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Schulen ohne Bücher

Bildung und Wissen gehören zu den wichtigsten Begriffen unserer Zeit, und es war eines der Vorurteile absterbender Gesellschaftsformen, daß etwa ein Mensch ohne akademische Bildung weniger vollwertig sei als ein Studierter. Die fortschrittliche Menschheit hat inzwischen längst erkannt, daß eine systematische geistige Schulung allen Begabten unabhängig von ihrer finanziellen Lage zugänglich sein muß.

Damit ist der Idealzustand des „gleichen Starts" erreicht, den unsere moderne Erziehung zu erlangen trachtet und den die Naturvölker längst kennen. Denn bei ihnen ist der Zwang, das traditionelle Wissen zu suchen und zu erhalten, für jedes Stammesmitglied obligatorisch. Bei ihnen gibt es keine „Analphabeten" (wenn dieses Wort auf schriftlose Völker anwendbar ist), während der Schulzwang in den zivilisierten Ländern in Deutschland erst im Jahre 1642, in Frankreich 1806 und in England 1876 eingeführt wurde. Diese Daten zeigen deutlich, wie lange wir zu der Einsicht brauchten, daß das vorher nur wenigen Glücklichen zugängliche Wissen zu einer Sache der Allgemeinheit gemacht werden muß.

In der Wildnis hängt das Lehren und Lernen nicht von den dem Einzelnen zur Verfügung stehenden Geldmitteln ab. Jedes Individuum ist berechtigt, das gleiche Wissen wie die anderen zu erwerben. Auch ist in den Schulen der Naturvölker jene Hast und maschinenmäßige Instruktion unbekannt, die bei uns so oft die freie Entfaltung der Persönlichkeit schon in der Jugend beeinträchtigt. Da jedes Kind unter der dauernden Aufsicht der Eltern aufwächst, ist etwa der Fluch kapitalistischer Länder, die Kriminalität der Jugendlichen, in den Wüsten, Steppen und Savannen der Naturvölker so gut wie unbekannt.

In seiner geistigen Ungehemmtheit hat der Naturmensch eines mit den Tieren gemeinsam: unbehindert von materiellem Druck kann er seine Nachkommen die Fähigkeiten lehren, die zur Lebenserhaltung notwendig sind. Durch seine enge Verbundenheit mit der Natur hat er beobachtet, wie etwa der australische Koalabär seine Jungen im Erklettern des Eukalyptus, ihres Lebensbaumes, unterrichtet, wie die Waschbärmutter ihr Kleines geduldig anleitet, das Futter vor dem Verspeisen im Wasser zu reinigen, und wie der Seehund zur Belehrung seiner Jungen die Rolle eines Schwimmlehrers übernimmt. In ähnlicher Weise fungiert auch der Primitive als kluger Lehrer seiner Kinder. Obwohl man die mit dem äußerlichen Verhalten zusammenhängenden „Wissenszweige" nicht als Bildung in unserem Sinne bezeichnen kann, so sind sie doch zweifellos nicht ohne geistigen Wert.

Auf der ganzen Welt gibt es kein Volk, das die Erziehung seiner Nachkommenschaft nicht zu seinen vornehmsten Pflichten rechnete, und zwar hat dieses Erziehungsideal stets zwei Aspekte: erstens die Übermittlung des zum Lebensunterhalt notwendigen technischen Wissens im Rahmen der jeweiligen Kultur, und zweitens die wichtigere und mit großer Sorgfalt übernommene Aufgabe, das Kind, den Heranwachsenden, den jungen Mann und das junge Mädchen mit den Wurzeln der ethischen, geistigen und sozialen Werte bekanntzumachen, die die Basis des Gemeinschaftslebens bilden.

Die Mittel, mit deren Hilfe diese Ziele erreicht werden, sind ebenso vielfältig wie die Schattierungen der Hautfarben der Völker und die Verschiedenartigkeit der von ihnen gesprochenen Dialekte und Sprachen, die Ziele aber sind dieselben. Es ist ja gerade dieses Gefühl der inneren Verantwortlichkeit gegenüber der kommenden Generation, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Es ist durchaus nicht so wesentlich, daß bei den Naturvölkern das gesprochene Wort an Stelle des gedruckten Buches als Erziehungsmittel tritt und daß der Berufslehrer in unserem Sinne bei ihnen unbekannt ist, denn auch bei ihnen steuern Väter und Mütter und vor allem die verehrten alten Männer das Schiff der Erziehung mit Weisheit und Würde auf dem Strom der überlieferten Stammestraditionen.

Auf welche Art Leben nun bereiten die Erzieher der Völker ohne geschriebene Geschichte ihre jugendlichen Schüler vor? Während ihre Welt die meisten Geräte und Einrichtungen, die wir als „unerläßlich" betrachten, nicht kennt, ist sie doch in vieler Hinsicht reicher, komplexer und komplizierter als die genormte Umwelt der Zivilisation. Je näher eine Gesellschaftsform der Wiege der Urmenschheit steht, je älter und isolierter sie ist, um so weiter sind ihre Begriffe von dem Spezialistentum unseres heutigen Denkens entfernt.

So gibt es vor allem kaum Grenzlinien, die die sichtbare Welt von der unsichtbaren abtrennen. Steine, Felsen, Pflanzen und Tiere, Mond und Sterne sind die lebendigen Gegenspieler des Menschen und die Träger freundlicher oder feindlicher Kräfte, deren gnädiger Einfluß durch unaufhörliche Wachsamkeit und Zauberei gesichert werden muß. Selbst der Gebrauch der Gegenstände des täglichen Lebens, des Grabstocks, der Tierfalle, des Mahlsteins oder des Tragkorbes, hängt von gewissen magischen Traditionen und von Tabus ab, die uns überflüssig erscheinen mögen, die für den Naturmenschen jedoch dieselbe Realität besitzen wie Tag und Nacht, Fisch und Wild und der Same des wilden Grases. Die Nichtbeachtung derartiger ungeschriebener, doch lebenswichtiger Gesetze kann in einer Gesellschaft, die sich als Ganzes für die Taten jedes ihr angehörenden Individuums verantwortlich fühlt, oft den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Bei den Zuñi zum Beispiel werden alle Dinge und Objekte als ho'i oder „lebende Personen" respektiert, und die kalifornischen Tübatulabal würden es nicht wagen, auch nur eine Wurzel der „heiligen" Jimsonpflanze (Datura meteloides) auszugraben, ohne vorher ihr zu Ehren eine kurze Ansprache zu halten. Unheil würde alle Mitglieder des Cree-Stammes befallen, wenn etwa eine ihrer Frauen oder ein Mädchen vor Ablauf der vollen Zeit die dem Monde geweihten monatlichen Tage der Zurückgezogenheit abkürzte. Diese Tatsache, daß die Verletzung der geheiligten Stammesregeln durch die Nachlässigkeit einer einzelnen Person die Sicherheit der ganzen Gemeinschaft gefährden kann, erhebt bei den Naturvölkern die Pflichten der Erziehung zu einer lebenswichtigen Angelegenheit des gesamten Stammes. Die Gefahren der Natur und der ewig wache Rachedurst zahlloser Geister machen es zur Notwendigkeit, die Nachkommen im Geiste der Demut und im Bewußtsein einer Verantwortlichkeit zu erziehen, die in unserer modernen Zivilisation unbekannt sind.

Schon aus diesem Grunde kann bei den Naturvölkern die Erziehung zu Sorgfalt und Respekt gegenüber den Mächten der Umwelt nicht früh genug beginnen. Sobald die genau befolgten Riten, die Geburt und Namensgebung begleiten, vorüber sind und das physische Leben des neugeborenen Kindes gesichert scheint, werden seine Wiege und sein Körper mit Hilfe von Talismanen, Gebeten und guten Wünschen der Gnade der unsichtbaren Mächte anheimgestellt. Die Entwicklung der Seele jedoch wird noch sorgsamer überwacht als die des Leibes. Schritt für Schritt wird dem Geist des heranwachsenden Kindes die Weisheit der alten Zeiten übermittelt. Schon das jüngste Kind wird von seiner Mutter unablässig mit herumgetragen, während sie ihren täglichen Pflichten des Holz- und Pflanzensammelns, des Säens und Erntens und der Herstellung von Haushaltungsgegenständen nachgeht. Ob es nun auf ihrer Hüfte reitet wie in Afrika oder die Welt von ihrem Rücken her aus einem der indianischen Traggestelle kennenlernt — es nimmt an allen ihren Bewegungen und Tätigkeiten teil und streckt bald seine kleinen Hände nach den Geräten aus, mit denen sie hantiert. Mit weit offenen Augen verfolgt es ihre Bewegungen während der heiligen Tänze und die Art, wie sie mit Zeremonialobjekten umgeht, und es hört ihre Unterhaltungen mit den Geistern und den Toten.

Während seiner frühesten Jugend gehört das Kind der Wildnis ausschließlich seiner Mutter, die es mit zärtlichen Namen benennt und ihm ihre Liebe in jeder nur erdenklichen Weise zeigt. Die Chicksawindianer Oklahomas zum Beispiel betten ihre männlichen Kinder auf Pantherfelle, damit die Klugheit und Kraft dieses Tieres in sie übergehe, während die kleinen Mädchen auf Rehfellen schlafen, um „zärtlich und zierlich" zu werden.

Körperliche Bestrafung kleiner Kinder ist bei den Naturvölkern fast unbekannt, obwohl sie über eine große Reihe von Disziplinarmethoden verfügen. Zu diesen harmlosen, aber wirkungsvollen Mitteln gehört zum Beispiel die Sitte der Pangwe, die „Stimme" eines mächtigen Geistes vor dem Hause ertönen zu lassen (die von Knaben oder Männern mit Hilfe eines „Waldteufels" erzeugt wird), um ungezogenen Kindern Respekt vor Edzibongo, dem Kinderesser, einzuflößen. Auch trommelt man draußen mit einem Holzpfahl auf den Fußboden, wozu jemand geheimnisvoll murmelt: „Der böse Mann ... er ist da ..." Derartige Erziehungsmethoden erwecken schon in dem kleinsten Kinde eine Ahnung von der Macht unbekannter Geister. Ein ähnlicher Brauch ist bei den Chippewaindianern üblich, die unartige Kinder vor einer Bärenpranke warnen, die „kommen und sie holen" wird. Diese Drohung wird manchmal wahr, wenn ein alter an einer Stange befestigter Mokassin von außen in das Zelt hineingeschoben wird, was den kleinen Übeltätern einen gewaltigen Schrecken einjagt.

Gelegentlich wird ein leichter Schlag als „Nachdruckmittel" verwandt, der aber niemals in schwere körperliche Züchtigung ausartet. Die eigentümliche Körperstrafe der Cree, bei der die Mutter die Beine und Schenkel eines ungezogenen Kindes mit einem zweizähnigen Hornfischkiefer ritzt, bis sich Blut zeigt, geht auf den Glauben zurück, daß ein solcher „Aderlaß" dem Kinde guttut. Es braucht hier nicht besonders betont zu werden, daß die Kinder aller Stämme zur Beachtung der in ihrem Stamme geltenden hygienischen Regeln angehalten werden. Diese Erziehung zur körperlichen Sauberkeit ist besonders bei den Eskimo und bei verschiedenen Indianerstämmen sehr stark ausgeprägt, deren Kinder schon im zartesten Alter an den Dampf- und Flußbädern teilnehmen, selbst wenn vorher erst das Eis zum Herstellen eines Schwimmloches gebrochen werden muß.

Genau wie bei unseren Kindern ist auch bei den Naturvölkern ein gutes Beispiel der beste Lehrmeister, und zwar ganz besonders auf den Gebieten des Taktes, der Wohlanständigkeit und der Etikette, die im allgemeinen höchst komplizierten Vorstellungen folgen. So ist zum Beispiel das Schamgefühl keinem Menschen angeboren, wie seine völlig verschiedenen Äußerungen in den verschiedenen Weltgegenden beweisen. Kein kleines Nor-Papuamädchen von Neuguinea etwa fühlt sich durch seine Nacktheit beschämt, aber die Schöne errötet in grenzenloser Verlegenheit, wenn jemand sie zufällig ohne den Tuchzipfel erblickt, den jede auf Anstand haltende Dorfbewohnerin von ihrem Kopfe herabhängend trägt. Verschiedene afrikanische und südamerikanische Stämme, die mit Würde in völliger Nacktheit einhergehen, schämen sich aufs tiefste, wenn sie beim Essen beobachtet werden.

Von den für gewöhnlich außerordentlich frei denkenden westafrikanischen Pangwe berichtet Tessmann, daß sie das Wort „oson" (Schamgefühl) unaufhörlich im Munde führen und daß sie die „Unerzogenheit" des weißen Forschers verachten, der ihre feinen Anspielungen wie „Ich muß etwas Feuerholz suchen" oder „Ich will nur schnell nach den Fallen sehen" nicht versteht, die sie zur Umschreibung eines natürlichen Bedürfnisses anwenden. Wenn solch ein wohlerzogener Pangwe ein fremdes Dorf besucht, erkundigt er sich in taktvoller Weise sogleich nach der „Wohnstätte des Dorfherren", oder er stellt die Frage: „Wohin muß ich mich wenden, falls man mich verfolgte?" Alle diese Redensarten sind „gebildete" Umschreibungen des peinlichen Wortes „eduk", des „Häuschens mit dem Herzen", das ein taktvoller Pangwe niemals ausspricht.

Dieses stark ausgebildete Anstandsgefühl wird sogar auf die Vogelwelt ausgedehnt. So glauben etwa die feuerländischen Yamana, daß ihre eigenen Vorfahren vor vielen Jahren einst den sehr empfindsamen Laxuwavogel (dessen Kommen den Frühling anzeigt) durch ihre lauten Ausrufe „Der Frühling ist da! Dort fliegt ein Laxuwa!" beleidigten, woraufhin der gekränkte Vogel ihnen statt des Frühlings einen Nachwinter schickte, dessen Schnee und Eis viele Yamana tötete. Wenn die Nachkommen dieser unvorsichtigen Stammesgenossen deshalb heute einen Laxuwa sehen, so verharren sie in stummem Respekt und hüten sich, ihn durch aufdringliche Geräusche zu erzürnen.

Die komplizierten Grußsitten der Naturvölker erfordern eine noch größere Vorsicht, denn ihre Nichtbeachtung beschwört Unheil, Krankheit oder Krieg herauf. Gewisse Stämme kauern sich beim Anblick eines Fremden so lange auf den Erdboden nieder, bis er nahe genug herangekommen ist, um ihre friedliche Haltung zu erkennen. Andere bezeugen ihre Ehrfurcht, indem sie niederknien oder sich flach auf den Boden hinwerfen. Hut, Schuhe oder andere Kleidungsstücke werden zur Begrüßung abgenommen, oder die Achtung vor einem Ankömmling gebietet, seinen Blick zu vermeiden und ihm den Rücken zuzuwenden. Viele Stämme betrachten es als unerzogen, einen Fremden auch nur anzureden, sie laden ihn mit Gesten zu einem Mahle ein und sprechen erst zu ihm, nachdem er sich ausgeruht hat. Als Stefansson einen Stamm des Mackenzie-Distrikts besuchte, kam die ganze Lokalgruppe zur Begrüßung herbei, und jeder Stammesangehörige trat einzeln aus der Menge hervor, um den Forscher mit den Worten zu begrüßen: „Ich heiße Soundso. Ich bin dir freundlich gesinnt. Ich habe kein Messer bei mir. Wie heißt du ?" Eine der weitestverbreiteten Grußformen ist das Reiben der Nasen zweier sich Begegnender, das oft auch als Zuneigungs- und Liebeszeichen üblich ist. Die Miskito von Honduras „küssen" ihre kleinen Kinder mit der Nase und nennen das „ihren Duft hören". Ein Forscher, der lange Zeit mit diesem Stamme lebte, fand, daß „bei ihnen unsere Art des Küssens verabscheut und als eine milde Abart von Kannibalismus angesehen wird."

Schon das kleinste Kind beobachtet natürlich alle diese Sitten und übernimmt sie ohne weitere Belehrungen. Wächst es dann heran, so genießt es während der ersten Jahre noch alle Vorrechte seines zarten Alters, denn die Jahre zwischen Geburt und Geschlechtsreife werden von vielen Naturvölkern als ein engelhafter Zustand der Verantwortungslosigkeit betrachtet. Ein Kind kann einfach kein Unrecht verüben, und seine Unarten werden schnell und gern vergeben. Bei vielen westafrikanischen Stämmen zum Beispiel wird die Kindheit nach den Worten Tessmanns „als ein Vorzustand der menschlichen Existenz angesehen, der dem der Raupe gleicht, aus der sich später der Schmetterling entwickelt". Da die Pangwe alle Menschen in zwei Gruppen einteilen, die „Guten" (bebin) und die „Schlechten" (bongus), zögern sie nicht, alle Kinder unter die bebin einzureihen. Derselbe Forscher berichtet, daß selbst zweiundzwanzigjährige junge Männer ihre Verletzungen der geltenden Sittengesetze mit der Ausrede „Wir sind doch noch Kinder" zu entschuldigen versuchten. Und Kinder sind eben „gut". Diese Vorstellung ist auch den Indianern vertraut, wie etwa das Auftreten der sogenannten Koyemci-Clowns während der heiligen Zuñi-Zeremonien beweist, die von erwachsenen Männern dargestellt, aber als „mythologische Kinder" betrachtet werden.

Wenn jedoch die goldene Zeit der ersten Kindheit ihrem Ende zugeht, so verlassen die Söhne den zärtlichen Umkreis der Mutter, um sich ihren Vätern zuzugesellen und von ihnen die Künste des Jagens, Fallenstellens, Fischens und Kriegführens zu erlernen. Die ihnen angeborene Verehrung ihrer Väter bringt sie schon frühe dazu, die von ihnen gehandhabten Waffen und Geräte in Miniaturausgaben zu begehren und sie in genau derselben Weise zu gebrauchen, wie die Erwachsenen es tun. Grashüpfer und Mäuse werden in winzigen Fallen gefangen, die genau den großen Fallen der Väter nachgebildet sind, und Fischereigeräte, Feldbaugeräte, Beutesäcke, Armbrüste, Trommeln und eine Unmenge anderer Miniaturgeräte dienen als ausgezeichnete Lehrmittel für die junge Generation. So kommt es, daß der heranwachsende Knabe unter der Aufsicht seines Vaters und seiner Freunde bald alle die technischen Fertigkeiten meistert, die zum Lebensunterhalt notwendig sind.

Dasselbe ist bei den Mädchen der Fall, die erst spielerisch, später aber vom Ehrgeiz getrieben, die Künste der Mütter erlernen, vom Mokassinmachen, Eichelsammeln, Spinnen und Weben bis zu den kosmetischen Geheimnissen der Selbstverschönerung. Es gibt keinen Stamm, bei dem die Eltern sich nicht fortwährend bemühten, die Kinder so früh wie möglich in alle materiellen und geistigen Wissensgebiete einzuführen und ihnen nicht nur Handwerk und Kunstgewerbe beizubringen, sondern sie vor allem auch die Ehrfurcht vor den Vorfahren zu lehren, die Kenntnis der Tier- und anderen Naturgeister und alle Grundlagen ihrer Tradition und ihres Glaubens.

So verlassen die Kinder denn allmählich den „engelsgleichen" Zustand der Unschuld und treten in das komplizierte Alter der Pubertät ein. Und genau wie in unserer Gesellschaftsform haben sie jetzt mit allerlei Problemen zu ringen, die sich in den Unarten und Unausgeglichenheiten äußern, für die ihr Alter so typisch ist. Ihre Spiele werden weniger unschuldig, und ihre Handlungen beginnen das ethische Niveau des Stammes widerzuspiegeln. Zuweilen werden sie dann außerordentlich scheu und zurückhaltend, oder aber sie ahmen die Handlungen der Erwachsenen in einem Alter nach, das harmlosere Vergnügungen kennen sollte.

Die Kinder vieler afrikanischer, melanesischer und anderer Stämme entwickeln sich besonders schnell, während andere es vorziehen, noch länger einen Zustand der Unschuld vorzutäuschen, der jedoch nicht mehr der ihre ist. Oft werden in diesem Alter die geheiligten Zeremonien der Erwachsenen in blasphemischer Weise nachgeahmt. Während zum Beispiel die Pangwe-Eltern die Schädel der Vorfahren in ehrfurchtsvoller Weise in hölzernen Tonnen verwahren, bauen sich ihre Kinder kleine Fäßchen aus Palmmark, in denen sie Affenschädel aufheben, mit deren Hilfe sie die geheiligten Schädeltänze nachahmen, die von den Eltern in Zeiten der Bedrängnis aufgeführt werden, um die Hilfe der Verstorbenen zu erflehen.

Auch die Erwachsenen nehmen den Kindern gegenüber nun langsam eine andere Haltung ein. Ihre Unarten werden nicht mehr allzu schnell vergeben, und man begegnet ihnen, solange sie noch nicht zum auserwählten Kreise der durch die Jugendweihen Gegangenen gehören, mit einer gewissen Ungeduld. Die Vorrechte der Kindheit werden ihnen entzogen, während sie jedoch noch nicht für voll genommen werden.

Dieser Zwischenzustand wird zuweilen von den Familien weidlich ausgenutzt, und den Halbwüchsigen werden unangenehme Pflichten übertragen. Die älteren Geschwister stellen sie zu allerlei Dienstleistungen an, und sie bleiben noch immer von den Vorrechten der Erwachsenen ausgeschlossen. So darf zum Beispiel kein noch nicht als Mann in den Stamm aufgenommener Euahlayi-Jüngling das Feuer anzünden, das als Ausdruck der männlichen Kraft betrachtet wird. Bei den Creek-Indianern mußten die heranwachsenden Knaben „die Pfeifen anzünden, Holz herbeitragen, den Schwarzen Trunk der Krieger zubereiten und alle schwere Arbeit auf dem Dorfplatz tun". Der alte Forscher Swan glaubte, daß knechtische Arbeit „ihren Ehrgeiz anstachelte, so daß sie alle Hindernisse mißachteten, um einen Skalp zu erwischen oder, wie sie es nennen, ,das Haar heimzubringen' " — eine Leistung, nach deren Vollbringung sie als Männer angesehen wurden.

Sobald die Jünglinge und Mädchen die Geschlechtsreife erreichen, nehmen die meisten Stämme dies zum offiziellen Anlaß, sie feierlich in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufzunehmen. Das Unterbleiben von Initiationszeremonien ist die Ausnahme, nicht die Regel. Aber selbst wo man derartige Feiern angeblich nicht kennt, wie (nach Turquetil) bei den Eskimo der Hudson's Bay und (nach Voegelin) bei den kalifornischen Tübatulabal, erfahren wir, daß z. B. die jungen Mädchen der kalifornischen Indianer „von ihren Müttern und Großmüttern regelmäßig in allen Frauendingen unterrichtet" wurden und daß die alten Männer des Stammes „den Jünglingen oft Vorträge über die Jagdsitten und das allgemeine Benehmen" hielten. Und von den Eskimo wird berichtet, daß die Tracht der Mädchen sich nach Erreichung der Geschlechtsreife änderte und daß sie nun Mützen trugen „wie die erwachsenen Frauen".

Ob nun ein offizielles Fest stattfindet oder nicht, soviel ist sicher: daß nämlich zur Zeit der Reife bei allen Stämmen eine regelrechte Unterweisung in den technischen Fertigkeiten der Erwachsenen und eine Einführung in die ethischen und religiösen Vorstellungen stattfindet und daß das junge Mädchen oder der junge Mann erst dann als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft angesehen werden, wenn sie das Handwerk, die Gebote und Verbote der Erwachsenen beherrschen. Wo aber eine „Konfirmation" oder Jugendweihe üblich ist, geht ihr stets eine genau umrissene Periode der systematischen Belehrung voraus, deren Lehrgegenstände vor allem körperliche Disziplin und eine Einführung in die mystischen Glaubensregeln sind. Diese Instruktionsperiode endet mit dem Ritus der Initiationszeremonie.

Über diese wichtige Feier, während der die jungen Menschen offiziell als Erwachsene in den Stamm aufgenommen werden, ist außerordentlich viel gesagt und geschrieben worden. Zu den besten Kennern dieses Gebiets gehört vor allem der Schweizer Forscher Felix Speiser, der die Annahme vertritt, daß der tiefste Sinn der primitiven Initiation eine Kommunion mit den wichtigsten Nahrungsmitteln des Stammes darstellt. Denn diese zum Lebensunterhalt unbedingt erforderlichen Pflanzen und Tiere werden von mystischen Gewalten überwacht, die ihre Gaben nur an jene austeilen, die durch die Initiationszeremonien ihrer würdig geworden sind. Als Kind wurde der nun Herangewachsene von seinen Eltern ernährt, und an der Schwelle des Erwachsenseins muß er die Gnade der mächtigen Fruchtbarkeitsdämonen erst erlangen, ehe sie ihm die lebensnotwendige Nahrung gewähren. Während der Ausbildungszeit zwischen Kindheit und Initiation darf der junge Mensch daher diese wichtigsten Nahrungsmittel nicht berühren, sie sind tabu für ihn.

Diese zauberischen Mächte nun, die Verwalter der nahrungspendenden Pflanzen und Tiere, sind in den ältesten Kulturen die Geister der Vorfahren — was zum Teil die zeremoniöse Ahnenverehrung erklärt, die von den Religionen so vieler Hochkulturen übernommen worden ist. Die Rolle der Ahnen wird in den Bodenbaukulturen von den Fruchtbarkeitsdämonen übernommen, obwohl die Vorfahren noch immer als Vermittler zwischen den Fruchtbarkeitsdämonen und den Sterblichen eine wichtige Rolle spielen. Die Ahnen sind es, die dem heranreifenden jungen Menschen dazu verhelfen, die Gnade der mächtigen Geister zu gewinnen, und die mit dem Erwachsensein verbundenen physischen Fähigkeiten werden von den Ahnen verliehen. Um den Zustand der Gnade zu erlangen, muß das Kind erst sterben, um als Erwachsener wiedergeboren zu werden — ein Wandel, der bei allen Initiationszeremonien symbolisch dargestellt wird. Aus diesem Gedankengang entwickelt sich logisch der Verlauf der der endgültigen Initiation vorangehenden Ausbildungsperiode: sie beginnt mit den Nahrungstabus, worauf das „Kind" von den Ahnengeistern geraubt wird, um eine strenge Ausbildungszeit durchzumachen, die in körperlicher Abschließung von den übrigen Stammesgenossen und genauester Belehrung durch als Geister maskierte ältere Männer besteht. Unter den Lehrfächern nimmt die Instruktion über die Nahrung und ihre Bereitung einen wichtigen Platz ein, der heranreifende Körper wird strengster Disziplin unterworfen, bis dann endlich die „Kommunion" unter der Leitung eines die Ahnenseelen repräsentierenden „Geistes" erfolgen kann. Nach vollendeter feierlicher Initiation endlich werden die Nahrungstabus aufgehoben, und der Kandidat wird von den erwachsenen Männern als ihresgleichen anerkannt.

Aber nicht nur die Knaben haben sich derartigen Zeremonien zu unterwerfen. Besonders in den ältesten Kulturen, wo die (von den Männern ausgeübte) Jagd die gleiche Wichtigkeit für das Stammesleben hat wie das (von den Frauen besorgte) Einsammeln der wilden Pflanzen, müssen sich beide Geschlechter während der Pubertätszeit derartigen getrennt vorgenommenen Ausbildungsperioden unterziehen. In den Bodenbaukulturen, wo die Bedeutung der angebauten Pflanzen die der Jagdtiere bei weitem überragt, stellen oft die Initiationsriten der Mädchen die der Knaben in den Schatten.

Bei der Ausbildung der Knaben müssen die jungen Leute vor allem den Beweis liefern, daß sie im vollen Besitz der von einem Manne erwarteten Körperkräfte sind. Individuelle Mutproben aller Art werden abgelegt und der symbolische „Tod" des Kindes vor seiner Wiedergeburt als Erwachsener nimmt oft die Formen eines regelrechten Märtyrertums an. Die lange Ausbildungszeit der physischen und geistigen Ausbildung wird an einem abgelegenen Platze in der Wildnis fern von der Behaglichkeit des Heims und fern auch von dem anderen Geschlecht verbracht. Unter der Leitung der alten Männer, die die Rolle der Geister übernehmen, müssen sich die Jünglinge einem außerordentlich strengen Training unterwerfen. Der Höhepunkt der Ausbildungszeit wird mit der Enthüllung der geheiligten Ursprungsmythe des Stammes erreicht, deren Geheimnisse den Frauen niemals offenbart werden. Nach Erlangung dieses Wissens sind die jungen Leute bereit für die heilige Kommunion.

Für die Ablegung dieses Examens ist kein besonderes Alter vorgeschrieben. Die Kandidaten können neun oder zehn, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein. Zuweilen müssen sie warten, bis eine genügend große Gruppe von Schülern zur Ausbildung zusammengestellt werden kann. In anderen Fällen beschleunigen oder verzögern andere Faktoren wie Klima oder Nahrungsverhältnisse die Initiation.

Wie finden diese Zeremonien nun wirklich statt? Da sie zu den geheiligtsten Äußerungen des Stammeslebens gehören und in absoluter Verschwiegenheit abgehalten werden, ist es außerordentlich schwer, den genauen Verlauf der Ausbildungszeit und der „Kommunion" zu erfahren. Die Riten sind jedem Fremdling so gut wie völlig unzugänglich, was ihre Aufzeichnung durch besuchende Forscher fast zu einer Unmöglichkeit macht. Daher können die Geheimnisse der Initiationsriten uns nur von solchen Forschern enthüllt werden, die jahrelang mit dem betreffenden Stamm zusammengelebt haben und außerdem über die nötige ethnologische Vorbildung verfügen, also etwa Gelehrte wie der Engländer Howitt, der sich von den australischen Kurnai in ihren Stamm aufnehmen ließ und die Initiationsriten selbst durchmachte, oder Pater Gusinde, der das gleiche unter den feuerländischen Selk'nam im äußersten Südzipfel des südamerikanischen Kontinents erlebte. Besonders die Erlebnisse Gusindes bei den Selk'nam liefern außerordentlich interessantes Material über das Wesen der primitiven Initiation.

Erst nach langen Beratungen entledigen sich die alten Männer des Stammes der „schweren Verpflichtung", das Datum für die Prüfungszeit anzusetzen, während deren die jungen Kandidaten in die innersten Geheimnisse des Stammes eingeweiht werden sollen, ehe ihnen die Vorrechte des Erwachsenseins eingeräumt werden. Auch hier wird keine Altersgrenze gesetzt, aber nur solche Kandidaten werden zugelassen, die die notwendige geistige und körperliche Reife besitzen, die sich in zurückhaltendem Benehmen gegenüber dem weiblichen Geschlecht, Willensstärke und vor allem in der Fähigkeit ausdrückt, ein anvertrautes Geheimnis unverbrüchlich zu bewahren. Gusinde berichtet die Worte der alten Männer: „Wir beobachten den Burschen, ob er schweigen kann, ob er sich schon getrennt hat vom Spiel der kleinen Kinder, ob er bereits in seine späteren Arbeiten eingeführt ist. Genügt er unseren Anforderungen nicht, dann lassen wir ihn warten bis zum nächsten Fest!" Ist das Resultat dieser Beobachtungen ein günstiges, so wird der Jüngling als Klóketen oder Kandidat angenommen. Sobald eine Gruppe zu belehrender Knaben zusammengekommen ist, wird ein Lehrer für sie bestimmt, meist ist er der Vater des ältesten Teilnehmers. Die alten Männer suchen nun den zur „Schule" geeigneten Ort aus, der in völliger Einsamkeit, am besten an den Ausläufern eines Waldes, und durch eine breite Pampa vom Stammlager getrennt Hegt, jedoch nahe dem Strande, so daß genügend Guanakos und Wildgänse gejagt werden können, um die Ernährung der Schüler sicherzustellen. Die jungen Leute verabschieden sich hierauf von ihren Familien, wobei die Frauen laut weinen und klagen. Die Körper der Klóketen werden mit roter Farbe angestrichen, und „zitternd vor Angst" folgen sie ihrem Lehrer zur ha'in , der „großen Hütte" oder dem Schulhaus.

Kaum sind sie angelangt, so erscheint ein ihnen bereits seit ihrer Kinderzeit bekannter maskierter „Geist", der unheimliche So'órte, der jeden einzelnen Klóketen zu einem Ringkampf herausfordert. Wenn der Schüler vor Erschöpfung, den Angstschweiß auf der Stirn, endlich kampfunfähig geworden ist, wird er von den versammelten Männern aufgefordert, mit seinen eigenen Händen So'órtes Maske von dessen Kopfe abzuheben. Sowie er das getan hat, erkennt er zu seinem maßlosen Erstaunen das Gesicht eines seiner Stammesgenossen, der den „Geist" darzustellen pflegt. Unter Androhung der Todesstrafe im Falle des Vertrauensbruches wird ihm mitgeteilt, daß So'órte, dessen furchteinflößende Gestalt Frauen und Kinder in Schrecken zu halten pflegt, ein Sterblicher ist wie er selbst.

Die Routine des täglichen Unterrichts ist außerordentlich streng. Sogar die in der heiligen Lehrhütte einzunehmende Körperhaltung ist genau vorgeschrieben. Der Kandidat darf weder sprechen noch lachen, sein Blick muß auf den Erdboden gerichtet sein. Seine Ernährung wird auf ein Minimum beschränkt, und er darf sich nur für wenige Stunden des Schlafes erfreuen. Tage und Nächte werden, stets unter der Anführung eines älteren Mannes, mit langen Ausflügen in die Wälder und auf die Berge verbracht. Um die Handhabung von Pfeil und Bogen zu meistern, muß der Klóketen regelmäßige Schießübungen nach gegebenem Ziel vornehmen, und wenn er endlich ermüdet in die „große Hütte" zurückkehrt, muß er in der vorgeschriebenen strammen Körperhaltung den langen Lehrvorträgen über Benehmen, Moral und Stammesgeschichte zuhören. Diese „Vorlesungen" behandeln vor allem die folgenden Gegenstände: „Arbeitsamkeit, Pflichttreue, Respekt vor älteren Personen, Gehorsam den Eltern und Verwandten gegenüber, Altruismus und Hilfsbereitschaft, Verträglichkeit und eheliche Treue" mit dem Ziel, „ganze Männer und treue Hüter der Stammestradition" heranzubilden. Nachdem die geistige Grundlage gelegt worden ist, wird der Kandidat in die mythologischen Geheimnisse des Stammes eingeweiht. Er erfährt, daß nicht nur So'órte, sondern alle „Geister", die von den Frauen und Kindern als übernatürliche Wesen betrachtet und respektiert werden, nur maskierte Männer sind, die ihre Körper rot, weiß und schwarz bemalen und Masken auf dem Kopfe tragen. Die mächtigsten unter diesen „Geistern" sind Xálpen (zur Verwirrung der Frauen als „weiblich" auftretend) und ihr „Ehemann" So'órte.

Es kann Monate dauern, bis der Höhepunkt des Unterrichtskursus erreicht wird: die Enthüllung der Ursprungsmythe, des heiligsten Geheimnisses des Selk'nam-Stammes, die von den alten Männern erzählt wird und mit den Worten beginnt: „In alter Zeit gab es schon viele Menschen auf der Isla Grande. Damals wandelten Sonne und Mond, Sterne und Winde, Gebirge und Flüsse hier noch ebenso als Menschen, wie wir es heute sind ..." Nach dieser Mythe besaßen früher die Frauen die Vorherrschaft im Stamme, sie betrogen jedoch die Männer, die sich gegen sie erhoben. Im Verlauf dieses Auf Standes nahmen Tiere, Sonne, Mond und die anderen Naturgewalten ihre heutige Gestalt an und flohen zu ihren heutigen Aufenthaltsorten. Die Männer faßten daraufhin den Entschluß, zu ihrer eigenen zukünftigen Sicherung die Legende der maskierten Geister zu erfinden, die von jener Zeit an von den Männern selbst dargestellt wurden. Der Verräter dieses Geheimnisses wird auf der Stelle getötet — aber dies ist niemals notwendig gewesen, denn durch die Jahrhunderte hindurch haben die Männer des Selk'nam-Stammes ihr Geheimnis zu hüten gewußt, und sie hüten es noch heute, wenn sie während der letzten Tage der Ausbildungsperiode im Mondlicht langsam und feierlich aus der „großen Hütte" in die Pampa hinauswandern, um den Frauen Ehrfurcht einzuflösen und in der Begleitung der neuen Hüter des Geheimnisses, der früheren Klóketen, in die ha' in zurückkehren.

Wenn wir bedenken, daß die Selk'nam zu den primitivsten Sammlern und Jägern gehören, so mögen wir wohl über ihren tiefen Ernst und ihre erzieherische Betonung ethischer Werte erstaunt sein. Verglichen etwa mit unserer „enzyklopädischen" Schulbildung und unserer weit geringeren Betonung moralischer Tugenden erscheint diese Erziehungsform alles andere als „wild". Die von Howitt bei einem australischen Sammler- und Jägerstamm beobachteten Schulungsmethoden sind ebenso eindrucksvoll.

Bei allen Stämmen, die Initiationszeremonien abhalten, wird die Enthüllung der heiligen Ursprungsmythe des Stammes als Höhepunkt der Schulungsperiode angesehen. So lernen zum Beispiel auch die Zuñi-Indianer auf diese Weise die „wahre" Geschichte ihrer geheiligten Beziehungen zu den Katcina-Masken, die während ihrer alljährlichen Fruchtbarkeitsfeste ihren feierlichen Umzug halten. Diese „göttlichen" Maskenkostüme werden von Generation zu Generation weitervererbt.

So nehmen denn viele mystische Phänomene, die wir als Fabeln oder Sagen anzusehen gewohnt sind, wie vor allem die Geschichten von den heiligen Masken, im Denken der Naturvölker die Stelle ein, die bei uns Religion, Geschichte und Ethik ersetzen. Diese Mythen sind für die Naturvölker genau so „wahr" wie für uns die Berichte etwa über Karl den Großen oder die Französische Revolution. In der Tat ist ihr Einfluß auf das gesamte Geistesleben weit größer; denn die Geister der Vergangenheit, die Ahnenseelen und zauberischen Naturmächte wirken ja noch unaufhörlich auf das Leben der gegenwärtigen Generation ein. Werden sie frivol herausgefordert, so nehmen sie unerbittlich Rache, aber sie überhäufen die sie respektvoll Verehrenden mit ihren Segnungen. Sie leben — was wir selbst von den prominentesten Würdenträgern unserer vergangenen Geschichte nicht sagen können. Schon aus diesem Grunde ist der ihnen gewidmete Kultus von größter Wichtigkeit für jeden einzelnen Stammesangehörigen. Die Tatsache, daß die geheiligten Masken dieser Geister von Sterblichen getragen werden, beeinträchtigt ihre göttlichen Eigenschaften in keiner Weise.

Das Tod- und Auferstehungsmotiv der Initiationsriten wird bei manchen Völkern in extremster Form betont. Oft werden die Kandidaten während der Zeit ihrer zurückgezogenen Ausbildungsperiode von Kopf bis Fuß mit weißer Farbe bemalt, um anzudeuten, daß sie während dieser Zwischenzeit nicht zu den Lebenden gehören (ihre Kindheit ist tot) und daß sie vor ihrer Kommunion mit den Fruchtbarkeitsdämonen keine Menschen, sondern geisterartige Wesen sind. Ehe sie jedoch ihre Reifeprüfung ablegen, wird nicht nur ihr Denken durch außerordentliche Enthüllungen erregt, auch ihr Körper hat zuweilen regelrechte Folterungen zu ertragen.

Besonders grausam sind in dieser Hinsicht etwa die alljährlichen Initiationsriten der Mandan-Indianer, die früher durch die Sitte des sogenannten pohk-hong oder „Hakenschwingens" gekennzeichnet waren. Die Haut der Kandidaten wurde an verschiedenen Stellen eingeschnitten, um die Einführung von Fleischhaken zu gestatten, die durch einen dem Jüngling unbekannt bleibenden Maskierten vorgenommen wurde. Der Forscher MacLeod hat diese Sitte in folgender Weise beschrieben: „Das heilige Haus der Mandan ruht auf vier Pfählen. Die in der Haut der Opfer befestigten Fleischhaken werden mit Tauen verbunden, an denen sie an einem der vier Pfähle frei in der Luft hängend emporgezogen werden. Der Jüngling ist nackt, trägt aber seinen Medizinbeutel in der Hand. Sein Schild baumelt an einem der in seiner Haut verankerten Fleischhaken. Sobald er zur Spitze des Mastes heraufgezogen worden ist, wird er von einem Gehilfen oben frei im Kreise schwebend um den Mast herumbewegt, wobei er in Ohnmacht fällt. Sobald er bewußtlos geworden ist, rufen die Anwesenden: ,Tot!', und er wird wieder herabgelassen und auf den Fußboden gebettet. Es ist verboten, einem ohnmächtigen Hakenschwinger irgendwelche Hilfe zu leisten. Man läßt ihn außerhalb des heiligen Hauses auf der Stelle liegen, wo er niedergefallen ist, bis er entweder stirbt (was aber nur sehr selten geschieht) oder von selbst wieder zu sich kommt. Die an der Veranstaltung Teilnehmenden glauben, daß der Große Geist ihn entweder ,nimmt' (d. h. sterben läßt) oder daß er ihn zu einem neuen Leben erweckt."

Nachdem der Kandidat diese Martern zu Ehren des Großen Geistes auf sich genommen hat, opfert er ihm außerdem noch den kleinen Finger seiner linken Hand.

Fast ebenso grausam sind die von Tessmann berichteten Torturen, denen der junge Pangwe unterzogen wird. Zweihundert Nester einer besonders bösartigen Ameisenart werden in das „heilige Haus" gebracht, und außer ihren Stichen hat der Kandidat auch die Berührung gewisser giftiger Schoten zu erdulden, die Blasen auf der Haut erzeugen, wozu die Worte „Wir töten dich!" ausgerufen werden. Ehe die Kandidaten ihre Periode der Abgeschlossenheit beginnen, werden ihre nackten Körper mit der weißen Todesfarbe bemalt. Ihre Geschlechtsorgane werden mit federgeschmückten Hüllen bedeckt, und sie tragen ein besonders für diesen Zweck gebrauchtes Xylophon mit sich herum, dessen Töne alle Stammesgenossen aus ihrer Nähe verjagen. Wenn sie dann endlich als Männer anerkannt in den Stamm aufgenommen werden, kehren sie mit der roten Lebens- und Freudenfarbe bemalt zu den Ihren zurück.

Im Ausdenken derartiger Foltermethoden zur Disziplinierung der Initiationskandidaten ist die Phantasie der Naturvölker geradezu unerschöpflich. So werden bei den Nuern des Nilgebiets die Stirnen der jungen Leute quer aufgeschlitzt; die Nor-Papua von Neuguinea durchstechen ihre Membra mit scharfen Gräsern und schlagen die Jünglinge mit Dornenruten, und die außerordentlich weitverbreitete Sitte der Beschneidung oder Einschneidung während der Initiationsperiode, die von verschiedenen Gelehrten als „symbolische Kastration" bezeichnet wird, bedeutet im Grunde nichts anderes als eine andere Form eines symbolischen Todes.

Nachdem der junge Mann diese schweren Prüfungen abgelegt hat, fühlt er sich in der Tat als ein neuer Mensch. Das durchgemachte lange Fasten, die erhaltenen Belehrungen, die Zertrümmerung der Vorstellungen seiner Kindheit durch die Enthüllungen der mystischen Stammesgeheimnisse, dazu das Gefühl, die Torturen der Initiation überlebt zu haben, verleihen ihm einen Stolz auf seine Manneswürde, der ihn während seines gesamten künftigen Lebens nicht mehr verläßt. In diesem Stolze erzieht er nun seine eigenen Söhne und tut sein Bestes, auch ihnen die notwendige Schulung zukommen zu lassen, um sie auf das größte Ereignis ihres Lebens vorzubereiten: ihre Initiation.

Wie diese Tatsachen zeigen, kann man bei den Naturvölkern kaum von einer „co-education" oder gemeinsamen Erziehung beider Geschlechter reden. Die strenge Disziplin der auferlegten Mutproben, die völlige Verschiedenheit der den Knaben und Mädchen gebotenen Lehrfächer, die strengen Regeln des Geschlechtsverkehrs, vor allem aber die magische Bedeutung der „Vorlesungen" der Dschungel„universitäten" scheiden eine etwaige Teilnahme beider Geschlechter an den Unterrichtskursen von vornherein aus. Den Mädchen sowohl wie den jungen Männern werden während dieser Zeit Geheimnisse anvertraut, die für das ganze Leben bindend sind und auf deren striktester Einhaltung das gesamte Geistesleben des Stammes beruht, und diese Geheimnisse erfordern völlige Isolierung der Geschlechter, vor allem während der den Körper und die Seele formenden Initiationsriten.

Da die Geschlechtsreife der Mädchen sich durch einen genau definierbaren physischen Vorgang kundgibt, wird die erste Menstruation bei vielen Stämmen als Ausdruck erlangten Erwachsenseins angesehen. Auf der ganzen Welt ist die Sitte verbreitet, sowohl Mädchen wie Frauen allmonatlich während ihrer Periode in kleinen isolierten Hütten vom übrigen Stamme abzuschließen, wo sie in völliger Einsamkeit zu leben haben. Sie essen während dieser Zeit von besonderen Tellern und benutzen besondere Geräte und Werkzeuge (die oft nach Gebrauch verbrannt werden) und kehren dann nach einem Reinigungsbad in frischen Kleidern zu ihrem Stamme zurück. Auch diese Sitte kann als eine symbolische Reihe von „Toden" und Auferstehungen interpretiert werden, die während der Jahre der Geschlechtsreife ununterbrochen fortgesetzt wird. Während der Menstruation ist eine völlige Isolierung vom männlichen Geschlecht obligatorisch, und eine Übertretung dieses Gesetzes würde Krankheit oder Tod des Rechtsverletzers oder sogar des ganzen Stammes zur Folge haben.

Die Erlangung der Geschlechtsreife wird als ein freudiges Ereignis angesehen und besonders in Afrika mit Gesang und Tanz gefeiert. So schildert etwa Breitkopf ein derartiges Fest der Kpando von Togo, bei denen zu Ehren eines Mädchens namens Dzodzeafefoe das folgende Lied gesungen wurde:

Frisches Gemüse! Frisches Gemüse! Dzodzeafefoe feiert ihre Pubertät. Ich ging hin, sie zu sehen. Sowohl ihr Vater wie ihre Mutter sind reich. Sie haben ihr zu Ehren Huhn und Okrobrei gekocht."

In Neuguinea wird ein Mädchen anläßlich ihrer ersten Menstruation mit Geschenken, wie einem neuen Hüfttuch, Armbändern und aus kostbaren Hundezähnen hergestellten Halsketten, überhäuft. Ehe sie jedoch diese Gaben erhält, muß sie einen komplizierten Ausbildungskursus durchmachen, der sich vor allem mit der Erlernung der häuslichen Fertigkeiten und der Stammesgeschichte befaßt. Am Schluß dieser Instruktionsperiode werden ihr die heiligen Halbmondsymbole in die Brüste eingeschnitten, und sie muß sich zur Lagune begeben, wo alle Kandidatinnen sich im niedrigen Wasser hinlegen und die alten Frauen über ihre ausgestreckten Körper marschieren.

Der theoretische Unterricht dauert oft länger als einen Monat. Bei den Mbayá-Indianern von Paraguay wird er von der Mutter erteilt. Auch die nordamerikanischen Indianer betrachten die Pubertät der Mädchen als einen wichtigen Lebensabschnitt. Bei den Apachen zum Beispiel sind die Initiationszeremonien der Mädchen weit komplizierter als die der Knaben. Die Kandidatin wird von ihren Stammesschwestern umhergejagt, geschlagen und einem strengen Examen unterworfen, worauf sie dann bei Trommelklang auf einer neuen Schlafdecke tanzen muß, während sie von Spaßmachern und maskierten Dämonen verfolgt wird.

Mit dem wachsenden Einfluß des weiblichen Geschlechts in den sogenannten mutterrechtlichen Bodenbaukulturen nimmt die Feier der erreichten Geschlechtsreife bei den Mädchen immer wichtigere Formen an. Besonders in Westafrika werden außerordentlich verwickelte Feiern zur Verherrlichung der Pubertät der Mädchen abgehalten. Aus der in den älteren Kulturen üblichen zeitweiligen Abschließung der Kandidatin während ihrer Ausbildungszeit entwickelt sich die dauernde Verbundenheit innerhalb der Geheimgesellschaften der Frauen, die zuweilen sogar das Recht in ihre eigene Hand nehmen und die männliche Bevölkerung des Gebiets in Angst und Schrecken halten. Je größer die Macht dieser Organisationen, um so strenger sind die Vorschriften der der endgültigen Aufnahme vorangehenden Initiationen.

In den Jevhe-Pensionaten der Gold- und Sklavenküste muß die Novizin zuerst ihr gesamtes Körperhaar abrasieren. Sie nimmt ein kaltes Bad, worauf sie mit „heiligem" öl gesalbt wird. Die früheren Kleidungsstücke werden abgelegt und durch ein weißes Baumwollgewand ersetzt, das sie von der Oberpriesterin erhält. Als ein weiteres Zeichen des „Todes" ihres früheren Wesens erhält sie einen neuen Namen (die Benutzung des alten wird mit strengen Strafen geahndet). Sogar eine neue Sprache, das Agbuigbe, einen Geheimjargon aller Mitglieder, muß sie erlernen und außerdem völlig neue Verhaltungsmaßregeln befolgen. Begegnet ihr eine Vorgesetzte, so muß sie auf die Kniee niederfallen und in einem seltsamen Rhythmus in die Hände klatschen. Die älteren Frauen erteilen ihr tägliche Gesangsstunden, außerdem erlernt sie die Künste des Spinnens, des Korb- und Mattenflechtens und viele andere Fertigkeiten, bis sie endlich den Reifegrad erreicht hat, die Zusammensetzung der geheimen Gifte zu erfahren. Der Zweck dieser Erziehung ist das Bestreben, „alle natürlichen Gefühle des Mädchens abzutöten". Erst nachdem sie den höchsten Grad der Selbstbeherrschung erreicht hat, darf sie für kurze Zeit die Schule verlassen, um den Haushalt der Jevhe mit Wasser und Feuerholz zu versorgen. Begegnet sie bei diesen Ausgängen zufällig etwa einem Mitglied ihrer Familie, so hat sie dieses als einen vollkommen Fremden zu behandeln.

Diese Umwandlung ihres Charakters wird mit Hilfe von Drohungen und strengen Strafen erzielt. Hat sie in den Augen der höchsten Jevhe-Würdenträgerinnen endlich den obersten Reifegrad erreicht, so darf sie die Geheimgesellschaft verlassen und als neuer Mensch zu ihrer Familie zurückkehren. Ihre Entlassung steht im Mittelpunkt einer dede le Jewe me (Entlassung aus dem Jevhe) oder dede ami me (Entlassung aus dem heiligen öl) genannten Feier und wird von einer Priesterin vollzogen, die sie mit dem Blut eines frisch getöteten Huhnes besprengt und sie mit bunten Federn und Blumen geschmückt zu ihren Eltern zurückschickt. Zu Hause wird sie mit der größten Freude aufgenommen. Aber noch vier volle Monate lang darf sie ihre Muttersprache nicht gebrauchen und muß sich in der Agbuigbe-Geheimsprache ausdrücken.

Obwohl ihr Aufenthalt in den „Pensionat" der Geheimgesellschaft nur vorübergehend ist, so übt doch die Tatsache, daß sie durch ihre Ausbildung zu den „Erleuchteten" gehört, einen starken Einfluß auf ihr ganzes zukünftiges Leben aus. Dieser Einfluß kann so bedeutend werden, daß sie den Entschluß faßt, sich der Geheimgesellschaft für immer zu verbinden. Ist das der Fall, so kehrt sie zu den Jevheschwestern zurück und hat eine Reihe weiterer Prüfungen abzulegen, auf Grund deren sie zu einer einflußreichen Stellung innerhalb der Gruppe gelangen kann. Selbst wenn sie dann den Geheimbund verläßt, um zu heiraten, kann sie jederzeit seine Autorität anrufen, damit dieser ihr, etwa im Falle ehelicher Streitigkeiten, rechtlich beisteht. Im Hause der Jevhe findet sie jederzeit Schutz und Asyl, die Priesterinnen ergreifen in allen Streitfällen ihre Partei und können den Ehemann der beleidigten Schwester, der ihre Rückkehr erfleht, zur Erlegung eines erheblichen Lösegelds zwingen.

Diese Geheimschulen der Frauen also werden nicht nur zum Zwecke der Initiation vorübergehend gegründet und wieder aufgelöst, wie es in den älteren Kulturen der Fall war, sie bestanden und fahren fort, zu bestehen, längst nachdem der Ausbildungskursus abgeschlossen ist. Durch die den Schülerinnen auch nach ihrer Entlassung gewährte Protektion tragen sie in hohem Maße dazu bei, die Stellung der Frauen innerhalb der Familie und in der Gemeinschaft zu erhöhen und einflußreich zu machen. In Afrika gibt es Hunderte solcher Frauengeheimbünde, wie etwa die Niengo-Gesellschaft Südkameruns (das Wort bedeutet „Wassernymphe"), die Lesimu-Gesellschaft der Bakoko und die Sandi-Gesellschaft der Vey. Bei Amtshandlungen sind die Mitglieder dazu berechtigt, ihre Identität unter einer charakteristischen schwarzen Holzmaske mit typisch arrangierter geschnitzter Holzfrisur zu verbergen. Um die „übernatürlichen Kräfte" der Trägerin zu betonen, wird diese Maske durch bestimmte kosmetische Künste und ein phantastisches Kostüm ergänzt.

Der Bundu von Mendiland (Nigerien) gehört zu den bekanntesten derartigen Frauengeheimbünden; seine Mitglieder nehmen drei Rangstufen ein: die der Novizin oder dienenden digba, die auch als Gehilfin bei den religiösen Zeremonien mitwirkt; ihr übergeordnet ist die normeh oder Bunduteufelin, die die Befehle der höchsten Gebieterin, der soweh, ausführt. Während die digba nur eine mehr oder weniger untergeordnete Stellung einnimmt, üben die höheren Würdenträgerinnen die Macht eines regelrechten Femegerichtshofes aus. Alle persönlichen Erkennungszeichen verschwinden unter den panzerartigen schwarzen Maskengewändern. Hände und Gesichter sind mit weißer Schminke überdeckt, und die geschnitzte schwarze Maske verbirgt den ganzen Kopf. Diese Frauen haben die Macht, jeden in ihr geheiligtes Gebiet eindringenden Mann zu maßregeln und sogar zu töten. Verstummt und vor Schreck erstarrt, steht er vor der „magischen" Person der soweh. Sollte er sich dennoch weigern, die geforderte Abfindungssumme zu zahlen, so kann er entweder außerhalb des Stammes als Sklave verkauft werden, oder das schweigend auf ihn gerichtete Zepter der soweh verurteilt ihn zu sofortigem Tode.

Selbst wenn die digba ihr Examen abgelegt hat und zu den Ihren zurückgekehrt ist, wirken die in der Bundugesellschaft gemachten Erfahrungen weiter in ihr fort und tragen zu einer außerordentlichen Machtstellung der Frauen innerhalb der Gesellschaft bei. Um sich vor dem durchaus nicht „schwachen Geschlecht" zu schützen, haben die Männer nun eine Abwehrmaßnahme ergriffen und schließen sich ihrerseits ebenfalls zu Geheimgesellschaften zusammen, in denen die jungen Leute die gehörige Ausbildung erhalten, um sich vor den Bedrohungen der Frauen zu schützen. Diese Geheimgesellschaften der Männer sind regelrechte Klubs, in denen jedes Mitglied stets willkommen ist.

Erst in den differenzierten Organisationen der Hochkulturen vermindert sich dann der Einfluß dieser Klubs, Pensionate und Dschungel„universitäten". Der Staat übernimmt die Exekutivgewalt, während die Priester die Erziehung der jungen Männer und Mädchen vor allem auf das Gebiet der Religion beschränken. Der komplexe Charakter der Geheimgesellschaften verliert sich, und die einzelnen Elemente, die die Macht der Bünde ausmachten, verteilen sich auf die verschiedensten Sondergebiete. Als heutige Überbleibsel der Geheimgesellschaften sind die Studentenverbindungen, Vereine und die zahllosen über die ganze zivilisierte Welt verbreiteten Klubs und Ligen zu nennen.

Die Erziehungsinstitute der alten Hochkulturen sind von den unseren kaum verschieden, obwohl die Vielfalt der gelehrten Fächer, die enge Verbundenheit zur jeweiligen Religion und die geübte strenge Disziplin eine weit umfassendere Bildung vermittelten, als dies heutzutage noch der Fall sein kann. Da etwa bei den Inkas, den Azteken und Ägyptern Bildung ein Vorrecht nur der höchsten Klassen und Kasten war, konnte sie ein außerordentlich hohes Niveau erreichen. Dies gilt auch für die religiösen „Universitäten" des Islam, des Buddhismus und des Lamaismus. Das moderne kapitalistische Bestreben, sofort nach abgelegtem Examen so schnell und so viel Geld wie möglich zu verdienen, spielte bei den auserwählten Gruppen der Reichen, die sich eine höhere Bildung leisten konnten, keine Rolle. Außerdem trugen sie Sorge, den Rest des Volkes in völliger Unwissenheit dahinleben zu lassen. Nach Höltker wurden zur Zeit Itzcouatls, des vierten Königs von Mexiko, der von 1427 bis 1440 regierte, eine große Menge heiliger Codices öffentlich verbrannt, weil „zu viele Exemplare" existierten und er es als gefährlich ansah, wenn etwa „zu viele Leute, besonders die Leibeigenen" die „Kenntnis des Schwarzen und des Roten" (der schwarzen und roten Handschriften der Codices) erwürben.

So war die Kenntnis des geschriebenen Wortes und die Erfindung der Schrift wohl eine Bereicherung der Wenigen, die die herrschende Klasse ausmachten, sie bedeutete aber durchaus keinen Segen für das gesamte Volk. In den Jahrhunderten vor der Erfindung der Buchdruckerkunst waren Wissen und Bildung das eifersüchtig gehütete Privileg einer kleinen Gruppe, deren Mitglieder verächtlich auf die sie an Zahl weit übertreffenden Ignoranten herabsahen und sie mit großer Vorsicht von der Weisheit fernhielten, die auf bewachten Steintafeln, auf Papyri oder auf denköstlich illustrierten mittelalterlichen Pergamenten niedergelegt war. Das geheime Tibetanische Totenbuch enthält die typische Empfehlung, die in ihm enthüllten Mysterien dem Volke vorzuenthalten, denn: „Was kann schon von gemeinen Menschen Gutes kommen?"

Diese Geisteshaltung steht in striktestem Gegensatz zu dem Ideal des „gleichen Starts" der vollkommen demokratischen Lehrmethoden der Naturvölker. Das Wissen eines Mannes ist bei ihnen das Wissen aller, und die Weisheit der Gemeinschaft steht jedem Stammesmitglied zur Verfügung. Diese ideale Einstellung wurde durch die Herausbildung von Klassen und Kasten in der Hochkultur zerstört. Erziehung und Bildung wurden zum Vorrecht der Reichen. Die ungeteilte Macht der öffentlichen Meinung wurde zersplittert, und jede Klasse oder Kaste besaß nun ihr eigenes Bildungsniveau, ihre eigenen Regeln des Benehmens und der Etikette. Die heranwachsenden jungen Menschen wurden von früh an auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Klassen aufmerksam gemacht und nicht länger dazu angehalten, sich einem allgemeingültigen, durch die Tradition geheiligten Verhaltens- und Wissensideal anzugleichen.

Durch diese soziale Ungerechtigkeit der Erziehungsmethoden der Hochkulturen, die die Gebildeten auf eine kleine Gruppe beschränkte, der die Majorität der unwissenden Masse gegenüberstand, konnte das Wissensniveau dieser kleinen verhätschelten Gruppe eine außerordentliche Höhe erreichen. Manuelle Arbeit war nicht zu leisten, und in dem mit Dienstpersonal reich versehenen Haus konnte die Familie zur hochstehenden kulturellen Einheit werden. Die Eltern waren in der Lage, ihre Kinder in hervorragender Weise auf die später innerhalb der Gesellschaft einzunehmenden führenden Stellungen vorzubereiten.

Das bedeutet nun durchaus nicht, daß etwa die Erziehungsmethoden dieser Kreise zu einer Verweichlichung der jungen Leute führten. Im Gegenteil, als Überbleibsel der uralten grausamen Initiationsriten spielten Körperstrafen und eine die Abtötung des Fleisches anstrebende eiserne Disziplin eine wichtige Rolle. Zu Ehren der Götter durchbohrten Eltern und Kinder ihre Zungen mit Dornen, schnitten sich die Ohren ein und unterwarfen sich den verschiedensten Äußerungen der Selbsttortur, wie denn auch das aztekische Wort für Mitternacht, netetequitpan, „die Zeit, wo man sich kasteit", bedeutet. Bei den Azteken wurde die Lüge als die größte Sünde angesehen. Die Lippen eines unaufrichtigen Kindes wurden mit Dornen durchbohrt, ungezogene Knaben wurden mit Nesseln gepeitscht, und die Füße kleiner Mädchen, die sich allzu oft außerhalb des Hauses aufhielten, wurden gefesselt. Die ethischen Lehren, die die Eltern ihren Kindern erteilten, zeigen eine bemerkenswerte moralische Höhe und sind in der Tat den unseren bedeutend überlegen. So gehörten zum Beispiel die folgenden uns von Höltker nach Clavigero überlieferten Ermahnungen der mexikanischen Väter an ihre Söhne zum eisernen Bestand einer guten Erziehung:

Ehre alle jene, die älter sind als du und verachte keinen. Gegen Arme und Unglückliche sei nicht stumm, sondern tröste sie. Ehre alle Leute, besonders aber deine Eltern, denen du Gehorsam, Achtung und Dienstwilligkeit schuldig bist. Folge nicht dem Beispiele der gottlosen Kinder, die wie das unvernünftige Vieh ihre Eltern nicht verehren, noch auf ihren Unterricht hören, noch ihren Mahnungen und Strafen Folge leisten ... Spotte nicht, mein Sohn, über alte und krüppelhafte Menschen. Verachte den nicht, der eine Torheit oder einen Fehler begeht Mache ihm darüber keine Vorwürfe. Hüte dich vielmehr, daß du nicht selbst in den Fehler fällst, den du bei anderen nicht leiden kannst. Geh nicht dahin, wo du nicht verlangt wirst und menge dich nicht in das, was dich nichts angeht. Suche deine gute Erziehung in allen Worten und Handlungen auch nach außen zu zeigen ... Iß bei Tisch nicht zu begierig; laß nicht merken, wenn dir etwas nicht mundet... Wenn sie dir etwas geben, so nimm es mit Dankbarkeit an. Ist das Geschenk groß, so werde nicht eitel darüber; ist es klein, verachte es nicht. Wirst du reich, werde nicht übermütig. Nähre dich durch deine eigene Arbeit; die Speise wird dir dann besser schmecken ... Sage nie eine Unwahrheit. Rede von niemandem übel. Sei kein Neuigkeitsträger. Stifte keine Feindschaft ... Wird dir ein Amt angetragen, so denke zunächst daran, daß man durch diesen Antrag dich wohl nur versuchen könnte. Nimm es also nicht gleich an, auch wenn du weißt, daß du für dieses Amt tauglicher als irgendein anderer bist. Nimm es erst an, wenn du genötigt wirst. Dann wirst du dir Achtung erwerben. Sei kein Verschwender. Stiehl nicht und ergib dich nicht dem Spiele, sonst machst du deinen Eltern Schande ... Ich wünsche durch diese guten Lehren dein Herz zu stärken. Weigere dich nicht, sie willig anzunehmen. Dein Leben und deine Glückseligkeit hängen davon ab."

Auch die Mütter verfehlten nicht, den Töchtern ähnliche gute Ratschläge fürs Leben mitzugeben: „Sei fleißig im Spinnen und Weben, Nähen und Stricken. überlaß dich dem Schlafe nicht zu sehr; suche auch den Schatten nicht immer auf, sondern gehe in die freie Luft und ruh dich dort aus. Weibische Zimperlichkeit zieht Müßiggang und andere Laster nach sich. Bei deiner Arbeit hänge keinem bösen Gedanken an. Wenn dich deine Eltern rufen, so warte nicht, bis es zum andernmal geschieht, sondern gehe gleich, um ihre Wünsche zu hören. Gib keine trotzige Antwort. Laß nicht merken, wenn du etwas nicht gerne tust ... Betrüge niemand. Lebe mit jedermann in Frieden. Liebe alle, damit sie dich wiederlieben. Sei auf dein Besitztum nicht übermäßig eitel ... Habe keine Gemeinschaft mit liederlichen, lügenhaften und müßiggehenden Weibern. Gib auf deine Familie zu Hause acht. Geh nicht um jeder geringen Ursache willen aus dem Hause und zeige dich nicht oft auf der Straße und auf dem Marktplatz. Denn an solchen Orten findest du deinen Ruin. Nur in dringendsten Fällen geh in ein dir fremdes Haus, damit man von deiner Ehre nichts Nachteiliges denken oder sagen könne. Wenn du in die Wohnung deiner Verwandten kommst, so mache dich gleich nützlich, greif zur Spindel oder tu sonst etwas. Nun genug, meine Tochter, die Götter segnen dich."

Nach einer derartigen im Elternhaus erhaltenen Vorbereitung konnte das junge Mädchen eine der beiden für sie vorgesehenen Schulen besuchen: das Lyzeum, während sie bei den Eltern wohnen blieb, oder die Tempelschule, wo sie unter strengster Überwachung ihren Aufenthalt nahm und die sie entweder zeitweilig als Pensionat besuchte oder für dauernd, um sich zur Priesterin ausbilden zu lassen.

Die Ausbildung der aztekischen Jünglinge war bedeutend vielfältiger. Wenn die Söhne der führenden Familien etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt waren, zogen sie unter Aufsicht der Priester in das Priesterhaus, wo sie außer in der Religion in allen Zweigen des körperlichen Trainings auch in der Astronomie und Geschichte unterrichtet wurden. Nach abgelegtem Examen kamen sie in das Gesangs- und Tanzhaus, das im Gegensatz zu seinem Namen durchaus keine Vergnügungsstätte, sondern ein Institut der kriegerischen Ausbildung war. In ähnlicher Weise wurden die jungen Leute in allen alten Hochkulturen ausgebildet, bis zu dem vor allem durch Enthaltsamkeit und Disziplin ausgezeichneten Erziehungssystem der Spartaner.

Es bedurfte vieler weiterer Jahrhunderte, ehe sich das Ideal einer höheren Erziehung für alle langsam herausbildete. Erst das gedruckte Buch, die öffentlichen Schulen, die Entwicklung eines von der Vorherrschaft der Priester losgelösten berufsmäßigen Lehrerstandes trugen langsam zur Anstrebung und teilweisen Verwirklichung der modernen Erziehungsmethoden bei.

Obwohl jedoch die Zahl der heute gelehrten Wissenszweige größer sein mag als die der alten Zeiten, ist die zum Beispiel in der noch imperialistischen Welt vermittelte Geistes- und Charakterbildung mit der der ältesten Kulturen nicht zu vergleichen. Die Überbetonung beruflichen Trainings führt in den unvollkommenen Gesellschaftssystemen des Kapitalismus zu der Notwendigkeit, so schnell wie möglich Geld zu verdienen und damit zu einer Verkrüppelung der ethischen und moralischen Werte.

Mit der Überwindung des „Aberglaubens" der Steinzeit haben manche modernen Menschen die Naturnähe der Primitiven und ihren Respekt sowohl vor dem Menschenbruder wie ihrem Mitgeschöpf aus dem Tierreich verloren. Mit der Verbesserung unseres Bildungsideals sollte sich auch unser Verständnis für die Tugenden, Schicksale, Fertigkeiten und Taten derer vertiefen, die vor uns auf unserer Erde arbeiteten und strebten.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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