mörtel von äußerster Dauerhaftigkeit herzustellen, sind wir noch heute nicht imstande nachzuahmen. Unsere Maurerkelle hat noch immer genau dieselbe Form wie die der Römer. Sie konnte auch in der modernen Zeit nicht „verbessert" werden, da sie bereits vollkommen von den Alten übernommen worden ist.

Vom Windschirm bis zu dem aus dem Felsen ausgehauenen Etagenhaus, von der Baumhütte bis zur Festung zeigt sich uns so die Entwicklung der von Menschenhand errichteten Gebäude als eine Geschichte von Erfindungsgabe, Macht und Intelligenz. Und noch hängt die Bewohnbarkeit selbst des modernsten Hauses von jener Elementarkraft ab, deren Kenntnis die Götter schon den ältesten Menschen verliehen: dem Feuer.

Kein Haus, kein Stamm, kein menschliches Leben könnte bestehen ohne die Segnungen des Feuers, dieses geheimnisvollen Bruders der Sonne. Seine Bedeutung ist so überwältigend, daß es kein Volk der Erde gibt, dessen Sagen und Überlieferungen nicht versuchten, seinen Ursprung zu erklären. Das Feuer wird als so kostbar angesehen, daß die meisten Mythen es den Menschen von den Göttern stehlen lassen, die es eifersüchtig behüteten und nicht geneigt waren, es mit den Sterblichen zu teilen. Nach der griechischen Sage raubte Prometheus es von Zeus und wurde für seine Kühnheit mit schrecklicher Strafe getroffen. Bei einigen primitiven australischen Stämmen war es ein winziger Vogel, der Zaunkönig, der unter seinem Schwänze den göttlichen Funken heimlich vom Himmel herabtrug. Andere Australier glauben, daß das Feuer von zwei Halbgöttern gestohlen wurde, die versuchten, es den Menschen vorzuenthalten, oder daß ein Rabe es von der Spitze von Karakaruks Grabstock raubte, einer der Jungfrauen, die später zum Himmel erhoben wurden, wo sie noch heute als das Sternbild zu sehen sind, das wir die Plejaden nennen.

Vielen Völkern mit geschriebener und ungeschriebener Geschichte ist das Feuer heilig. Der indische Feuergott Agni ist der zwischen den Menschen und ihren Göttern vermittelnde Bote, der die Seelen der Geopferten vom Feueraltar zu den Unsterblichen hinaufträgt. Die Parsen bringen dem Weltenschöpfer im Namen des Feuers ihre Gebete dar, denn „in seiner Reinheit, Helle, Lebendigkeit, Feinheit, Fruchtbarkeit und Unzerstörbarkeit ist es das vollkommenste Symbol der Gottheit". Die germanischen Stämme verehrten das Element bei ihren Sonnenwendfeiern. Nach der Bibel erschien Gott Moses in einem brennenden Dornbusch, und der Heilige Geist nahm die Gestalt einer Flamme an. Die nimmermüde Phantasie primitiver Völker hat das Phänomen des Feuers in zahllosen Mythen verherrlicht, die alle von außerordentlicher Schönheit und vom Geiste der Verehrung getragen sind. Maui, der polynesische Gottheld der Maori, der ihre Insel aus dem Meere hob, ist auch der Bringer des Feuers gewesen. Die afrikanischen Herero verbinden ihren Ahnenkult mit der Verehrung des heiligen Feuers, das im Herde des o r u z o oder Priesters brennt und mit dem Holz des Omumborombonga-Baumes (lombretum primigenum) gespeist wird, in dem die Seelen der Verschiedenen wohnen. Das dieses heilige Feuer unterhaltende Mädchen muß unverheiratet bleiben wie die vestalischen Jungfrauen Roms. Das Leben des Feuers wird mit dem des Stammes identifiziert. Wenn ein erobernder Häuptling es erbeutet, so wird er damit zum Herrn und Schützer der Herero, wie es im Jahre 1850 geschah, als viele Herero „das Feuer der Maherero nahmen" und dadurch zu Herren dieses Stammes wurden.

Wie Sandschejew berichtet, lebt im Herde jedes Burjätenzeltes gali ezen, der Feuergeist, der wohl „von menschlicher Gestalt" ist, „aber klein, während er im Herde weilt". Kein Abfall oder Schmutz darf ins Feuer geworfen werden, denn gali ezen würde dadurch beleidigt werden. Kein Messer oder spitzes Eisen darf zum Schüren benutzt werden, denn es könnte den Feuergeist verwunden. Erblindet wäre er nicht länger imstande, die bösen Geister von der Wohnstätte zu vertreiben. Vor allen anderen Göttern erhält zuerst er seine Opfergaben. Das Feuer ist das Eigentum, ja das Leben der Sippe. Kein Fremder darf Feuer aus dem Herd nehmen, und wenn ein in einem BurJätenzelt weilender Besucher dort seine Pfeife angezündet hat, so muß er sie ausleeren, ehe er geht.

Der Mensch hat zahllose Methoden erfunden, dieses kostbare Element zu entzünden. Die kulturell ältesten Völker wie die Australier erzeugen den Funken, indem sie einen Holzstab auf einer Holzunterlage bohren, quirlen oder reiben oder indem sie ein Stück weichen Holzes mit einem Hartholzbumerang „sägen", bis das Holz sich entzündet. Wenn die abgeriebenen Holzteilchen zu glimmen beginnen, werden sie mit Zunder aufgefangen und mit trockenem Gras bedeckt, bis eine Flamme entsteht. Der sogenannte Feuerbohrer ist ein runder Stab, der in den Kerben eines anderen Stabes gedreht wird. Das Quirlen wird fortgesetzt, bis Rauch von dem Holzstaub und dem untergelegten Zunder aufsteigt, auf den vorsichtig geblasen wird, bis er sich zur Flamme entwickelt. Eine Feuersäge besteht meist aus zwei Bambusscheiten, von denen eins in Zunder gebettet wird, während das andere in sägender Bewegung in der Kerbe hin und her bewegt wird. Eine andere Abart des primitiven Feuerzeugs ist der polynesische Feuerreib er, der aus einem Stück angespitzten Hartholzes besteht, mit dem ein weicheres Stück Holz gerieben wird, bis die Holzteilchen sich zu entzünden beginnen.

Feuerbohrer

Diese Methode des Feuerbohrens ist über die ganze Welt verbreitet, von den afrikanischen Buschmännern bis zu den Indianern Nord- und Südamerikas. Interessante Abarten sind der Schnurbohrer, der Bogenbohrer und der Pumpenbohrer der nordamerikanischen Indianer, bei denen Schnuren und Spindeln die mühselige Arbeit des Bohrens erleichtern. Der sogenannte Feuerpflug, das Reiben eines längsgerillten Brettes oder Stabes mit einem anderen Stab, ist in Borneo, Polynesien und Mikronesien üblich und wird auch in der phönikischen Schöpfungsmythe erwähnt. Andere Varianten der Feuersäge werden von den Malayen und den Eingeborenen Neuguineas benutzt.

Feuersäge
Indonesien

Sogar primitive Feuerzeuge sind erfunden worden, bei denen Stein gegen Stein oder Metall gegen Metall geschlagen wird. Diese Methode wird vor allem von südamerikanischen Stämmen angewandt. Auch die Eskimo haben Feuerzeuge, da in den Eisgebieten der Arktis kaum trockenes Holz zum Feuerreiben vorhanden ist und die Eingeborenen daher auf andere Materialien angewiesen sind. Komplizierter ist die in Indien und auf Borneo übliche Methode der Feuererzeugung mit der Feuerpumpe, einem Holzzylinder, in dem ein Stück Zunder mit Hilfe eines genau eingepaßten auf und ab bewegten Zugstempels erhitzt und zusammengedrückt wird, bis Funken entstehen.

Feuerpflug
Samoa

Viele dieser uralten Methoden der Feuererzeugung haben die Jahrtausende überdauert. Genau wie für die noch heute lebenden Naturvölker hing auch für den prähistorischen Menschen das Leben von dieser Kenntnis ab. In den Eiszeitgräbern des nördlichen Europas sind Schwefelkies und Feuersteine dicht nebeneinander aufgefunden worden.

Bogenbohrer
zum Erzeugen von Feuer

Auch die Römer kannten die feuererzeugenden Eigenschaften des Schwefels und benutzten ihn mit Feuersteinen zur Entzündung der Flamme. Es dauerte viele Jahrhunderte — bis 1650 —, bis chemische Feuerzeuge mit Phosphor und Schwefel zum erstenmal auftauchten. Wieder fast zweihundert Jahre später wurden in London die ersten „Phosphorflaschen" verkauft, denen S. Jones' „Luziferstreichhölzer" und andere Verbesserungen dann bald nachfolgten.

Zunderbüchse
aus dem Schwanz eines Gürteltiers hergestellt
(Tapiete- und Tobaindianer, Süddamerika)

Das Feuer gehört genau so zu der Vorstellung eines Heims wie das schützende Dach. Es verleiht dem einfachen Unterschlupf den Charakter einer Behausung und ist eins der Kennzeichen der Anwesenheit des Menschen, wie primitiv auch seine sonstigen Gebrauchsgegenstände sein mögen, denn kein Tier hat es je verstanden, das Feuer, diese Gabe der Götter, zu erzeugen oder zu erhalten. Wenn das Heimweh sich unserer in der Fremde bemächtigt, so sind es der Kamin oder der Herd, an die wir oft als Symbole des Zuhauseseins denken.

Für den Primitiven bedeutet das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein des Feuers den Unterschied zwischen Leben und Tod. Deshalb versucht er, es unter allen Umständen brennend zu erhalten. Wenn es auszugehen droht, schüren die Indianer es mit Blasrohren oder Feuerfächern wieder an, während man in Afrika mancherlei Arten von Blasebälgen kennt. Selbst auf Reisen und bei Ausflügen wird das Feuer mitgetragen. Die ostbolivianischen Noeze wickeln glimmende Teile der Motacublume in feuchte Patajublätter ein und nehmen sie auf ihre Wanderungen mit. Viele südamerikanische Stämme unterhalten regelrechte Feuerdepots an den Knotenpunkten ihrer Pfade, wo unter Asche glimmender Zunder in besonders erbauten, regensicher überdachten Hütten unterhalten wird. Dort kann der Reisende sich das kostbare Element verschaffen, das in der Feuchtigkeit des Urwaldes nur schwer durch Reiben zu erzeugen ist. Als Albert Schweitzer den westafrikanischen Negern von den europäischen Waldbränden erzählte, lachten sie ihn aus. Wie können die Wälder, die naß wie Schwämme sind, brennen?

Die Feuerstelle in der Zeltmitte, in Hütte oder Haus ist der Mittelpunkt des Familienlebens, die Quelle der Wärme, die Stätte, wo das Essen bereitet wird, der Schutz vor tropischen Insekten und die Quelle des Lichts, wo nachts die alten Sagen und Geschichten zu neuem Leben erwachen.

Hölzerne Kopfbank
(Geelvink-Bay, Neuguinea)

Dach und Feuer sind die beiden Grundbegriffe, die ein Heim ausmachen. Aber dennoch ist der Mensch nie damit zufrieden gewesen, nur die durch sie befriedigten allereinfachsten Bedürfnisse als alleinseligmachenden Luxus anzusehen. Denn zu einem gemütlichen Heim gehören auch gewisse Einrichtungsgegenstände, die das Leben erst behaglich machen. So ist die Schlafstätte der Naturvölker stets dem jeweils herrschenden Klima angepaßt. Das früheste Bett des Menschen besteht aus frischen Zweigen, vor allem glattnadeliger Koniferen, die in dicken Schichten über den Boden gebreitet werden. Schlafdecken aus Fellen werden in Feuerland und in vielen nordamerikanischen Gebieten benutzt, während das warme Klima Australiens und vieler Teile Afrikas bedeutend leichtere Zudecken erfordert, auf die man in den Tropen zuweilen ganz verzichtet. Viele afrikanische Stämme schlafen nackt in Holzasche, um ihre Körper vor Insekten und vor Zugluft zu schützen. Die meisten pazifischen und südasiatischen Stämme schlafen auf sauber geflochtenen Matten. In Polynesien zum Beispiel bestimmen die Anzahl und das Alter der in einem Haushalt vorhandenen Matten den Reichtum oder die Armut der Bewohner. Das älteste „Kissen" ist die Kopfbank, die alle nur erdenklichen Formen annehmen kann, von einem einfachen Balkenstück bis zur künstlerisch geschnitzten Stütze, die die komplizierten Frisuren der Eingeborenen hält und schützt. In Afrika und Südamerika hat die Kopfbank sich zu besonders hübschen Stücken eingeborener „Raumkunst" entwickelt.

Kopfbank
von den Santa-Cruz-Inseln

Ein wirkliches Bett in unserem Sinne ist jedoch eine über den Fußboden erhobene Schlafstätte, deren Vorläufer die aus Lehm oder Erde geformten Schlafbänke sind, die in Westafrika und dem Sudan und bei den Indianern der nordamerikanischen Nordwestküste das Hausinnere umsäumen. Podiumartige Holzbetten, die zuweilen mit sehr bequemen geflochtenen Matratzen ausgestattet sind, finden sich in vielen Haushaltungen des südamerikanischen Dschungels und sind auch in Afrika gebräuchlich. Sie sind uralten Ursprungs, älter noch als eine andere primitive Schlaf Vorrichtung: die Hängematte, die die Seeleute und die Bewohner moderner Ländhäuser als praktische und bequeme Ruhestätte übernommen haben. Die Hängematte stammt ursprünglich aus Neuguinea und von den südamerikanischen Stämmen des tropischen Ostens her. Aus Pflanzenfasern gewoben, kreuzen dort, wie Wegner sagt, die Hängematten in fast undurchdringlichem Zickzack das Innere der Hütten, vergleichbar mit dem Lianengewirr draußen im Urwald.

Kopfbank der Kaffern
(Südafrika)

Zum Schütze gegen Insekten sind eine Anzahl primitiver Moskitonetze erfunden worden. Bei den Guato-Indianern haben diese Netze die Form eines breiten aus den Fasern des Tucumblattes gewobenen Sackes und werden so an der Decke befestigt, daß ihre Öffnung genau über dem Gesicht des Schläfers hängt. Die Nor-Papua Neuguineas verfertigen aus kirän - Gras komplette Schlaf sacke, die zu den begehrtesten Handelsartikeln der Insulaner gehören.

Kopfbank der Mamberamo
(Neuguinea)

Tische und Stühle werden für gewöhnlich im primitiven Haushalt nicht als notwendige Möbelstücke angesehen. Meist sitzt die Familie auf Matten oder Fellen, auf Steinen oder Baumstrünken oder einfach auf dem nackten Boden. Jedoch werden von den Eingeborenen besonders Südamerikas und BANK AUS Afrikas zuweilen einfache Hocker hergestellt.

Bank aus Zedernholz
einen Jaguar darstellend
(Guarani-Indianer, Ost-Paraguay)

Der Besitz eines Stuhles wird aber im allgemeinen nicht als ein Mittel zur Erhöhung des Komforts angesehen. Diese Einstellung ändert sich jedoch sofort, sobald es gilt, Rang und Würde zu betonen. Dann wird der Stuhl zum Sinnbild einer auch äußerlich angedeuteten Erhöhung, und der hohe Rang eines Würdenträgers drückt sich darin aus, daß er auf einem besonders sorgfältig hergestellten Häuptlings- oder Zaubererstuhl sein Amt ausübt. Dies ist besonders in Afrika üblich, wo die hervorragend geschnitzten Häuptlingsstühle zu den feinsten Zeugnissen der Eingeborenenkunst gehören. Oft werden kostbare Kaurischnecken und bunte Glasperlen dazu benutzt, diese Throne zu verschönern, von denen manche so mit Tausenden von blauen und weißen Glasperlen bedeckt sind, daß die darunter befindlichen kunstvollen Schnitzereien völlig verschwinden. Aber auch ohne schwere Möbelstücke machen die meisten Wohnstätten der Naturvölker auf den Besucher den Eindruck der Gemütlichkeit, und sie sind mit allen Dingen ausgestattet, die im Rahmen des generellen Kulturniveaus des Stammes als lebensnotwendig und als schön betrachtet werden. Denn es sind durchaus nicht nur praktische Erwägungen, die dem primitiven Heim sein Gepräge verleihen.

Afrikanischer Häuptlingsstuhl
MitKaurischnecken und Glasperlen verzierte Schnitzarbeit
(Kamerun)

Die Einrichtungsgegenstände selbst der bescheidensten Hütte werden mit großem Farbensinn und gutem Geschmack zusammengestellt, von den mit Ocker bemalten Holzschüsseln und zierlich ornamentierten Tragbeuteln der Australier bis zu den prächtigen Keramiken und den künstlerisch geschnitzten Löffeln Afrikas. Die hervorragend verzierten Gefäße und Kopfbänke der Südseestämme gehören zu den besten Schaustücken unserer Museen.

Holzschlüssel
(Santa-Cruz-Inseln)

Je seßhafter ein Volk ist, um so mehr Zeit kann auf die Verschönerung der Innen- und Außenwände der Häuser mit gemalten oder geschnitzten Ornamenten verwendet werden. Die Totempfähle und Hauspfosten der Indianer Alaskas, die afrikanischen Holz- und Lehmreliefs und ganz besonders die Schnitzereien der polynesischen Häuser sind so hervorragende Beispiele für die Vollkommenheit primitiver Schnitzkunst, daß moderne Bildhauer es oft vergebens versucht haben, ihre handwerkliche Feinheit, ihre zarten Farben und ihre exotischen Formen nachzuahmen.

Prähistorische Steinlampe
(Magdalénien)

Die Häuser selbst des prähistorischen, Menschen waren mit Luxusgegenständen ausgestattet, von denen nur die künstlerisch geformten und ornamentierten Löffel, Nadeln, Steinmesser, Schnitzgeräte, Bohrer, Spindeln und Hobel erwähnt werden sollen. Die Lampen der Eiszeit sind die Vorbilder der Öllampen Pompejis und Roms gewesen.

Römische Tonlampe

Aus reiner Freude an ästhetischer Harmonie wurden außer den religiösen, der Magie dienenden Darstellungen schon während der Aurignac-Periode Menschen- und Tierfiguren an die Wände gemalt, und Elfenbeinstatuetten trugen zur Verschönerung der Innenräume bei. Neben den ältesten Kunstäußerungen religiöser Art, wie sie sich vor allem in den paläolithischen Höhlen Spaniens und Südfrankreichs finden, wurde gleichzeitig ein „weltliches" Kunstgewerbe geübt, wie die aufgefundenen jahrtausendealten ornamentierten Gefäße, Werkzeuge, Kämme und Tischgeräte zeigen. Ganze Kulturepochen des Neolithikums sind nach den Stilarten der keramischen Ornamente dieser Künstler benannt worden.

Afrikanische Lampe
(Ugunda)

Obwohl nicht alle Naturvölker zur Kenntnis der Keramik fortgeschritten sind, so benutzen doch alle Stämme Sammel-, Koch- oder Awfbewahrungsbehälter irgendwelcher Art. Wasserbehälter sind hier natürlich am wichtigsten, da ihr Vorhandensein dem Stamm gestattet, sich auch in Gegenden frei zu bewegen, wo Quellen und Flüsse nicht in unmittelbarer Nähe liegen.

Steinlampe des Eskimo

Den primitivsten Völkern gelingt es jedoch nicht immer, das lebenswichtige Wasser in praktischer Weise aufzuspeichern. Wenn zum Beispiel die Frauen und Mädchen Feuerlands ihre Ledersäcke und Rindeneimer mit Wasser füllen, so müssen sie, wie Gusinde berichtet, schnellstens heimlaufen, da ihre nicht gerade dichten Behälter sonst gar zu schnell leer werden würden. Die Australier benutzen oft natürliche Felsenvertief ungen oder gehöhlte große Steine zur Aufbewahrung ihres Wasservorrats. Die Birkenrindenbehälter der Labradorindianer sind weit praktischer: sorgsam zusammengenäht und mit Harz zusammengeleimt sind sie genau so wasserdicht wie die in gleicher Technik erbauten Rindenkanus. Auf Reisen falten diese Indianer sich Trinkbecher aus Birkenrinde, die mit Holzklammern zusammengehalten werden. Die bevorzugten Wasserbehälter der Malaien sind ausgehöhlte Bambusstangen. Die Indianer Ost-Paraguays verwahren das Wasser entweder in Kürbissen oder in dicken Stücken des tacua rusu- Bambus, die auch als lange Stangen auf Reisen mitgetragen werden und mit einigen sorgsam gebohrten und mit Stöpseln verschlossenen Trinklöchern ausgestattet sind. Teile derselben Bambusart werden auch als Kochkessel benutzt, die lange Zeit zum Erhitzen des Wassers dienen, bis ihr Boden so sehr verkohlt, daß sie unbrauchbar werden. Auch Kokosnüsse und Kalebassen sind beliebte Wasserbehälter. Andere uralte Wasserbehälter sind die aus Tierfellen zusammengenähten Säcke Indiens und der Sahara.

Wasserbehälter
Kokosnüsse an Kokosschnüren
(Santa-Cruz)

In der Herstellung von Behältern und Schüsseln aller Art sind selbst die primitivsten Stämme äußerst erfindungsreich. So verfertigen zum Beispiel die Australier ornamentierte Holzschüsseln und feingeflochtene Beutel, die sie sich beim Einsammeln von Früchten und Pflanzen umhängen. Teller und Schüsseln aller Art werden aus Holz, Blättern und Muscheln hergestellt, wo immer nur eine Familie der Naturvölker haust. Schöpflöffel, die älter sind als die flachen Suppenlöffel, waren oft in prächtigen Formen geschnitzt und mit künstlerischen Ornamenten verziert.

Aus Birkenrinde gefalteter Trinkbecher, auf Reisen angefertigt und benutzt
(Montagnais-Naskapi-Indianer, Labrador)

Wenn ein Zauberteppich uns in die fernsten Weltgegenden führen könnte, so würden wir bei unseren Besuchen in den Hütten primitiver Stämme Szenen des friedlichsten Familienlebens beobachten können.

In den mit Birkenrinde oder Karibufell gedeckten Zelten der Labradorindianer, die isoliert auf den gewaltigen Gebieten ihrer Jagdgründe verstreut errichtet werden, zieht der Rauch des Lagerfeuers durch die offene Spitzenkonstruktion des Zeltes ab. Die Fleischbrühe kocht in dem aus dem Bauchfell eines Karibus hergestellten Kochtopf, ein fetter Biberschwanz brät am langen hölzernen Spieß, und die „Pemmikan"-Mischung aus Bärenfett und getrockneten Heidelbeeren steht in einem reichverzierten Birkenrindenbehälter als Zukost bereit. Offene runde Körbe, aus derselben weißen und honigbraunen Rinde angefertigt, enthalten den Bannock, das Brot der Indianer. Wenn nach dem Essen die Holzgeräte abgewaschen sind und die Schlittenhunde sich draußen vor der Tür im Schnee eingescharrt haben, geht die Naskapifamilie auf dem dicken Teppich aus glattnadeligen Balsamtannenzweigen zur Ruhe, zwischen den Bündeln der kostbaren erjagten Nerz-, Marder-, Luchs-, Bisamratten- und Silberfuchsfelle, die während des nächsten Frühlings dem Händler der großen Hudson's Bay Company verkauft werden, damit von dem Erlös die Vorräte für den kommenden Winter bezahlt werden können. Die aus bunten Lederstücken zusammengenähte Wiege schaukelt im Zelt leise im Dämmer des Nordlichts, und das Feuer wird sorgsam geschürt. Glückbringende Talismane hängen über den Schlafstätten, und die Kinder träumen vielleicht von dem verehrungswürdigen Großvater Bär, während der einschlafende Jäger den zauberischen Nordmann in seinen Gebeten bittet, keinen Schneesturm zu senden, der die Spuren des Wildes zudecken und die zu den Fallen führenden Pfade der Wildnis unwegsam machen würde.

Höher oben im Norden schlafen die Eskimo unter den Schnee- und Eiskuppeln ihrer Iglus. Die aus Schnee gebauten Betten sind dick mit Renntier-, Bären- und Bisamochsenfellen überdeckt, und die gesäuberten Jagdmesser liegen griffbereit. In dem langen offenen Gang nagen die Hunde noch an ihren Knochen, und das Seehundöl glimmt in der Utkusiksaligmiut, der oft fünfzig Pfund schweren Specksteinlampe, die die zum Kochen und zur Heizung nötige Wärme erzeugt und nach der ganze Stämme sich benannt haben.

Aus Rinde gefertigter Kochtopf
(Nikobaren)

Friede herrscht auch in den Indianerhütten Kaliforniens. Im Küchenwinkel liegen die Steinmesser mit den glatten Griffen; feingeflochtene Spiralwulstkörbe stehen zum Einsammeln der Eicheln bereit, und daneben befinden sich die Mörser aus Pappelholz mit ihren steinernen Stößeln und die paar rohgeformten Lehmtöpfe, die noch aus den alten Zeiten stammen.

Bei den sogenannten Wilden gibt es keine Wohnungsnot. Sie kennen weder grausame Hausbesitzer, die erbarmungslos ihre Miete eintreiben, noch Zustände, die Frauen und Kinder der Not aussetzen.

Im Dschungel von Ostparaguay befinden sich die Heimstätten der Pari und Chiripä, deren aus Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer bestehende Hütten ein gleichermaßen freundliches Bild bieten. Unter der für den Hausherrn reservierten großen Hängematte aus rotgefärbten Bromelia-, Baumwoll- oder Kokosfasern schläft auf bequemer Palmblattmatte seine Frau. Niedrige in Tierform, geschnitzte Schemel stehen im Zimmer, und der Papagei, das unvermeidliche Haustier, plappert von seinem Ständer. Typytscha, der Besen, mit dem der festgestampfte Lehmfußboden regelmäßig gekehrt wird, lehnt in der Ecke. Vom Dach hängt ein praktisches Haltegestell herab, auf dem die Küchengeräte und Nahrungsmittel vor Ameisen und Hunden geschützt bleiben. Das der Hausfrau zum Gemüseschneiden dienende Messer aus Tacuarembo-Rinde liegt zur Hausarbeit bereit.

Noch üppiger ist die Innenausstattung der Häuser der bodenbautreibenden Stämme Afrikas, wo eiserne Werkzeuge, geflochtene Körbe aller Art und eine Menge anderer Gebrauchsgegenstände von der Seßhaftigkeit und Erfindungsgabe der Bewohner zeugen.

Feuerfächer der Pangwe
(Westafrika)

So ist das Gemeinschaftshaus der westafrikanischen Pangwe rundum mit Wandbänken ausgestattet. Tag und Nacht wird das Feuer unterhalten, und an den Wänden hängen Trommeln, der große Schleifstein und die zur gemeinschaftlichen Treibjagd benutzten Netze.

Jagdtrophäen, wie Schädel, Geweihe und Zähne,schmücken den Raum. Oft gehört die Werkstatt des Schmiedes mit ' Amboß, Blasebalg und Feuerfächer zur Ausstattung des Gemeinschaftshauses. In den kleineren Häusern der Familien werden drei Ecken des Hauptraumes von den Schlafbänken eingenommen, während der Herdplatz sich an der Schmalseite befindet. Dort sind Geschirregale und Stangen zum Kleidertrocknen angebracht, und unter der großen speisekammerartigen Holzkiste befinden sich Bretter zum Trocknen und Rösten der Erdnüsse. An der Wand hängen die langen Körbe der Frauen, und ein dreifüßiger Schemel steht für den geehrten Gast bereit. Das Hausgerät wird durch eine Reihe anderer Gegenstände vervollständigt, wie Reibplatten und Stößel, geflochtene und handgeschnitzte Teller und Schüsseln, Löffel aller Art (für Männer und Frauen von verschiedener Form), Kalebassen, Besen und mancherlei andere Geräte. Wenn Feste auf dem Dorfplatz veranstaltet werden, wird die Nacht mit Fackeln erhellt, in deren romantischem Licht die Tanzenden sich bewegen.

Kalebassenlöffel

In den schönen Häusern der Polynesier ist die Inneneinrichtung ebenso prächtig wie die außen angebrachten gemalten und geschnitzten Hausverzierungen. Auf Ponape werden die Zwischenräume zwischen den geschnitzten Pfeilern so reich mit buntgefärbten Kokosfasern umwickelt, daß das Holz darunter völlig überdeckt ist. Die schwarzen, roten und blauen Schnüre, die mit Quasten und Muscheln verziert werden, bilden harmonische Wandornamente. Selbst der Bambusfußboden über der Steinunterlage wird mit bunten Kokosfasern umwickelt, überall sind geschmackvoll arrangierte Hausgeräte, wie Schlaf matten, Kalebassen aus blankpolierten Kokosnußschalen und bunten Kürbissen, Nußreiber, Steinmörser und Stößel und viele andere praktische und schöne Dinge, aufgestellt. Feinornamentierte Körbe enthalten Muschelmesser und Werkzeuge aus Koralle und Fischhaut. Speere, Ruder, verzierte Keulen und die Webgeräte der Frauen schmücken die Wände, und die Häuser zeichnen sich durch äußerste Reinlichkeit aus. Schöne Vorhänge aus buntgewebtem Rindenstoff trennen die Schlaf räume von dem Wohnzimmer ab, und die geschnitzten Kopfbänke aus vielen Holzarten sind oft mit Bambusfüßen ausgestattet. Die besonders künstlerisch geformten hölzernen Schüsseln und Teller sind mit Schnitzereien und farbigen Ornamenten verziert, und der Tapastoff der Vorhänge und Kleidungsstücke ist mit handgemalten oder -gedruckten Ornamenten bedeckt. Fächer und Fliegenwedel tragen zum Wohlbefinden der Bewohner bei.

Rührlöffel

Die Häuser der alt- und neuweltlichen Hochkulturen haben die Erfindungen der ältesten Zeiten übernommen und vervollkommnet. Die höherentwickelten Herstellungsmethoden und das handwerkliche Spezialistentum, die diese Kulturen auszeichnen, haben Verbesserungen erzielt, die der primitive Handwerker und Baumeister nicht erreichen konnte. So befinden sich in Häusern, die älter sind als die Anfänge der geschriebenen Geschichte, bereits die erstaunlichsten Luxusgegenstände. In dem prähistorischen Abu Shahrein, dem alten Eridu, sind prachtvolle spiegelglatte Fußböden und Türen mit aus fernen Gegenden importierten Steinscharnieren gefunden worden. Tiefe Keller und runde Fenster sind schon aus der „bandkeramischen" Periode des Neolithikums bekannt. Die Häuser der ältesten Anaukultur waren aus sonnengedörrten Ziegelsteinen erbaut und auch mit Türangeln ausgestattet.

Männerlöffel

Wo immer die Archäologen die Ruinen uralter Tempel oder Paläste ausgegraben haben, sind erstaunliche Beweise einer luxuriösen Lebensführung zutage gebracht worden, die unsere moderne Zivilisation weder erreicht hat, noch in der Lage ist, wieder zu erlangen. In Südsibirien in der Nähe der chinesischen Grenze wurde im Jahre 1946 von sowjetischen Forschern ein vor der Zeitrechnung erbauter chinesischer Palast ausgegraben, der mit Schätzen von äußerster Pracht ausgestattet ist. Der Hauptsaal dieses Palastes von Chakassien nimmt über einhundertzwanzig Quadratmeter ein. Das mit runden Ziertafeln, die chinesische Inschriften tragen, geschmückte Dach ist mit zweierlei Arten von Ziegeln gedeckt. Die schweren Bronzegriffe der Türen tragen gehörnte Sagenfiguren. In den Ruinen wurden Schnallen und Ziernadeln aus Bronze, goldene Ohrgehänge und Tafelgeschirre aus Jade gefunden. Ein Ofen mit einem im ganzen Palast eingebauten Röhrensystem heizte alle Räume.

Elfenbeinflöte

Noch immer ist es ja auch unseren modernen Architekten nicht gelungen, die römische Heizmethode des Erwärmens der Böden eines Hauses von unten nachzuahmen. Ähnlich hochentwickelte Heizmethoden sind in Korea seit Jahrhunderten bekannt gewesen.

Elfenbeinflöte

Die Pracht der Ausgrabungen in dem babylonischen Ur (heute El Mukajjar), deren feinste Stücke im Britischen Museum zu sehen sind, zeigt eine aus dem dritten Jahrtausend v. d. Zr. stammende Vollkommenheit, vor der unsere modernen Kunsthandwerker bescheiden verstummen müssen.

Aus einem Stück geschnitzte Nachahmung eines mit einer Schraube zusammengehaltenen zerbrochenen europäischen Küchenlöffels
(Kongo)

Es gehört zu den Scherzen der Kulturgeschichte, daß der Europäer, der die Erfindungen der Naturvölker übernahm, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen, ihre Gestalt und Anwendungsart oft so sehr veränderte, daß die primitiven Stämme unserer Tage oft gar nicht mehr in der Lage sind, ihre Bedeutung wiederzuerkennen.

 

Als ein Eingeborener des belgischen Kongo einst einen Europäer auf einem Schlüssel pfeifen sah, hielt er diesen für ein Musikinstrument und schnitzte für sich selbst und seine Freunde einige schlüsseiförmige Flöten aus Elfenbein, damit auch sie dieses neueste Musikinstrument des Europäers spielen könnten. Ein rohgeschnitzter europäischer Kochlöffel, der zerbrochen und mit einer Schraube zusammengeflickt worden war, machte einen so tiefen Eindruck auf einen Kongoneger, daß er ein ähnliches Stück für seinen eigenen Gebrauch' herstellte. Er schnitzte es in täuschender Nachahmung, und die ebenfalls angeschnitzte Schraube ragt zierlich unter dem „gebrochenen" Mittelstück hervor.

Die uralte Angst des Menschen vor den Kräften der von ihm selbst erfundenen Dinge regte einen altperuanischen Künstler dazu an, den „Aufruhr der Dinge" auf eine Vase der Protochimü-Kultur zu malen.

Nach Krickeberg nimmt den unteren Rand der Zeichnung „die Darstellung des Meeres ein, mit stilisierten Wellen, Fischen und Seehunden... Die Hauptdarstellung besteht aus drei Gruppen von Figuren, deren jede eine Menschenfigur enthält, während alle übrigen Figuren Gegenstände sind, denen der Zeichner durch Zufügung von Armen, Beinen, einem Menschengesicht oder Augen Menschenähnlichkeit gegeben hat... über dem Ganzen schweben zwei Vögel, wie häufig bei Kampfszenen. Die belebten Geräte sind sämtlich Kriegerwaffen und Kriegerschmuck." Es gibt da „Keulenmännchen", Speerschleudern, einen viereckigen Schild und Kriegerschmuck wie die Kopfbinde mit dem Pumakopf, Gürtel und Taschen.

"Der Aufstand der Dinge"
Zeichnung von einem Tongefäß aus dem peruanischen Valle de Chicama

Die Idee dieser Zeichnung drückt den Gedanken der alten Quichemythe aus, die voraussagt, daß der Tag kommen wird, wann Hunde und Hühner, Töpfe und Pfannen, Reibsteine und alle anderen von Menschenhand hergestellten Geräte und gezähmten Tiere sich gegen ihre Bedrücker erheben und ihnen die Bürden auferlegen werden, die der Mensch ihnen zugedacht hat. Dann werden die Reibsteine ihre Erfinder zermahnen, die Töpfe die Menschen kochen, die Hühner sie schlachten und die Pfannen sie rösten. Es gab schon einmal eine Zeit, sagt die Mythe, wo das geschehen ist, und es wird sich wieder ereignen.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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