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Die erste Maschine

Das Leben in der Wildnis ist hart für die Kreatur. Der Mensch jedoch, mit einer Intelligenz ausgestattet, die seinen Brüdern aus dem Tierreiche verwehrt blieb, versuchte von Beginn an, sich durch die Erfindung von Werkzeugen und Geräten bessere Lebensbedingungen zu schaffen, als es den anderen in der Natur lebenden Wesen möglich war. Ist doch die Erfindung von Werkzeugen und Geräten eines der entscheidenden Charakteristika des Menschen im Gegensatz zum Tier. Von Anfang an hat der Mensch versucht, die ihm auferlegte Arbeitsbürde durch die Nutzung der verschiedensten Hilfskräfte leichter zu gestalten. Wenn es ihm möglich wäre, so träumte er, die Zauberlampe der Erfindungskraft zu reiben, so würde vielleicht ein Dschinn sich zeigen, den er für sich arbeiten lassen könnte. Trotz seiner Träume lebte er jedoch nicht in einer Welt der Märchen. Wenn er je imstande sein würde, einen technisch begabten Sklaven zu besitzen, so würde er ihn selbst erfinden und mit seinen eigenen Händen erschaffen müssen. Denn dieser Sklave mußte eine Maschine sein, der erste von Menschenhand gebaute Roboter.

Und wie sehr bedurfte er einer solchen zauberischen Maschine! Am meisten wohl benötigten sie die Stämme, die noch nicht die relative Sicherheit des Bodenbaus erworben hatten, deren Leben in fortwährendem Sammeln und Jagen bestand, einer monotonen und ermüdenden Lebensweise, die den Drang zum Nachdenken und Erfinden hemmte. Es dauerte oft viele Stunden, bis ein Nest wilder Bienen hoch oben in einem Baumgipfel gefunden und die Vorbereitungen zur Erlangung des Honigs getroffen worden waren. Es war nicht leicht, den Vogel im Fluge zu töten, im Busch versteckt dem vorüberkommenden Wild aufzulauern oder mit gezücktem Speer im Wasser zu stehen, bereit für den schnellen Beutefisch. Alle diese Arten der Nahrungsbeschaffung erfordern große Geduld und außerordentliches Geschick. Es konnte Tage währen, bis die Jagdtiere nahe genug kamen, um erlegt zu werden; und da der Mensch noch nicht gelernt hatte, in den Tagen der Fülle an die kommenden Zeiten der Not zu denken und Nahrungsmittel für die Zukunft aufzuspeichern, befand er sich oft in bitterster Bedrängnis.

So waren die uralten Stämme gezwungen, bessere Werkzeuge zum Fang der Tiere zu erfinden, als sie ursprünglich benutzt hatten. Zum Tierfang dienten ihnen nun statt der Keule und des geworfenen Steines der Pfeil, die Harpune, das Lasso, die Bola, das Wurfnetz und die mit der Hand geführte Schlinge. Alle diese Verbesserungen jedoch erforderten noch immer die körperliche Anwesenheit und die angespannte Aufmerksamkeit des Jägers. Sie dienten nur dazu, die Reichweite seiner Hände zu vergrößern und das getroffene oder gefangene Wild so lange festzuhalten, bis er es holen konnte. Einige neuerfundene Geräte machten es ihm möglich, mehr als ein Tier auf einmal zu erlegen.

So konnte eine Gruppe von Jägern, die einander bei der Treibjagd halfen, gemeinsam ein Netz über ein Rudel Wild oder einen Schwärm Vögel werfen — eine Methode, die vom Pharao Haremheb aus den alten Zeiten übernommen wurde und bis in unsere Tage hinein Anwendung findet. Noch immer werden Wachteln und andere Vögel in ein mit Steinen beschwertes ausgebreitetes Netz getrieben. Die Dayak von Borneo fangen auf diese Art den wilden Hirsch, den sie in Herden in einen Halbkreis aufgespannter Netze hineintreiben, und die ostafrikanischen Waschambaa erbeuten so ihre Antilopen und Gazellen. Dieselbe Methode wird von den Eskimo der Beringstraße zum Kaninchenfang verwendet. Alle diese Tiere werden zuerst von Treibern in die Netze hineingejagt und dann totgeschlagen. Diese Jagdmethode stellt einen bedeutenden Fortschritt gegenüber den ältesten Methoden des mühseligen Einzelfangs dar, erfordert aber noch immer die stete Anwesenheit des Jägers und seiner Helfer.

Das Fangen von Vögeln in Netzen ist sehr weit verbreitet. Die Sibirier erbeuten auf diese Art ihre wilden Gänse, während die Jukon-Eskimo in ähnlicher Weise das Schneehuhn in ihren Lachsnetzen fangen. Die Treibjagd mit dem Netz erfordert eine etwas andere Methode. So war es bei den nordamerikanischen Prärieindianern üblich, die Büffelherden zwischen einer Reihe konvergierender Zäune einem Abgrund zuzutreiben, in den die Tiere stürzten.

Andere primitive Jagdmethoden, besonders des Vogelfangs, sind von uns übernommen worden. So locken wir noch heute wilde Enten oder andere Vögel mit Lockrufen herbei. Der hinter einem Busch oder Baum verborgene Jäger löst dann mit Hilfe einer Schnur einen Mechanismus aus, der das Tier in einem Korbe, Käfig oder Netz fängt.

Während so die Aussichten auf eine erfolgreiche Jagd mit Hilfe von allerlei Verbesserungen vergrößert wurden, blieb jedoch das Hauptproblem noch immer ungelöst, nämlich ohne die Gegenwart des Jägers ein gleiches oder ähnliches Resultat zu erzielen. Eine wirkliche Arbeitserleichterung, eine fühlbare Entlastung des Jägers konnte nur dann erreicht werden, wenn es gelang, die Aufgaben des Wartens auf die Beute, der Bedienung und Auslösung der festhaltenden oder tötenden Maschine und der Aufbewahrung des gefangenen Wildes durch mechanische Mittel zu ersetzen. Die Erfindung eines solchen Apparates würde dem Jäger gestatten, anderen Beschäftigungen nachzugehen, während das Wild für ihn gefangen wurde, und außerdem noch Tiere an verschiedenen Stellen zugleich zu fangen. Während der so gewonnenen Freizeit hatte der Jäger Muße, Gebrauchsgegenstände zur Verbesserung seiner Lebensweise anzufertigen oder einfach zu Hause zu bleiben, zu singen, zu tanzen und sich zu vergnügen.

Und es kam wirklich der Tag, an dem die so lange erhoffte umwälzende Erfindung endlich gemacht wurde, als der Mensch zum ersten Male eine Maschine erbaute, die während seiner Abwesenheit für ihn arbeitete, als die Intelligenz des Menschen einen Roboter erfand, der mit mechanischer Präzision seine Stelle einnahm. Dieses Zaubergerät ist die Tierfalle.

Die echte Falle übernimmt die Funktionen des Wurfnetzes, der Keule, der handgeworfenen Schlinge, des geschossenen Pfeiles — nur erzielt sie weit bessere und sicherere Resultate. Auch kann sie größere Kräfte auslösen, als es der Hand des Menschen möglich ist. Durch die Konstruktion eines ingeniös gebauten Auslösemechanismus, der auf dem Hebelprinzip beruht, löst die leichteste Berührung einer gut gebauten Falle ansehnliche, oft sogar gewaltige Kräfte aus, die genau der Kraft des zu fangenden Tieres angepaßt sind.

Obwohl der Erfinder der Naturvölker kein Schulwissen über die Prinzipien der Physik besaß und die Ursachen mechanischer Phänomene nicht kannte, so war er doch ein geübter Beobachter alles dessen, was in der Natur vorging, und er machte sich daran, das Gesehene maschinell nachzuahmen. Die Physiklehrer des Primitiven waren der lebende Zweig, der, zufällig heruntergebogen, in seine natürliche Lage zurückschnellte, — das Gewicht der Baumstämme, die nach einem Sturm den Abhang herunterrollten, — die Gefahren einer laubbedeckten Erdgrube, und er wandte das, was er von ihnen gelernt hatte, in kluger Weise an. Als er merkte, daß seine diese Kräfte benutzenden Maschinen wirklich funktionierten, war er nicht mit der Erfindung einer einzigen Fallenart zufrieden, sondern verband sein erworbenes mechanisches Wissen mit seiner Kenntnis des Klimas und der Lebensgewohnheiten der Jagdtiere seiner Heimat, um Hunderte von Fallenarten zu erfinden, die alle den besonderen Eigentümlichkeiten seiner Umgebung genauestens angepaßt waren.

Um seinen Roboter wirkungsvoll zu machen, benutzte er die Stromschnellen, die Glätte des Eises, den Durst der Dschungeltiere, die zur Quelle streben, die Vorliebe des Bären für Süßigkeiten, den Räuberinstinkt der Eule, die Scheuheit nächtlicher Geschöpfe und den Stolz des Luchses, der in der Gefangenschaft nur einmal anspringt und wenn er die Freiheit damit nicht erlangen kann, ergeben auf den Tod wartet. In genauer Kenntnis der Eigenarten der Tiere seiner Umwelt nahm er Rücksicht auf ihren feinen Geruchssinn und zerstörte alle Spuren menschlicher Berührung an seiner Maschine, indem er das zum Bau verwandte Holz ansengte, natürliche Kleb- und Bindemittel verwandte und Köder in die Falle legte, deren Harz-, Blut oder Bibergeilgeruch die Witterung des Menschen verwischten. Um auch die Augendes Wildes zu täuschen, wurde die gestellte Falle durch künstlich erbaute mit Zweigen überdeckte Zäune getarnt, und Laub und Steppengras bedeckten trügerisch die tiefen Fallgruben.

Von den kleinen zum Mäusefang dienenden Bambuszylindern bis zu den gewaltigen Fangvorrichtungen für Giraffen und Elefanten sind von den Naturvölkern Hunderte von Fangmethoden erfunden worden, die noch immer das Erstaunen und zuweilen auch die Ratlosigkeit der Gelehrten hervorrufen. Manches Museum besitzt in seinen von Forschern mitgebrachten Sammlungen Tierfallen oder Teile von Fallen, die zuweilen weder als solche erkannt noch richtig zusammengesetzt werden können. Es erfordert ein wohlfundiertes Spezialwissen, die oft genial gebauten Fallen der Naturvölker zu identifizieren und zu rekonstruieren. Oft gelingt dies nur nach einem eingehenden Studium der Gesamtkultur des betreffenden Stammes unter Berücksichtigung der speziellen klimatischen oder zoologischen Verhältnisse.

Obwohl die verschiedensten mechanischen Prinzipien beim Bau des ersten Roboters der Menschheit angewandt worden sind, so haben doch alle echten Fallen im Unterschied zu den fallenähnlichen Fangmethoden, die die physische Anwesenheit des Jägers erfordern, die gemeinsame Eigenschaft, daß sie eine Einrichtung darstellen, deren Mechanismus durch das zu fangende Objekt selbst ohne Zutun des Jägers ausgelöst wird, mit dem sofortigen Erfolg, das Tier dauernd festzuhalten oder zu töten, über dieses gemeinsame Charakteristikum hinaus können die Tierfallen der Naturvölker je nach dem bei ihrer Konstruktion verwandten mechanischen Prinzip in vier Hauptgruppen eingeteilt werden. Eine eingehendere Betrachtung dieser Gruppen gewährt einen interessanten Einblick in die hohe Intelligenz, die schon der früheste Mensch in seinem Bemühen angewandt hat, seine Lebensweise zu verbessern. Es gibt unzählige Varianten dieser vier hauptsächlichsten Fallentypen, von denen oft mehrere zur Erreichung größerer Wirkung kombiniert werden. Dennoch läßt sich das angewandte Grundprinzip immer deutlich erkennen.

Wie schon ihr Name sagt, beruht die Schwerkraftfalle auf dem motorischen Prinzip des eigenen Gewichts des zu fangenden Tieres oder der durch das Tier ausgelösten Schwerkraft eines fallenden Objekts. Die einzige Schwerkraftfalle der ersten Art ist die Fallgrube, die in der Regel in Gestalt einer tiefen gegrabenen Höhlung im Wildwechsel angelegt wird. Die Öffnung wird mit Blattwerk, Reisig, Moos oder dergleichen überdeckt, so daß das Tier ahnungslos auf den trügerischen Grund tritt und einbricht. Die Größe der Grube ist der Größe der zu fangenden Tierart genau angepaßt. Um ein Entkommen des Opfers zu verhindern, werden die verschiedensten Sicherungsmaßregeln angewandt. Die Möglichkeit, den Rand der Grube durch Springen oder Klettern zu erreichen, wird dadurch verhindert, daß die Höhlung entweder sehr tief oder nach unten zu konisch verläuft, so daß das Tier durch sein Gewicht eingeklemmt wird. Auch werden zuweilen spitze Pfähle in die untere Basis der Grube eingerammt, die das Tier aufspießen oder verletzen sollen.

Die Buschmänner legen zum Fang der Giraffe eine Fallgrube an, die durch einen im Boden stehengelassenen großen Erdzapfen in zwei Teile geteilt wird. Das gefangene Tier hängt hilflos über diesem mittleren Erdzapfen und ist nicht imstande, seine langen Beine aus der Grube herauszubekommen. Solche Fallgruben werden oft in großer Anzahl in gewissen Abständen entlang eines Wildzaunes oder auf den Wegen, die das Wild zur Wasserstelle benutzt, angelegt. Oftmals führen auch konvergierende Hecken von beträchtlicher Länge zu den Gruben.

Noch während des zweiten Weltkrieges sind derartige Schwerkraftfallen oft verwendet worden. Das „Tier mit seinem Eigengewicht" war hier der moderne Dinosaurus, der Tank, der auf manchem Kriegsschauplatz in die gut getarnten Fallgruben stürzte.

Bei dem zweiten Typ der Schwerkraftfalle tritt an Stelle des den Erfolg auslösenden Eigengewichts des Tieres als Kraftprinzip die von dem Tier selbständig ausgelöste Schwerkraft eines Steines, Baumstammes oder einer Kombination schwerer Objekte. Die künstlich erzeugte Fallhöhe setzt die Erfahrung voraus, daß niederstürzendes Felsgestein oder niederstürzende Baumstämme eine Kraft erzeugen, die sich mit der Fallhöhe ändert. Die einfachste derartige Schlagfalle ist der durch einen Stock im labilen Gleichgewicht gehaltene Stein. Der den Stein aufrichtende Holzstab ist zugleich der den Köder tragende Auslösemechanismus, so daß ein Zerren an der Lockspeise das Niederfallen des Steines bewirkt, das heißt die Schwerkraft zum Töten der Beute frei macht.

Diese Auslösungsart mußte jedoch dann versagen, wenn das Gewicht des Kraftträgers zu groß wurde, denn in diesem Falle setzte die nur auf einer Stütze ruhende Last die Wirksamkeit der Falle herab oder verhinderte diese ganz. Das Tier konnte den Köder abfressen, ohne die Falle auszulösen. Der Naturmensch mußte deshalb darauf bedacht sein, die Auslösungskraft herabzusetzen und damit die Wirksamkeit der Falle zu erhöhen. Das geschah durch eine Einschiebung geeigneter kraftvermindernder Hebelübertragungen und führte zu der Herausbildung eines Klemmers und Drückers. Derartige Fallen werden auf der ganzen Welt und vor allem von den Völkern der arktischen Kulturen erbaut.

Immer schwerere Objekte wurden auf den Schlagbaum gehäuft, wodurch eine immer kompliziertere Konstruktion des Auslösemechanismus notwendig wurde. Die erzielten Ergebnisse sind erstaunlich. Die Montagnais-Naskapi-Indianer von Labrador zum Beispiel bauen Bärenfallen, die mit vier bis fünf schweren Baumstämmen belastet sind und dennoch durch die leichte Berührung der Nase des am Köder schnüffelnden Tieres sofort ausgelöst werden.

Nachdem die Schwerkraftfalle ihre technische Vervollkommnung erreicht hatte, begann der primitive Jäger andere Naturgesetze zu studieren. So beobachtete er zum Beispiel, wie Tiere sich zuweilen im Lianendickicht des Urwaldes verfingen und sich in herabhängenden Ranken erwürgten. Die Schlingenfallen der Naturvölker wenden dieses Prinzip folgerichtig an. Das Auslöse-und Kraftprinzip der einfachen Schlinge ist die Bewegung des Tieres, das sich aus ihr zu befreien sucht. Zumeist erfolgt ihre Auf Stellung in der vertikalen Ebene, weil der Jäger die Vorwärtsbewegung des Tieres ausnützen will. Da die empfindlichste Stelle vieler Beutetiere der Hals ist, wird die Schlinge auf der Wildfährte so angebracht, daß der Kopf des Tieres hindurch muß, worauf die Schlinge sich fest wie ein Lasso um seinen Hals schließt.

Zum Offenhalten und Befestigen der Schlinge werden verschiedene Hilfsvorrichtungen benutzt, sei es, daß man die Schlinge frei in dem vermutlichen Weg des Tieres anbringt wie bei unserem „Dohlensteg", sei es, daß man sie an irgendwelchen Haltegestellen befestigt, die die Schlinge offenhalten. Auch die Verwendung der Schlingen geschieht meist in Verbindung mit Wildzäunen, in deren Öffnungen die Schlingen gelegt werden.

Eine noch in vielen Teilen der Alten Welt verwandte Schlingenfalle ist die sogenannte Tretfalle. Zu ihrem Bau wird eine große Anzahl zugespitzter elastischer Stäbe von außen so in einen geflochtenen Faserkranz hineingesteckt, daß ihre Spitzen sich in der Mitte treffen. Diese Falle wird an einem im Wildpfad befindlichen Baum oder Pfahl oft über einer kleinen Grube befestigt. Sobald das Opfer, meist eine Antilope, auf die Falle tritt, dringen die elastischen Spitzen in ihre empfindliche Fessel ein, und zwar um so tiefer, je mehr das Tier sich zu befreien versucht. Die Tretfalle wird oft mit einer Schlinge kombiniert, die das Tier am Entkommen hindert.

Das dritte der hauptsächlichsten Fallensysteme, die Schwippgalgenfalle, wird noch heute von vielen Stämmen Afrikas, Asiens und Amerikas täglich angewandt. Diese Falle beruht auf der federnden Kraft eines elastischen Zweiges oder Baumes. Das mechanische Prinzip dabei ist die Trägheit oder Schnellkraft des als Feder benutzten Materials, das in die alte Gleichgewichtslage zurück will. Um wirksam zu sein, muß der Kraftträger in fester Verbindung mit einer Einrichtung stehen, die die Kraft effektiv werden läßt. Bei den Seh wippgalgen ist dies fast ausschließlich eine Schlinge. Diese Fallenart wird am häufigsten von den Bodenbautreibenden Stämmen benutzt, die sie zum Fang kleinerer Tiere verwenden. Ihre seßhafte Lebensweise ermöglicht es ihnen, diese Falle sorgsam zu stellen und ihren Auslösemechanismus in vielfacher Weise zu vervollkommnen. Ein moderner Ingenieur, der sich zum Beispiel mit den Problemen der Bewegungslehre oder mit den Fragen der Antriebs Vorrichtungen für Maschinen befaßt, wird in den Schwippgalgenfallen der Naturvölker ohne Mühe die erste Erfindung von Relais-Schaltungen erkennen, deren spätere Formen in der modernen Technik eine äußerst wichtige Rolle spielen.

Der Gebrauch der Schwippgalgenfalle mit Zugprinzip ist jedoch nicht auf den Tierfang allein beschränkt, und die Schnellkraft eines aus seiner Lage künstlich herabgezwungenen Zweiges oder Baumes wird auch auf anderen Gebieten nutzbar gemacht. So werden im mittleren Kongogebiet Exekutionen von Sklaven und Kriegsgefangenen mit Hilfe des Schwippgalgens vorgenommen. Die Eingeborenen von Borneo und Hindustan benutzen den Schwippgalgen zur Inbetriebsetzung ihrer Blasebälge, die die eisenschmelzenden Hochöfen bedienen, eine Gebrauchsweise, die noch heute bei den Bauern Nordeuropas, die ihre Öfen auf diese Art anfachen, beobachtet werden kann. In Ostasien werden die einheimischen Webstühle ebenfalls oft mit Hilfe von Schwippgalgen in Bewegung gesetzt.

Zuweilen wird die Schwippgalgenfalle auch zum Fischfang benutzt, wobei ein Haken oder eine Reuse den Platz der Schlinge einnimmt.

Andere Anwendungen des Prinzips der Schwippgalgenfalle haben dazu beigetragen, Jagd und Krieg sowohl wie friedliche Unterhaltung zu vervollkommnen, denn die Schwippgalgenfalle ist nicht nur der Vorläufer des Bogens und der Armbrust, sondern auch der des Geigenbogens und aller Saiteninstrumente. Ein auf einen Resonanzboden wie etwa einen ausgehöhlten Kürbis aufmontierter Schwippgalgen wurde zum Musikinstrument, das sich durch Hinzufügen weiterer Schwippgalgen zum Saiteninstrument entwickelte, dem Vorläufer unserer modernen Geigen, Celli usw. Und auch der Jagdbogen und die Armbrust als Waffen sind aus der Schwippgalgenfalle hervorgegangen. Die Armbrust war in China schon während des zwölften Jahrhunderts v. d. Zr. bekannt. Der revolutionierende Einfluß dieser Waffe auf die Kriegsmethoden der Antike ist jedem mit der Geschichte Vertrauten bekannt. Die Feststellung, daß die Macht des römischen Kaiserreichs ohne die Armbrust unmöglich gewesen wäre, ist keine Ubertreibung. Ohne die Kenntnis der primitiven auf demselben Prinzip beruhenden Tierfallen wäre die Herausbildung dieser Waffe unmöglich gewesen.

Die letzte hauptsächliche Fallenart, die Torsionsfalle, beruht auf einem anderen viel angewandten Kraftprinzip. Der Mensch hatte die Erfahrung gemacht, daß ein um seine Querachse gedrehtes elastisches Material wieder in seine ursprüngliche Lage zurück will und daß es, wenn es hieran gehindert wird, eine erhebliche Kraft ausübt. Bei der Torsion verkürzt sich die als Material verwandte Tiersehne, Wurzel oder Pflanzenfaser, und der Krafteffekt wird um so stärker, je mehr diese Spannung durch geeignete Hilfsmittel erhalten wird. Die Drehkraft wird durch Hebelübertragung auf den Kraftträger als Wirkungseffekt der Falle ausgenützt, sei es, daß eine mit scharfen spitzen Knochen oder Eisennägeln bewehrte Latte mit großer Wucht auf das Tier niedersaust, sei es, daß ein durch die Torsionskraft getriebener Rahmen, der oft mit einem Netz verbunden ist, das Tier festklemmt oder fängt. Alle Torsionsfallen sind Fallen mit Nah Wirkung. Nur unmittelbar innerhalb des engsten Bereichs der Falle ist ein Erfolg möglich.

Dieser Fallentyp ist in den Hochkulturgebieten Asiens und Afrikas entstanden, von wo aus er in die von diesen Kulturen beeinflußten Zonen übergegangen ist. Wo primitive Stämme wie etwa die Eskimo und Tschuktschen diese Fallenart benutzen, ist sie ein sekundär aufgenommenes Kulturelement und nicht ein Produkt eigener Erfindung. Die Konstruktion dieser Fallen gleicht der der modernen Stahlfallen, nur daß die verwandten Materialien verschieden sind. Alle käuflichen Stahlfallen, von der Mausefalle bis zur Bärenfalle der Hudson's Bay Company, sind reine Torsionsfallen, die sich von denen der uralten Modelle nur durch das andere Material unterscheiden.

Die Griechen übernahmen das Torsionsprinzip von den Orientalen, und die Römer vervollkommneten es bei der Konstruktion ihrer gewaltigen Katapulte und Wurfmaschinen. Als elastisches Material wurden gewundene Tiersehnen verwandt, genau wie sie noch heute von den Norton-Sound-Eskimo für ihre Wolfs- und Fuchsfallen benutzt werden. Die aus den klassischen Zeiten stammenden ballistischen Torsionsmaschinen sind so wirkungsvoll, daß verschiedene europäische Regierungen sie noch während des ersten Weltkrieges aus ihren Museen hervorholten und als Minenwerfer in den Dienst der Heere stellten.

Die außerordentliche Bedeutung, die die von den Naturvölkern erfundenen Tierfallen für die Entwicklung unserer modernen Technik gehabt haben, ist nicht wegzuleugnen. Die Erfindung der ersten Tierfalle ist in der Kulturgeschichte der Menschheit von größerer Wichtigkeit gewesen als selbst die Erfindung des Rades. Die weitere Anwendung der durch' die Konstruktion von Tierfallen gewonnenen physikalischen Kenntnisse hat weittragendere Auswirkungen gehabt als alle anderen Erfindungen auf dem Gebiete der Technologie.

Wie alt ist nun eigentlich dieser erste von Menschenhand gebaute Roboter? Wann ist es dem Menschen zum erstenmal gelungen, die Naturkräfte in eine Maschine zu bannen und seinem Willen zu unterwerfen? Es ist viele Jahrtausende her. Es gibt keinen Stamm der Erde, der nicht zum mindesten die Kenntnis einiger Fallentypen besäße. Selbst die ethnologisch ältesten Kulturen verstehen die Kunst des Fallenbaus. Wie die Funde aus der Eiszeit zeigen, haben auch jene Menschen schon die Konstruktion der Tierfalle beherrscht, und einige der von ihnen benutzten Modelle lassen sich noch heute erkennen und identifizieren.

Wir sahen bereits, daß in Südfrankreich in der Gegend der Garonne, besonders in der Dordogne, wie auch jenseits der Pyrenäen in der baskischen Provinz Biskaya prähistorische Höhlen entdeckt worden sind, die eindeutig als religiöse Weihestätten und menschliche Wohnungen aus dem europäischen Spätpaläolithikum festgestellt werden konnten. Die Wände dieser Höhlen sind mit seltsamen und kunstreich ausgeführten Malereien bedeckt, besonders mit Tierabbildungen, unter denen Büffel und Mammuts am häufigsten vorkommen. Die braunroten und ockergelben Originalfarben dieser Gemälde sind durch die Jahrtausende hindurch ausgezeichnet erhalten geblieben. Die Darstellungen selbst zeichnen sich durch eine rätselhafte Kombination von naturalistischen Tierbildern mit ganz bestimmten linearen Symbolen aus, die zuweilen sogar in die Tierkonturen selbst hineingemalt wurden.

Eine besondere Eigenart dieser Malereien ist die Tatsache, daß sie sich niemals in der Nähe der Höhleneingänge finden, sondern weit hinten im Inneren fern dem Tageslicht, wo sie nur bei künstlicher Beleuchtung sichtbar werden. Diese versteckte Art der Anbringung zeigt deutlich, daß die Malereien nicht eine Art Kunstausstellung der Eiszeit waren, und während vieler Jahre haben die Gelehrten umsonst versucht, ihren Sinn zu ergründen. Bei diesen Bemühungen kam den Forschern eine Reihe von Tatsachen zuhilfe. Erstens einmal war es erwiesen, daß die Jagd die Hauptwirtschaftsform der Eiszeit war und daß deshalb das Beutetier im Mittelpunkt des menschlichen Interesses stand. Zweitens gibt es noch heute lebende Stämme, wie die Buschmänner Südafrikas, die meisten australischen Eingeborenen und die arktischen Völker, deren Wirtschaftsform der der Eiszeit genau entspricht und deren Sitten und Traditionen uns deshalb mancherlei Aufschluß über die entsprechenden Kulturformen der Vorzeit geben können.

Selbst heute noch versammeln sich am Vorabend einer wichtigen Jagdunternehmung die afrikanischen Buschmänner und die australischen Stämme unter Anführung des Zaubererpriesters, um das Gelingen der Jagd durch geheimnisvolle Riten und magische Tänze zu gewährleisten. Das äußerst naturgetreu gezeichnete Bild des zu jagenden Wildes, sei es nun eine Antilope oder ein Känguruh, wird entweder in den Sand geritzt oder mit Ocker an einen Felsen gemalt. Die Jäger versammeln eich um dieses magische Abbild, um das symbolisch dargestellte Tier mit ihren Speeren und anderen Jagdwaffen zu durchbohren und zu „töten". Diese Völker sind fest davon überzeugt, daß es ihnen ohne diese Zeremonie unmöglich wäre, irgendwelche Beute zu erjagen. Denn in der Vorstellung der Primitiven gibt es keinen Unterschied zwischen einem Gegenstand und seinem Bild. Für sie sind das Tier selbst und seine Darstellung identisch. Deshalb erfolgt ihrem Glauben zufolge das Töten des Tieres bereits am Abend während der Durchbohrung seines Bildes, und die Jagd des nächsten Tages ist nicht viel mehr als eine Formalität.

Es ist deshalb nur logisch, die Wandgemälde in den prähistorischen Höhlen, die von Menschen gleicher Wirtschafts- und Kulturform bewohnt wurden, als Ausdruck ähnlichen Jagdzaubers zu erkennen. Diese Erklärung wird noch augenfälliger, wenn man die zusammen mit den Tieren dargestellten Figuren tanzender Zauberdoktoren betrachtet, die in denselben Masken und Bewegungen auftreten, wie wir sie noch heute bei den lebenden Naturvölkern in ihren der Vermehrung des Wildes gewidmeten Fruchtbarkeitstänzen finden.

Wie nun aber war es dem Jäger der Eiszeit möglich, mit seinen primitiven Jagdwaffen so gewaltige Tiere
wie den Büffel und das Mammut zu erlegen? Die moderne Wissenschaft ist in der Lage, auch diese Frage aufzuklären. Die seltsamen geometrischen Gebilde nämlich, die auf den Höhlenmalereien zusammen mit den Darstellungen der Jagdtiere zu sehen sind und einst von den Gelehrten als „s i g n e s o b s c u r e s" bezeichnet wurden, haben nun endlich ihre korrekte Erklärung gefunden. In der internationalen Wissenschaft besteht heute kein Zweifel mehr daran, daß diese „dunklen Zeichen" nichts anderes als die Zeichnungen von Tierfallen sind, die vor Jahrtausenden von den Urbewohnern Europas in ihren spanischen und französischen Höhlen so naturgetreu dargestellt worden sind, daß man noch heute die Details ihrer Konstruktion und die Vielfalt ihrer Modelle erkennen kann. So können wir also sagen, daß der erste Roboter des Menschen, seine erste Maschine, die Tierfalle, zehn- bis zwanzigtausend Jahre alt ist. Die Höhlenzeichnungen entstanden während der Dritten Eiszeit und der Nacheiszeit, die, wie die Wissenschaft nachgewiesen hat, die Periode von 20000 bis 8000 v. d. Zr. umfassen.

Ohne Schwierigkeit können wir nun auf diesen uralten Wandgemälden die Schwerkraftfalle erkennen, die, wie in Font-de-Gaume, in den Körper eines gewaltigen Büffels hineingezeichnet wurde und deren Konstruktion sich in nichts von der der heute noch lebenden Naturvölker unterscheidet.

Mit derselben Falle fangen die südafrikanischen Buschmänner die Hyäne, die nordamerikanischen Tahltanindianer den Wolf, die Schwarzfußindianer den Schakal, die Labradorindianer den Bären und die ostafrikanischen Stämme des Makonde-Plateaus die Antilope. Durch ihre weltweite Verbreitung und ihr hohes Alter ist jedoch die radförmige Tretfalle vielleicht die allerinteressanteste Fallenform. Wir finden sie in vielen prähistorischen Höhlen und auch in den ägyptischen Gräbern, wie zum Beispiel auf den Wandmalereien von Hierakonpolis, deutlich dargestellt. Der schwedische Gelehrte Gerhard Lindblom hat ihr Vorkommen in Afrika und Asien bis zum Karakorum, dem Etsingol und selbst bis zum Amur verfolgt und festgestellt. Frobenius hat Darstellungen dieser Falle auf den prähistorischen Felszeichnungen von Fezzan gefunden und veröffentlicht, und Breuils Bilder aus Tabel Bala zeigen ihre weite Verbreitung in der Sahara.

So seltsam der Gedanke jenen erscheinen mag, die mit der Entstehungsgeschichte der ersten Maschine der Menschheit nicht vertraut sind, so sicher wissen wir jedoch nun, daß die vier hauptsächlich in unserer modernen Technik angewandten Kraftprinzipien von den unbekannten und namenlosen Erfindern der Eiszeit übernommen worden sind, die Jahrzehntausende vor uns auf der Erde lebten. Längst ehe Archimedes geboren war, erkannten sie die Hebelgesetze und ihre Anwendung in komplizierten Relais- und Auslösemechanismen, die im Prinzip unverändert blieben, obwohl sie natürlich verbessert und modernisiert worden sind.

Die Konstruktion der Schwerkraftfalle wurde bereits von den Ägyptern für ihre Weihwasserautomaten übernommen, die Heron von Alexandria uns im Bilde gezeigt hat. Bei diesen Automaten fiel die eingeworfene Münze auf einen „Fallen"auslösemechanismus, der das am Hahn befindliche Ventil öffnete und die bezahlte Wassermenge ausfließen lies. Noch heute wenden wir das Prinzip der Schwerkraftfalle an, wenn wir eine Münze in einen Automaten stecken, um ein Brötchen, eine Briefmarke oder ein Stück Schokolade dafür in Empfang zu nehmen. Die eingeworfene Münze spielt hier, technisch gesehen, die Rolle des Tieres, dessen durch die Fallhöhe reguliertes Gewicht den Auslösemechanismus in Bewegung setzt. Die Spielautomaten, die Geldschlitze der Untergrundbahnen, Musikautomaten sowohl wie manche Gasuhren sind alle nach demselben Prinzip konstruiert.

Zwei moderne Fallen allerdings haben keine primitiven Vorbilder, nämlich das sogenannte „elektrische Auge", die Selenzelle, deren Lichtkegel, durch den Schatten einer sich nähernden Person unterbrochen, automatisch eine Tür öffnet, und die sensationelle „Elektronen-Rattenfalle", die einen ähnlichen photoelektrischen Mechanismus hat. Beides sind echte Fallen, nicht „fallenähnliche Fangmethoden", da sie ja zur Erzielung ihrer Wirkung nicht der Anwesenheit des Menschen bedürfen. Beide Apparate sind Beispiele für die Zauberkraft der im zwanzigsten Jahrhundert erforschten Elektronen. Aber die Verwirklichung des uralten Traumes, einen Roboter zu erfinden, der in Gestalt einer Maschine selbst während der Abwesenheit des Meisters für den Menschen arbeitet, geht bis auf die Eiszeit zurück.

Fallenfetisch (Nordborneo)

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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