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Das Reich der Toten

Unsere Reaktion auf das Wissen, daß eines Tages auch unser eigenes Herz aufhören wird zu schlagen, hängt von unserer individuellen Lebensphilosophie und von den Anschauungen ab, die uns mit der Tatsache des Sterbenmüssens versöhnen. Der Trost, den Victor Hugos Verbrecher sich im Schatten der Guillotine zusprach, lautete: Alle Menschen sind zum Tode verurteilt nur das Datum der Hinrichtung ist ungewiß." Ein solches Vorherbedenken des Phänomens des Sterbens ist typisch für den Menschen der Hochkultur und steht in scharfem Gegensatz zu der Vorstellungswelt der Naturvölker. Obwohl sie sich unaufhörlich von den Auswirkungen des Todes umgeben sehen, die in der Wildnis viel offensichtlicher sind als in der Welt der Zivilisation, und obwohl sie einen Hauptteil ihres Lebensunterhalts durch das Töten von Tieren bestreiten, erscheint ihnen die Tatsache, daß auch sie selbst einst sterben müssen, durchaus nicht als eine logische Gegebenheit der Natur. Der primitive Mensch ist nicht von der Sicherheit des Todes überzeugt.

Für die meisten Naturvölker ist der Zustand des Gestorbenseins ein Unglück, das durch übersinnliche Mächte, vor allem durch Zauberei, verursacht worden ist. Eine tödliche Krankheit ist der Beweis für das Wirken böser Einflüsse, und selbst Unglücksfälle werden durch eine Verschwörung feindlicher Geister hervorgerufen. In Australien, Süd- und Nordamerika, in Melanesien, Afrika, auf Madagaskar und anderswo ist der Tod eine Folge unnatürlicher" Ursachen, denen der Mensch mit Ungewißheit und mit Angst gegenübersteht. Wie aus verschiedenen uralten Mythen hervorgeht, kann der Tod auch durch Irrtümer" der Überirdischen verursacht werden. Zahlreiche Stämme glauben auch, daß eine direkte Beziehung zwischen Geschlechtsverkehr und Tod besteht und daß die Erfindung" des physischen Liebesakts zur Entstehung" des Todes geführt habe. Es liegt ihnen aber keinesfalls, sich irgendwelche Gedanken über ihren eigenen zukünftigen Tod zu machen, der nach ihrem Glauben durchaus nicht einzutreten braucht. Es erscheint ihnen als absolut möglich, daß man das Sterbenmüssen durch Klugheit, Vorsicht und eine Versöhnung der Geister vermeiden kann. So bringen zum Beispiel viele afrikanische Stämme, wie etwa die Kapelle, den Alten ihre größte Ehrfurcht dar, weil sie sich als klug genug erwiesen haben, durch viele Jahrzehnte hindurch den Angriffen von Zauberern, Dämonen und eifersüchtigen Ahnengeistern standzuhalten.

Was aber die verschiedenen Völker auch immer über den Tod denken, eines ist sicher: nämlich, daß alle Stämme der Erde eine ganz bestimmte Vorstellung dessen besitzen, was die Verstorbenen nach ihrem Tode zu erwarten haben. Zumeist stellt man sich einen ganz bestimmten Ort vor, wo die Toten in ähnlicher Weise wie auf der Erde ihre Existenz fortführen, und alle Völker bestatten ihre Verstorbenen in einer Weise, die genau mit diesen Vorstellungen übereinstimmt. Diese Bestattungsarten sind bereits in den ältesten Kulturen von einer Mannigfaltigkeit, daß es sinnlos wäre, darüber nachzudenken, welches wohl die ältesten Formen sein könnten. Schon in Tasmanien und Australien verbrannte man die Toten auf Scheiterhaufen oder bestattete sie in Gräbern. Viele nord- und westaustralische Stämme setzen ihre Toten in hohlen Bäumen bei, legen sie auf hohe Gerüste oder bestatten sie in Höhlen wie in Victoria. Zuweilen werden die Leichen auch erst in der Sonne oder über einem Feuer getrocknet und dann in einem Baume eingeschlossen. Auf San Cristobal sind einundzwanzig verschiedene Bestattungsarten bekannt, vom Erdbegräbnis und der Beisetzung in der See, in Felsspalten, auf Bäumen oder Gerüsten oder in Säcken bis zur Verbrennung und Mumifizierung.

Alle diese Bestattungsarten und die bei ihnen angewandte große Sorgfalt sind durchaus nicht allein durch die Sorge um den Verschiedenen bedingt, sondern hängen vor allem mit der Angst zusammen, daß der durch den Unglücksfall" des Todes aus der Gemeinschaft Ausgeschlossene aus seinem Zustand der Regungslosigkeit zurückkehren und die ihn überlebenden erschrecken oder schädigen könnte. Die Vorstellung einer eifersüchtigen Rachsucht der Toten geht wie ein roter Faden durch die Begräbnissitten der Menschheit, und zwar von prähistorischer Zeit bis in unsere zivilisierte Gegenwart. Die Steine, die das tasmanische Grab beschwerten, die gefesselten Mumien Ägyptens und die zugenagelten Särge unserer Zeit gehen alle auf jene atavistische Angst zurück.

Deshalb sind die Methoden, die man anwendet, um die Leiche zum Verharren in ihrem Grabe zu zwingen, auch' außerordentlich mannigfaltig. In Australien wird der als Sarg dienende hohle Baum zuweilen noch mit einem Speer durchbohrt, um den Hals des Toten drin festzunageln, oder der ganze Baum wird nach den Begräbnis-Zeremonien abgebrannt. Die Tasmanier fesselten ihre Toten, ehe sie sie begruben, um sie an etwaigen Befreiungsversuchen zu hindern. Im vorgeschichtlichen Spanien entwickelte sich das Annageln der Toten auf Bretter in ihren Gräbern zu einer regelrechten Begräbnissitte. Ganze Friedhöfe sind gefunden worden, wo die beigesetzten Skelette alle Anzeichen einer zweiten Tötung" aufwiesen, und zwar wurden vor allem ihre Schädel mit gewaltigen Nägeln durchbohrt. Diese Sitte erhielt sich lange Zeiten hindurch und beschränkte sich später nur auf ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen.

So treffen denn die Naturvölker auf der ganzen Welt ihre Vorkehrungen, es dem schweigenden Gefangenen unmöglich zu machen, sein Grab zu verlassen und seine magischen Kräfte gegen die Gemeinschaft zu richten. Die vielen Existenzformen, in denen die Toten weiterleben, machen ihr Wiedererscheinen besonders gefährlich. In Südostaustralien stehen sie als Sterne am Himmel und kommen zuweilen insgeheim mit den Zauberern des Stammes zusammen. Selbst weniger erleuchtete Stammesmitglieder hören zuweilen ihre Stimmen und sehen am Morgen ihre Fußspuren auf dem Boden. Auch der Körper selbst kann weiterleben, wenn auch oft in etwas veränderter Gestalt. In verschiedenen Gegenden Australiens, Afrikas und Südamerikas wurden die ersten das Stammesgebiet betretenden Weißen als die Geister der Toten des Stammes angesehen.

Damit der Verstorbene an dem Orte seiner Bestattung verweilt, versuchen seine Freunde und Verwandten, ihm Bein neues Heim so bequem wie möglich einzurichten. Gesicht und Körper werden vor unmittelbarer Berührung mit der Erde geschützt, oder der Tote wird in eine Felsnische gebettet, wo er vor der Unbill des Wetters geschützt ist. Die australischen Wimmera, die einen schönen Jüngling in der Erde beigesetzt hatten, fanden, daß er es in seinem Grabe zu unbequem" habe, als die Novemberregen einsetzten. So gruben sie ihn also wieder aus und bestatteten ihn in einem hohlen Baume, den sie sorgfältig abdichteten.

Außerdem werden die Toten mit Ansprachen und Versprechungen geehrt, aber nachdem man ihnen auf diese Weise die Anhänglichkeit der überlebenden bewiesen hat, verlassen diese so schnell wie möglich die Nähe des Grabes, damit der Verschiedene keine Gelegenheit hat, ihnen wieder zu erscheinen. Jedoch finden wir selbst schon in den frühesten Kulturen die Sitte, die Toten einfach auszusetzen und sie an abgelegener Stätte ihrem Schicksal zu überlassen. Diese Sitte ist, wenn auch aus anderen Gründen, besonders typisch für die arktischen Kulturen und die Viehzüchtervölker. Manchmal nimmt man sich nicht einmal die Zeit, den Eintritt des Todes zu erwarten, sondern flieht den gefürchteten Totengeist, noch ehe der Sterbende seinen letzten Atemzug getan hat.

Als einer der Ihren infolge eines Unglücksfalles ertrank, verließen die Mojosindianer Ostboliviens sofort die Stätte und flohen in die Wälder, um den Toten daran zu verhindern, sich einen Kameraden zur Gesellschaft zu holen. Die Neoze desselben Gebiets wickeln die Abgeschiedenen in Matten ein und errichten über der Leiche eine kleine Hütte aus Motacublättern, worauf sie schnellstens davoneilen. Wo die Toten auf Gerüsten oder auf Bäumen bestattet werden, sammelt man später oft die Knochen auf, um sie zu begraben, und trägt Teile des Skeletts als Amulette mit sich herum, um den Toten des bleibenden Gedächtnisses zu versichern und gleichzeitig die diesen Reliquien innewohnende Zauberkraft für sich zu verwenden.

Die Australier bemalen derartige Knochen und Schädel mit rotem oder gelbem Ocker und verwahren sie als zauberkräftige Fetische. Die Andamanen, die ihre Toten in Hockerstellung in der Erde begraben oder sie liegend auf Holzgerüsten in den Baumkronen beisetzen, sammeln später ihre Knochen ein, die von Freunden oder Verwandten als Schmuckstücke getragen werden.

Die Westtasmanier sammelten sorgfältig die auf dem rauchenden Scheiterhaufen zurückgebliebenen Knochen ihrer Toten, banden sie in Lederstücke ein und trugen sie als Amulette gegen Krankheit oder Unglück. Diese Sitte lebt noch im modernen Japan weiter, wo die Knochen der Feuerbestatteten eingesammelt werden. So suchen etwa trauernde Väter die Knochen ihrer Kinder aus der Asche heraus, um sie an einer Weihestätte aufzubewahren.

Eine andere grauenvolle Erinnerung an die Toten ist die Flüssigkeit, die von den Leichen herabtropft, die in Bäumen oder auf Gerüsten beigesetzt worden sind. Auch ihr schreibt man magische Eigenschaften zu, die die Lebenden sich nutzbar zu machen suchen. Die Jünglinge von Ost-Queensland, wie etwa die Kuinmurburra, die die Leichen ihrer Helden auf Gerüsten beisetzen, lassen diese Flüssigkeit über ihre Körper rinnen, damit die Tapferkeit des Toten auf sie übergehe. Die Eingeborenen des Belendenkergebiets reiben sich mit diesem Ingrediens ein, um stark zu werden, und die Narrinyeri sammeln sie in Gefäße ein und benutzen sie bei ihren Zauberriten. In Zentralaustralien reiben sich die Eingeborenen die Beine mit Graberde ein, denn dann werden sie bei langen Wanderungen nicht ermüden".

Dieses Bestreben, die magischen Kräfte der Ahnen zum Nutzen der Lebenden zu verwenden, findet sich besonders stark ausgeprägt bei den Bodenbauvölkern. Da sie seßhaft und daher nicht in der Lage sind, den Ort des Todes zu verlassen, mußten sie Maßnahmen ersinnen, sich mit den Verstorbenen auf besonders guten Fuß zu stellen. Deshalb ist ihre gesamte Einstellung gegenüber den Phänomenen des Lebens und des Todes durch ihre enge Beziehung zu den toten Ahnen bedingt und beherrscht, deren Seelen in engster Verbundenheit mit und unter ihnen leben. Obwohl die Seelen nicht im Sinne unserer Religionen als unsterblich gedacht werden, leben sie doch in gewissen Körperteilen und in anderen Formen weiter. Wenn jedoch eine gewisse Zeitspanne nach ihrem körperlichen Tode verstrichen ist, können sie altern" und langsam verschwinden.

In vielen Gegenden, wie zum Beispiel auf den Neuen Hebriden, nehmen die Eingeborenen an, daß die Seele zwei- oder dreimal hintereinander stirbt, ehe sie endlich ganz tot ist. Es scheint, daß die Ahnengeister oft nur dann weiterleben können, wenn das dauernde Gedächtnis und die Opfergaben der überlebenden sie an diese binden. Bei vielen Bodenbauvölkern besteht ein Glaube an eine regelrechte Aufeinanderfolge von Wiedergeburten, jedoch noch ohne die ethischen Vorstellungen, die die Idee der Wiedergeburt in höheren Kulturen auszeichnet. So glauben etwa die Dayak von Borneo, daß die Seele siebenmal so lange im Jenseits lebt wie auf Erden, daß sie dann noch einmal auf die Erde zurückkehrt und dort als Pilz, Frucht, Gras oder Blume wiedergeboren wird. Falls ein Mensch eine derartige Pflanze ißt, so wird ihm ein Kind geboren, in dem die Seele des Toten weiterlebt.

In Zeiten der Not und der Gefahr wenden die Lebenden sich an die Toten, um ihren Schutz und ihre Hilfe zu erflehen. Diese Hilferufe sind Zauberformeln oder Gebete, die an die Toten gerichtet werden und von Geschenken begleitet sind. Dieser fortdauernde Kontakt mit den Toten steht in scharfem Gegensatz zu der Einstellung der Sammler und Jäger, die den Toten keinerlei Opfer darbringen.

Die Seele eines Menschen wohnt, wie wir sahen, in einem bestimmten Teile seines Körpers Herz, Gehirn, Blut, Leber, Nieren, Atem oder in seinem Schatten. Meistens jedoch ist der Kopf der Sitz der Seele. Er gewinnt deshalb in diesen Kulturen als Zentralpunkt mystischer Kräfte eine ganz außerordentliche Bedeutung. Oft werden ausgegrabene Schädel nicht nur bernalt und geschmückt, sondern als Objekte höchster Verehrung mit Lehm zu lebensgetreuen Ebenbildern modelliert. Muscheln werden als Augen eingesetzt. Die ausgegrabenen Schädel werden in der Hütte, im Gemeinschaftshaus oder in besonderen Schädelhäuschen als Heiligtümer verehrt. Palaver und Gerichtsverhandlungen werden in ihrer heiligen Gegenwart abgehalten und lebenswichtige Entscheidungen mit ihrer Beihilfe" getroffen.

Der Wunsch, die den Schädeln innewohnenden Zauberkräfte zugunsten der Gemeinschaft auszunutzen, äußert sich nun nicht nur in der zeremoniellen Aufbewahrung von Ahnenschädeln, sondern auch in dem Bestreben, so viele Schädel wie nur möglich zu erbeuten, selbst wenn sie von Fremden stammen. So kann es vorkommen, daß Männer, Frauen und Kinder anderer Stämme zu dem einzigen Zweck getötet werden, ihre Schädel zu erhalten. Zu den Gebieten, wo die Kopfjagd aus diesem Grund betrieben wird, gehören vor allem Neuguinea und Teile des nördlichen Südamerikas. Selbst die Skalpe der nordamerikanischen Indianer, die als zauberkräftige Fetische hohe Verehrung genossen, gehen auf diese Vorstellungen zurück. Je mächtiger und bedeutungsvoller das Opfer, um so größer die magischen Kräfte seines Kopfes oder Schädels.

Aber nicht nur der Schädel, sondern auch die weichen Teile eines Kopfes werden sorgfältig mumifiziert. Diese Sitte hat sich bei der Präparation der berühmten Kopftrophäen der Jivaroindianer zu besonderer Höhe entwickelt.

Nur Krieger, die einen Feind erschlagen und ihre Speere in sein Blut getaucht haben, genießen das Vorrecht, diese Trophäen herzustellen. Die Präparierung eines solchen Menschenkopfes geht nun so vor sich: Nachdem das Haar des Opfers sorgfältig gescheitelt worden ist, wird von der Stirn bis zum Hinterkopf ein Einschnitt gemacht und die Kopfhaut von dem Schädel abgezogen, in dem nur die Zunge und die Augen verbleiben. Hierauf werden die Fleischteile mit Pflanzenfasern zusammengenäht und die Lippen fest mit Bambussplittern aufeinandergesteckt. Nur die Halsöffnung bleibt unverschlossen. Diese Hautsäcke werden nun im Wasser erhitzt und vor dem Aufkochen herausgenommen. Sie sind jetzt auf ein Drittel ihrer Originalgröße zusammengeschrumpft. Die Medizinmänner des Stammes, die die gesamte Herstellung der Trophäen aufs genaueste überwachen, geben hierauf das Zeichen, daß die endgültige Präparierung der Köpfe beginnen kann. Die Kopfhäute werden durch die Halsöffnungen mit heißem Sand gefüllt, und die ausgestopften Köpfe werden mit Hilfe von heißen Steinen in langsamer Prozedur, die etwa achtundvierzig Stunden dauert, regelrecht gebügelt", bis die Haut glatt, hart und widerstandsfähig geworden ist und etwa die Beschaffenheit von starkem Leder angenommen hat.

Der ganze Kopf", sagt Up de Graff, der die ausführlichste Beschreibung dieser Prozedur geliefert hat, hat nun die Dimensionen einer mittelgroßen Orange. Der Gesichtsausdruck ähnelt in außerordentlicher Weise dem des lebenden Urbildes. In der Tat sind die zusammengeschrumpften Köpfe genaue Miniaturen der einstigen Züge. Jede Linie, jedes Haar und jede Narbe sind unverändert erhalten, selbst der Gesichtsausdruck". Da das Kopfhaar seine ursprüngliche Länge beibehält, erscheint es nun als lange Mähne, die den naturgetreu präparierten Kopf in wirkungsvoller Weise umrahmt. Wer je in den Museen der Welt diese Trophäen gesehen hat, kann sich trotz ihres grauenerregenden Ursprungs dem Eindruck der Lebenswahrheit nicht entziehen, den diese Köpfe hervorrufen.

Die Lebensähnlichkeit der ausgestopften Köpfe von Neuguinea kann sich mit der der Jivarotrophäen nicht vergleichen. Die Dorro-Kopfjäger, die diese Köpfe vor allem herstellen, stopfen sie mit Rinde und Kokosnußfasern aus, entfernen das Kopfhaar und füllen die Augenhöhlen mit Lehm.

Der bei den Bodenbauvölkern ausgebildete Glaube an die Zauberkräfte des Kopfes hat zur Entwicklung der geschnitzten Masken geführt, Die Darstellungen von Totengeistern sind. Der Sinn der Tänze, bei denen sie getragen werden, ist nicht nur das Bestreben, die Ahnenseelen zu ehren, sondern vor allem auch der Wunsch, die Seelenkräfte der Toten zum Nutzen der Gemeinschaft auszuwerten.

Die hervorragend künstlerischen Masken der Bodenbauvölker stellen wohl die höchste Stufe ihres Kunstschaffens dar. Manche afrikanischen Stücke haben das Aussehen gotischer Heiliger. Andere, vor allem in der Südsee, zeigen aufeinandergestufte Gestalten von Tieren, Menschen oder Geistern. So sind etwa die berühmten Malagans einiger melanesischer Inseln symbolische Darstellungen der Totenseelen, die mit den individuellen Namen der Verstorbenen benannt werden. Ein Schweinskopf bildet oft die Basis der in Säulenform geschnitzten Bilderreihen er ist die Ehrengabe der Verwandten für den Toten.

Ein Beispiel für die enge Beziehung zwischen der Schädel- und Knochenverehrung und der der geschnitzten Maske ist eine Sitte der Nor-Papua von Neuguinea, die sofort nach dem Begräbnis eine Maske an den gewohnten Platz des Toten legen, die an seiner Statt geehrt wird, bis sein Unterkiefer wieder ausgegraben werden kann. Dieser Kiefer wird von den Angehörigen als Talisman verwahrt und als Bindeglied zwischen der Welt der Sterblichen und der der Ahnengeister betrachtet.

Jedoch nicht nur die Seelen der Toten wandern, auch die Seelen der Lebenden sind nicht immer an ihren Sitz, den Kopf des Menschen, gebunden. Wie die Träume, jene Abenteuer der wandernden Seele, zu beweisen scheinen, kann auch die Seele der Lebenden jederzeit den Körper für kürzere oder längere Frist verlassen. Dieser Glaube lebt noch heute in den Sagen und den abergläubischen Vorstellungen aller Völker, von der Zeit Griechenlands und Roms bis zu den Sagen abgelegener Gebiete der Zivilisation, wo alte Geschichten berichten, daß eine Maus, eine Hummel, eine Biene oder ein anderes Lebewesen den Mund der Schläfer verlassen, um die Seele ins Reich der Träume zu führen, von wo sie vor dem Erwachen zurückkehrt.

Durch Zauberei kann auch eine fremde Seele in den Leib eines schlafenden Menschen eindringen und dadurch jene Geistesverfassung hervorrufen, die wir als Wahnsinn bezeichnen.

Nur wenn ein Mensch stirbt, verläßt seine Seele den Körper für immer, meistens, weil ein böser Zauberer sie vertrieben hat. Aus diesem Grunde spielt bei den Bodenbauvölkern die Suche nach dem Schuldigen", der den Tod eines Mitmenschen veranlaßt hat, eine wichtige Rolle. Besonders vor dem Begräbnis aber verweilt die Seele des Toten oft noch in der Nähe der Leiche und geht erst nach einem zweiten, endgültigen Begräbnis ins Seelenland, nachdem das Fleisch des Begrabenen verwest ist. Oft kommen auch Seelen aus dem Jenseits als eine Art Empfangskomitee herbei, um den neuen Mitbürger sicher ins Totenland zu geleiten. Bei den Apachen nahmen sie die Gestalt von Eulen an, die die Seelen der Verschiedenen in die Glücklichen Jagdgründe führten.

Zuweilen nimmt die Leiche eines Verstorbenen in feierlicher Weise Abschied von den hinterbliebenen Freunden und Verwandten. So wird auf Ponape der Tote kurz vor seinem Begräbnis von Hütte zu Hütte getragen, um bei jeder Wohnstätte seinen Tribut an Tränen und Klagegeschrei entgegenzunehmen. Ein Mann nimmt sein Ruder mit ins Grab, eine Frau ihren Webstuhl, über dem Grab wird eine kleine Hütte errichtet, in der der nächste Anverwandte fünf bis sechs Nächte verbringt, worauf die Hütte zerstört wird und die Trauernden mit ihrem zum Zeichen der Trauer abgeschnittenen Haar in ihr Alltagsleben zurückkehren.

Die Suche nach dem am Tode Schuldigen" wird, wie Tessmann berichtet, besonders bei den Pangwe mit großem Eifer betrieben. Die Begräbniszeremonie selbst bietet ihnen Gelegenheit, festzustellen, ob der Verstorbene vielleicht selbst ein Zauberer war, der den Tod anderer verschuldete. Sollte dies der Fall sein, so findet sich ein Ewu" in seinen Eingeweiden, ein übles Ding, das den Verschiedenen als bösen Zauberer erweist, der nicht berechtigt ist, das Begräbnis der Guten" zu erhalten, die Söhne des Lichtes" sind. Um festzustellen, zu welcher Kategorie der Verstorbene gehört, erscheint als wichtigster Teilnehmer der Medizinmann oder mot a l e n (der Mann, welcher aufschneidet") beim Begräbnis. Ehe er jedoch sein Amt versieht, tritt ein alter Mann aus der Gruppe der Leidtragenden hervor, um eine lange Ansprache zu halten, die in der Aufforderung zur Blutrache gipfelt, falls der Schuldige", der den Todesfall veranlaßt hat, identifiziert werden sollte. Hierauf wird die Leiche herbeigebracht und auf einem Rindenstück niedergelegt. Die Kleider und Schmuckstücke werden dem Toten abgenommen, und sein Körper wird zur Pflanzung hinter die Hütten getragen, wo er neben dem mit frischen Blättern ausgelegten offenen Grabe niedergelegt wird. Jetzt kommt der wichtige Augenblick, wo der Medizinmann entscheidet, ob der Verstorbene ein Sohn des Lichts" oder ein böser Zauberer gewesen ist. Er schneidet die Leiche auf, betrachtet die Eingeweide und verkündet den Befund. Je nach dem Ausgang wird der gute" Tote nun entweder in einem Rindensarg beigesetzt oder als übler Magier flüchtig verscharrt.

Die trauernden Verwandten tragen Blattschurze an Stelle ihrer gewöhnlichen Kleidung, rasieren sich die Köpfe, enthalten sich des Geschlechtsverkehrs und bleiben in ihren Hütten. Zuweilen bemalen sie ihre Gesichter mit weißer Farbe, der Farbe des Todes. Die Seele eines verstorbenen Pangwemannes verweilt mitunter noch in Gestalt eines wilden Tieres unter den Lebenden, um Rache an dem Menschen zu nehmen, der den Tod ihres Leibes verursachte. Andererseits kann eine solche Seele auch zärtliche Gefühle hegen. Wenn zum Beispiel ein Vater gestorben ist, der einen geliebten, aber armen Sohn zurückgelassen hat, kann er ihm sein Leben im Jenseits opfern, indem er sich in einen Tiger verwandelt, der seinem Sohn gestattet, ihn (und damit seine Seele) zu töten. Durch dieses Opfer ermöglicht er es dem Sohn, das kostbare Fell und die Knochen des Tigers zu verkaufen und sich von dem Erlös eine Frau zu erwerben.

Ehe ein verstorbener Pangwe der Einladung der Ahnenseelen, folgt, mit ihnen in das Land Nsambe zu reisen (er erkennt ihre Gegenwart während seines Todeskampfes und grüßt sie mit den Worten: Da sind sie!"), hält er sich oft noch in dem Schatten der Bäume auf, wo man nachts sein Flüstern hören kann. Nach etwa einem Jahr nehmen die Verwandten an, daß er nun bereit ist, ins Land Nsambe zu reisen. Seine besten Kleider werden feierlich vor seiner Hütte zur Schau gestellt, und Tanz und Schmaus finden zu Ehren der Gelegenheit statt.

Das von Nsambe, dem Schöpfer-Gott, regierte Seelenland, ist ein freundlicher Ort, wo man genau wie auf der Erde lebt, nur ohne die Sorgen der Menschen. Nsambe schenkt den dort wohnenden Seelen große Pflanzungen, Tiere und Wälder, und allen Mitgliedern des glücklichen Landes stehen so viele Nahrungsmittel und Frauen zur Verfügung, als sie nur haben wollen. Die Bösen" erhalten Vergebung, und jeder sich dort aufhaltende Tote ist wunschlos zufrieden. Aber selbst die Seelen werden alt und können nicht für immer im Himmel bleiben. Wenn sie allzu wacklig geworden sind, wirft Nsambe, der keine häßlichen Dinge leiden kann", sie aus dem Totenland hinaus. Sie fallen hinab ins Land der Pangwe, wo sie schwach und unsichtbar dahinvegetieren. Nur gewisse Tiere, besonders die Termiten, fühlen ihre Gegenwart und erbauen ihre Hügel über den Leichen" dieser schwachen alten Seelen. Wenn ein Termitenbau endlich zu Staub zerfällt, so bedeutet dies, daß auch die Seele wieder zu ihrem Urstoff geworden ist, zu Staub, aus dem nicht nur Sonne, Mond und Welt, sondern auch alle Lebewesen entstanden sind.

Der Tote lebt nun nur noch in seinem Schädel weiter, der von seiner Familie wieder ausgegraben worden ist, um zu den anderen, älteren Schädeln in der Schädeltrommel gelegt zu werden, die in der Hütte aufbewahrt wird. In Zeiten der Not, wenn Nsambe Krankheit oder Mißernte zu den Pangwe herabgesandt hat, werden die Schädel aus der Trommel genommen und in heiligem Tanze umhergeführt, wobei man sie bittet, beim Gott des Stammes ein gutes Wort für die Lebenden einzulegen. Sollte diese Bitte um Hilfe nutzlos sein, so fallen die Schädel in Ungnade, werden bedroht und beschimpft und für lange Zeit weggepackt.

Da die Termitenhaufen einen Teil der zauberkräftigen Seelensubstanz der Toten enthalten, sammelt man Teile von ihnen auf, um sie als Amulette zu tragen. Der Glaube, daß die Termiten Träger menschlicher Seelensubstanzen sind, ist auch anderswo weitverbreitet, vor allem in der Südsee.

Die Sitte, Tänze zu Ehren der Abreise der Seelen ins Totenland abzuhalten, ist ein allgemeiner Brauch der Bodenbauvölker sowohl in Afrika wie in der Südsee und in Amerika. Meist finden sie etwa ein Jahr nach dem Todesfall statt.

Um die Toten zufriedenzustellen, wird oft ihr Eigentum oder eine symbolische Imitation ihrer Besitztümer mit ihnen begraben, so daß sie bei ihrer Reise in das Seelenland ordentlich ausgestattet sind. Bei manchen Stämmen wird der ganze irdische Besitz des Verstorbenen zerstört, um ihm zu zeigen, daß die Überlebenden nicht die Absicht haben, ihn zu berauben", aber auch, um gleichzeitig alle Träger von Todesinfektionen" zu vernichten.

Die Algonkinstämme Neuenglands töteten die wertvollen Hunde eines Sterbenden, so daß sie vor ihm in der anderen Welt ankommen konnten. Der Todkranke hielt sich noch selbst eine Grabrede, in der er seine guten Taten aufzählte, seiner Familie Anweisungen erteilte, seine Freunde lobte und schließlich feierlich von allen Abschied nahm. Inzwischen überhäuften ihn seine Freunde mit Geschenken, aßen seine Nahrungsmittel auf und versicherten ihn durch wilde Schreie ihrer Trauer. Wenn er dann endlich starb, wickelten sie seinen Körper fest in Häute ein, und zwar mit den Knien gegen seinen Leib und dem Kopf auf den Knien, so wie wir im Mutterleibe liegen", und begruben ihn in dieser Stellung gemeinsam mit seinem gesamten Besitz, wie Bogen, Pfeilen, Taschen, Hunden, und einer Unzahl von Geschenken, die die Trauernden stifteten.

Die hölzernen Ahnenfiguren der Bodenbauvölker weisen oft diese typische Kauerstellung der Toten auf, und auch viele prähistorische Skelette sind in dieser Position gefunden worden. Die Hopiindianer waschen die Haare ihrer Verstorbenen mit Palmlilienextrakt und geben dann dem Toten die gewünschte Hockerstellung, wobei sie ihn, wenn nötig, mit Faserschnüren zusammenbinden. Er wird dann mit Gebetsfedern geschmückt, und zwar legt man je eine in jede Hand des Toten und eine auf den Nabel, den Ort, wo der Atem des Menschen wohnt". Ein tiefes Grab wird hergerichtet und der Tote mit dem Gesicht gen Westen darin bestattet. Beaglehole berichtet, daß das Grab schnell gefüllt wird" und daß man einen Stab darauf befestigt, der dem Atem zur Leiter dient, wenn er westwärts reist".

Derselbe Gedanke, der Seele das Verlassen des Grabes und die Rückkehr dorthin möglich zu machen, drückt sich auf Neuguinea in der Sitte aus, einen Bambusstab auf den Kopf des Begrabenen zu lehnen, der aus dem Grabe hervorragt. Denn obwohl seine Ahnen und sein Totemtier sofort nach seinem Tode gekommen sind, um ihn in das bessere Land der Toten zu tragen, so könnte er doch zuweilen Lust haben, seinen alten Leib von Zeit zu Zeit im Grabe zu besuchen.

Die Toten werden aber nicht nur in Hockerstellung in der Erde begraben, sondern auch oft in großen Tonurnen, Körben und ähnlichen Behältern beigesetzt. So setzen die südamerikanischen Tupi ihre Toten in gewaltige Tongefäße, um ihnen die Berührung mit der Erde zu ersparen, aber auch, um ganz sicher zu sein, daß der Totengeist nicht wiederkommen kann". Oft werden später die Knochen gewaschen und gereinigt, bemalt und in besonderen Körben aufbewahrt. Die Bororo bekleben die Knochen ihrer Toten mit buntem Federn und veranstalten ihnen zu Ehren große Feste. Um die Geister zu versöhnen", werden die Rollen der Toten dabei durch Schauspieler dargestellt. Als erstes oder zweites Begräbnis (nach dem Reinigen der Knochen) sind derartige Urnenbegräbnisse auch bei den Chiriguano und anderswo üblich.

Das Urnenbegräbnis der Dusun von Borneo ist besonders gut von J. Staal geschildert worden, der die kleine Bambushütte besuchte, die sofort nach dem Eintritt des Todes über dem Verstorbenen errichtet wurde.

Messingschmuck und kostbare Stoffe werden auf diese Hütte und um sie herum gelegt. Freunde und Nachbarn kommen herbei, um über den Verlust ihres Freundes zu klagen, der ein so guter Nachbar war, ein so handfester Trinker, der selbst im Zustande der Trunkenheit freundlich und friedfertig blieb. Während der Nacht wachen zwei Männer bei dem Toten, wobei sie ihre Gongs schlagen, um wach zu bleiben, und sich mit ihrem ,Champagner' Mut antrinken. Am dritten Tage wird die Leiche in eine Tonurne getan. Wenn man diese Urnen betrachtet, so sollte man es für unmöglich halten, daß ein voll ausgewachsener Mensch darin Platz finden kann. Jedoch wird diese Urne in der Höhe ihres weitesten Durchmessers mit scharfen Messern durchgeschnitten. Dann setzt man die Leiche in den unteren Teil mit den Füßen zuerst hinein, biegt die Knie und zwängt den Körper nach. Der Kopf ruht auf oder zwischen den Knien. Dann wird der Oberteil der Urne wieder aufgesetzt und mit Harz und Lehm angekittet. Die Priesterin schwenkt ein qualmendes Stück Holz über der Urne, wobei sie unverständliche Silben singt. Diese Handlung hat den Zweck, die Seelen der Anwesenden daran zu verhindern, etwa in das Behältnis des Toten zu springen." Da man bei Vollmond oder kurz vor Neumond keine Begräbnisse abhält, wird diese Urne oft lange Zeit im Hause behalten, dessen Bewohner sich weder durch den pestilenzialischen Gestank", noch durch die sich ansammelnden Fliegen stören lassen, sondern munter dort essen, trinken, plaudern und schlafen", bis dann endlich die Urne in der Erde beigesetzt wird.

Die afrikanischen Djur begraben nur solche Toten in Hockerstellung, die im Kampfe gegen Mensch oder Tier" gefallen sind. Kinder und Leute, die im Bett gestorben sind, werden in horizontaler Lage bestattet. Die Gräber werden umzäunt und saubergehalten, bis die Termiten die Leiche gefressen haben, worauf man sich nicht mehr darum kümmert.

Dem Urnenbegräbnis verwandt sind die Gräber in den sogenannten Mounds der amerikanischen Indianer des oberen Mississippitales und anderswo. Diese Mounds können jedoch kaum älter als ein paar Jahrhunderte sein, denn unter den Tausenden der dort gefundenen Kulturobjekte, die in Urnen oder Steinplattengräbern lagen, haben sich Dinge gefunden, die fraglos aus der Kultur der weißen Eroberer stammen. Keating erklärt die Lage dieser Grabstätten damit, daß die Gräber in den Mounds der Prärie angelegt wurden, weil diese die höchsten Bodenerhebungen der Ebene darstellten und am besten vor Überschwemmungen geschützt waren.

Der Wunsch, die Toten so gut wie möglich vor den Einflüssen von Wasser und Kälte, ja vor der Verwesung selbst zu schützen, führte zu den verschiedenen Konservationsmethoden, nach deren Anwendung die Leiche keinen weiteren Veränderungen unterworfen ist. Die ältesten Formen der Mumifizierung, das Austrocknen oder Räuchern der Leichen, ist bereits bei verschiedenen Erntevölkerstämmen bekannt. Auf den Gilbertinseln verweilen die mumifizierten Toten für lange Zeit im Familienkreise, werden herumgetragen, nehmen an den Tänzen teil und erfreuen sich aller Wertschätzung, die man sonst einem geehrten Gast entgegenbringt.

Die Babwende des belgischen Kongos kennen ein ganz besonders kompliziertes Mumifizierungsverfahren, das von Manker ausführlich beschrieben worden ist. Wenn bei ihnen ein Häuptling oder ein anderer hervorragender Stammesangehöriger stirbt, wird seine Leiche durch die Herstellung eines sogenannten Niombo für das Begräbnis vorbereitet. Sofort nach Eintreten des Todesfalles kleiden sich die Leidtragenden in Lumpen, bemalen ihre Gesichter mit roten und schwarzen Farben und hängen die Leiche an einem Strick in der Hütte des Verstorbenen auf, wo Tag und Nacht starke Feuer unterhalten werden. Die Leichenwache und die Austrocknungsprozedur dauern viele Monate lang, bis endlich die letzte Spur von Feuchtigkeit aus dem Körper des Toten verschwunden ist.

Inzwischen haben die Freunde und Verwandten des Verstorbenen ganze Berge von Bastmatten, Baumwollstoffen und ähnlichen Materialien aufgehäuft, damit er das Land des Jenseits nicht als armer und verachteter Bettler betreten muß". Ein berufsmäßiger Niombomeister wird zur Hütte gerufen, der bereits den Kopf des künftigen Niombo mitbringt, an dem er seit dem Tode des Würdenträgers gearbeitet hat. Dieser Kopf ist aus rotem Baumwollstoff und ein mit Gras und anderen Materialien ausgestopftes Kunstwerk. Die Gesichtszüge sind lebendig, die Wangen sanft gerundet, der dicklippige Mund ist geöffnet und zeigt die spitzgefeilten Zähne. Die Augen sind wirkungsvoll mit schwarzen und roten Kreisen ummalt. Ein Bart schmückt das Kinn. Der Schwarze, eingedorrte Körper des Verstorbenen wird nun vom Niombomeister mit vielen Hundert Metern Stoff umwunden, bis er den Kern eines riesengroßen Bündels liefert. Arme, Beine und Füße, von kunstvoll gebauten inneren Gerüsten gestützt, werden angesetzt. Schließlich wird die Tatauierung des Verstorbenen auf die Brust der Figur! gemalt. Wenn der Niombo fertig ist, so ist er höher als ein Haus."

Am Begräbnistage nimmt zuerst das ganze Dorf an einem großen Festessen teil, worauf eine Gruppe von Männern den Niombo zum Begräbnistanz trägt, Die Hütten überragend, dreht er sich im Tanze. Plötzlich hören die wilden Bewegungen auf, und die Trauernden ordnen sich zum stillen Zuge, um in feierlicher Parade die rotbemalte Riesenfigur zum Begräbnisplatze zu tragen. Wenn der Niombo schließlich aufrechtstehend in sein Grab hinabgelassen wird, springen alle Leidtragenden einmal hoch in die Luft. Wer dies unterläßt oder zu schwach ist, es zu tun, wird dem Niombo bald nachfolgen. Alle Anwesenden helfen dann mit, das gewaltige Grab mit Erde zu füllen, das schließlich mit den Werkzeugen und anderen Besitztümern des Verstorbenen bekrönt wird. Hierauf wird die Hütte des Toten verbrannt.

Wohin, begibt sich nun der Verstorbene? Da er ein hochangesehener und einflußreicher Mann war, geht er in ein Land ewiger Glückseligkeit. Niemand zweifelt daran, daß die Freigebigkeit seiner Freunde und Verwandten, die ihn in so großartiger Weise für seine Reise ausstatteten, nicht verfehlen wird, seine neuen Mitbürger im Seelenland aufs tiefste zu beeindrucken.

Wie wir schon von den Pangwe her wissen, ist das Land der Toten im Glauben der Bodenbauvölker keineswegs ein Ort des Schreckens. Die Seelen leben dort in ähnlicher Weise wie auf der Erde weiter, nur ohne Sorgen und Leiden. Ihr Gemeinschaftsleben gleicht dem des Stammes, den sie verließen. Sie pflanzen und ernten, kämpfen und lieben aber unter idealen Umständen. Die Bodenbauvölker wissen genau, was sie im Jenseits zu erwarten haben. Ihre Weltanschauung kennt in dieser Hinsicht keine qualvollen Zweifel.

Sehr verschieden von dieser Philosophie sind die mit dem Phänomen des Todes verbundenen Vorstellungen der Hirtenvölker und der polynesischen Stämme, bei denen die Bedeutung des Individuums weit stärker entwickelt ist als bei den gemeinschaftsgebundenen Gesellschaften der Bodenbauvölker. Ihr Glaube an ein Weiterleben des Totengeistes ist weit weniger betont, und ihre Vorstellungen eines Lebens im Jenseits sind durch ihre Klassen-und Kastensysteme bedingt. Während die Edlen und die Häuptlinge eine Fortsetzung der von ihnen auf Erden genossenen Vorrechte auch nach dem Tode erwarten können, wird dem niedrigen Volke eine Unsterblichkeit rund abgesprochen.

So sind etwa auf Tonga nur die Herrscher unsterblich, während die einfachen Stammesangehörigen im Augenblick ihres Todes aufhören zu existieren. Ebenso gestehen viele afrikanische Hirtenvölker nur den Häuptlingen und Medizinmännern das Recht eines Weiterlebens nach dem Tode zu, während das Volk und vor allem die Frauen keinerlei Hoffnung auf ein Leben im Jenseits haben. Im allgemeinen bedeutet bei diesen Stämmen der Tod eine Auslöschung des Menschen, und ein Weiterleben wird nur in Ausnahmefällen angenommen.

Spuren dieser Weltanschauung zeigen sich bereits bei einigen Erntevölkerstämmen, wie etwa den australischen Aranda und Loritja, bei denen die Seele nach dem Tode zwar in ein Land des Jenseits gelangt, dort aber sehr bald darauf gänzlich ausgelöscht wird. Auch bei den vorislamischen Arabern und bei den alten Juden war der Glaube an ein Fortleben der Seele äußerst begrenzt. Mit der wachsenden Bedeutung des lebenden Individuums scheint der Glaube zuzunehmen, daß der Tod den Taten und Gedanken des Menschen ein unwiderrufliches Ende setzt.

Die für die vaterrechtlichen Völker charakteristische Sonnenverehrung führt zu einer Vorliebe für Grabstätten in den Wipfeln der Bäume oder auf besonders erbauten Gerüsten, damit der Verstorbene so lange wie nur möglich den segnenden Strahlen des heiligen Lichts ausgesetzt bleiben kann. Aus diesem Grunde bestatten viele nordamerikanische Indianerstämme ihre Toten in Bäumen oder auf von Astgabeln gestützten Plattformen. Die waldreichen Gebiete östlich und westlich des Mississippitales enthalten regelrechte Indianerfriedhöfe, wo die sorgsam in Matten, Lederhäute oder Birkenrinde eingehüllten Toten auf hohen Bäumen oder Gerüsten ruhen. Diese luftigen Gräber sind mit Tierschädeln, Bogen und Pfeilen und Opfergaben wie Tabak geschmückt. Selbst unter dem Einfluß des vordringenden Christentums haben viele dieser Stämme an ihren uralten Begräbnissitten festgehalten. Wie der alte Indianer Spotted Tail vom Stamme der Sichangu glauben sie, daß einer der Ihren nach seinem Tode nicht dorthin, gehen sollte, wohin der weiße Mann geht, sondern dorthin, wohin der rote Mann seit uralten Zeiten gegangen ist".

Eine Zwischenform zwischen Plattformbestattung und Erdbegräbnis stellen die gegenwärtigen Grabstätten der noch heute ihrem alten Glauben anhängenden Ojibwa-indianer dar, deren gesamtes Denken noch immer von der Midewiwin-Religion beherrscht wird. Sie bestatten jetzt wohl ihre Toten in der Erde, errichten aber über dem Grab ein überdachtes kastenförmiges Häuschen. Diese Kastenkonstruktion, die die ganze Länge des Grabes einnimmt, wird in nordsüdlicher Richtung über dem Grabe erbaut, wobei das Gesicht des. Toten nach Süden gewandt ist. Das Grabhäuschen hat eine fensterartige Öffnung, durch die Speise, Trank und mit Perlenstickerei verzierte Geschenke, wie Tabaksbeutel und Talismane, den Toten dargeboten werden. Noch im Jahre 1947 sah ich bei den Ojibwa eine große Anzahl solcher Gräber, neben denen zuweilen mit buntem Tuch umwickelte Totempfähle errichtet werden. Diese Begräbnissitte hat sich anscheinend aus der alten Plattformbestattung entwickelt, die von den jetzigen Gesetzgebern auf den Reservationen verboten wurde.

Zuweilen bestimmt bei den Naturvölkern auch die Art, in der der Verstorbene seinen Tod gefunden hat, die Form seiner Bestattung. So begraben etwa die Missisauga den toten Jäger auf einer sehr hohen Plattform, während die im Kriege Gefallenen verbrannt werden. Man trägt ihre Asche dann zum Begräbnisplatz in der Nähe des Dorfes. Die Sitte der Cheyenne, ihre Toten auf Plattformen in Travoiskörben zu bestatten, ist ein Sinnbild des schweifenden Lebens dieser Prärieindianer.

Die Plattformbestattung hat auch die Begräbnissitten der Hochkulturvölker tiefgreifend beeinflußt. So sind die zoroastrischen Parsen Indiens der Anschauung, daß der Körper eines Verstorbenen nicht mit der Erde in Berührung gebracht werden darf, und bestatten deshalb ihre Toten in den Türmen des Schweigens", wo Scharen von Geiern sich auf die Leichen stürzen, die sie bis auf die Skelette abnagen. Dadurch wird dem Fleisch des Toten der Verwesungsprozeß erspart und die Erde und vor allem das heilige Feuer bleiben vor Verunreinigung durch die Toten bewahrt.

Die sogenannten leichenverzehrenden" Särge von Assos erfüllten einen ähnlichen Zweck. Plinius sagt von ihnen, daß sie die Körper der Toten innerhalb von vier Tagen verzehren". Noch heute stehen derartige Särge auf den piedestales von Assos. Die moderne Wissenschaft hat nachgewiesen, daß sie mit aluminiumhaltigem Kalk ausgelegt und nicht fest genug verschlossen waren, um das Eindringen von Schmeißfliegen zu verhindern, von denen Linne sagte: Ein totes Pferd kann schneller von den Nachkommen dreier Schmeißfliegen aufgezehrt werden als von einem Löwen."

Die Einstellung, eine menschliche Leiche als tote Hülle ohne Bedeutung zu behandeln, hat bei vielen Hirtenstämmen und den ihnen verwandten Völkergruppen zu dem Brauch geführt, den Körper eines Toten einfach dort liegenzulassen, wo er verstorben ist; eine Sitte, die besonders in Ostafrika vorkommt. In Polynesien schafft man die Leichen zuweilen in Höhlen, wo sie ohne weitere Fürsorge ihrem Schicksal überlassen werden.

Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß gerade die Völker, die den Körpern ihrer Toten gewöhnlich sehr wenig Sorgfalt angedeihen lassen, die Leichen ihrer Edlen und Vornehmen unter Aufwendung größter Mühe für ewige Zeiten" konservieren. Diese Sitte der Mumifizierung oder Einbalsamierung geht jedoch nicht auf den Wunsch zurück, die unsterbliche Seele des Abgeschiedenen zu ehren. Sie wurzelt vielmehr in dem Bestreben, den Ruhm und die Anerkennung, die der Tote zu Lebzeiten genoß, dadurch auszudrücken, daß man ihn sozusagen in ein Denkmal seiner selbst verwandelt.

In den jüngeren Komplexen der vaterrechtlichen Völker wird häufig eine Verbrennung der Leiche bevorzugt, eine Sitte, die die Endgültigkeit des Todes symbolisiert. In vielen Gebieten, wie zum Beispiel in Polynesien, sind nur die Würdenträger berechtigt, verbrannt zu werden, wobei die Art des Scheiterhaufens von ihrem Range abhängt. In Indien und Ostasien ist die Leichenverbrennung zu einem Teil des religiösen Rituals geworden, wie denn die öffentlichen Verbrennungen der Toten besonders an den Ufern des Ganges zu den heiligsten Hindusitten gehören.

Die arktischen Stämme Amerikas und Asiens, deren Kultur aus zahlreichen Mischkomplexen zusammengesetzt ist, stehen der animistischen Welt der Bodenbauvölker näher als den feudalähnlichen Konzeptionen der vaterrechtlichen Völkergruppen. Bei ihnen haben nicht nur Mensch und Tier, sondern auch Baum, Wolke, Fels und Fluß ihre eigenen Seelen (bei den Naskapi zum Beispiel mistapeo genannt), und selbst der tote Körper ist von magischen Kräften belebt, die das Schicksal der Lebenden günstig oder ungünstig beeinflussen können. Als eine Folge ihrer heterogenen Kulturentwicklung haben die arktischen Völker die Bestattungsarten fast aller anderen Gesellschaftsformen übernommen, vom Begräbnis in der Erde und dem Belasten des Grabes mit Steinen und der Aussetzung der Leiche, die dem Tierfraß überantwortet wird, bis zur Verbrennung und zur Plattformbestattung. Die Giljaken und die Tschuktschen verbrennen ihre Toten, sammeln die Asche ein und errichten über ihr kleine Hütten, die von den Verwandten ehrfürchtig gepflegt werden. Im Gegensatz hierzu sehen die Mongolen ruhig zu, wie ihre Hunde die Leiche zerreißen, die vor einer Stunde noch ein lebendiger Mensch war.

Es ist interessant, in diesem Zusammenhang einen kurzen Blick auf die Begräbnissitten der Natchez, jenes ausgestorbenen außerordentlichen Volkes zu werfen, das einst das untere Mississippital bewohnte. Ob man den verstorbenen Angehörigen der untersten Kaste, den Stinkards, irgendwelche Sorgfalt angedeihen ließ, geht aus den Berichten der alten Schriftsteller nicht hervor, aber es ist sicher, daß das Begräbnis einer Sonne", eines adligen Herrschers, ein Ereignis allererster Bedeutung war. Der Jesuit Gravier und Penivaut haben fesselnde Beschreibungen derartiger Begräbnisse geliefert, während deren zahlreiche unschuldige Menschen zu Ehren der Dahingeschiedenen sterben mußten, und zwar nicht nur Köche und Diener, die ihre Pflichten auch in der nächsten Welt auszuüben hatten, sondern auch kleine Kinder, die von ihren eigenen Eltern hierzu erwählt wurden.

Im Jahre 1704 verstarb eine weibliche Sonne", deren aus der Klasse der Stinkards stammender Ehemann sofort erdrosselt wurde, um sie zum Großen Dorfe der Toten zu begleiten. Beide wurden in prachtvoller Weise ihrem Wohnhause aufgebahrt, und auf dem Marktplatz wurden vierzehn Gerüste errichtet, vor deren jedem ein festlich geschmückter Mann, ein moriturus, wartete, der der Verstorbenen noch zu ihren Lebzeiten das Opfer seines eigenen Lebens als Gelübde dargebracht hatte. Jeder der Vierzehn flocht selbst die Schnur, mit der man ihn erdrosseln würde; ihre Gesichter waren zinnoberrot bemalt, und fünf Sklaven standen einem jeden zu Diensten. Vier Tage nach dem Tode der großen Sonne", berichtet der zeitgenössische Autor, begann die ,der Marsch der Leichen' benannte Zeremonie." Zu Ehren der Verstorbenen erdrosselten die Väter und Mütter von zwölf unter drei Jahre alten Kindern ihre eigenen Nachkommen und schmückten" den Katafalk mit den kleinen Leichen. Als der Leichenzug sich ordnete, schritten ihm die Väter voran, die ihre toten Kinder auf den Armen trugen. Am Schlüsse dann wurden die vierzehn geschmückten Männer von den singenden Verwandten der toten Sonne" erdrosselt.

Die Sitte, Menschen zu Ehren der Verstorbenen zu töten, ist ganz besonders ein Brauch der Hochkulturen, der sich aus einer Jenseitsvorstellung entwickelt hat, die dem Leben auf der Erde genau nachgebildet ist. So waren Himmel und Hölle der alten Chinesen von ganzen Beamtenhierarchien bevölkert, die dieselben Funktionen hatten wie ihre irdischen Ebenbilder. In der Tat ist kein Volk imstande, sich ein Jenseits vorzustellen, wo die allgemeinen Lebensbedingungen und Segnungen nicht genau denen der entsprechenden irdischen Phänomene nachgebildet sind. Wenn der Papst in feierlicher Zeremonie einen neuen Heiligen kanonisiert, wendet er sich öffentlich an alle Mitglieder des himmlischen Gerichtshofes".

Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode hat sich besonders aus der animistischen Weltanschauung der Bodenbauvölker entwickelt, zu der dann später die ethischen Vorstellungen der verschiedenen Hochkulturreligionen hinzukamen. Das Klassen- und das Kastenwesen der Hirtenvölker spiegeln sich in dem Wunsche wider, die abreisende Seele so prachtvoll wie nur möglich für die Reise ins Jenseits auszurüsten.

Das Fesseln der Toten ist, wie wir sahen, so alt wie das Phänomen des Todes selbst, und es ist kaum je ein prähistorisches Grab gefunden worden, das nicht deutliche Maßnahmen zur Verhinderung einer etwaigen Wiederkehr des Toten zeigte. Oft wurden einige Knochen des Skeletts entfernt und andere hinzugelegt, um den Toten zu verwirren"; man drehte den Kopf des Abgeschiedenen dem Erdinnern zu oder man nahm andere genau ausgeklügelte Verstümmelungen vor, genau so wie heute noch die Naturvölker die Hände einer Leiche hinter dem Nacken zusammenbinden, das Grab mit Barrikaden umzäunen, den Toten vor der Bestattung enthaupten, Scheinwege zum Dorfe anlegen, die in die Wildnis führen oder den Verstorbenen so fest mit Schnüren umwickeln, daß er sich unmöglich befreien kann.

Die alten Ägypter waren in dieser Hinsicht ganz besonders vorsichtig, und ihre Angst vor Achu oder Chu, dem wiederkehrenden Toten, ließ sie die erstaunlichsten Schutzmaßnahmen ergreifen. Die Priester zwar beschrieben bei den Begräbnisfeierlichkeiten das Land der Toten als einen Ort schrankenloser Glückseligkeit aber niemand der Anwesenden glaubte im Ernst daran, daß jenes Land es mit den Freuden Ägyptens aufnehmen könnte, und so benutzte man die brutalsten Mittel, um den Achu an der Wiederkehr zu verhindern. Man enthauptete die Toten, spielte ihnen die verscheidenden Streiche und entfernte lebenswichtige Organe wie Herz und Hirn aus ihren Körpern.

Aus dem uralten Fesseln des Körpers mit verknoteten Stricken entwickelte sich das kunstvolle Einwickeln des mumifizierten Leichnams in meterlange Binden, deren Enden kunstreich verknüpft und oft sogar mit Schreckbildern belegt wurden, um der Leiche durch Einschüchterung die Lust zu nehmen, etwa wiederzukehren. Der den Formen des menschlichen Körpers genau folgende Sarg hatte vor allem den Zweck, als einengende Küstung zu wirken, außerdem war er mit komplizierten Schlössern ausgestattet, deren Öffnung von innen unmöglich war. Zur weiteren Vorsicht brachte man auf den Sarkophagen selbst Inschriften an, die die Freuden des Jenseits in so glühenden Farben schilderten, daß ein Toter, der sich vielleicht schon zur Flucht gerüstet hatte, bei ihrem Lesen bestimmt seine Pläne aufgeben würde.

Die Inkas von Peru mumifizierten ihre Herrscher und legten ihnen ihre Prachtgewänder an. Hierauf wurden sie in Hockerstellung zu einem viereckigen Bündel zusammengeschnürt. Derartige Bündel enthielten zuweilen verschiedene Leichen, denen ein künstlicher Kopf angesetzt wurde, um den Eindruck zu erwecken, daß es sich nur um eine einzige Mumie handle. Man glaubte, daß diese konservierten Körper zauberische Eigenschaften besäßen und trug sie bei Feldzügen als Talismane mit sich herum. Im Sonnentempel von Cuzco fand man auf goldenen Stühlen, im Kreise um das Bild der Sonne angeordnet, die Mumien einstiger Herrscher, die goldene Masken und kostbare Arm- und Haarschmucksachen trugen. Auch die Azteken mumifizierten ihre angesehensten Toten, zu denen die in der Schlacht gefallenen Krieger und die im Kindbett verstorbenen Frauen gehörten. Nur diese Auserwählten waren unsterblich; ihre Seelen führten in der Sonne ein neues Leben.

Die toten Tschibtschaherrscher wurden in versteckten Gräbern beigesetzt, wo sie umgeben von den Körpern der ihnen zu Ehren getöten Frauen und Diener lagen, wohlausgerüstet mit Säcken voller Kakaobohnen und mit Krügen, die mit c h i c h a gefüllt waren. Dem versteckten" Grabe entsprechen bei den alten Ägyptern die Scheineingänge und Labyrinthe im Inneren der Pyramiden, die nicht nur die Mumien vor Grabräubern schützen sollten, sondern auch den Zweck hatten, die Rückkehr der Toten zu erschweren.

Im alten Tibet kamen gleichzeitig die typischen vaterrechtlichen Methoden der völligen Zerstörung der Leichen des gemeinen Volkes und die Mumifizierung der Körper der Edlen (vor allem der Lamas) vor. Während man die Körper der verstorbenen Niederen dem Fraß der Tiere preisgab, verwahrte man die Asche oder Mumie eines Lamas in Monumenten, die oft die Form kleiner Tempel haben. Wenn sich die Tiere über eine ausgesetzte Leiche hermachten, so glaubte man, daß die Seele in den Himmel ginge, falls Vögel an ihr pickten oder Teile davon hinwegtrugen. Wurde der Tote von Schweinen oder Hunden gefressen, so sah seine Seele einer Wiedergeburt auf Erden entgegen. Ein guter Mann wurde schnell von den Tieren verschlungen ein böser, der seine Bestrafung im Jenseits zu erwarten hatte, nicht. Die aus Menschenknochen verfertigten Trompeten und Trommeln der Lamas sind aus den uralten animistischen Vorstellungen primitiver Stämme in die Hochkultur übernommen worden, desgleichen die Sitte, den Toten Grabreden zu halten, denn man glaubte, daß die Verstorbenen sehr wohl hören können, was man zu ihnen sagt, ohne jedoch imstande zu sein, zu antworten.

Genau so alt ist der Brauch, bei Trauerfällen gewisse äußere Symbole zu tragen. Schon die Naturvölker bemalen ihre Gesichter in schwarzen, weißen oder bunten Farben, um den Verstorbenen glauben zu machen, daß auch sie Geister seien und nicht etwa lebende Wesen, die den Neid der Abgeschiedenen auf sich ziehen könnten. Die Entbehrungen, die die überlebenden sich freiwillig auferlegen, sollen den Schmerz und die Eifersucht des Toten beschwichtigen und ihn von seinem Wunsche, etwa wieder unter ihnen zu weilen, abbringen.

Trotz seines Wissens und seiner Bildung wird der moderne zivilisierte Mensch oft ebenso unvorbereitet vom Tode ereilt wie der Sohn der Wildnis, der als Opfer eines bösen Zauberers zu sterben meint. Ob wir nun glücklich oder unglücklich in dem Gedanken sind, daß unser Dasein auf der Erde zeitlich begrenzt ist, hängt von unserer Weltanschauung ab, von der Art, wie wir unsere Gaben unseren Mitmenschen nutzbar zu machen suchten, und von den Spuren der sichtbaren oder unsichtbaren Werke, die wir hinterlassen.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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