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Im Schönheitssalon der Wildnis

Als zwei ziemlich stark gepuderte und mit allerlei kosmetischen Kunststücken verschönte Damen den Andachtsraum einer winzigen New Yorker Negersekte betraten, um wißbegierig einmal an dem dort geübten seltsamen Ritual teilzunehmen, erhob zu ihrem Schrecken der Mohrenpriester bei ihrem Anblick seinen Finger und rief der versammelten Gemeinde mit lauter Stimme zu: „Da kommen die zwei Isebelsl" Entsetzt erinnerten sich die beiden Eindringlinge der Stelle aus dem „Buch der Könige", die berichtet, daß Isebel, die „ihr Angesicht geschminkt und ihr Haupt geschmückt" hatte, von den Dienern des Herrn zum Fenster hinausgestürzt wurde und daß man sie auf dem Acker Jesreels verscharrte, damit die Hunde ihr Fleisch fräßen.

Die beiden Besucherinnen kamen zwar noch mit dem Schrecken davon, später aber berichteten sie ihrem Universitätslehrer (der nicht ganz unschuldig an der kleinen Expedition gewesen war) ihr Erlebnis, und eine lange Diskussion entwickelte sich, deren Hauptthema die Frage war: Warum erscheint manchen Leuten die wohlgepflegte Aufmachung einer Frau als eine „Sünde", warum wird ein Mädchen, dessen Angesicht geschminkt und deren Haupt geschmückt ist, von gewissen engherzigen Beurteilern als leichtfertig verschrien? Läuft die künstliche Unterstreichung der von der Natur verliehenen Reize wirklich dem gesunden Empfinden zuwider ? Sicherlich war dies vor zehntausend Jahren nicht der Fall, und in vielen Weltgegenden, wo das Wort „Kosmetik" nie gehört wurde, folgen noch heute die Frauen und oft auch die Männer ihren eigenen uralten Schönheitsregeln, und zwar sowohl aus rein ästhetischer Freude als auch aus hygienischen und religiösen_Gründen. Denn in allen Dingen des guten Geschmacks haben die sogenannten Wilden eine ganz genaue Vorstellung von dem, was sie als schön und anziehend betrachten, und sie lassen keine Gelegenheit ungenützt verstreichen, um ihre Auffassungen auf diesem Gebiete gebührend zu betonen. Männer sowohl wie Frauen versuchen, ihrem Körper, ihrer Kleidung und Gesamterscheinung einen Anstrich von Eleganz zu verleihen, und während der zivilisierte Mann auf dem Gebiet der Schönheitspflege schon längst eine untergeordnete Stellung einnimmt, wetteifern seine primitiveren Brüder mit dem schönen Geschlecht in ihrem Bemühen, die Frauen an Pracht der Erscheinung womöglich noch zu übertreffen.

Während schon in der Welt der Zivilisation sich grundlegende Geschmacksunterschiede hinsichtlich des Gebrauchs von Kosmetika geltend machen, treten diese Unterschiede bei den Naturvölkern, die ihre eigenen Geschmacksregeln treulich befolgen und nicht leicht die Moden ihrer Nachbarn nachzuahmen gewillt sind, noch weit deutlicher hervor.

Die Schönheitsbegriffe zum Beispiel der Maori sind von Eisdon Best zusammengefaßt worden. Um als anziehend zu gelten, muß ein junges Mädchen „wohlgeformte Beine und eine harmonische Körperhaltung" haben, „die Stelle, wo die Wirbelsäule ins Gesäß einmündet, muß angenehm geformt sein, und die Schöne muß sich gerade halten". Die Ansprüche derMaorifrauen hinsichtlich der Männerschönheit sind die folgenden: „Er muß den Eindruck von Kraft und Reife erwecken, sein Körper muß wohlgestaltet, sein Gesicht ansprechend sein, mit nicht zu weit auseinanderliegenden großen Augen, die sich mit mildem Ausdruck auf den Menschen richten". Außerdem muß ein solcher Adonis auch noch „freundlich" sein und "gutgeformte Lenden" haben. Die Gesamtkonzeption entspricht also ziemlich genau der unseren, der des griechischen Schönheitsideals.

Viele nordamerikanische Indianer, wie etwa die Hopi, verlangen von einem hübschen Mädchen, daß ihr Gesicht mit Maismehl bestäubt sei und daß sie ihre Haare in „Schmetterlingsform" aufbindet.

Alle diese Schönheitsbegriffe sind durchaus nicht willkürlich, denn die verschiedenen Phasen der menschlichen Kultur haben ihre eigenen Schönheitsgesetze ausgebildet, die Männer und Frauen der betreffenden Stämme getreulich zu befolgen bemüht sind. Neben ihren auseinandergehenden Ansichten über die Anwendung kosmetischer Mittel scheinen jedoch alle Völker der Erde in einem Punkte den gleichen Geschmack zu haben: daß nämlich äußerste Reinlichkeit die Vorbedingung zu gutem Aussehen ist. Kein wohlerzogener Sohn der Wildnis vernachlässigt deshalb die Regeln der körperlichen Hygiene. Die Bemerkung „Du wäschst dich wie ein Weißer l" (der, während er bei den „Wilden" lebt, sich oft nur Gesicht und Hände wäscht) ist in der Tat eine der schlimmsten Beleidigungen, die ein Dschungelbewohner dem anderen zurufen kann.

Wer je als Europäer unter Naturvölkern gelebt hat, wird ihren großen Reinlichkeitssinn oft mit Erstaunen bemerkt haben. O'Connell, der jahrelang das Leben der Eingeborenen von Ponape teilte, betont, daß sie zwei- bis dreimal täglich baden und daß alle Stammesmitglieder, die es an Sauberkeit fehlen ließen, „ihre gesellschaftliche Stellung verloren und degradiert und von der Gemeinschaft ausgestoßen" leben mußten. Ein Creek-Indianer muß täglich mindestens einmal baden und sich im Winter viermal nackt im Schnee rollen. Der alte Entdecker Adair erzählt, daß man die Unterlassung dieses täglichen Bades bei ihnen streng bestrafte, indem man die Haut der Arme und Beine des Schuldigen, mit Schlangenzähnen aufriß.

Wo immer Wasser vorhanden ist, versuchen die Eingeborenen sich durch Waschen und Baden so sauber wie möglich zu halten. Aber selbst dort, wo das Wasser zu den Luxusgütern gehört, wie zum Beispiel in der Sahara, säubern die Stämme sich, und zwar mit trockenem Wüstensand, und das religiöse Gesetz des Korans enthält genaue Vorschriften über das rituelle Waschen mit Sand vor dem Gebet, das in der Wüste die Reinigung mit Wasser zu ersetzen hat. In den arktischen und subarktischen Gebieten, wo das Klima das Waschen mit Wasser oder Schnee zuweilen verbietet, haben die Eingeborenen das Dampfbad erfunden. Zu diesem Zweck werden besonders konstruierte Badehütten erbaut, wo Steine erhitzt werden, die man dann mit Wasser begießt, um den Badedampf zu erzeugen. Nachdem die nackten Besucher des Bades sich diesem Dampf einige Zeit ausgesetzt haben, springen sie oft in das kalte Wasser ihrer Flüsse und Bäche. Solche „türkischen" Bäder dienen zuweilen einer größeren Anzahl Badender zugleich, während es auch kleinere Badehütten für nur einen oder zwei „Kunden" gibt. Selbst Kranke unterziehen sich zur Niederschlagung des Fiebers oft dieser Prozedur, wobei der Medizinmann Gebete spricht und seinen Singsang ertönen läßt. Die modernen Sportsleute Skandinaviens, die noch immer an dieser uralten Sitte des Dampfbades im kalten Klima festhalten, schreiben ihre körperliche Energie den wohltuenden Einflüssen dieser Tradition zu.

Die Einwirkung des heißen Dampfes, des kalten Wassers und, in tropischen Gegenden, der glühenden Sonnen strahlen auf die menschliche Haut haben zu weiteren Erfordernissen der Körperpflege geführt. So gibt es auf der ganzen Welt kaum ein Volk, das nicht von Fetten und ölen Gebrauch machte, um die Körperhaut zu säubern und zu glätten. Der aus einer Kalebasse hergestellte öltopf gehört deshalb zu den unerläßlichsten kosmetischen Erfordernissen, und Männer und Frauen reiben sich so oft sie können mit „cold creams" der verschiedensten Art ein. Manche afrikanischen Stämme benutzen das öl der Raphiapalme ausschließlich zu Schönheitszwecken, da es vor allem auch vor Insekten schützt. In der Südsee werden fetthaltige kosmetische Substanzen besonders aus dem öl der Kokospalme gewonnen, das ja auch in den meisten modernen kosmetischen Präparaten enthalten ist. Die Eingeborenen haben die verschiedensten Methoden erfunden, um die Kokosnuß mit Hilfe geeigneter Mittel zu spalten und zu zerreiben.

Zuweilen wird der feingeriebene Nußkern in der Sonne einem Gärungsprozeß unterworfen, wobei das öl sich absondert und dann mit anderen kosmetischen Substanzen vermischt wird. Diese Substanzen bestehen meist aus Palmöl, Rizinusöl, Fett oder selbst Butter mit Zusätzen von Rotholz, Ingwerwurzeln, Krautern oder Metallstaub. Die fertigen Salben sind nicht nur wirksam gegen Sonnenbrand und Insektenstiche, sondern, wie viele Forscher betont haben, auch ein guter Schutz gegen Kälte und Zugluft. Die Schönheitspasten werden entweder auf Teile der Haut oder auf den ganzen Körper eingerieben, und viele dieser Mittel sind weit wirksamer und gesünder für die Eingeborenen als die billigen Baumwollumpen, die findige Kaufleute aus der zivilisierten Welt ihnen als Kleider aufzudrängen verstanden haben.

Die Sitte, Fette mit Farben zur Erzeugung kosmetischer Produkte zu vermischen, ist außerordentlich weit verbreitet, besonders bei australischen und afrikanischen Stämmen, die die zweifache Wirksamkeit solcher Präparate als Hautcreme und als Körperverzierung zu schätzen wissen.

Fette plus Farbe? Da hätten wir also bereits das Rezept der Schminken, die auf unseren Toilettentischen und in den Theatergarderoben zu finden sind. Und das bringt uns wieder zu den „Isebels" zurück. Die Kunst des Schminkens mit gefärbten Fettpasten ist durchaus keine frivole Modelaune des Augenblicks oder gar ein Zeichen moderner „Dekadenz". Schon Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung haben Männer und Frauen die Anziehungskraft ausgesuchter, auf die menschliche Haut aufgetragener Farben gekannt und raffiniert zur Anwendunggebracht. Die Entdeckung der hierzu geeigneten Chemikalien und die Rezepte ihrer Mischung gehören zu den ältesten Kenntnissen der Menschheit. Die Bedeutung des Besitzes dieser Farben für einen Stamm ist so groß, daß selbst die äußerst streng eingehaltenen Rechte an Grund und Boden, die eine Grenzverletzung oft mit dem Tode bestrafen, zuweilen aufgehoben werden, um fremden Stämmen Eintritt zu gewähren, die von weither zureisen, um die „lebenswichtigen", nur an einer bestimmten Stelle vorkommenden Schminkfarben für ihr Volk zu holen.

Wie die aus der Eiszeit stammenden Farbbergwerke zeigen, haben auch die ältesten Menschen keine Mühe gescheut, um Rohstoffe für ihre Schminken zu gewinnen. Die paläolithischen Funde beweisen, daß auch die prähistorischen Menschen ebenso wie die heute noch lebenden Naturvölker ihre eigenen genauen Rezepte für die Herstellung von „make-up" kannten. Schminkfarben wurden in ornamentierten Knochen- und Schieferbehältern aufbewahrt und auf schöngeformten Paletten angerührt. Fast alle ausgegrabenen eiszeitlichen Wohnstätten weisen reichliche Vorräte an solchen Kosmetika auf, und selbst den Toten in ihren Gräbern wurden Schminken für die Reise in das Land des Jenseits mitgegeben. Während der mit dem Neolithikum beginnenden jüngeren Epochen der menschlichen Geschichte werden diese Beweise uralten Schönheitssinnes immer zahlreicher, und noch erstaunlicher als ihr häufiges Vorkommen ist die Skala ihres Farbenreichtums. Die Spezialstudien von Manuel Dechelette haben den prähistorischen Gebrauch von mindestens siebzehn verschiedenen Schminkfarben bewiesen, unter denen Weiß (Kreide, Mergel, Kalk), Schwarz (Holzkohle und manganhaltige Metalle) und die Farbenskala des Ockers (vom hellsten Gelb bis zu Orange und Rot) die beliebtesten waren.

Diese selben Rohmaterialien und Farben werden noch heute von den Naturvölkern der verschiedensten Kulturstufen zu demselben Zweck benutzt und finden auch in der Kunst dieser Stämme ihre Anwendung. Die schöngeschnitzten Masken der Gazellehalbinsel und anderer Gebiete Melanesiens zeigen eine deutliche Vorliebe für die Farben Weiß, Schwarz und Rot, zu denen gelegentlich noch grüne Pflanzenfarben und blauer Kobalt hinzukommen. Andere Stämme haben diesen Grundfarben weitere Schattierungen hinzugefügt, wobei aber fast immer eine besondere Farbe oder Farbenkombination bevorzugt wird.

Zuweilen wird manchen Farben ein besonderer symbolischer Wert beigelegt, der aber bei uns oft grundverschieden von den Interpretationen der Naturvölker ist. So ist Weiß zum Beispiel bei den westafrikanischen Pangwe keineswegs die Farbe der Unschuld, sondern im Gegenteil die Farbe des Teufels, die zwar bei den „bösen" Mondriten zur Schau getragen, aber dennoch als die schönste Farbe angesehen wird. Fast ebenso häufig wird bei ihnen die schwarze Farbe verwendet, die nach Tessmann „die Farbe der Nacht und alles Unangenehmen, Schrecklichen und Furchtbaren" ist, während das freudige Rot als die Farbe des Lebens gilt. Bei diesem Stamm ist das Lila die Farbe des Todes, und die Eingeborenennamen aller Pflanzen mit lila Blüten enthalten die Silben kun oder bokun („Seele"). Die bläulichen Schatten der Bäume werden für bevorzugte Aufenthaltsorte der Seelen der Verstorbenen gehalten. Wesen und Dinge, die die „dämonische" weiße Farbe zeigen, werden als besonders schon betrachtet. So beachten die Eingeborenen die prachtvollen bunten Vögel des Pangwegebiets kaum, während der einfache weiße Reiher (Bubulcusibis) ihre laute Bewunderung erregt. Im Gegensatz hierzu betrachten die Atxuabo Portugiesisch-Ostafrikas das düstere Schwarz als „die Farbe der Freude".

Oft kann man die Anzahl der von einem primitiven Stamm unterschiedenen Farben an ihrem Wortschatz erkennen. Die Chama von Ostperu haben besondere Worte für Gelb, Violett, „Bananenorange" und, mit demselben Wort benannt, Blau-und-Grün, während die Sipáia-Indianer individuelle Benennungen für die Farben Rot, Gelb, Orange, Dunkelblau bis Dunkelgrün, Hellblau und Hellgrün, Braun, Grau, Schwarz und Weiß anwenden.

Die Gewohnheit, bestimmten Farben symbolische Bedeutung beizulegen, macht sich in allen Hochkulturen, also auch in der unseren, bemerkbar. In den alten aztekischen Codices wurden die vier Erdviertel durch vier bestimmte Farben symbolisiert, und zwar war der Osten rot, der Westen blau, der Norden gelb und der Süden grün, während die alten Chinesen und Perser sich den Osten blau vorstellten, den Süden rot, den Westen weiß und den Norden schwarz. Die Dämonen der tibetanischen Lamatempel sind stets rot, und viele der tibetanischen Götter sitzen auf roten Lotosblumen, während die weiße Blume dem Tschanräsig, dem höchsten Boddhisatva, und die blaue der Tara, der „Madonna" Tibets, vorbehalten sind. Sogar die Elemente haben ihre bestimmten Farben: das Holz ist grün, das Feuer rot, die Erde gelb, das Eisen weiß und das Wasser blau. Jede Silbe des berühmten Gebets: OM MANI PADME HUM (O du Kleinod im Lotos, Amen) ist durch eine besondere Farbe charakterisiert: das den Himmel anrufende OM ist weiß; das sich an die Welt der a s u r a s wendende MA ist blau; NI, das die Welt der Menschen bedeutet, ist gelb; PAD bezeichnet die Tierwelt und ist grün; ME, das die Welt der pretas ruft, ist rot; und die abschließende heilige Silbe HUM, die die Höllenpforten verriegelt, ist schwarz.

Entsprechende Analogien aus den ägyptischen, indischen und chinesischen Hochkulturen sind zu zahlreich, um hier Er wähnung finden zu können. Ein ähnlicher Farben-Symbolismus herrscht im christlichen Ritus vor. Noch heute werden die Kirchen zum Zeichen der Trauer oder der Freude an hohen Festen mit roten, weißen, grünen, violetten, schwarzen und andersfarbigen Behängen geziert. Die genau vorgeschriebene Tracht etwa der katholischen Priester und Orden geht auf ähnliche uralte Vorstellungen zurück, genau so wie die besonderen zu Trauerzeiten getragenen Farben, die bei den verschiedenen Völkern durchaus verschieden sind. So trägt man zum Beispiel auf Korea einen braunen Hut zum Zeichen der Trauer.

Selbst in unserer Alltagssprache ist dieser Farbensymbolismus zu beobachten. Wir sprechen von einem „blauen" Montag und von „gelben" Gewerkschaften, eine Braut ist in die „Farbe der Unschuld" gekleidet, und es gibt den Begriff der „schwarzen Listen". Die Bedeutung des „schwarzen" Marktes ist ja leider nur allzu bekannt.

Obwohl die Farbenskala der Primitiven nicht ganz so reichhaltig ist wie die unsere, so verstehen sie doch die von ihnen bevorzugten wenigeren Farbtöne mit großem Geschick zur Geltung zu bringen. Aus den alten Zeiten wird berichtet, daß die nordamerikanischen Indianer ihre Körperhaut auf Kriegszügen - rot zu bemalen pflegten und daß die ersten sie besuchenden Bleichgesichter sie deshalb „Rothäute" nannten. Rote und schwarze Farbstoffe werden noch heute von den Indianern in bemalten Rehlederbeuteln herumgetragen, und Frauen und Kinder bemalen damit zuweilen noch ihre Gesichter. Die Nor-Papua von Neuguinea Heben die rote kekevak - Farbe, die sie brennen und mit Kokosöl vermischen und mit der sie ihre Haut bemalen. Zur Verzierung von Gesicht, Armen und Beinen verwenden sie eine gelbe Erdart, die am Sepik gewonnen wird, während Brust und Schenkel mit einer weißen Farbe bemalt werden, die in der Nähe einer Schwefelquelle vorkommt.

Oft schreibt die Sitte den beiden Geschlechtern verschiedene Farbmoden und verschiedene Bemalungstechniken vor. Das ist zum Beispiel bei den Miskito- und Sumuindianern der atlantischen Gebiete von Honduras und Nikaragua der Fall, wo die Frauen sich mit zierlichen, aus den roten Samen der Bixa orellana L. hergestellten Mustern schmücken, während die Männer einfach alle nicht von Kleidungsstücken bedeckten Körperteile mit schwarzem geschmolzenem Gummi beschmieren, über den sie noch eine Schicht Terpentin streichen. Auch die ostbolivianischen Tirinie-Frauen bevorzugen die rote Farbe und bemalen ihre Gesichter mit Ausnahme von Nase und Augenlidern mit dem leuchtenden u r u c u, das die Neozefrauen der gleichen Gegend nur für Wangen und Stirn benutzen. Die Papagonier mischen ihre schwarzen, roten und weißen Farben mit Knochenmark und tragen sie in dicken Schichten auf die Haut auf, um sich vor dem „sengenden Wind" zu schützen. Viele australische Stämme und auch die südafrikanischen Bantu bestreichen sich mit ockerhaltigen Fettsalben. Zuweilen werden die seltsamsten Ingredienzien als Schönheitsmittel benutzt. So sind zum Beispiel Kuhdünger und Kuhurin die Grundsubstanzen der Schminken und Schönheitsmittel vieler afrikanischer Hirtenvölker, die so fest von der Heilwirkung besonders des Rinderurins überzeugt sind, daß sie ihn als Augenwasser benutzen und sich auch mit Vorliebe die Hände darin waschen.

In den meisten Weltgegenden begegnen wir einer betonten Vorliebe für die rote Farbe, die aus den verschiedensten Materialien gewonnen wird. Die Montagnais-Naskapi-Indianer Labradors, die zwar ihre Gesichter nicht bemalen, erklärten mir wiederholt, daß Rot die schönste Farbe der Welt sei und daß keine andere mit ihr verglichen werden könne. Sie gewinnen reines Zinnober aus einer „heiligen" Bergspalte, aus der das Quecksilberoxyd hervorquillt, und bemalen damit ihre Schlitten, Kanus, Werkzeuge und Kleidungsstücke. Viele Hochkulturen haben diese Vorliebe bewahrt. Noch heute verzieren die Hindufrauen ihre Stirn mit roter Kumkumfarbe, und die blumenbedeckte Leiche Mahatma Gandhis trug bei ihrer letzten feierlichen Aufbahrung das rote Kastenzeichen auf der Stirn, während die Gesichtszüge mit Sandelholzpaste bemalt waren. Die Welt des Islam bevorzugt für ihre roten Schminken den Gebrauch der aus der Lawsonia inermis, den Zweigen und Ästen des Hennastrauches, gewonnenen Farbe. Handflächen, Fußsohlen und Fingernägel werden als Ausdruck von Freude und Gepflegtheit damit rot bemalt.

Eines der angeblich modernsten Schönheitsrequisiten, der Lippenstift, der ja ebenfalls rot ist, geht bis auf die Eiszeit zurück. In vielen prähistorischen Höhlen sind Lippenstifte in handlichen Größen und in zugespitzter Form wie die unseren aufgefunden worden. Seit den frühesten Anfängen der Menschheit haben die Damen dieses Mittel benutzt, die Farbe ihrer „Rosenlippen" zu verstärken.

Um die Lieblingszierfarben gebührend zur Wirkung zu bringen, ist es von jeher üblich gewesen, sie in geometrischen Formen auf Gesicht und Körper anzubringen. Die Form dieser traditionellen Muster kennzeichnet oft die Stellung des Trägers innerhalb der Gesellschaft, wie Mitgliedschaft eines Stammes, erlangte Pubertät, Beruf sgruppe, Tapferkeit und ähnliches. Selbst die Gebeine der Toten werden zuweilen wieder ausgegraben und mit Farbmustern bemalt, und viele prähistorische Kunstfunde, wie zum Beispiel die berühmte „Venus von Willendorf", zeigen noch deutliche Spuren roter Bemalung. Diese Sitte wurde noch bis in die klassischen Zeiten hinein übernommen, wie die ornamentierten Arme einer phrygischen Mutter mit Kind auf einer im Britischen Museum befindlichen Vase zeigen. Ammianus Mercellinus (330—400 n. d. Zr.) sagt von den Agathyrsiern, daß „ihr Körper und ihr Haupthaar blau bemalt" gewesen seien.

Die oft phantastische Wirkung von auf die menschliche Haut aufgetragenen Farbmustern ließ die Sitte entstehen, den Feind mit dieser „psychologischen Waffe" zu erschrecken. Selbst Cäsar war tief beeindruckt von der blauen Kriegsbemalung der Britannier, die ihnen ein „erschreckliches" Aussehen verlieh: „Omnes vero se Britanni vitro inficiunt, quod caeruleum efficit colorem, atque hoc horribiliores sunt in pugna aspectu", und Tacitus sah „Geisterheere" bemalter germanischer Harier.

Um eine plastischere Wirkung zu erzielen, leimen die Naturvölker zuweilen ihre Farbmuster mit Hilfe zusätzlicher Stoffe an die Haut an, wie es etwa die zentral- und nordaustralischen Eingeborenen tun, die ihre schwarzgemalten Gesichts Verzierungen mit Kränzen aufgeklebter weißer oder roter Federdaunen umranden, was höchst originell aussieht. Verschiedene nordamerikanische Indianerstämme benutzen Maismehl und bunte Samenkörner zur Erzielung ähnlicher Wirkungen.

Der Wunsch, die beliebten Gesichtsmuster dauerhafter zu machen, führte zur Erfindung von Tonstempeln oder pintaderas, wie die Azteken sie nannten, mit deren Hilfe ein gewünschtes Muster auf die Haut aufgedruckt werden konnte. Wie die Funde zeigen, sind derartige Stempel bereits während der Eiszeit bekannt gewesen. Heutzutage werden sie noch immer von den Gran Chacostämmen benutzt. Die Dayak auf Borneo stempeln oft ein Muster auf die Gesichts- oder Körperhaut und benutzen es dann als Vorlage für ihre Tatauierungen.

Das schöngemalte Muster hatte den Nachteil, den Einwirkungen von Wasser und Sonne nicht standhalten zu können. Um das einmal erwählte Ornament zu einem Dauerschmuck zu machen, erfand man daher die Tatauierung — eine über die ganze Erde verbreitete Sitte.

Nicht immer wird jedoch dem in die Haut gestochenen oder eingeschnittenen Muster ein Farbstoff zugefügt. In diesen Fällen spricht man von einer „Narbentatauierung", wie sie in der alttasmanischen Kultur üblich war und heute noch in großem Umfange vor allem auf dem afrikanischen Kontinent angewandt wird.

Die Banda, eine Ubangisippe, verzieren Brust, Leib, Rücken und Arme mit symmetrisch angeordneten Hautnarben. Die Pangwe zeichnen das gewünschte Muster sorgfältig mit Ruß auf die zu verzierenden Hautstellen und schneiden es dann mit Messern ein, worauf sie die Wunden mit gebranntem Harz einreihen, um auf diese Weise fast ihren ganzen Körper mit Narbenmustern zu schmücken. An den Oberschenkeln wird diese „Verschönerung" als unanständig betrachtet, und die Jaundefrauen, die sich auch dort verzieren, werden von den Pangwe als schamlos angesehen. Die Eingeborenen von Khartoum tatauieren ihre Stammesabzeichen schon in die Wangen der kleinsten Kinder ein. Die Schnittwunden werden mit einer aus Salpeter, Asche und Krautern bestehenden Mischung eingerieben. Nach einigen Tagen schwellen die Stellen wulstförmig an und bleiben als breite Narben sichtbar, das charakteristische Erkennungszeichen der Sudanneger.

Zuweilen wird die Narbentatauierung in Verbindung mit dem tatauierten Farbenornament benutzt. Da das letztere in feinerer Weise ausgeführt wird, gestattet es eine klarere Linienführung, kompliziertere Ornamente und eine symmetrisch genaue Anordnung der Details. Die besten Resultate werden hier in der Südsee, und zwar vor allem von den Maori Neuseelands erzielt, deren hervorragende Spiralornamente selbst den künstlerisch präparierten und ehrfürchtig verehrten Köpfen ihrer Toten den Ausdruck bleibender Schönheit verleihen. Die geschnitzten Figuren, an denen die Maorikultur so reich ist, geben deutlich diese charakteristischen Tatauierungen wieder, zuweilen in gewaltiger Vergrößerung.

Selbst der unbekleidete Körper einer Madonna, die von einigen getauften Maori für ihre Kirche geschnitzt wurde, zeigt diese Ornamente auf der gesamten Statue angebracht. Bis zum ältesten Würdenträger ist jeder Maori stolz auf seine typische Tatauierung, die Stamm und Rang bezeichnet und als Ausdruck von Individualität und Würde betrachtet wird. Das wohlgelungene Porträt eines alten Maori, das ein weißer Maler ihm einst stolz überreichte, wurde von dem Modell mit einem verächtlichen Lächeln beiseitegelegt, und als der Künstler ihn fragte, wie er selbst denn denke, daß er aussehe, zeichnete der Alte würdevoll das Muster seiner Gesichtstatauierung und sagte: „Das bin ich. Was du da gemalt hast, hat keinen Sinn."

Der britische Seemann O'Connell heiratete auf Ponape die Tochter eines Häuptlings und mußte sich zum Zeichen seiner Zugehörigkeit zu ihrer hochangesehenen Familie der qualvollen Prozedur der Tatauierung seines ganzen Körpers unterziehen. Erst viel später erfuhr er, daß die Muster, die seine Haut bedeckten, eine Art Chronik mit den Namen der verstorbenen Häuptlinge und Großen des Stammes darstellten. Die Tatauierungsprozedur selbst dauerte eine volle Woche, während deren zwei Künstlerinnen dieses Handwerks die Dornen der Tatauierungsbretter in die vorgeschriebenen Muster eintrieben und dann seine Wunden mit öl und Holzkohle behandelten.

Viele nordamerikanische Indianerstämme kennen ebenfalls die Sitte des Tatauierens, sei es als ein rein weibliches SchönheitsVorrecht wie etwa bei den Kamia und Tübatulabal, sei es als Stammesabzeichen beider Geschlechter wie in Südalaska.

Die Hochkulturen haben auch diese Sitte übernommen. Die auf den Bronzeplatten von Benin sichtbaren senkrechten Linien über den Brauen und auf der Brust der dargestellten Figuren sind Tatauierungsmuster. Die Eroberer des modernen Japan fanden zu ihrem Erstaunen dort Männer und Frauen vor, deren gesamte Körper mit eintatauierten Götter- und Menschengestalten, Zitaten aus den Klassikern, Szenen aus beliebten Theaterstücken und Blumen und Vögeln bedeckt waren.

Je mehr Körperteile bemalt oder tatauiert werden, um so notwendiger wird es, das Körperhaar zu beseitigen. Es gibt jedoch viele Völker, die sich weder bemalen noch tatauieren und trotzdem die Entfernung allen nicht auf dem Kopf wachsenden Haares als eine ästhetische Notwendigkeit ansehen. Es gibt daher zahlreiche Methoden, den unerwünschten Haarwuchs zu entfernen. Holzstäbe, Fingernägel oder Metallzangen werden als Pinzetten benutzt, oder das Haar wird mit Hilfe von zwei Muscheln ausgezupft, was nach O'Connell „so schnell wie bei einer Weihnachtsgans" geht. Hochkulturreligionen wie der Hinduismus und der Islam haben das Entfernen des Körperhaares zur Glaubenspflicht gemacht.

Selbst das Gesichtshaar wird bei vielen Stämmen als unschön angesehen. Viele Indianer betrachten jede Spur eines Bartes als abstoßend und reiben deshalb Holzasche in Wangen und Kinn ein, um die gewünschte Glätte zu erzielen. Da die Natur die Indianer ja sowieso fast bartlos gemacht hat, so genügt es ihnen, ihre Gesichter durch das Auszupfen der Augenbrauen zu „reinigen". Um die Wirkung einer hohen Stirn zu erzielen, rasieren oder rupfen die Indianer, die Papua und manche Stämme Afrikas zuweilen ihre Haarlinie.

Der Bart als Ausdruck männlicher Schönheit oder ihres Gegenteils stellt, wie die wechselnden Moden der Zeitalter zeigen, eines der faszinierendsten Gebiete der Kulturgeschichte der Menschheit dar. Wenn wir bedenken, daß die Historiker unserer Hochkultur allein fünfzehn verschiedene Barttypen unterscheiden, so können wir uns leicht die Unmenge von primitiven Bartformen, aus denen die späteren entstanden sind, vorstellen. Die vorherrschenden Abarten sind fast zahllos - vom australischen Vollbart und dem Korkenzieherbärtchen vieler Papuas bis zu den „assyrischen" Formen Afrikas und den „nackten" Gesichtern der Indianer. Hinsichtlich unserer zivilisierten Bartmode zeigen die ältesten Darstellungen aus klassischer Zeit, daß im Anfang das rasierte Männergesicht bevorzugt wurde.

Nach Mötefindt erschienen die ersten antiken Barte zu Ende der kretisch-mykenischen Epoche. Die interessanteste Bartform ist die halbkreisförmige „Fräse", die das sonst glattrasierte Gesicht umrahmt. Dies ist der „klassische" Bart, den wir von dem athenischen Friedhof aus der nachmykenischen Periode und von dem aus dem siebenten Jahrhundert v. d. Zr. stammenden olympischen Relief her kennen. Er erscheint auch auf den Reliefs des Tempels von Assos und wird von Zeus und seinen Adoranten (Akropolis) getragen. Wie unverändert sich diese Mode durch die Jahrhunderte erhielt, zeigt eine 966 n. d. Zr. datierte Miniatur des Königs Edgar von England, die ihn im Schmucke einer Fräse darstellt. Genau dieselbe Barttracht wird noch heute von den Eingeborenen Südarabiens, der Somaliküste, von den Singhalesen Ceylons und in elf verschiedenen Gebieten der Südsee getragen. Die aztekischen Götter Quezalcoatl und Tecciz-tecatl wurden stets mit rasierter Oberlippe und mit der Fräse am Kinn dargestellt. Seit ungefähr 500 n. d. Zr. wurde in den Kulturgebieten des Mittelmeeres die Fräse durch die Mode des Vollbartes verdrängt und verschwand hundert Jahre später fast vollkommen.

Mötefindt, der die Kulturgeschichte des Bartes eingehend studiert hat, unterscheidet drei deutlich erkennbare Phasen des Vorkommens der Fräse: die erste und älteste, während deren diese Mode das Charakteristikum eines bestimmten semitischen Stammes war, aber bald darauf von den Völkern des Nahen Ostens übernommen wurde, sobald sie mit diesem Stamm in Verbindung kamen. Die zweite Phase begann tausend Jahre später, als die Fräse keineswegs mehr als alleiniges Abzeichen der Semiten galt, sondern von allen Völkern Kleinasiens getragen wurde. Die Ägypter der achtzehnten und neunzehnten Dynastie betrachteten jeden Mann, der dieser Bartmode huldigte, als einen Eingeborenen des Nahen Ostens. Erst während der dritten Phase erscheint die Fräse losgelöst von ethnischen Gruppen als willkürliches Produkt einer wechselnden Mode. Heutzutage wird sie nicht nur von zahlreichen primitiven Völkern, sondern auch von manchen Bauern und Fischern Europas getragen.

Immer wieder zeigt es sich, daß es kaum einen Bestandteil der Schönheitspflege gibt, der nicht auf die ältesten Zeiten zurückgeführt werden könnte, und manche der Moden, denen wir heute folgen, werfen durch die Art ihrer plötzlichen Wiedererweckung ein interessantes Licht auf unsere innere Verfassung, denn eine Mode ist ^stets auch der Ausdruck einer gewissen Geisteshaltung, und irgendwie fühlen wir uns den Zeitaltern verwandt, nach deren Vorbildern wir unsere „neuesten Schöpfungen" kopieren.

Dies zeigt sich ganz besonders bei den Stilen der weiblichen Haarfrisuren. Die von den verschiedenen Völkern während der Zeitalter geschriebener und ungeschriebener Geschichte getragenen Coiffüren gehen in die Legion, und sobald wieder eine „neue" Mode ihr Debüt macht, kann der kulturhistorisch geschulte Beobachter die interessantesten Schlüsse daraus ziehen, denn ein äußerer Wechsel in den Ausdrucksformen der menschlichen Eitelkeit deutet meist auch auf einen generellen Wandel in der Geisteshaltung hin.
Natürlich spielen bei diesen Modeformen das Klima und die wirtschaftlichen Lebensbedingungen eine entscheidende Rolle. Eine komplizierte Frisur erfordert Zeit und den Luxus einer mehr oder minder beschaulichen Lebensweise, wie sie etwa den Bodenbauvölkern eignet, während die unstäte zum Beispiel der Sammler und Jäger diesen kaum die Möglichkeit gibt, viele Stunden auf das Arrangement ihres Haupthaares zu verwenden. Obwohl man drei Haupt-Haartypen unterscheiden kann: kurz und kraus (Pygmäen und negroide Rassen), gewellt und halblang (Australier, Weddas und Weiße), lang und glatt (mongolische Rassen), so sind diese Unterscheidungen doch so allgemein, daß dabei die zahlreichen Zwischenspielarten unberücksichtigt bleiben. Eine Betrachtung des kulturellen Alters der verschiedenen Völkergruppen ermöglicht auch hier einen besseren Überblick.

Bei den Australiern, die zu einem Teil noch auf der untersten Stufe der Urgesellschaft leben, finden wir kaum irgendwelche künstlerische Haarfrisuren. Wenn wir auf diesem Gebiet Ungewöhnliches sehen wollen, so müssen wir zu den Bodenbaustämmen vor allem Westafrikas gehen.

Verglichen mit den Coiffüren dieser Völker müssen die Haarmoden, wie sie etwa am Hofe Marie Antoinettes getragen wurden, alltäglich und unoriginell erscheinen. In Westafrika ist eine Frisur ein Werk der Bildhauerkunst, das monatelang gebaut und mit Lehm, Tierfetten und ähnlichen Ingredienzien zusammengehalten wird. Diese Monumente der Friseurkunst werden oft über einem Rahmenwerk aus Blattrippen, Palmmark oder Mooswülsten errichtet und mit Glasperlen, Kaurischnecken, Kupferornamenten, Knöpfen und Federn verziert. Das fertige Meisterstück, dessen Herstellung viele Monate erfordert, ist so kunstreich, daß es einem festen Hute oder Helm gleicht. Oft leben diese eigenartigen Frisuren noch in den geschnitzten Plastiken dieser Stämme weiter, längst nachdem die Mode selbst vergangen oder die betreffende Lokalgruppe ausgestorben ist. Diese Tatsache macht es dem Ethnologen möglich, Hilfe seiner Kenntnis der Frisuren Afrikas das Alter gewisser „undatierbarer" Kunstwerke ziemlich genau festzustellen.

Statt einer komplizierten Originalfrisur tragen die Männer und Frauen Westafrikas zuweilen Perücken, die so vorzüglich hergestellt und so fest auf den Kopf aufgeleimt werden, daß man sie nur in allernächster Nähe als Imitationen echter Frisuren erkennen kann. Tessmann fand bei den Pangwe allein fünfundzwanzig verschiedene Frisuren- und Perückenstilarten, die alle mit besonderen Namen benannt wurden. Die Mangbetu des nördlichen Kongogebiets haben eine Vorliebe für lange, schmale Hinterkopf formen (die sie schon in früher Jugend künstlich durch ein Zusammenpressen des Schädels mit Brettern erzeugen), und ihre weit nach hinten ausholenden Frisuren unterstreichen diese Form noch weiterhin durch eigentümliche, im Nacken aufgebaute Haararrangements.

Viele Papuafrisuren stehen den afrikanischen an Exzentrizität nicht nach. Die seltsamen Haaraufbauten der Männer haben außer ihrer ästhetischen Bedeutung noch die Nebenaufgabe, den gewaltigen bei den heiligen Tänzen getragenen Masken als Stütze zu dienen. Bei diesen Stämmen sind es oft nur die Männer, die sich in kunstvollen Frisuren überbieten, während Frauen und Kinder ihr Haar einfach kurzschneiden. Die polynesischen Coiffüren sind im allgemeinen weit einfacher. Das Haar wird glatt zurückgekämmt und in einem Nackenknoten aufgesteckt. Oft wird sogar noch Kopfhaar wegrasiert, um mehr Platz für die hochgeschätzten Tatauierungen zu schaffen, die als anziehendster Körperschmuck gelten.

Die meisten nord- und südamerikanischen Indianer schneiden ihr Haar schulterlang oder kürzer ab und tragen zuweilen Simpelfransen. Einige Stämme wie die Apachen tragen Haarrollen oder breitgelegte Locken auf der Kopfmitte, während die Eskimo, die ihr glattes Haar für gewöhnlich offen tragen, es zuweilen in einem Knoten aufstecken.

Wie diese Beispiele zeigen, hat unsere moderne Zivilisation während der vergangenen Kulturphasen und auch heute vielleicht mit der einzigen Ausnahme einiger besonders extravaganter westafrikanischer Moden die meisten Haarfrisuren primitiver Völker übernommen. In den anderen Hochkulturen haben zuweilen strenge religiöse Vorschriften den Siegeslauf gewisser Moden aufgehalten. So ist das moderne kurzgeschnittene Frauenhaar niemals in die mohammedanische Welt eingedrungen. Bei den Hindus wird es als das traditionelle Zeichen von Witwenschaft niemals als Ausdruck weltlicher Eleganz angesehen werden können.

Wenn unsere Damen ihr Haar im Schönheitssalon mit Henna behandeln lassen, so ist dies keineswegs eine Erfindung modernsten Raffinements. Die nordamerikanischen Kamiaindianer vertiefen die schwarze Farbe ihrer Haare durch eine Behandlung mit dem aus der Rinde des Mesquitebaumes gewonnenen schwarzen Gummiabsud. Dies jedoch stellt insofern eine Ausnahme dar, als das Bestreben meist dahin geht, das von Natur dunkle Haar durch Bleichen oder Färben aufzuhellen. So bleichen zum Beispiel viele polynesische Stämme ihr schwarzes Kraushaar mit Hilfe von Kalk oder mit Laugen, was einen rötlichen oder gelblichen Farbton ergibt. Noch nicht mit der erreichten Wirkung zufrieden, pudern sie ihr Haar außerdem mit pulverisiertem Ocker, was als Kontrast zu ihrer dunkelbraunen Haut einen sehr eigentümlichen Effekt hervorruft. Diese Sitte ist so weit verbreitet, daß der Forscher Roß, der die Mount-Hagen-Stämme von Neuguinea mit ungefärbtem Haar antraf, diese Tatsache als erstaunlich hervorhebt. Der britische Gelehrte Balfour fundiert eine ganze Theorie auf die Mode des Haarfärbens auf den Salomoninseln. Er versucht die alte wissenschaftliche Streitfrage nach der Herkunft der Ureinwohner der Osterinsel damit zu entscheiden, daß er behauptet, die gewaltigen roten Steinzylinder, die die Kolossalstatuen der Osterinsel krönen, seien nichts anderes als Nachbildungen gefärbten Haares, und daß die von den Salomonen hergekommenen ersten Bewohner ihre eigenen Ebenbilder auf der Osterinsel als Kolossaldenkmäler unsterblich machten.

Das kunstvolle Aufbauen und Arrangieren des menschlichen Haares erforderte natürlich eine Reihe von kosmetischen Hilfsmitteln, die in großer Mannigfaltigkeit über die Erde verbreitet sind. Schon in den paläolithischen Gräbern wurden Knochenkämme gefunden, und selbst die primitivsten Völker wie etwa die Feuerländer kämmen ihr Haar mit den ausgezackten Kieferknochen des Delphins. Hölzerne oder aus Bambus geschnitzte Kämme gibt es bei den Naturvölkern in allen nur erdenklichen Formen.

Die vielleicht am weitesten verbreitete Kammart ist das aus hartem Gras, Holz- oder Bambussplittern hergestellte flache Bündel, das oben zu einem handlichen Griff zusammengebunden ist. Haarnadeln der verschiedensten Formen sind zu allen Zeiten bekannt gewesen.

Die verschiedenen Haarwaschmittel hängen in ihrer Auswahl von der Art der Frisur und dem Vorhandensein gewisser Ingredienzien ab. Wasserliebende Völker wie die Polynesier waschen ihr Haar oft beim Schwimmen. Viele amerikanische Indianer kennen bestimmte, aus Pflanzensäften, vor allem aus der Palmlilie (yucca) gewonnene Shampoos. Die afrikanischen Frisuren sind für diese Art Kopfwäsche ungeeignet, sie werden jedoch durch ununterbrochenes Ölen des Haares, durch das Einreihen von Kalk und die Behandlung mit Rinderurin vor Schmutz und unerwünschten kleinen Insekten geschützt.

Angesichts der großen Wichtigkeit, die die Naturvölker dem Aussehen des Kopfhaares beimessen, könnte man leicht annehmen, daß eine Fülle mannigfaltiger Hutformen sich gleichzeitig mit den Frisuren entwickelt hätte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Trotz der Strahlen der Tropensonne, die auf die Köpfe vieler Naturvölker herabbrennt, halten die meisten Primitiven das Tragen eines Hutes für unnötig, und wo Hüte getragen werden, sind sie meist der Ausdruck von Rang und Würde und nehmen dann allerdings eine magische Bedeutung an, die ihren Nützlichkeitswert bei weitem übertrifft. Die komplizierten Kopfbedeckungen vieler afrikanischer Häuptlinge sind Embleme ihrer Würde (wie ja auch der Sonnenschirm, der bei Naturvölkern als ein Zeichen von Adel oder Häuptlingstum gilt). Diese Auffassung hat sich bis zum heutigen Tage erhalten, von den Amtshüten der chinesischen Würdenträger bis zu den Mützen des Militärs, deren Goldzierate mit steigendem Rang immer zahlreicher werden. Die Birette und Tiaren des katholischen Klerus sind ein anderes Beispiel.

In kalten Gebieten, wo das Klima das Tragen von Mützen und Pelzkapuzen erforderlich macht, haben diese „Hüte" schlichte Zweckformen, während für den Menschen der Tropen ein Hut der Vorläufer der Krone ist. Zu den ehrfurchtgebietenden Besitztümern der europäischen Eroberer Afrikas gehörten ihre Hüte, die sie den Eingeborenen als Herrscher kennzeichneten.

Bei manchen Stämmen besonders der Südsee wird dem heranwachsenden Jüngling zum Zeichen der Mannbarkeit ein Hut verliehen — eine Auszeichnung, die er sich erst durch harte Mutprüfungen verdienen muß. Bei den Kabiri Neuguineas heißt dieser Hut diba. Er ist von spitzer Form, mit Kalk bestrichen und zuweilen mit Federn oder Blumen geschmückt. Die Männer leimen ihn sich auf den Kopf und behalten ihn selbst beim Schlafen auf. Die Mount-Hagen-Stämme Neuguineas erlauben ihren jungen Männern, „sobald das Haar an ihrem Kinn erscheint", einen solchen von ihnen woinia oder kanku genannten Hut zu tragen. Ihre Nachbarn, die Murik, dürfen solche Hüte nur nach feierlichen Initiationszeremonien aufsetzen. Ähnliche Huttrachten sind über die ganze Welt verbreitet. Die Indianer der Nordwestküste Alaskas nannten eine solche für Männer bestimmte Kopfbedeckung einen „Wolkenhut".

Dieser seltsame, spitzzulaufende Hut hat im Verlaufe der Geschichte eine mystische Rolle gespielt. Zu gewissen Zeiten verlor er seine Bedeutung als Abzeichen von Rang und Würde und verwandelte sich in den Zauberhut des Mittelalters, der von Hexen und Magiern getragen wurde. Während des elften Jahrhunderts wurde iden Juden Europas das Tragen eines spitzen gelben Hutes vorgeschrieben, und die aus dem Jahre 1444 stammenden sogenannten sächsischen „Judenpfennige" zeigen einen bärtigen Mann im Spitzhut. Le Sages Gil Blas beobachtet einen zum Verbrennen von Ketzern errichteten Scheiterhaufen in Toledo, und die herannahenden Opfer tragen „sogenannte carochas, das heißt Spitzhüte aus Pappe, die mit Flammen und Teufelsfiguren bemalt sind". Noch immer ist dieser uralte Spitzhut das Kennzeichen von Theaterhexen und Zirkuszauberern. Seinen Tiefstand hat er in dem zuckerhutförmigen „dunce hat" erreicht, der in Amerika ungezogenen Schulkindern zur Strafe aufgesetzt wird. Die ehrwürdige Vergangenheit dieser Hutform zeigt aufs neue, wie interessant es oft sein kann, den Ursprüngen alltäglicher Sitten und Gebrauchsgegenstände nachzugehen.

Die verschiedenen Auffassungen von gutem Geschmack bei den einzelnen Völkern der Erde sind oft erstaunlich. So ist zum Beispiel unsere Ansicht, daß weiße Zähne zur Schönheit eines Menschen beitragen, durchaus einseitig, obwohl es Völker gibt, die darin mit uns gleicher Meinung sind. So benutzen die afrikanischen Nuer Holzasche und Kuhdung, um ihre Zähne weiß und rein zu erhalten. Die Pangwe sind so begeisterte Anhänger sorgfältiger Zahnpflege, daß sie, wie Tessmann berichtet, einen großen, messingverzierten Spazierstock mit sich herumtragen, dessen oberes Ende zu einer Art Bürste aufgespaltet ist. Der müßige Spaziergänger liebt es, zuweilen stehenzubleiben und sich mit Hilfe dieser Bürste die Zähne zu polieren.

Im Gegensatz hierzu glauben die Dusun von Borneo, daß schwarze Zähne die Schönheit eines Mundes erst so recht zum Ausdruck bringen. Der Forscher Staal hat die komplizierte, zur Erlangung schwarzer Zähne angewandte Methode genau beobachtet. Sie ist so „heilig", daß man die Zähne nur kurz vor dem großen Meginakan-Teuf eisfest schwarzfärben darf. Zur Bereitung der Farbe werden Quava-Blätter pulverisiert und mit Holzasche vermischt, und die entstandene Masse wird auf die Zähne aufgetragen. Damit die Farbe nicht abgeht, wird ein Bananenblattstreifen um die Zähne gelegt und etwa vierzig Stunden lang getragen. Nach dem Entfernen des Blattes wird die Rinde einer Kletterpflanze mit Kalk gemischt und in die Zähne eingerieben. Nach dem Trocknen bleiben die Zähne dann schwarz. Die Angehörigen dieses Stammes lieben es auch, ihre Zähne zu „köpfen", indem sie sie mit einem Stein bis auf die Wurzel abfeilen. Dennoch leiden die Dusun, wie Staal versichert, nie an Zahnschmerzen, denn sie alle kauen sirih, ein ausgezeichnetes Zahnwehverhütungsmittel.

Die Sitte des „Köpfens" von Zähnen ist nur eine der zahlreichen Arten primitiver Zahnverstümmelungen, die aus den verschiedensten Gründen von vielen Naturvölkern vorgenommen werden. Oft hängen diese symbolischen Handlungen mit dem Mondzauber zusammen und werden bei den Initiationszeremonien angewandt als Zeichen der erlangten Erwachsenenwürde. Manche Stämme, wie zum Beispiel die Nuer, die ihren sechs- bis siebenjährigen Kindern die unteren Schneidezähne ausbrechen, sagen: „Wir tun dies, um den Unterschied zwischen Mensch und Tier damit zu betonen" (W. Schmidt). Zuweilen werden nur die Vorderzähne mit Hilfe eines Meißels spitz zugefeilt. Bei den südost-australischen Yuin wird diese Zeremonie von einem der Stammesältesten vorgenommen, der nach Schmidt dabei vermummt als „höchstes Wesen" auftritt. Dabei dürfen die jungen Leute keinen Schmerz zeigen. Tessmann beschreibt äußerst anschaulich die Zahnverstümmelungsmethode der Pangwe:

Die Operation wird so ausgeführt, daß sich der ,Patient' lang auf den Rücken legt und fest mit den Vorderzähnen auf eine Holzrolle beißt. Der Zahnkünstler setzt einen kleinen Eisenmeißel auf den Zahn, nimmt ein Stück Holz als Hammer und splittert die Kanten in kleinen Stückchen ab. Die Schmerzen dabei sind nicht gering..."

Die Sitte der Zahnverstümmelung wird oft von den Eingeborenen in der originellsten Weise erklärt, wie Lindblom von den Akamba berichtet: „Wir deformieren , unsere Zähne, weil wir dann künstlerischer spucken können." Ein westafrikanischer Machako-Mann erzählte demselben Forscher die folgende Geschichte, die er wortgetreu aufschrieb:

Drei Mädels zogen aus, um sich ihre Zähne feilen zu lassen. Die Zähne wurden abgefeilt. Das eine Mädchen ließ sich zwei Zähne ziehen und sechs zurechtfeilen, aber die Zähne der Dritten waren am schönsten zugespitzt. Die Drei sagten: ,Laßt uns einmal sehen, welcher von uns sie die Zähne am besten ausgezogen und zurechtgefeilt haben!' Und sie sagten: ,Wir wollen einmal spucken!' Und sie spuckten. Die eine mit den am besten gefeilten Zähnen konnte viel weiter spucken als die beiden anderen. Das machte diese eifersüchtig, und sie warfen das Mädchen ins Wasser, wo es ertrank.

Die Geschichte ist zu Ende."

Eine andere seltsame Zahnverstümmelung, die aber hauptsächlich in den Hochkulturen vorkommt, ist das Inkrustieren der Zähne mit Edelsteinen oder kostbaren Metallen. Die Dajak und Batak zum Beispiel bohren Löcher in ihre Vorderzähne und füllen die Höhlungen mit Kupfer-,Gold- oder Perlmutterscheibchen wieder aus. Die Maya von Yucatan schmückten ihre Zähne in gleicher Weise mit Gold und Edelsteinen, und gewisse Stämme Indiens und Ekuadors halten noch heute an derselben Sitte fest. Obwohl es sich hier tatsächlich um eine Verschönerung der Zähne handelt, gehört auch dieser Ausdruck menschlicher Eitelkeit zu den Zahnverstümmelungen.

Aber auch die Zahnverstümmelungen sind noch keineswegs die seltsamsten Modelaunen. Bekannter sind die häufigen Durchbohrungen der Nasenscheidewand zum Anbringen von Schmucksachen. Zuerst wird ein Grashahn in das frischgebohrte Loch gesteckt, der dann später durch größere Schmuckstücke, wie Federn, Knochen, hölzerne oder aus Metall gefertigte Ringe und Anhänger, ersetzt wird. Diese Sitte ist in Australien sehr verbreitet, während die polynesischen Maori nur den Adligen diesen Luxus gestatteten. Wenn bei einem ihrer hochgeborenen Kinder diese Operation (meist mit dem Knochen eines erlegten Feindes) vorgenommen wurde, so war dies der Anlaß zu einem großen Fest. Bei den Nor-Papua wird außer der Nasenscheidewand auch noch der rechte Nasenflügel durchbohrt, der ebenfalls zur Aufnahme von Schmucksachen dient. Die Hochkultur der Hindus hat diese Sitte übernommen, wobei jedoch die ursprünglichen Schweinezähne und Bambusstäbchen durch goldene, edelsteinverzierte Nasenringe ersetzt werden. Das Schmuckbedürfnis der Papua von Murik geht noch weiter: sie durchbohren sich auch die Ohrmuscheln und verzieren die Augenmitte um die Iris herum mit einem eingestochenen Kreis von schwarzen Punkten.

Zu den seltsamsten Gesichts„verschönerungen" gehören die Pflöcke oder Scheiben aus Holz oder Elfenbein, die entweder in den durchbohrten Ober- oder Unterlippen oder in den Ohren getragen werden. Die Indianer Alaskas trugen solche Scheiben oder labrets in der Mitte ihrer Unterlippe. In Westafrika, vor allem in der Gegend des Tschadsees, hat diese Sitte gigantische Ausmaße angenommen. Die dort in den Lippen der Frauen getragenen Holzteller erreichen die Größe von Untertassen, weshalb es nicht zu verwundern ist, daß die Kunst des Küssens diesen Damen unbekannt bleiben mußte. Auch die Ohrdurchbohrungen können übertriebene Proportionen annehmen, wenn so schwere „Schmuckstücke" wie etwa Holzrollen getragen werden, die von dem ausgeleierten Ohrläppchen wie an einem Gummiband herabhängen. Unser moderner Ohrschmuck erinnert kaum mehr an diese früheren Entwicklungsstufen.

Die rosa bis scharlachroten Farbtöne des Nagellacks unserer eleganten Damen sind ebenfalls keine Erfindung modernen Raffinements. Viele Naturvölker feilen ihre Nägel sorgsam mit Stein oder Schiefer zurecht und bemalen sie dann mit lebhaft roten Farben. Diese besonders in China und Ägypten so beliebte Sitte ist an den im Britischen Museum ausgestellten Mumien noch deutlieh zu sehen.

Alle diese Verzierungen des menschlichen Körpers erreichen ihre Krönung in den von Menschenhand verfertigten Schmucksachen aller Art, wie Halsbändern, Armringen, Federornamenten, mit allen nur erdenklichen Varianten. Von der einfachen Tiersehne, die mit „Perlen" aus Vogelknochen behängt in Feuerland getragen wird, bis zu den Kakaduschöpfen und Paradiesreiherschwänzen im Haar der Polynesier, vom einfachen Muschelschmuck bis zu den schweren Messingschilden und Kettenhalsbändern der afrikanischen Stämme behängt die Menschheit sich mit einer unglaublichen Menge von Zieraten, die wegen ihrer Form oder ihres Materials für schön und kostbar gehalten werden.

Es gibt kaum irgendeinen in der Natur vorkommenden Stoff, der nicht zur Verzierung des menschlichen Körpers verwendet worden wäre, um Zeugnis für den guten Geschmack und den Reichtum des Trägers abzulegen. Wildschweinhauer, Fledermauszähne, Scheibchen aus Eierschalen, Schlangenknochen, Schneckenhäuser, getrocknete Beeren, Vogelschnäbel, Elfenbeinstücke, Schildpattornamente und geschmiedete Ringe und Ketten aus Eisen, Silber und Gold sind nur ein paar Beispiele. Aber auch hier ist die Auswahl der Ornamente von den religiösen und magischen Vorstellungen des betreffenden Stammes beeinflußt. So finden sich bei den dem Mondkult huldigenden mutterrechtlichen Völkern die typischen ovalen, mondsichelförmigen Schmuckstücke aus Perlmutter, Schildpatt und den verschiedensten Metallen, die die Form des nächtlichen Gestirns nachahmen (Formen, die in der islamischen Hochkultur noch eine bedeutungsvolle Rolle spielen), während die schweifenden Vaterrechtsvölker, die Verehrer der Sonne, die runde Scheibe bevorzugen, die sie als Schmuckstück in hervorragender Weise mit Schnitzereien oder eingelegten Ornamenten verzieren.

Obwohl die Zahl der zu Schmuckstücken verarbeiteten Rohmaterialien unbegrenzt ist, gibt es doch darunter bevorzugte Stoffe, deren Beliebtheit in weiten Gebieten die gleiche ist. Kaurischnecken verzieren die Arme, Hälse und Frisuren von Afrika bis Australien. Fast ebenso international beliebt sind die vielen Arten von ausgestanzten Muschelscheiben (Ozeanien) und Straußeneierscheibchen (Afrika). Seit dem Mittelalter haben solche Massen von bunten Glasperlen vor allem in Afrika ihren Einzug gehalten, daß sie geradezu zu Bestandteilen der Eingeborenenkultur geworden sind. Sie bedecken nicht nur die Körper der Stammesmitglieder, sondern oft auch ihre kostbaren Schnitzereien, wie wir bei den Häuptlingsstühlen sahen. Später wurden diese Perlen auch von den Indianern übernommen, sie haben in der heutigen Zeit fast restlos ihre alte Ornamentierungskunst mit gefärbten Stachelschweinborsten verdrängt. Viele Stämme jedoch sind äußerst wählerisch hinsichtlich der von ihnen als schön betrachteten Glasperlenfarben, die durchaus einer wechselnden Modelaune unterworfen sind. Mancher Forscher, der zum Beispiel am Xingu versuchte, den Eingeborenen die dort vor Jahren hochmodernen blauen Glasperlen als Tauschmittel anzubieten, mußte zu seinem Schrecken erfahren, daß zur Zeit keine elegante Indianerdame andere als rote Perlen trug.

Verschiedene Stämme, wie etwa die südostkalifornischen Kamia, betrachten gewisse Muschelsorten als ausschließlichen Männerschmuck, während die Frauen ihre eigenen „blauen Perlen" tragen, die aus der ihnen zu Schmuckzwecken vorbehaltenen bläulichen Muschel hergestellt werden. Die Australier bevorzugen besonders zwei Arten von Muschelschmuck: die in Queensland, dem westlichen Zentralaustralien und dem nordöstlichen Südaustralien getragene „Schöpfmuschel" (Melo diadema) und die Perlmuschel (Meleagrina maxima), die fast ausschließlich auf der westlichen Hälfte des Kontinents als Schmuck getragen wird. Diese Muscheln werden oft mit ockergefärbten Ritzzeichnungen verziert und auf der Brust getragen. Sie können magische Kräfte besitzen und werden von abgewiesenen Liebhabern dazu benutzt, um „die inneren Organe einer Schönen vor Erregung zittern zu machen", wie Spencer und Gillen es ausdrücken.

Die von den afrikanischen Kunsthandwerkern hergestellten Metallschmuckstücke können außerordentliche Dimensionen annehmen. Aber selbst die schwersten derartigen Ketten, Beinschienen, Hals- und Armringe sind genau so fein gearbeitet wie zum Beispiel die zierlichen mit Kupferdraht umwundenen Armbänder aus Ziegenhaar. Je mehr ein Volk sich dem Niveau der Hochkultur nähert, um so kostbarere Materialien in unserem Sinne werden von seinen Juwelieren zu Schmuck verarbeitet. Zu diesen gehört die akori oder „blaue Koralle" von Benin, wo die Reliefs auf den alten Bronzezierplatten Männer darstellen, deren Arme, Hälse und Gesichter derartig mit blauen Korallenketten bedeckt sind, daß ihnen kaum der Mund zum Atmen frei bleiben konnte. Aus dem alten Peru stammen die „grünen Perlen" aus Chrysocoll und die prächtigen Sodalithsteine, die in den aus der Vorinkazeit stammenden Bergwerken von Cerro Sapo gewonnen wurden. Die Goldgewichte der Aschanti, die zum Abwiegen des Goldstaubes dienten, waren oft selbst aus dem edlen Metall hergestellt, und zwar in den Formen von Tieren, Ornamenten und Symbolen. Die Eroberer von Peru fanden einheimische Paläste vor, in denen alle Haushaltgeräte des täglichen Gebrauchs aus reinem Golde gearbeitet waren. Wer sich vielleicht darüber gewundert hat, was aus den verschwundenen Goldstücken der Alten und der Neuen Welt geworden ist, braucht nur den Wüstenschönen Nordafrikas einen Besuch abzustatten, deren Arm- und Halsschmuck fast gänzlich aus den Edelmünzen Europas und Asiens hergestellt ist.

Alle diese Schmuckstücke werden entweder auf der bloßen Haut oder über der Kleidung getragen, denn die Sitte, Schmuck zu tragen ist mindestens ebenso alt, wenn nicht älter als das Tragen von zu Kleidungsstücken zugeschnittenen Stoffen. Natürlich hat das Klima hier eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Wer zum Beispiel die Witterungsverhältnisse der heißen, feuchten Sommer von New York kennt, das angeblich den Gipfel der Zivilisation darstellt, wird wissen, daß etwa im Juli und August die auf der Straße zum Tragen von modischen Kleidern verdammten Männer und Frauen sich zu Hause oft in einer Tracht erholen, die der der „Wilden" der tropischen Gebiete kaum nachsteht.

Die westliche Männermode, die aus Hose, Weste und Jacke besteht, ist aus der Bekleidung der arktischen Völker hervorgegangen. Zu den ältesten Kleidungsstücken, wie sie die Feuerländer und einige australische Stämme noch heute trafen, gehört ein lose umgehängter Pelzmantel, der mit Leder- oder Bastfäden zugebunden und mit einem Gürtel zusammengehalten wird. Bei den Indianerstämmen Labradors jedoch, die von der Pelzjagd leben, ist zum Beispiel ein Nerzmantel (in New York der Ausdruck höchster Eleganz) keineswegs ein begehrenswertes Kleidungsstück. Eine dicke Wolldecke, wie die Hudson's Bay Company sie verkauft, ein sogenanntes „point blanket", ist bei ihnen das Schickste, was ein Mensch tragen kann — ein neuer Beweis für die Relativität des Modebegriffs.

Bei den sogenannten Erntevölkern der Südsee sind der Penisstulp aus Rinde oder Blättern, oft mit Federn verziert, und der elastische Bast- oder Rindengürtel charakteristische Kleidungsstücke. Rockähnliche Faserschurze und Regenmäntel aus Pandanusblättern gehören zu anderen Modeformen — jedoch stellen alle diese Arten der Bekleidung oder Unbekleidung wie auch die verschiedenen Schuhformen der einzelnen Völker und Zeitalter nicht so sehr einen Schmuck dar, sondern sind mehr oder minder Maßnahmen zum Schutz des Körpers. Eine Ausnahme vielleicht bedeutet hier ein scheinbar sehr modernes weibliches Kleidungsstück, der Büstenhalter, der sich aus einer Schnur entwickelte, mit der die heranwachsenden Mädchen ihre Brüste zusammenbanden. Als Pater Schulien bei den Atschwabo Portugiesisch-Ostafrikas derartige Schnuren sah und auf einer Erklärung dieser Sitte bestand, erhielt er die Antwort: „Herr, die Brüste zittern. Wenn die Männer das sehen, so brennen sie." Diese kokette Schnur wird von vielen afrikanischen Mädchen getragen und zuweilen durch einen Stoffstreifen ersetzt, „damit die Brüste sich nicht auf und ab bewegen, wenn die Mädchen gehen".

Solange von allen Stammesmitgliedern fast genau dieselben Kleidungsstücke getragen werden, ist kaum von einer eigentlichen Mode zu sprechen. Sie kann sich erst dort entwickeln, wo eine vorhandene Vielzahl von verschiedenen Materialien individuelle Varianten gestattet, wo gemalte, gedruckte und gewebte Muster die Stoffe verzieren, wo Knöpfe und andere nicht unbedingt notwendige Verschönerungen der Kleidung möglich werden. Denn wirklicher Schönheitssinn drückt sich in individuellem Geschmack aus.

Auch ein anderes Requisit der Verführungskunst, das Parfüm, tritt oft erst in späteren Kulturen auf, da die meisten Blumen der Tropen keinen Wohlgeruch ausströmen und die Künste der Chemie den ältesten Völkern noch unbekannt waren. Jedoch können viele Geräte, die sich auf modernen Toilettentischen befinden, bis in die urältesten Zeiten zurückverfolgt werden. So kennen wir paläolithische Knochenbüchschen, die rote Lippenpomade enthalten, und mancherlei Schminkgeräte und -paletten stammen aus der gleichen Epoche. Kleine Schaufehl zum Auftragen der Schminke, zuweilen sogar in der Form einer menschlichen Hand mit ausgestreckten Fingern, gehen ebenfalls bis auf die Eiszeit zurück und sind später in Ägypten aus Edelmetallen nachgeahmt worden. In den Höhlen der Eiszeit sind ornamentierte Schieferpaletten, Knochenfläschchen und Hautcremedosen mit Deckeln gefunden worden, und die bekannten edelsteinübersäten Inros Japans sind nur spätere Nachahmungen derselben Formen. Der älteste Spiegel bestand aus einer glatten Muschel oder einer polierten Metallscheibe, deren luxuriöse Spätformen aus Ägypten, China, Byzanz und Griechenland in den Museen der Welt zu sehen sind.

Der während der Epochen vor unserer Zeitrechnung von den alten Hochkulturen erreichte Luxus der Lebensführung ist bemerkenswert. Man braucht sich nur die Schmuckstücke Altägyptens und die Ausgrabungen von Ur (ungefähr aus dem Jahre 2500 v. d. Zr.) anzusehen, um diese Überzeugung zu gewinnen. Wir alle kennen die Pracht der kosmetischen Künste etwa aus der Zeit Kleopatras,des arbiter elegantiarum von Rom und der Inka von Peru. Die Kaiserin Theodora von Byzanz war, wie wir alle von Dahn her wissen, ein lebendes Kunstwerk: von dem Goldstaub in ihrem bläulichen Haar und dem arabischen Stimmi auf ihren Wimpern bis zu ihren rosigen Zehennägeln. Ihre mit chinesischer Seide bezogenen Kissen waren mit den Daunen des pontinischen Kranichs gefüllt. Hunderte von Fläschchen und kosmetischen Geräten bedeckten ihren Toilettentisch aus Zitrusholz, ihre Seife stammte aus Spanien, und ihre Badewanne war aus Terebinthenholz geschnitzt.

Unsere Zeit besitzt keinen Sinn mehr für derartige Luxusgegenstände. Mit dem Aufkommen der jüngeren Religionen wurde eine neue Lebensethik aufgestellt, die im Dritten Buch Mose 19, Vers 27 und 28, niedergelegt ist: „Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundumher abschneiden, noch euren Bart gar abscheren. Ihr sollt kein Mal um eines Toten willen an eurem Leibe reißen, noch Buchstaben an euch ätzen, denn ich bin der Herr."

Jener Teil der Menschheit jedoch, der in die Geheimnisse des geschriebenen und gedruckten Wortes noch nicht eingedrungen ist, hat von diesem Gebote noch nichts vernommen, und so kommt es, daß Männer und Frauen auf der ganzen Welt, die unsere Überheblichkeit als „Primitive" zu bezeichnen liebt, sich noch immer der Farben und des Schmucks erfreuen, die ihnen die Natur gegeben hat, und daß sie sich noch immer bemühen, die Reize ihrer natürlichen Schönheit mit der Hilfe von Künsten zu erhöhen, deren Kenntnis sich durch die Jahrtausende hindurch erhalten hat.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003

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