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"Es war einmal..."

Untertitel der Geschichte:  
   
Die Geschichte von der großen Flut  
Der Ursprung der Sonne
Ein australisches Märchen
Der Ursprung des Mondes
Eine Geschichte aus Neuguinea
Der Ursprung des "Mannes im Mond"
Wie Tomo Kak'wa vom Montagnais-Naskapistamme in Labrador ihn erzählte
Der Ursprung von Tag und Nacht
Ein Märchen der Creek-Indianer
Der Ursprung des Feuers
Wie die Creek-Indianer es erhielten
Der Ursprung des Todes
Legende der Kamba, eines Bantustammes Ostafrikas
Der Ursprung der Eichel
Mythe der Karuk-lndianer
Der Ursprung des Muschelgeldes
Märchen von der melanesischen Gazellehalbinsel
Der Ursprung der Töpferkunst
Eine Geschichte der ostafrikanischen Ukamba
Der Ursprung der Schneeschuhe
Mythe der Carrier-Indianer von Britisch-Kolumbia
Der Ursprung des großen Wals ("Killer Whale")
Märchen der Tlingit-Indianer
Der Ursprung des Bibers
Eine Mythe der Carrier-Indianer
Der Ursprung der Katze
Eine Fabel der Cochiti-Indianer von Neumexiko
Der Ursprung der Neger (schwarze Menschen)
Fjort-Sage vom französischen Kongo
Der Ursprung des Liedes Dausi
Eine Mythe der westafrikanischen Mandingo

Wir wissen, daß der Mensch sich selbst in der einsamsten Wüste von den verschiedenartigsten Geistern umgeben sieht, deren gute oder böse Kräfte in enger Beziehung zu seinen eigenen Taten, Hoffnungen und Schicksalen stehen. Seine Nachbarn, die Tiere, seine Freunde, die Pflanzen, seine Vorfahren, die Sterne und seine in der Sonne, im Monde, in den Vulkanen und Flüssen lebenden Götter sind allgegenwärtig, und sein ständiger Umgang mit den von ihnen ausgehenden geistigen Kräften machen sein Leben zu einem erregenden und gefährlichen Abenteuer.

Da die Naturvölker noch nicht so weit gelangt sind, ihren Glauben und ihre Abenteuer schriftlich in heiligen oder weltlichen Büchern niederlegen zu können, den kommenden Generationen zur Lehre und zum Vorbild, so erleichtern sie ihre Seele mit Hilfe des gesprochenen Wortes, das bei ihnen eine weit tiefere Bedeutung annimmt als etwa in der Zivilisation. Die nächtlichen Versammlungen beim Lagerfeuer, in den Hütten oder im Gemeinschaftshaus werden zu Mittelpunkten geistigen Austausches, dessen Wesen etwa das der bloßen Unterhaltung bei weitem überragt. Denn hier werden uralte Traditionen aufrechterhalten und den Anwesenden als Vertretern der kommenden Generationen offenbart, die sie ihrerseits wieder ihren Kindern und Enkeln vererben.

Nicht ohne Grund beginnen diese uralten Geschichten oft mit den Worten: "So ist es uns überliefert worden", oder: "So haben die Alten es erzählt." Den die Mythen der Naturvölker ersetzen ihnen die Bibel und das Geschichtsbuch, die gedruckten Anstandsregeln und die Lexika. Ihre Erzählungen sind Schatztruhen, angefüllt mit jahrtausende alter Weisheit, mit den Offenbarungen einer klugen Menschenkenntnis und vorallem mit Witz und Heiterkeit. Alle diese Geschichten sind "wahr", und wenn auch von den seltsamsten Abenteuern phantastischer Wesen darin berichtet wird, so stellen sie doch für alle, die sie berichten und die sie hören, nichts weiter dar als die lauterste Wahrheit.

Die von der Phantasie der Völker ohne geschriebene Geschichten geformten und bewahrten Mythen sind ein Ozean voller Perlen. Und die wenigen dieser Perlen, die bisher an die Oberfläche gebracht werden konnten, stellen nur einen winzigen Bruchteil des Vorhandenen dar.

Das Hauptmerkmal dieser primitiven Mythen ist die Tatsache, daß in ihnen kein Unterschiede zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umgebung gemacht wird daß Menschen, Tiere, Pflanzen, Himmelskörper, sagenhafte Helden und Götter alle so reden und handeln,wie es in dem jeweiligen Stamme üblich ist. Da die Naturvölker kein reales Wissen über die physischen und psychologischen Zusammenhänge der Dinge und Wesen außerhalb ihrer selbst besitzen, so messen sie deren Eigenschaften mit dem Maßstab ihrer eigenen Gedanken und Gefühle und schreiben selbst den leblosen Dingen Gewohnheiten und Empfindungen zu, die denen der Menschen genau gleichen. So denken und sprechen denn in ihren Geschichten die Werkzeuge und die Gegenstände, die Pflanzen, Tiere, Himmelskörper, Wolken, Berge und Gewässer in der Weise der Menschen, und dies ist einer der Gründe dafür, daß die Märchen und Mythen der Naturvölker so faszinierend, gedankenreich und unterhaltend sind.

Die "Ältesten" der Tiere sitzen wie ihre menschlichen Verwandten in feierlichem Rate beieinander, rauchen die Friedenspfeife und besprechen ernsthaft die Probleme des Tierreiches. Der Hund ist der Eigentümer einer Pflanzung; das Wildschwein trägt das erlittene Unrecht einem Palaver vor und bittet um Bestrafung des Übeltäters; das Maismehl ist der redende heilige Puder der Götter; der erjagte Bär wird feierlich um Entschuldigung gebeten. Der brasilianische Indianer schlägt den "lasterhaften" Stein, über den er stolperte, und den "bösen" Pfeil, der ihn traf. Der Baum, von dem herab ein Mann zu Tode stürzte, wird unter Zeremonien als Mörder gefällt; ein Mitglied der Tigersippe muß zur Sühne für den von einem anderen Tiger verübten "Mord" des Todes sterben.

Derartige Sitten leben selbst noch in unserer Zeit fort, wenn etwa ein moderner amerikanischer Gerichtshof einen Hund für den an einer Person verübten Schaden feierlich zur Rechenschaft zieht. Der griechische Gerichtshof des Prytaneums verurteilte einen am Tode eines Menschen "schuldigen" Stein oder ein Stück Holz dazu, öffentlich über die Grenze des Landes geworfen zu werden. Die kleinen Kinder unserer eigenen Zivilisation zanken, wenn sie sich an einem Stuhl- oder Tischbein gestoßen haben, das "böse" Möbelstück aus, und die kindlichen Unterhaltungen mit Puppen, Stoffbären, Bällen und anderem Spielzeug gehen ebenfalls auf jene uralten Wurzeln zurück. Die südafrikanischen Buschmänner glauben, daß auch die Strauße wie sie selbst mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen, und die Australier flüstern sich wichtige und geheimzuhaltende Nachrichten vorsichtig zu, damit nicht etwa ein Tier sie belausche und die Neuigkeit in indiskreter Weise verbreite.

Die großen Naturerscheinungen, wie Tag und Nacht, Sonne und Mond, Donner, Regen, Sturm und dergleichen, sind für die Naturvölker die Äußerungen von Geisterwesen, die wie Menschen personifiziert in ihrer Vorstellung leben. So geht etwa die Sonne auf die Jagd; der Mond fängt sich in einer Schlinge; die Wolken sind der Rauch aus den Pfeifen der Götter. Diese personifizierte Einstellung gegenüber den Naturmächten reflektiert sich noch in unserem eigenen Sprachgebrauch, reden wir doch davon, daß die Sonne "aufgeht", "scheint", "untergeht"; daß der Wind "bläst" oder "pfeift"; daß der Sturm "heult", der Schnee "fällt", das Wasser "sinkt", "steigt" oder "fließt" kurz, wir benützen alle diese Verba in derselben Weise, als sprächen wir von lebenden Personen. Auch unsere moderne Physik verwendet in ihrem Sprachgebrauch ähnliche Analogien. Wir rechnen in "Pferdekräften"; die Geschwindigkeit "nimmt zu", und selbst das Atom "zerteilt sich".

Die in den "Körpern" der Naturkräfte verborgenen "lebendigen Geister" nehmen bei den Naturvölkern alle nur erdenklichen Gestalten an. So wird etwa der Donner bei den Indianern der nordamerikanischen Nordwestküste von dem Donnervogel erzeugt, dessen gewaltige Flügel das Geräusch des Gewitters und die es begleitenden Stürme hervorrufen. Die vier Donnervögel des Tlingit-Stammes waren ursprünglich vier Brüder, deren Schwester sich einer Schnecke hingab, worüber sie sich so aufregten, daß sie sich als Donnervögel in den Himmel erhoben. "Wenn sie ihre Flügel bewegen", sagen die Indianer, "so hörst du den Donner, und wenn sie zwinkern, so siehst du den Blitz."

Die Alsea, ein aussterbender Stamm der pazifischen Küste, treffen genaue Vorsichtsmaßregeln, "Wenn der Donner in der Nähe ist", und suchen ihn mit den Worten zu beruhigen: "Bücke dich, mein Freund!" Wenn ein Gewitter über einem bestimmten Hause steht, so tanzen sie und schlagen das Haus mit Stöcken (damit der Blitz es nicht tut), auch gießen sie ihre Wassereimer aus, dem Donner zu Gefallen. Erreicht das Gewitter seine höchste Stärke, so erhebt sich einer der alten Männer und sagt feierlich zu seinen Stammesgenossen: "Die Welt tut nichts Böses; die Natur tut dies, ohne daß wir sie dazu herausgefordert haben."

Bei den afrikanischen Pangwe ist der Blitz ein schwarzer Ball, der seine "Exkremente" in Gestalt von Harz in den Bäumen zurückläßt. Dieses Harz wird als heilig verehrt. Die Bamum und Tikar von Kamerun unterscheiden drei Arten des Blitzes: "die Axt", die die Bäume zersplittert; "den weißen Affen", der die Pflanzungen wie ein Affe zerstört, und den "Hahn", der die Diebe tötet. In Australien geht der Komplex Erdbeben Gewitter Regen oft auf eine einzige Quelle zurück: eine menschenähnliche Schlange mit verkümmerten Armen und Beinen, die in einer Höhle wohnt und sich den Sterblichen auch in Gestalt eines Aales oder Leguans zeigen kann. Das Töten einer heiligen Schlange kann ein Erdbeben verursachen. Man erzählt sich, daß eine Frau einst den To Uvalun (die Vulkanschlange) heiratete und daß sie einen Sohn gebar, der sich in einem Berge aufhält, wo er rauchend sitzt und gelegentlich Feuer und Steine über die Umgegend spuckt. Die Erdbebenschlange ist ein gewaltiges Wesen mit einem Hahnenkamm auf dem Kopf, sie ist dem Menschen jedoch unsichtbar.

Die Sonne wird als Gott, Held, Mensch oder Scheiterhaufen gedacht. Ihre Strahlen sind die vom Sonnengott herabgeworfenen Pfeile oder auch Angelschnüren, an deren Haken die Erde aus dem Meere gehoben wird. Die Sonne kann auch zwei Häuser besitzen, von denen das eine sich auf der Erde, das andere im Himmel befindet. Deshalb unternimmt (wie etwa die Zuni glauben) die Sonne ihre täglichen Reisen von einem Haus zum anderen.

Auch der Mond kann ein Gott, ein Held, ein Mann oder eine Frau sein. Viele Mythen befassen sich vor allem mit den Mondgebirgen, wobei der "Mann im Mond" auch ein Mädchen oder, wie am Rio Ataguaya, eine Kröte oder (nach den Legenden mancher nordamerikanischer Indianer) ein Frosch sein kann. Auf der Insel Dominique ist der Mond ein zum Himmel geflohener Jüngling, der einst mit seiner Schwester Unzucht trieb. Sein "schmutziges Gesicht" (die Mondkrater) zeigt noch die Spuren des schwarzen Pflanzensaftes, den man ihm während eines nächtlichen Besuchs bei seiner Geliebten ins Gesicht rieb.

Die Eklipsen der Sonne und des Mondes entstehen dadurch, daß ein Tier die Himmelskörper verschlingt. "Der Grizzlybär ißt", sagen die Klamath-Indianer während einer Mondfinsternis. Die kalifornischen Maidu erklären eine Sonnenfinsternis damit, daß ein Frosch, dessen Kinder von der Sonne verschlungen worden sind, sie verfolgt und sie während der Eklipse einholt und hinterschluckt. Bei den Alsea "tötet die Krähe den Mond, aber auch der Adler, der Habicht oder die Eule tun es zuweilen. Ehe der Mond getötet wird, versammeln sich alle Vögel", aber: "selbst wenn der Mond gefressen wird, so bringt er es doch fertig, nach einiger Zeit wieder zu erscheinen wie vorher." Wenn im Alsea-Lande die Sonne "getötet" wird, so verfolgt sie ein Räuber, der ihren großen Schatz von Dentalia-Geldmuscheln begehrt. Während sich das am Himmel ereignet, müssen alle Wassereimer ausgeleert und umgestülpt werden, "denn das Wasser darf nicht blutig werden, während die Sonne getötet wird". Der Mond der Zuni wird in jedem Monat neu geboren und "erreicht seine Reife in vierzehn Tagen, worauf sein Leben langsam abstirbt".

Die Sonne kann auch ein weißes Pferd sein, das, wie wir sahen, in den Hochkulturen oft zum Reitpferd des Sonnengottes wird ein Glaube, aus dem sich die Sitte der indischen Pferdeopfer entwickelt hat. Eine noch heute in Hannover übliche uralte Sitte geht auf die gleichen Vorstellungen zurück. Zur Weihnachtszeit reitet ein starker junger Mann auf einem Schimmel durch die Straßen und sammelt Geschenke von den Hausbewohnern ein. Er ist ein Symbol des wiederkehrenden Sonnengottes, und die Geschenke sind ein Überbleibsel der alten Opfergaben. Ähnlichen Ursprungs sind der Sankt-Stefans-Ritt, der am 26. Dezember zu Pferde über viele europäische Felder unternommen wird, um die zurückkehrende Sonne zu bitten, die Felder während der kommenden Ernte fruchtbar zu machen, und Sankt Nikolas, der Weihnachtsmann, in Frankreich als Pere Noel, in England als Father Christmas und in Amerika als Santa Claus bekannt, der dem Christkind vorauseilt und nichts anderes ist als der alte Sonnengott.

Am Anfang der Zeit waren Himmel und Erde nicht voneinander getrennt, und die meisten Geschichten der Naturvölker, die sich mit der Erschaffung der Welt befassen, geben genaue Beschreibungen über das "Abheben des Himmels von der Erde". So wurde etwa die Welt der Uitoto von dem alten Vater Nainuema in tiefer Meditation erschaffen. "Rauchend und träumend nahm er den leeren Boden, stampfte ihn mit seinen Füßen fest und trennte dann den Himmel von der Erde." Die Zuni beschreiben den Urzustand der Welt in der traditionellen Einleitungsformel ihrer alten Mythen: "Vor langer Zeit, als die Erde noch weich war..."

In Ägypten war es Shu, der Sonnengott, der den Himmel von der Erde abhob, und einige der alten bildlichen Darstellungen dieses Ereignisses zeigen Geh, die Erde, als einen Mann, über dem Nut, die Himmelsgöttin, steht beide von Shu, ihrem gemeinsamen Vater, gehalten. Auf dem Körper Nuts reisen die Götter in ihren Booten.

Wir sahen bereits, daß die Vorstellung einer Sonne, die in einem Boot über das Meer des Himmels fährt, vielen Völkern vertraut ist. Da aber Himmel und Erde am Horizont zusammenzuwachsen scheinen, wird oft angenommen, daß ihre Vereinigung und Trennung täglich im Westen stattfindet und daß die Sonne sich jeden Abend durch den sich zwischen ihnen öffnenden Spalt hindurchzwängen muß. Dies ist eine gefährliche Unternehmung, und die Sonne wird durch diese Prozedur oft verwundet: ihr Schwanz oder Bein wird abgeklemmt. Auf diese Anschauung geht die griechische Mythe von den Symplegaden zurück, jener am Eingang des Bosporus ins Schwarze Meer gelegenen Inselgruppe, die angeblich zusammenklappten, wenn ein Schiff durch sie hindurchfuhr. Der australische Sonnengott hat nur ein gesundes Bein, das andere ist ein Stumpf, da sein Unterteil während der Himmelsreise abgeklemmt wurde.

Auch der mexikanische Sonnengott ist ein Krüppel, und einige der alten Codices zeigen das Blut, das von seinem linken Beinstumpf herabrinnt. Hier jedoch werden die zusammenklappenden Felsen durch einen Fisch ersetzt eine Auffassung, die zu einer Kombination der Symplegadensage mit der des Fisches, der Nachts die Sonne frißt, um sie am Morgen wieder auszuspeien, führt. Wir kennen diese Sage wohl, es ist die Jonasmythe. Diese Geschichte ist in der Tat uralt. Die untergehende Sonne wird von der Nacht "gefressen" und am Morgen, wenn der leuchtende Ball sich in neuem Glänze erhebt, wieder "ausgespien". Diese Mythe ist in Dutzenden von Versionen auf der ganzen Welt bekannt. Bei den Haida-Indianern Nordwestamerikas verschluckt der Wal einen Raben (die mystische Personifikation der Sonne). Diese Szene wird mit Vorliebe auf die Zeremonialobjekte dieser Indianer gemalt. Die Zulu glauben, daß ein in ihrem Flusse lebendes Ungeheuer allabendlich die Sonne verschluckt, bei deren "Tode" sich der Himmel in den Farben des Abendrotes blutig färbt.

Wo kein Ozean oder großer Fluß in der Nähe ist, frißt ein Elefant oder Wolf das Tagesgestirn. So ist etwa die Geschichte vom Rotkäppchen nichts anderes als eine Variante der Jonasmythe: sein rotes Käppchen ist der untergehende Sonnenball, und der Wolf ist die Nacht. In anderen Gegenden wird die Nacht als Riesenschlange gedacht, die das Tageslicht verschlingt. Diese Schlange hat sich dann zum ungeheuren Drachen entwickelt, der in China die Sonne aus dem Meere holt. Der chinesische Kaiser, der Sonnengott, saß auf einem goldenen Drachenthron, und seine Banner zeigten den Drachen mit dem rotleuchtenden Sonnenball.

Nach den Mythen vieler Völker begann das Leben auf der Erde an dem Tage, als die Sonne zum ersten Male aus dem nächtlichen Bauche des großen Fisches, des Landungeheuers oder einer Kiste hervorkam, die auf dem Meere schwamm. Gemeinsam mit der Sonne befreiten sich alle Lebewesen aus diesem Gefängnis, denn sie waren in die Kiste oder in ein Boot geflohen, um einer großen Flut zu entgehen. Hier erkennen wir die Geschichte von der Arche Noahs, dieses Nachkommen des alten Sonnengottes.

Die Geschichte von der großen Flut gehört zu den ältesten Mythen der Menschheit. Sie erscheint in den Sagen Indiens, Persiens, Griechenlands und der nordischen Völker; sie war den Mexikanern wohlvertraut und wird noch heute von den arktischen und subarktischen: Jägerstämmen, den nord- und südamerikanischen Indianern, den Melanesien! und anderen Völkern erzählt. Die traditionelle Annahme jedoch, daß die Sintflutsagen über die ganze Erde verbreitet seien, läßt sich nach den neuesten Forschungen nicht mehr aufrechterhalten. Die Sage von der großen Flut ist in China und Japan unbekannt und kann weder in den buddhistischen Handschriften noch in den Geschichten der Ägypter und Araber gefunden werden. Der chaldäische Bericht über die große Flut und die biblische Erzählung über die Sintflut gehen jedoch etwa auf das Jahr 2000 v. d. Zr. zurück. Die verschiedenen Varianten der Geschichte von der großen Flut gehören zu den fesselndsten Mythen der Menschheit. Bände sind mit diesen Flutsagen gefüllt worden, und die Wissenschaft hat sich immer wieder mit dieser Geschichte beschäftigt, mit der die Naturvölker so oft den Ursprung alles Lebens und die Errettung der Menschen und Tiere aus einer Reihe von aufeinanderfolgenden Weltuntergängen erklären. Als ein Beispiel von Hunderten möge in gekürzter Form die Flutsage der östlichen Athapasken hier folgen.

Die Geschichte von der großen Flut

"Schon in den ältesten Zeiten lebten genau wie heute Menschen auf der Erde. Aber eines Winters ereignete sich etwas Außerordentliches: Es fielen solche Mengen Schnee, daß die ganze Welt darunter begraben war und daß nur die Spitzen der allerhöchsten Berge unter der Schneedecke hervorragten. Alle Tiere, die damals mit den Menschen zusammenlebten, versuchten, zum Himmel hinaufzusteigen, weil es dort warm war. Am schnellsten war das Eichhörnchen, das auf die Spitze der höchsten Tanne kletterte, ein Loch in den Himmel bohrte und von dort in die himmlischen Regionen hineinkletterte. Dieses Loch ist die Sonne. Alle anderen Tiere liefen ihm nach und zwängten sich durch dasselbe Loch. Hierbei wurde das Eichhörnchen so nahe an die Wärmequelle gedrängt, daß es sich den Pelz versengte, deshalb ist es noch heute rot. Der Herr des Himmels aber war der Bär, und ihm gefiel es gar nicht, daß das Himmelslicht und die Himmelswärme nun zur Erde hinabströmten. Er bedeckte das Sonnenloch mit Fellen so daß es unten auf der Erde wieder kalt und dunkel wurde.

Dann sammelten der Bär und seine Söhne alle Himmelswärme in einen großen Ledersack ein, den sie an einen gewaltigen Baum hingen, wo auch die anderen Wettersorten in anderen Säcken aufgehängt waren. In dem einen Sack war der Regen, in einem anderen der Schnee, einer enthielt schöne Wetter, der andere die Gewitter, in einem war die Kälte, und in dem letzten war nun also die Wärme. Der Bär und seine Söhne setzten sich unter dem großen Baum nieder, um den Wärmesack zu bewachen, und er sagte zu den anderen Tieren: ,Wagt ja nicht, diesen Sack zu stehlen!' Und wer unter Ihnen war stark genug, um es mit dem mächtigen Bären aufzunehmen! Sie verzweifelten beinahe. Sie berieten sich insgeheim, und das Ren, das am schnellsten laufen kann, bot seine Hilfe an. Es schwamm von hinten an den Bären heran der bewachte Wetterbaum befand sich auf einer Himmelsinsel) und konnte den Wärmesack erwischen, ehe noch der Bär es daran hindern konnte. Der Bär holte sein Boot, aber als er zu rudern anfing, brach das Paddel durch, denn die Maus hatte es heimlich ausgehöhlt, um ihrerseits zum allgemeinen Wohle beizutragen. So gelang es denn den Tieren, sich mit dem Wärmesack davonzumachen.

Er war sehr schwer, und sie trugen ihn in abwechselnden Schichten an einem quergehaltenen Tragpfosten. Während der langen Reise zwischen Himmel und Erde mußten sie jede Nacht haltmachen. Eines Abends, als sie gerade ihr Lager aufgeschlagen hatten, schnitt sich die Maus, deren Schuhe von der Wanderung zerrissen waren, ein winziges Stück Leder aus dem Wettersack, um sie zu flicken und diese törichte Tat verursachte ein großes Unglück. Die Wärme begann aus dem Loch im Sack zu strömen, und zwar mit solcher Wucht, daß die gewaltige Schneedecke, die die Erde bedeckte, in einigen Sekunden schmolz und sich in eine furchtbare Wasserflut verwandelte, die immer höher und höher stieg, bis sie selbst die gewaltigsten Bergspitzen bedeckt hatte. Ein alter weißhaariger Indianer unten auf der Erde hatte das Eintreten dieser Katastrophe vorausgesehen und hatte seine Stammesbrüder vor dem Augenblick gewarnt, da der Schnee schmelzen würde. ,Wir wollen uns ein großes Kanu bauen, um uns alle zu retten', hatte er gesagt, aber sie lachten ihn aus. ,Sollte wirklich eine Überschwemmung kommen', sagten sie, ,so können wir immer noch auf die Bergspitzen klettern, die die Flut nicht erreicht.' Aber sie hatten sich geirrt. Die Flut war zu gewaltig, und sie ertranken alle bis zum letzten Mann. Auch alle Tiere, die auf der Erde geblieben waren, ertranken mit ihnen, und die Welt ging unter in dieser Flut.

Nur ein Indianer konnte sich retten, nämlich Etsie, der Großvater, der trotz aller Widerreden ein Kanu gebaut und ein Tierpärchen von jeder Art hineingetan hatte. Sie alle reisten eine lange, lange Zeit in Etsies Boot. Dann aber begann die mitgenommene Nahrung knapp zu werden, sie haßten den Anblick des Wassers und sehnten sich nach dem Erdboden. Aber kein bißchen Erde war zu sehen, und die Flut wollte nicht abziehen. Alle Wassertiere tauchten hinab, um den Grund zu erreichen, aber sie vermochten es nicht. Der Adler flog aus, um sich nach etwas festem Boden umzusehen, aber er fand keinen. Auch die Taube versuchte ihr Glück und blieb zwei Tage lang aus, nach denen sie völlig erschöpft zurückkehrte. Sie trug jedoch ein Tannenzweiglein im Schnabel, denn sie hatte ein paar Baumspitzen aus dem Wasser ragen sehen. Dies gab den anderen Tieren neuen Mut, und wieder begannen sie, nach etwas Erde zu suchen. Die Bisamratte ertrank fast bei ihren Tauchversuchen. Auch die Otter blieb so lange unter Wasser, daß sie beinahe starb. ,Nichts!' ächzte sie, ehe sie in Ohnmacht fiel. Endlich versuchte auch die kleine Trompetenente ihr Glück. Als sie wieder ans dem Wasser emportauchte, hatte sie etwas Erde zwischen ihren Schwimmhäuten. So stieß sie noch einmal hinab ins Wasser, und durch ein Wunder gelang es ihr, die Erde hochzuheben. Ihr verdanken wir es, daß die Erde wieder allen gehört, die heute auf ihr leben. Sie ist das klügste Tier."

Aber nicht nur der Ursprung aller sichtbaren und unsichtbaren Wesen und Dinge wird in den Märchen der Naturvölker erklärt, sondern auch alle wichtigen Ereignisse ihres Lebens werden zum Ausgangspunkt ihrer Mythen. Die Gewohnheiten, Formen und Farben der Tiere werden durch gewisse mythische Vorfälle genau erklärt. So hat das Opossum deshalb ein so großes Maul, weil es einst allzusehr über einen Hirsch lachte, dem es einen Streich spielte. Der Heulaffe steigt niemals von den Bäumen herunter, weil er sich vor dem Tapir fürchtet, dessen Flöte er einst stahl. Die Tiere leben heute frei in der Wildnis und nicht mehr in Häusern wie einst, weil vor Jahrtausenden ein Menschensohn sie überlistete.

Gewisse Tiere erfreuen sich in diesen Mythen des Rufs besonderer Klugheit und Verschlagenheit. Meist sind sie klein von Gestalt, überrumpeln aber ihre größeren Partner mit Hilfe ihrer überlegenen geistigen Fähigkeiten. In unseren Märchen spielt der Fuchs oft diese Rolle, die in Afrika und Südamerika meist von der Schildkröte übernommen wird. In vielen Geschichten wird auch berichtet, daß manche Tiere früher Menschen waren, die sich aber so geizig oder selbstsüchtig benahmen, "daß ihre Hände krumm wurden". Häufiger jedoch wird angenommen, daß die Tiere die Vorfahren des Menschen gewesen sind.

Es gibt auch "schlechte" Tiere, zu denen vor allem die Wolverene, der kanadische Vielfraß des Nordens, zu rechnen ist, die die Fallen auslöst und die Köder aus ihnen stiehlt und selbst die kostbaren von den Indianern sorgsam versteckten Pelzbündel aufspürt und verzehrt. Bei den afrikanischen Pangwe ist das Ichneumon, das die Hühnereier frißt, ein nsöm oder Verbrecher. Im Gegensatz zu diesen "bösen" Tieren werden andere wegen ihrer "edlen" Eigenschaften verehrt. So ist der krokodiltötende Varan vielen afrikanischen Stämmen heilig. Die Pangwe betrachten ihn als ihresgleichen und verzieren viele ihrer Gebrauchsgegenstände mit seinem Bilde. In der Arktis wird besonders der Bär als dem Menschen gleich- oder sogar übergeordnet angesehen. Der Jäger, der sich "gezwungen" sah, ihn zu töten, steckt ihm die Friedenspfeife in den Mund und verbietet den Frauen und Kindern, den erschlagenen "Häuptling" durch ihre Blicke zu erniedrigen. Die Naskapi glauben, daß alle Tiere wie die Indianer in Stämmen beieinander leben. Der Bär jedoch macht eine Ausnahme, denn jeder Bär ist ein "selbständiger Häuptling".

Zuweilen enden die Erzählungen der Naturvölker auch in einer Moral, besonders, wenn sie als Erziehungsmittel dienen und etwa vor der Vernachlässigung der religiösen Pflichten oder vor den Folgen des Diebstahls warnen oder die Hörer auffordern, nicht über alte und gebrechliche Leute zu lachen. Die unbilligen Wünsche von Menschen und Tieren werden karikiert, und das Indianermärchen vom Kaninchen, das Fische fangen wollte wie der Otter und bei dem Versuch, wie dieser ins eisige Wasser hinabzutauchen, fast ums Leben kam, enthält eine deutliche Lehre.

Die Schlagfertigkeit und die allgemeine Lebensfreude der Naturvölker spiegeln sich oft in unwiderstehlicher Weise in ihren Geschichten wieder. Die grotesken Beschreibungen gewisser lustiger Details sind oft zwerchfellerschütternd. Manche der beliebtesten Erzählungen sind mehr als gewagt, während andere geradezu wie Heiligenlegenden anmuten. In Afrika werden Tierfabeln ganz besonders gern vor versammeltem Gericht erzählt, um einen juristischen Punkt zu unterstreichen oder einen Angeklagten als schuldlos hinzustellen. Anderswo werden ernsthafte Geschichten mit dem Nebengedanken erzählt, die Götter oder Geister zur Annahme gewisser Vorschläge zu bewegen. Die Mythen der Naturvölker sind ebenso unterhaltend wie belehrend, und sie stellen in der Tat einen vollwertigen Ersatz für die gedruckten Lehren unserer Kirchen und Schulen dar und bieten die Erheiterungen von Kino und Witzbuch. Welcher Art auch immer ihr Inhalt sein mag, sie sind niemals langweilig und fesseln die Zuhörer vom Anfang bis zum Schluß. Gesänge und Gedichte unterbrechen zuweilen den Lauf der Erzählung, Kunstpausen erhöhen die Spannung, und alle Kunstgriffe der Rhetorik werden angewandt, um das Interesse des Publikums lebendig zu erhalten.

Auch das Recht, die alten Geschichten zu erzählen, ist oft das "Eigentum" einer Gruppe oder eines Individuums. Der Erzähler ist meist ein verehrter alter Mann, der zuweilen den Titel eines "Herren der Geschichte" führt.

Die Dayak auf Borneo unterscheiden zwischen drei verschiedenen mündlichen Ausdrucksweisen: den Sprachen der Menschen, der Seelen und der Götter, und die eingeborenen Ästheten unterscheiden genau zwischen dem volkstümlichen und dem künstlerischen Erzählungsstil. Sein meisterhafter Geschichtenerzähler ist ein R e n t a s , seine Worte "hört man mit Entzücken". Es ist seine Aufgabe, die Leute Nachts im Gemeinschaftshaus zu unterhalten, wenn sie ihre Matten flechten. Die Helden einer Geschichten sind Götter, Geister, Menschen, Pflanzen, Tiere, die Edelsteinblumen der "besseren Welt", die Vampire, die Messer statt Knochen in ihren Leibern laben; und die Mythen berichten von den Taten des leiden Abir, den Streichen der Zwerge und von dem berühmten Prozeß, in dem entschieden wurde, daß man für den guten Geruch des Bratfisches mit dem angenehmen Klang des Trommelschlags bezahlen muß. Um zu gefallen, muß eine Geschichte der Dayak drei Eigenschaften haben: Wahrheit. Schönheit und logische Aufeinanderfolge der Geschehnisse, und die anspruchsvollen Zuhörer sind durchaus nicht leicht zufriedenzustellen.

Von den afrikanischen Geschichtenerzählern erwartet man, daß sie so reden, "als sprächen sie zum Feuer". Die Eskimo und die alten Indianer in den Zelten von Labrador sind so ausgezeichnete Vortragskünstler, daß es dem Zuhörer vorkommt, als übersetzten sie den magischen Glanz des Nordlichts in Worte, wenn sie mit ihren sparsamen Gesten in ehrfurchtsvoller Weise die Geheimnisse der Wildnis enthüllen. Ein alltäglicher Vogel wird in ihren Geschichten zum Boten eines zaubermächtigen Schamanen; die Nacht bevölkert sich mit Geistern und Gestalten. Sterne und Mond, Bär und Biber, Schlitten und Eisscholle reden mit Menschenstimmen, und alle, die den packenden Worten jener leisen Stimme zuhören, fühlen die unmittelbare Gegenwart der Himmelskörper, der Geister, Tiere und Pflanzen, die alle mit Seelen begabt sind und die unerhörtesten Schicksale erleben.

Besser jedoch als jede Beschreibung sind die Geschichten selber, von denen einige Beispiele hier folgen sollen. Im Sinne dieses Buches sind sie alle von einem besonderen Gesichtspunkt aus ausgewählt worden: sie alle behandeln den Ursprung der Dinge.

Der Ursprung der Sonne
Ein australisches Märchen

"In den alten Zeiten gab es keine Sonne. Nur der Mond und die Sterne standen gemeinsam am Himmel. Es gab auch keine Menschen, sondern nur einige Vögel und Säugetiere, die aber alle viel größer waren als die, die wir heute kennen.

Eines Tages unternahmen Dinevan, der Emu, und Bralgah, der Kranich, einen gemeinsamen Spaziergang. Sie gerieten jedoch in eine Meinungsverschiedenheit und fingen an, sich zu streiten. Bralgah verlor alle seine Selbstbeherrschung, lief zu Dinevans Nest, ergriff eines seiner Eier und schleuderte es vor Wut mit aller Kraft in den Himmel wo es gegen einen Stoß Feuerholz prallte und zerbrach. Das Eigelb lief über den Holzstoß und entzündete ihn, so daß die ganze Welt plötzlich von dem brennenden Scheiterhaufen erleuchtet wurde. Bis dahin hatte in der Welt nur Dämmerung geherrscht, und die Menschen auf der Erde wurden von dem mächtigen Glanz des Feuers geblendet.

Dem guten Geist, der im Himmel wohnt, gefiel die neue Beleuchtung, und ihm kam der Gedanke, daß es hübsch wäre, jeden Tag ein solches Feuer anzuzünden. So führte er denn die neue Sitte ein. Seitdem läßt er jede Nacht von seinen dienenden Geistern das Feuerholz zusammensuchen und einen gewaltigen Scheiterhaufen daraus bauen. Wenn der fertig ist, so sendet der gute Geist den Morgenstern aus, um das baldige Anzünden des Feuers anzukündigen.

Er bemerkte jedoch, daß das sichtbare Erscheinen des Morgensterns allein nicht genügt, um die Schläfer auf der Erde aufzuwecken, und er bemühte sich deshalb, einen passenden Laut zu finden, der das Lichtsignal begleiten sollte. Lange jedoch konnte er kein hierzu geeignetes Geräusch ausfindig machen. Eines Abends jedoch hörte er das Gelächter Gurgurgagas, des Hahnes. ,Dies ist der rechte Mann!' sagte er zu sich selbst und übertrug dem Vogel die Pflicht, jeden Morgen vernehmlich zu lachen, ehe das himmlische Feuer angezündet wird. Sollte der Hahn jedoch einmal sein Amt vernachlässigen, so würde der Holzstoß nicht angezündet werden.

Seitdem hat Gurgurgaga jeden Morgen pünktlich zur verabredeten Stunde sein Gelächter ertönen lassen, und er schließt sein Gelächter jedesmal mit dem dreimaligen Rufen seines Namens ab: ,Gurgurgaga! Gurgurgaga! Gurgurgaga!' Am frühen Morgen, wenn die dienstbaren Himmelsgeister den Holzstoß anzünden, ist es noch nicht sehr warm. Aber gegen Mittag, wenn der ganze Holzstoß glüht, wird es mächtig heiß. Am Nachmittag nimmt dann die Wärme wieder ab, bis am Abend nur noch ein roter Schein übrig ist, der schnell in der grauen Asche zerfällt. Während der Nacht werden nur ein paar Scheite glimmend gehalten, die sorgfältig in Wolken eingewickelt sind, damit am Morgen das neue Feuer schnell angezündet werden kann.

Gurgurgaga jedoch ist ein sehr empfindlicher Mann, der seine Pflicht mit großem Ernst versieht. Sollte jemals ein Mensch wagen, ihn zu verspotten, so würde er sofort sein morgendliches Gelächter einstellen, und es würde wieder dunkel auf der Erde."

Der Ursprung des Mondes
Eine Geschichte aus Neuguinea

"In unserem Dorfe Votrejeng waren einmal ein Bruder und seine Schwester allein zu Hause. Als sie hungrig wurden, suchten sie sich ein Stück Sago, um ihr Mahl davon zu kochen. Sie nahmen den Deckel von dem großen irdenen Topfe ab, in dem ihre Mutter den Sago zu verwahren pflegte, und fanden darin ein einziges Stück Sago, das vollkommen rund war und so prächtig glänzte, daß sie ihren Hunger vergaßen und mit dem Stück Sago draußen vor ihrer Hütte Ball zu spielen begannen.

Der Sonnengott Wunekau, der am Himmel stand, sah ihrem Spiele zu und kam ein wenig tiefer herab, um sich den schimmernden Sagoball genauer anzusehen. Schließlich bedeckte er sein Gesicht mit einem großen Blatt, um die Kinder nicht zu versengen, und näherte sich ihnen, um sich mit ihnen unterhalten zu können. ,Werft euren Ball ein wenig höher', sagte er, ,damit ich mir ihn ansehen kann.'

Als sie das taten, fing er den Sagoball auf und stieg mit ihm in den Himmel hinan, ohne sich um die weinenden Kinder zu kümmern. Sein Leben war nämlich damals sehr anstrengend, denn Tag und Nacht mußte er am Himmel stehen. Er nahm den Sagoball und machte aus ihm den Mond, den er als Nachtwächter anstellte. Seitdem kann der Sonnengott, sobald der Mond seinen Rundgang beginnt, sich ausruhen und die ganze Nacht lang schlafen."

Der Ursprung des "Mannes im Mond"
Wie Tomo Kak'wa vom Montagnais-Naskapistamme in Labrador ihn erzählte

"In den alten Zeiten gab es keine Nacht. Sonne und Mond standen gemeinsam am Himmel, und es war immer Tag. Damals lebte ein Indianer namens Zegabek, und er fand, daß es für seinen Geschmack zu hell war auf der Erde. Er pflegte zu sagen: ,Wenn wir es nur ein bißchen dunkler machen könnten! Wenn das gelänge, so hätten wir die Nacht. Die Indianer und die Tiere könnten sich ausruhen, wenn es für ein paar Stunden draußen schwarz wäre.' Er war ganz versessen in seine Idee und wollte versuchen, den Mond in einer Schlinge zu fangen, so daß es auf der Welt ein wenig dunkler würde. Seine Schwester gab ihm ein Zauberhaar von der Sorte, mit der man alles fangen kann, wenn man es zur Schlinge knüpft. Endlich gelang es ihm wirklich, und er legte mit größter Vorsicht die Schlinge in den Pfad, auf dem der Mond zu jener Zeit zu wandeln pflegte. Er hatte die Geduld, ihm immer wieder aufzulauern, und eines Tages gelang es ihm wirklich, den Mond in seiner Schlinge zu fangen!

Und damit schuf er sich die Nacht es war die Zeit, während der die Sonne schlief. Aber als es nun plötzlich so vollkommen dunkel geworden war, fürchtete er sich und weinte. Er hatte aber zu Hause in einem großen Sack eine Menge Tiere, die er einst in seinen Schlingen gefangen hatte: Ratten, Maul würfe, Mäuse und andere kleine Kreaturen. Die ließ er nun aus dem Sack heraus und bat sie, ihm zu helfen, den Mond wieder aus der Schlinge herauszubekommen. Der Mond aber steckte ja in einer Zauberschlinge, und mit der muß man sich vorsehen. Der Maulwurf versuchte es zuerst, aber er hatte kein Glück. Der Biber weigerte sich, an der Sache mitzuwirken, er wollte nichts damit zu tun haben. Aber schließlich gelang es einer kleinen Maus, die Schlinge durchzunagen. Sofort sprang der Mond aus der Schlinge heraus und versuchte, hinter der Sonne herzurennen. Aber sie war zu weit fort, und er konnte sie nicht einholen. Seit dem Tage scheinen sie getrennt, so wie wir sie heute kennen. Es gibt keine völlige Dunkelheit, so wie Zegabek sie einführen wollte, aber es gibt nun Tag und Nacht, so wie wir sie seit unserer Geburt gesehen haben.

Aber statt sich nun zufriedenzugeben, konnte Zegabek sein Abenteuer mit dem Mond durchaus nicht vergessen. Eines Tages ging er zu seiner Schwester, um sich ein neues Zauberhaar zu holen.

'Wohin gehst du?' fragte sie ihn.

,Ein paar Schneehasen fangen', antwortete er, aber dazu braucht man nun wirklich kein Zauberhaar! Er ging geradewegs wieder zur Kante der Welt, wo der Mond aufgeht, und ehe ihn noch jemand warnen konnte, hatte er schon wieder eine Schlinge gelegt. Der Mond stieg auch zum Himmel auf wie gewöhnlich, und da, mitten auf seinem Wege, fing er sich "wieder in der verhexten Schlinge! Da freute sich dieser freche Bursche Zegabek. Ganz genau betrachtete er sich den Mond aus der Nähe und fürchtete sich nicht mehr vor ihm. Er war gelb und riesengroß. Zegabek war von seinem Anblick wie berauscht. Mit seiner Biberzahnaxt schnitt er selbst die Schlinge durch, kletterte in den Mond hinein und fuhr mit ihm zum Himmel hinauf. Da ist er noch heute. Jede Nacht, wenn es dunkel wird, sieht er auf die anderen Indianer hinab und denkt wahrscheinlich, wie schlau er doch ist. Alle Leute können ihn sehen, sogar die Weißen und sie nennen ihn nun den ,Mann im Mond'."

Die Haida, ein anderer nordamerikanischer Indianerstamm, glauben, daß Roong, der Mond, einst auf der Erde einen Mann bemerkte, der ihm gefiel. Da er sich nach Gesellschaft sehnte, schickte er seine Strahlen auf die Erde hinab und ließ sie den Mann zum Himmel heraufziehen. Der gefangene Indianer, der bei seiner Familie auf der Erde bleiben wollte, versuchte sich an dem Wassereimer festzuhalten, den er gerade trug, aber ohne Erfolg. Seit jener Zeit steht er oben am Himmel als Mann im Mond. Sooft er seinen Wassereimer umkehrt, den er noch immer in der Hand trägt, regnet es.

Wie Hambruch und Brandeis berichten, ist in Mikronesien die im Mond sichtbare "menschliche Gestalt" kein Mann, sondern ein hübsches Mädchen von dem Nauru-Atoll, die dort einst mit ihrer Großmutter unter einem gewaltig hohen Baume lebte. Ejiwanoko (dies war ihr Name) war so schön, daß die Großmutter keinen Sterblichen für würdig hielt, sie zu heiraten, und sich unter den Göttern nach einem Schwiegersohn umsah. Eines Tages schmückte sie das Mädchen mit Blumen, rieb sie mit süßduftenden ölen ein und gab ihr eine Zaubermedizin, worauf sie sie anwies, den Baum zu erklettern und so hoch in ihm zu steigen, daß sie den Himmel erreichte. Noch nie hatte jemand dies vorher fertiggebracht.

Ejiwanoko tat, was die Großmutter ihr geraten hatte. Als sie oben zwischen den Wolken ankam, fand sie dort eine blinde alte Frau, die gerade mit heißen Steinen in dreißig Kokosnußkalebassen Sirup aus Palmwein kochte. Da das Mädchen durstig war, trank es aus einigen der Gefäße. Obwohl die alte Frau nicht sehen konnte, bemerkte sie doch, was geschehen war, und drohte, sie von ihren beiden Söhnen töten zu lassen, wenn sie am Abend wiederkämen. Ejiwanoko bat sie um Verzeihung, aber vergebens. Endlich versuchte sie in ihrer Angst, die Augen der alten Frau zu heilen, damit sie wieder sehen könne. Dies gelang ihr zu ihrer eigenen Überraschung. Sobald sie die blinden Augen berührte, sprangen Eidechsen, Käfer und andere häßliche Tiere daraus hervor, und die alte Frau hatte ihr Augenlicht wieder. In ihrer Freude umarmte sie das Mädchen und verbarg es unter einer gewaltigen Tridaenamuschel, denn ihre Söhne hatten die Angewohnheit, jeden Fremdling zu töten. Als Iguan, der erste Sohn, heimkam, bemerkte er, daß seine Mutter bei seinem Anblick ihre Augen schloß.

Er war nämlich der Sonnengott, den niemand ansehen konnte, ohne blind zu werden. Als er seine Mutter fragte, wer ihr das Augenlicht zurückgegeben hätte, kam der zweite Sohn nach Hause. Er war Merriman, der Mond. Da berichtete denn ihre Mutter, was geschehen war, und beide begehrten das Mädchen zu sehen. Sie kam unter der Muschel hervor und war so schön, daß beide sie sogleich zu heiraten begehrten. Sie überließen es ihr, zwischen ihnen zu wählen und versprachen beide, daß der Verschmähte nicht eifersüchtig sein wolle. Die alte Frau fragte sie, welchen von beiden sie zum Manne nehmen wolle, und Ejiwanoko sagte: "Ich kann Iguan nicht heiraten. Er ist zu heiß, und ich kann ihn nicht ansehen. Aber Merriman sieht so sanft aus. Mit ihm will ich gehen." Als Merriman dies hörte, nahm er sie in seine Arme und schwebte mit ihr in den Himmel hinauf, wo wir sie noch heute beide in schönen Nächten sehen können.

Der Ursprung von Tag und Nacht
Ein Märchen der Creek-Indianer

"Die Tiere hielten eine Versammlung ab, bei der Nokosi, der Bär, den Vorsitz führte. Es handelte sich um die Frage der Teilung von Tag und Nacht.
Manche der Versammelten wünschten, daß es immer Tag sei, andere bevorzugten ewige Dunkelheit. Nachdem sie lange hin und her geredet hatten, sagte Tschu-thlock-tschu, das Erdeichhörnchen:
,Seht doch einmal Wotko an, den Waschbären. Er hat einen schön geringelten Schwanz, regelmäßig abgesetzt in dunkler und in heller Farbe. Mir scheint, auch die Nacht sollte regelmäßig mit dem Tag abwechseln, genau wie die Ringe auf Wotkos Schwanz.'
Die Tiere staunten über seine Weisheit. So nahmen sie denn Tschu-thlock-tschus Antrag an und beschlossen, daß Tag und Nacht in regelmäßigen Abständen einander folgen sollten, genau wie die Ringe auf Wotkos Schwanz.
Nokosi, der Bär, wurde neidisch über Tschu-thlock-tschus Klugheit und kratzte ihn mit seinen Tatzen auf dem Rücken, deshalb haben noch heute alle Erdeichhörnchen einen gestreiften Rücken."

Der Ursprung des Feuers
Wie die Creek-Indianer es erhielten

"Alle Leute unseres Stammes versammelten sich einst und sagten: ,Wie sollen wir nur das Feuer bekommen?' Schließlich beschloß man, das Kaninchen zu beauftragen, das Feuer für die Creek-Indianer zu beschaffen. So machte es sich denn auf und reiste ostwärts über das große Wasser. Als es zu den Menschen kam, die das Feuer besaßen, nahmen sie es freundlich auf und veranstalteten einen feierlichen Tanz. Das Kaninchen stellte sich im Kreise der Tanzenden auf. Es war schön geschmückt und trug auf seinem Kopfe eine komische Mütze, die mit vier Harzstäben verziert war. Als die Menschen tanzten, näherten sie sich immer mehr dem heiligen Feuer, das in der Mitte des Kreises brannte. Auch das Kaninchen tanzte immer näher au das Feuer heran. Endlich begannen die Tänzer sich vor dem Feuer zu verneigen, immer tiefer und tiefer. Auch das Kaninchen verbeugte sich beim Tanzen. Als es sich ganz besonders nahe au das Feuer heranbeugte, fingen die vier Harzstäbe auf seiner Kappe Feuer und fingen an hell zu brennen. Da wurden die Tänzer wütend über den unverschämten Fremdling, der gewagt hatte, das heilige Feuer zu berühren. Sie wollten ihn packen, aber das Kaninchen lief schneller als seine Verfolger. Es erreichte das große Wasser und warf sich hinein, während die Menschen am Ufer stehenblieben. Während die Flammen noch immer auf seinem Kopfe brannten, schwamm es heim zu seinem Volke und brachte den Creek das im Osten erbeutete Feuer."

Der Ursprung des Todes
Legende der Kamba, eines Bantustammes Ostafrikas

"Der große alte Mann oben im Himmel sagte einst: ,Nun habe ich die Menschen erschaffen. Aber sie müssen sterben. Ich möchte nicht, daß sie für immer tot bleiben. Sie sollen auferstehen.'
Er hatte die von ihm erschaffenen Menschen in einer fernen Weltgegend angesiedelt, blieb aber selbst zu Hause im Himmel. Dort empfing er einst drei Tage lang den Besuch des Chamäleons und des Webervogels. Dabei fiel ihm auf, daß der Webervogel sehr geschwätzig ist und daß seine Worte aus Wahrheit und aus Lüge bestehen. Das Chamäleon jedoch war weise und wahrheitsliebend. Deshalb sagte er zu ihm: ,Geh dorthin, wo die Menschen wohnen, die ich erschaffen habe. Richte ihnen dies von mir aus: Wenn sie sterben, selbst im höchsten Alter, so sollen sie dennoch wieder auferstehen. Jeder Mensch soll imstande sein, nach seinem Tode wieder aufzuerstehen.'

Während das Chamäleon fortging, um den Auftrag auszurichten, blieb der Webervogel noch bei dem großen alten Manne. Inzwischen kam das Chamäleon bei den Menschen an, aber es hatte die Botschaft, die es überbringen sollte, vergessen! So begann es zu stammeln: ,Mir ist aufgetragen worden ... mir ist aufgetragen worden . ..', aber weiter kam es nicht. Der Webervogel sagte inzwischen zu dem großen alten Mann: ,Ich will dem Chamäleon nachfliegen und ihm Gesellschaft leisten', und er sagte zu ihm: ,Geh!' Er kam gerade an, als das Chamäleon zu den Menschen sagte: ,Mir ist aufgetragen worden .. .'
Sofort unterbrach er es und sagte: ,Uns ist aufgetragen worden, daß die Menschen, wenn sie sterben, verrotten sollen wie die Wurzeln der Aloe.' Da aber erinnerte sich das Chamäleon seiner Botschaft, und es sagte: ,Nein! Uns ist aufgetragen worden, euch zu sagen, daß die Menschen nach ihrem Tode auferstehen sollen!'

Jeder von beiden aber bestand darauf, daß seine Worte die richtigen seien, und da sie sich nicht einigen konnten, riefen sie die Elster als Schiedsrichter herbei. Die Elster aber sagte: ,Der Webervogel hat recht. Das Chamäleon hat unrecht.' So kommt es, daß die Menschen sterben müssen und nach ihrem Tode nicht auferstehen können."

Der Ursprung der Eichel
Mythe der Karuk-lndianer

"Die Eicheln waren früher Menschen, und zwar gehörten sie zu den Ikxareyav-Indianern, die vor uns in unserem Stammeslande lebten und sich erst später in die Tiere, Felsen, Sachen und Feste verwandelten, die uns Karuk teuer sind.

Drei Eichelmädchen, die Schwarzeicheneichel, die gelbbraune Eichel und die Pfahleicheneichel, wollten eines Tages schöne Hüte haben, und sie setzten sich gleich hin, um sich welche zu flechten. Damals lebten aber die Ikxareyavs noch im Himmel. Während sie nun dort beieinander saßen und die Hüte flochten, merkten sie, daß etwas Ungewöhnliches sich ereignete, und sie sagten zueinander: ,Wir wollen liebe^ fortgehen. Die Menschen kommen in die Welt!' Während sie sich fertig machten, verglichen sie ihre Hüte, und es zeigte sich, daß der Hut des Schwarzeichenmädchens noch nicht fertig war. Die gelbbraune Eichel hatte keine Zeit mehr, die herausstehenden Halme in ihren Hut hineinzuflechten, so drehte sie ihn denn um und trug ihn verkehrt herum. Nur die Pfahleicheneichel war mit ihrem Hut fertig geworden, und er sah sehr hübsch aus. Als sie gerade fortgehen wollten, gesellte sich ihre Freundin, die Klopfeicheneichel ihnen zu, die einen sehr schönen Hut trug.

Auf einmal schwand ihnen der Boden unter den Füßen, und sie alle fielen vom Himmel herab, mitten in die Stätte der Menschen. Da fühlten sie das Schicksal, das vor ihnen lag, und sagten weinend zueinander: ,Die Menschen werden uns mit ihren Löffeln verspeisen!' Während sie noch herabfielen, wurde es ihnen schwindlig, und sie schlössen die Augen und verbargen ihre Gesichter in ihren Hüten.

Sobald sie auf der Erde angekommen waren, wurden sie aufeinander eifersüchtig. Die gelbbraune Eichel wünschte der Pfahleicheneichel und der Klopfeicheneichel alles Böse, nur weil sie schönere Hüte hatten. Die beiden jedoch taten auch einen schlimmen Wunsch, nämlich, daß ihre Freundin schwarz würde. Alle ihre Wünsche erfüllten sich, und so kommt es, daß die Menschen die Pfahleicheneichel nicht essen mögen und daß auch die Klopfeicheneichel schlecht schmeckt, weil man sie so schwer zerkleinern kann. Die Suppe, die man aus ihnen kocht, ist nicht gut.

Ehe sie vom Himmel herabfielen, hatten sie sich gerade geschminkt und angemalt. Die Schwarzeicheneichel hatte sich mit Streifen geschmückt, deshalb ist sie noch heute gestreift, wenn wir sie vom Boden aufheben. Die braungelbe Eichel aber hatte sich kaum geschminkt, da ihr Hut noch nicht fertig war. Da sie alle ihre Hüte über ihre Gesichter zogen, als sie herabfielen, sind noch heute die Gesichter der Eicheln in ihren Hüten versteckt."

Der Ursprung des Muschelgeldes
Märchen von der melanesischen Gazellehalbinsel

"Schon in den alten Zeiten hatten wir Muschelgeld, und wir mußten nur vier Tage reisen, um zu dem Ort zu kommen, wo es in Massen vorhanden war. Heute jedoch brauchen wir sechs Monate, um es heimzubringen. Warum das so ist? Ja, hört nur zu.

Eines Tages kletterten die Männer in ihre Boote, um die kurze Reise ins Geldland zu unternehmen, und das ganze Dorf hatte sich am Strande versammelt, um ihrer Abfahrt zuzusehen. Als sie Abschied nahmen, sagte ein alter Mann: ,Seid nur sehr höflich zu jedem, den ihr trefft!'
Nachdem sie eine kurze Zeit auf dem Wasser waren, begegnete ihnen ein Einsiedlerkrebs, der ihnen freundlich einen guten Morgen wünschte. Die Männer im Boote sahen ihn an und sagten zueinander: ,Was dieser Bursche für ein häßliches Gesicht hat! Ist er nicht abscheulich?' Und sie fuhren an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen.

Der Einsiedlerkrebs aber sagte: ,Fahrt nur weiter! Ihr werdet kein Muschelgeld mehr finden! Die Muscheln werden wegziehen an einen fernen Ort! Leute wie ihr verdienen sie nicht zu finden!'
Und wirklich, als sie im Muschellande ankamen, konnten sie nicht eine einzige Muschel finden. Betrübt und mit leeren Händen kamen sie zu Hause an. Und bald hatte niemand mehr Geld auf unserer Gazellehalbinsel.
Eines Tages bat ein kleiner Junge seine Eltern um Nahrung, da er hungrig war, aber sie gaben ihm nichts und zankten ihn aus. ,Iß doch Schmutz!' sagten sie zu ihm. Traurig ging er an den Strand, wo ein alter Baumstamm im Wasser lag. ,Was hast du denn?' fragte der Baumstamm, ,warum bist du so betrübt?'
,Mein Vater und meine Mutter sind mir böse*, sagte der Junge, ,ich weiß nicht, was ich tun soll.'

,Steig ein', sagte der Baumstamm, und der Junge sah, daß es ein Einbaumboot war, und so schwammen sie denn zusammen hinaus aufs Meer. In dem Boot aber lagen Kokosnüsse, so daß der Junge essen und trinken konnte. Sie fuhren mit großer Geschwindigkeit und landeten schließlich in Nakanaki, der Insel, wo heutzutage das Muschelgeld gefunden wird. Der Baumstamm riet nun dem Jungen, eine Menge Körbe zu flechten, bis er dreißig habe, und sie am Ufer aufzureihen. .Tritt zurück!' sagte der Baumstamm, und der Junge gehorchte ihm. Plötzlich erhob sich eine gewaltige Welle, die ganz und gar voller Geldmuscheln war. Sie warf sich über die dreißig Körbe, füllte sie alle und ging dann zurück ins Meer. Der Junge und der Baumstamm waren nun nicht mehr allein am Strande, denn ein anderes Boot war neben dem ihren gelandet. Sein Steuermann war ein Hahn, der sich freundlich erbot, den Jungen in seinem Einboot nach Hause zu fahren. So trug denn der Junge alle dreißig Körbe mit den Geldmuscheln in das Boot des Hahnes, und sie fuhren zurück zum heimatlichen Dorf. Unterwegs trafen sie einen Kasuar, der allein in einem Einbaum saß und ihn ruderte. Nachdem sie höfliche Begrüßungen ausgetauscht hatten, fuhr jeder in seiner Richtung weiter.

Endlich erreichten sie das Dorf des Jungen, der sofort zu seinen Eltern lief, während der Hahn am Strande zurückblieb, um die Muscheln zu bewachen. Als er zur Hütte seiner Eltern kam, sah der Junge, daß eine Grabstätte dort erbaut worden war und daß eine ganze Trauergemeinde dort versammelt war, um einem Begräbnis beizuwohnen.
,Alles dies war für dich', sagten sie weinend, als sie ihn in ihre Arme schlössen. ,Wir glaubten, du wärest tot, und haben unser letztes Geld für die Vorbereitung zu deinem Begräbnis ausgegeben.'
Da nahm der Junge ein gewaltiges Paket Proviant aus der Hütte, bat seine Eltern, ihm zu folgen, und ging zum Strande zurück. Dort bedankte er sich bei dem Hahn, gab ihm die Nahrungsmittel und lud die dreißig Geldkörbe aus dem Boote aus. Der Hahn sprang in sein Boot und fuhr zurück nach Nakanaki.

,Was sollen wir mit allen diesen Muscheln tun?' fragten die Eltern, denn ihr früheres Geld hatte anders ausgesehen. ,Bohrt Löcher hinein und reiht sie auf Schnüre', sagte der Junge, und sie taten, wie er sagte. Der Junge band sie zu einem großen Ring zusammen und gab ihn seinen Eltern. ,Nehmt das als Gegengabe für die Unkosten, die ich euch verursacht habe' sagte er, und seine Eltern kehrten vergnügt in ihre Hütte zurück. Der Junge aber nahm den Rest des Geldes und es war sehr viel , baute sich eine eigene Hütte und wurde der reichste Mann des ganzen Dorfes. Unter seiner Führung unternehmen seitdem die Männer unseres Dorfes eine weite Reise nach Nakanaki, dessen Herren der Hahn und der Kasuar sind, aber niemals können sie so viele Muscheln finden, wie der erste Freund dieser Vögel besitzt. Sie begegnen den Herren der Insel mit der größten Ehrerbietung, aber dennoch müssen sie die Reise, die der Junge in ein paar Tagen machte, in sechs langen Monaten zurücklegen, und das Geld, das sie auf Nakanaki finden, hängt stets vom guten Willen der Muscheln, der Boote, des Hahnes und des Kasuars ab."

Der Ursprung der Töpferkunst
Eine Geschichte der ostafrikanischen Ukamba

"Die ältesten Menschen, die in uralten Zeiten aus einem Termitenhügel hervorkamen, hatten allerlei Nahrungsmittel zu ihrer Verfügung, aber sie mußten ihre Speisen roh und in ungekochtem Zustand verzehren.
Eines Tages verließ eine Frau das Dorf, um sich zum Flusse zu begeben, weil sie in einigen zusammengerollten Blättern Wasser holen wollte. Am Ufer fand sie ein eigentümlich aussehendes Felsstück, das eine Höhlung in der Mitte hatte. Sie füllte es mit Wasser und trug es heim zu ihrem Herd. Als sie die Abendmahlzeit für ihre Familie zum Essen vorbereitete, tat sie etwas Mais und Bohnenmehl in den hohlen Stein und kochte es darin und alle fanden, daß es ganz ausgezeichnet und viel besser als die gewohnte Rohkost schmeckte. Am nächsten Morgen kam eine Nachbarin zu Besuch. Sie bewunderte den Stein und fragte die Frau, ob sie noch einen ähnlichen besäße, um ihn ihr zu schenken.

,Nein', sagte die erste Frau, ,ich fand ihn am Flusse, und da lag nur einer wie der da.'
,Komm', sagte da die andere, ,wir wollen zusammen hingehen und nachsehen, ob wir nicht noch einen finden/ Sie machten sich also auf und suchten am Flusse nach einem ähnlichen Stein. Es war jedoch keiner zu finden. Sie sahen dort jedoch fetten weichen Lehm und nahmen etwas davon, vermischten ihn mit Wasser und versuchten, die Form des Steines mit der Höhlung nachzuahmen. Fünf Tage lang gaben sie sich dieser Beschäftigung hin und hatten schließlich eine Reihe kleinere Gefäße geformt, die sie Tontöpfe nannten. Damit sie genau so hart würden wie der Stein, brannten sie sie im Feuer. Zu Hause dann setzten sie die Töpfe auf den Herd und riefen alle die anderen Frauen herbei.

,Kommt und seht! Wir haben diese Erde zu Gefäßen geformt und können nun damit auf dem Herd Wasser kochen, das nicht herausläuft/ Sie kochten auch Mus in den neuen Töpfen, und es schmeckte wundervoll! Die anderen Frauen versuchten, ihre Geschicklichkeit nachzuahmen, aber es gelang ihnen nicht, und alle, die einen nyun'gu haben wollten, mußten sie von den beiden Frauen kaufen, die dafür mit wunderschönen blauen Perlen bezahlt wurden.
Dann riefen sie die Männer herbei, und ein großes Fest wurde zur Feier der Erfindung der Tontöpfe abgehalten. Die Männer der beiden Frauen aber luden die weisen Alten ein, die in die Hände der Frauen spuckten, um sie zu segnen. ,Pt, pt, pt' machten die alten Männer und sagten: ,Ihr seid sehr klug. Ihr habt die Tontöpfe gemacht!'
Und sie rieten den Frauen, niemals einem Manne zu gestatten, ihnen bei der Herstellung der Tontöpfe zuzusehen, denn sonst würden sie ihre Fertigkeit verlieren. Die Frauen befolgten getreulich diesen Rat.
So also ist die Kenntnis der Tontöpfe zu den Menschen gekommen, und unser Volk ist seitdem mit ihrem Besitz gesegnet gewesen."

Der Ursprung der Schneeschuhe
Mythe der Carrier-Indianer von Britisch-Kolumbia

"Ein Schneehuhn und ein Carrier-Indianer saßen beieinander in vertraulichem Gespräch, und da das Schneehuhn gerade gut aufgelegt war, zeigte es dem Indianer, wie man Schneeschuhe macht, die die Tiere seit dem Anfang der Zeit benutzen, um damit über den Schnee zu gehen. Das Schneehuhn beschrieb ihm alle Einzelheiten, und als der Mann das Herstellen des runden Rahmens gelernt hatte, riefen sie seine Frau herbei, und das Schneehuhn zeigte ihr, wie man den Rahmen mit Lederstreifen bespannt. So bespannte die Frau denn das erste Paar Schneeschuhe, das die Menschen je gehabt haben. Sie bedankten sich bei dem Schneehuhn, das bald von ihnen Abschied nahm, um heimzugehen.

Als es aber nur eine kurze Strecke Weges gegangen war, fiel es tot zu Boden, denn es hatte allzuviel geredet. So haben die Carrier-Indianer das Machen der Schneeschuhe erlernt. Es zeigt sich aber auch, daß wir niemals zuviel reden sollten, selbst wenn wir die besten Absichten damit verfolgen."

Der Ursprung des großen Wals ("Killer Whale")
Märchen der Tlingit-Indianer

"Ein Mann, der zur Seehundsippe gehörte und ein sehr begabter Schnitzkünstler war, dachte, daß die Indianer viel glücklicher wären, wenn sie den großen Walfisch hätten, und sofort machte er sich daran, einen herzustellen.

Zuerst versuchte er, ihn aus rotem Zedernholz zu schnitzen, dann aus Schierling und aus den verschiedensten anderen Holzarten. Wenn er einen fertig hatte, trug er ihn zur Meeresküste und versuchte, ihn hinausschwimmen zu lassen, aber keiner wollte untertauchen. Sie trieben alle nur auf der Oberfläche dahin. Endlich versuchte er einen Wal aus gelbem Zedernholz zu schnitzen, und als er ihn aufs Wasser legte, tauchte er unter und schwamm ins Meer hinaus. Da machte er aus diesem Holze verschiedene Sorten des großen Wals. Einem malte er mit Indianerkreide weiße Linien von den Mundwinkeln bis zum Hinterkopf und sagte dazu: ,Das wird der Weißmundwal.' Er setzte seine Fische ins Wasser und richtete ihre Köpfe so, daß sie der Bucht zuschwammen. Dabei sagte er ihnen, daß sie den Seehund, den Heilbutt und andere Seefische fressen sollten, niemals aber einen Menschen. Außerdem sagte er zu ihnen: »Wenn ihr in die Bucht schwimmt, werden die Leute zu euch sagen: Gebt uns etwas zu essen!4 Die Walfische taten, wie er ihnen befohlen hatte, und seit jener Zeit treiben sie die Meeresfische der Küste zu, so daß die Indianer sie fangen können. Vor jener Zeit gab es keine großen Walfische."

Der Ursprung des Bibers
Eine Mythe der Carrier-Indianer

"Ein jung verheiratetes Ehepaar verließ den Fräser-See, um in den südlichen Bergen zu jagen, wo sie ihr Lager in der Nähe eines kleinen Flusses aufschlugen. Da aber ihr Mann von morgens bis nachts vom Zelt abwesend war, begann die junge Frau sich sehr einsam zu fühlen. Um sich die Zeit zu vertreiben, baute sie einen kleinen Damm aus Erde quer durch den Fluß. Als aber ihr Mann zurückkehrte, fand er, daß dadurch das Wasser zu tief zum Hindurchwaten geworden war und zerstörte den Damm mit seinem Fuß. Da weinte die Frau und sagte: ,Warum hast du mein Werk vernichtet? Ich war so allein, während du fort warst, und baute deshalb den Damm, um mir die Zeit zu vertreiben.'
Am nächsten Tage, als er wieder fort war, baute sie einen neuen Damm, den er ebenfalls zerstörte. Dies wiederholte sich immer wieder, bis die Frau schließlich sehr ärgerlich wurde.

Als der Mann eines Abends von der Jagd zurückkehrte, fand er einen sehr großen Damm vor, der den ganzen Fluß quer durchzog und in dessen Mitte ein Biberbau war. Er sah seine Frau am Ufer, doch als sie sein Kommen bemerkte, legte sie ihr Hüfttuch um und zog sich den Zipfel durch die Beine, so daß er aussah wie ein Biberschwanz. Dann ging sie ins Wasser und versteckte sich in dem Biberhaus. Der Mann zerstörte wie gewöhnlich den Damm, konnte aber seine Frau nicht finden. So ging er denn heim und legte sich allein schlafen.

Auch am nächsten Morgen ging er auf die Jagd und fand bei seiner Rückkehr die Frau, wie sie am Biberhaus arbeitete. Den Damm hatte sie wieder ausgebessert. In ihrer Erscheinung wurde sie einem Biber immer ähnlicher, und es gelang ihm nicht, sie zu fangen. Da begann er zu fürchten, daß die Familie der Frau glauben könnte, er habe sie getötet, wenn sie sich gar nicht mehr zeigen sollte, und er ging und holte alle ihre Verwandten herbei, mit denen er sich am Ufer versammelte. Als sie alle dastanden, sahen sie einen großen Biber aus dem Biberbau hervorkommen und sich auf die Spitze des Baues stellen. Es war die Frau, deren Hüfttuch sich inzwischen gänzlich in einen großen flachen Biberschwanz verwandelt hatte. Sie rief zu ihrer Familie hinüber:

,Mein Mann hat mich nicht umgebracht, aber ich habe mich in einen Biber verwandelt. Geht nur nach Hause. Ich will nicht mehr mit den Menschen zusammenleben.' Daher kommt es, daß der Bauch und die Eingeweide des Bibers wie die eines Menschen sind und daß es nun Biber auf der Welt gibt."

Der Ursprung der Katze
Eine Fabel der Cochiti-Indianer von Neumexiko

"In der Nähe der bemalten Höhle war ein Dorf, und aus diesem Dorfe kamen einst der Hirsch, der Bär, der Löwe, der Luchs und die Wildkatze herbei. Sie sagten:
,Wir wollen ostwärts ziehen und uns dort ernähren, so gut es nur möglich ist.' Aber ehe sie aufbrachen, sagten sie zueinander:
,Wir sind Tiere aller Art. Aber eines haben wir nicht: eine Hauskatze. Woher nur können wir eine Katze bekommen?' Der Löwe stand in der Mitte der Versammlung, und die ältesten unter den Tieren saßen um ihn herum und rauchten. Der Löwe aber sprach zu ihnen: ,Nun gut, ich bin bereit.
Er tat einen tiefen Atemzug, und dann nieste er. Und siehe, aus seinem rechten Nasenloch kam eine weibliche Katze hervor. Noch einmal nieste er, da erschien aus seinem linken Nasenloch ein Kater. Aus diesem ersten Katzenpaar sind alle anderen Katzen entstanden, die heute in Cochiti leben. Der Löwe sagte zu dem neugeschaffenen Pärchen: ,Zum Zeichen, daß ihr von mir abstammt, will ich euch mein Gesicht vermachen. Wenn ihr Junge kriegt, so werden die Menschen sie gern haben wollen, damit sie ihnen die Mäuse wegfressen. Die Katzen sollen die Wächter der Menschenhäuser werden. Alle anderen Tiere sollen in den Bergen leben, ihr beiden Katzen aber geht hinab nach Cochiti.' Genau so hat es sich zugetragen, und so kommt es, daß wir heute Katzen in unseren Häusern haben."

Der Ursprung der Neger
Fjort-Sage vom französischen Kongo

"Während der ersten Schöpfungstage wanderten vier Männer durch einen tiefen Wald, der von der Außenwelt durch zwei Flüsse abgeschnitten war, von denen einer klares Wasser hatte, während der andere dunkel und schmutzig war. Damals waren noch alle Leute weiß, und es gab keine Mohren auf der Welt. Der dunkle Fluß lag direkt vor dem Pfad, auf dem die Männer aus dem Walde kamen, der klare Fluß war etwas weiter entfernt, aber es war viel angenehmer, durch sein reines Wasser hindurchzuwaten. Nachdem sie sich beraten hatten, beschlossen die Männer, den lehmigen Fluß zu durchqueren, und zwei von ihnen taten das auch sogleich. Die beiden anderen aber zögerten und liefen weg. Da riefen die beiden im schmutzigen Flusse, sie sollten ihnen doch nachfolgen, aber ihre Kameraden bestanden darauf, zum klaren Wasser zu laufen und den schönen reinen Fluß zu durchwaten. Als diese beiden am anderen Ufer ankamen, sahen sie zu ihrem Entsetzen, daß sie schwarz geworden waren und daß nur diejenigen Teile ihres Körpers, mit denen sie das lehmige Wasser berührt hatten, hell geblieben waren: ihre Lippen, ihre Fußsohlen und das Innere ihrer Hände.

Als die vier Männer wieder zusammentrafen, beschlossen sie, sich voneinander zu trennen. Als sie das Ziel ihrer Reise erreicht hatten, fanden die Schwarzen dort nur Hütten vor und heirateten die schwarzen Frauen, die darin wohnten. Die Weißen aber, die den dunklen Fluß durchwatet hatten, fanden gewaltige Häuser vor, in denen weiße Frauen wohnten, die sie heirateten.
Daher kommt es, daß manche Menschen weiß und manche schwarz sind."

Der Ursprung des Liedes Dausi
Eine Mythe der westafrikanischen Mandingo

"Einst lebte ein großer Held namens Gassire. Er erschlug alle seine Feinde und beraubte ihre Häuser und glaubte, daß die Größe seiner Taten niemals vergessen werden könnte. Als er eines Tages von einer wilden Schlacht heimkehrte, bemerkte er im Grase ein Rebhuhn, das dort saß und sang. Da lauschte er dem Text des Liedes:

"Kein Schwert ist so mächtig, daß der Mann, der es trug, nicht vergessen würde. Vergänglich, o Gassire, sind deine Kriegstaten, denn sie entstammen der rohen Gewalt. Auch ich, der ich dieses Lied singe, werde einst vergessen sein mein Lied aber wird weiterleben. Ich danke den Göttern, die mir erlaubten, das Lied zu singen, das da Dausi heißt! Helden und Städte und Länder werden eines Tages vergessen sein, nicht aber Dausi, das Lied, das immer leben wird!'

Als der Held Gassire dieses Lied des Rebhuhns hörte, wurde er sehr nachdenklich und begann zu grübeln. Er ging zu einem weisen alten Manne, um dessen Rat einzuholen.

Der Alte sagte: ,Das Rebhuhn hat recht! Vergänglich sind die Taten des Schwertes! Helden und Städte und Länder werden eines Tages vergessen sein, nicht aber Dausi, das Lied, das für immer leben wird!'

Als Gassire, der Held, das hörte, ging er zu einem Schmied, denn die Schmiede machen alles Kostbare in Afrika.

Gassire sagte: ,Baue mir eine Laute, damit ich auf ihr das Lied Dausi spielen kann, denn Dausi, das Lied, wird ewig leben.'
Der Schmied sagte: ,Ich will dir eine Laute machen, aber du wirst sie nicht spielen können!'
Gassire antwortete: ,Schmied, tu deine Arbeit. Das andere ist meine Sache.'
Der Schmied baute die Laute und brachte sie zu Gassire. Gassire griff in die Saiten und wollte darauf spielen. Aber die Laute wollte nicht singen.
Da sagte er zu dem Schmied: ,Was ist das? Warum singt die Laute nicht?'
Der Schmied sagte: ,Ich habe es dir bereits vorher gesagt.'
Gassire sagte: ,Mach, daß die Laute singt!'
Aber der Schmied antwortete: ,Ich habe meine Arbeit getan. Das andere ist deine Sache.'
Da fragte Gassire: ,Was soll ich tun?'
Der Schmied antwortete: ,Die Laute ist nur ein Stück Holz. Es kann nicht singen, weil es kein Herz hat. Es ist deine Sache, ihr ein Herz zu verschaffen. Das Holz muß auf deinem Rücken in die Schlacht ziehen. Es muß deinen Atem und deine Tränen aufsaugen. Deine Sorgen müssen seine Sorgen, dein Ruhm muß sein Ruhm werden. Das Holz muß aufhören, ein Teil des Baumes zu sein, aus dem es ausgeschnitten wurde. Es muß ein Teil deines Schicksals werden.'

Hierauf rief Gassire seine acht Söhne und sprach zu ihnen: ,Heute ziehen wir alle in den Kampf. Aber was wir mit unseren Schwertern tun, soll nicht vergessen werden. Der Klang unserer Waffen soll die Zeiten überleben. Ich selber und ihr, meine acht Söhne, wir werden weiterleben in dem Liede, das da Dausi heißt.'

So zogen sie denn in die Schlacht, und sie kämpften wie Helden. Gassire trug die Laute auf seinem Rücken. Das Schlagen seines tapferen Herzens klang in ihrem Holze wieder, und der Schweiß seiner Erschöpfung tropfte auf die Laute, als er siegreich heimzog.
Acht Tage lang zog er so in die Schlacht mit seinen acht Söhnen, und stets trug er die Laute auf seinem Rücken. Aber an jedem dieser acht Tage fiel einer seiner Söhne. Gassire trug ihre Leichen heim auf seinen Schultern, und ihr Blut tropfte auf die Laute. Als er keinen Sohn mehr zu verlieren hatte, weinte er zum ersten Male in seinem Leben, und seine Tränen benetzten die Laute.

Die Nacht kam, und alle Menschen gingen schlafen nur nicht Gassire, der allein bei seinem Feuer saß. Er dachte an seine heldenhaften Taten und fand, daß sie alle umsonst gewesen seien, und wieder weinte er in seiner tiefen Verlassenheit. Plötzlich hörte er neben sich eine Stimme. Sie klang, als käme sie aus seinem innersten Herzen. Gassire lauschte. Er begann zu zittern, denn er hörte die Laute singen. Sie sang Dausi, das Lied, das niemals stirbt. Nicht seine Taten, sondern seine Tränen hatten der Laute ein Herz gegeben.

Deshalb konnte sie nun singen.
Es ist schon viele Jahrhunderte her, seit Gassire starb. Der Klang seines Schwertes ist vergessen. Wir aber singen noch heute das Lied seines Herzens Dausi, das Lied, das immer leben wird. Und jene, die nach uns geboren werden, werden fortfahren, es zu singen."

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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