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Erfindung und Handwerk

Die von Goethe zurückgewiesenen Worte Hailere „Ins Innre der Natur dringt kein erschaffener Geist" sind durch die Entwicklungen der letzten Jahre zum Teil widerlegt worden. Unsere Fähigkeit, das Wachstum der Zelle zu photographieren und unser neuerworbenes Wissen um die Kräfte, die das Universum zusammenhalten, haben es uns ermöglicht, gar manche grundlegenden Geheimnisse der Natur zu entschleiern.

Der Unterschied zwischen jenen Epochen und unserer modernen Zeit liegt darin, daß der Mensch sich heutzutage planmäßig in wissenschaftlicher Arbeit zum Herren der Natur zu machen sucht. Während der vergangenen Zeitalter war diese der allmächtige Meister des Menschen, der sein Wissen und seine Fertigkeiten von den Erscheinungen ableitete, die er in seiner Umwelt beobachtete. Er war der Schüler der größeren Mächte, die ihn umgaben. Aber schon damals ermöglichten es ihm die Funktionen seines Hirns, geistige und materielle Besitztümer zu erwerben, die ihn den Namen Homo sapiens mit Recht tragen ließen und völlig außerhalb der Reichweite seiner aus dem Tierreich stammenden Mitgeschöpfe lagen.

Und doch haben auch die Tiere Zeugnisse erstaunlicher Intelligenz abgelegt. Elefanten sind beim Abreißen von Zweigen beobachtet worden, mit denen sie auf die sie verfolgenden Hunde einschlugen. Die architektonischen« Künste des Bibers, dieses klugen Baumeisters, sind uns wohlbekannt, und wir wissen, daß eine kleine amerikanische Wespe einen Kieselstein regelrecht als Werkzeug benutzt, mit dem sie die ihre Eier schützende Erdschicht sorgsam festklopft. Können jedoch diese Äußerungen tierischer Intelligenz wirklich als die Resultate eines planvollen Denkprozesses angesehen werden? Ist die schlaue Anwendung von Naturstoffen der Beweis für eine tatsächliche Erfinderfähigkeit?

Diese Tiere, so klug sie auch sein mögen, verwenden ihre Materialien genau in dem Zustande, in dem die Natur sie ihnen lieferte. Sie sind nicht imstande, daraus Geräte herzustellen, die durch ihre Bearbeitung neue Formen auf weisen und neue Anwendungsmöglichkeiten schaffen. Tiere mögen Nutznießer von Naturstoffen sein, aber sie sind keine Erfinder.

Der Mensch jedoch hat es seit der Eiszeit verstanden, die gefundenen Rohmaterialien in neue Werkzeuge zu verwandeln, die sein Lebensniveau hoch über das der Tierwelt erhoben.

Die Namen der ältesten Erfinder sind uns nicht überliefert worden. Wir wissen nicht, wer die Vorläufer von Aristoteles, Volta, Edison oder Röntgen waren, und sicherlich ist nicht die Eingebung eines einzelnen Mannes für die Erfindung der ersten Steinaxt, des ersten geflochtenen Korbes, des ersten Windschirmes oder des ersten Pelzmantels verantwortlich gewesen. Alle diese Erfindungen waren Glieder einer Kette, die durch die langsame Vervollkommnung der Erfahrungen von Generationen unbekannter Erfinder geschmiedet wurde, sie waren das Ergebnis vieler verschiedener Kombinationen. Es wäre irrig, anzunehmen, daß jeder prähistorische Mensch ein Genie gewesen wäre mit der Gabe, jedes benötigte Objekt individuell zu erfinden. Nichts ist sinnloser als der Gemeinsatz: „Not war die Mutter der Erfindung", denn zu den entscheidenden Faktoren, die die Verbreitung technischer Kenntnisse förderten oder hemmten, gehören vor allem die jeweiligen klimatischen Bedingungen, die psychologische Bereitschaft zur Aufnahme einer neuen Idee und die Wanderungen von Kulturelementen und von Völkern. Schneeschuhe und Schlitten konnten nicht im Dschungel erfunden werden, Hochöfen nicht in der eisenlosen Arktis. Ein noch so kluges Genie der Buschmänner war gar nicht in der Lage, Vorratsspeicher oder Webstühle zu ersinnen, die Erfindung des Verfilzungsprozesses konnte nicht in Australien gemacht werden, und die Idee der Hängematte könnte sicherlich nicht von den Eskimo herstammen. Obwohl der Besitz aller dieser Dinge zur Verbesserung des Kulturbesitzes der jeweiligen Stämme beigetragen hätte, so hat ihnen doch die Natur die zu ihrer Herstellung notwendigen Rohmaterialien in ihren Gebieten nicht zur Verfügung gestellt oder, was noch wichtiger ist, ihre Erfindung wäre ihrer gesamten Mentalität vollkommen fremd gewesen. Selbst wenn ihnen diese Kunstfertigkeiten erklärt und beigebracht worden wären, so hätten sie sie doch schnell wieder aufgegeben und vergessen, genau so wie die primitiveren Pygmäen auf ihre bodenbautreibenden Nachbarn, die großwüchsigen Negerstämme, herabsehen.

Die unabhängige Erfindung eines Kulturelements oder die Übernahme einer Erfindung aus einer anderen Kultur haben beide die gemeinsame Voraussetzung, daß nämlich die Denkweise der betreffenden Stämme die entsprechende psychologische Bereitschaft zu ihrer Aufnahme besitzt, andernfalls kann die Erfindung weder selbständig entwickelt noch von anderswoher übernommen werden. Unabhängige Erfindung und Übernahme unterscheiden sich voneinander durch die einfache Tatsache, daß die Erfindung schöpferisches Denken erfordert, während die Übernahme rezeptiv ist. Dieser Unterschied läßt sich am besten durch einige Beispiele erläutern. So war zum Beispiel die gesamte Struktur der japanischen Zivilisation zur Aufnahme von gewissen westlichen Kulturelementen von vornherein hervorragend geeignet — von der Industrialisierung bis zu den modernsten Waffen —, während die Kulturen etwa der Buschmänner, der australischen Eingeborenen oder der Feuerlandstämme wegen des zu großen kulturellen Unterschiedes ihrer gesamten Lebenshaltung derartige Erfindungen keinesfalls hätten übernehmen können.

Andererseits haben primitive Völker gewisse Kulturgüter der Zivilisation übernommen, ohne jedoch ihren wirklichen Zweck zu verstehen. So wird in Afrika eine Sicherheitsnadel oft als Ohrschmuck getragen, und eine Grammophonplatte ist ein materialisierter Geisterchor. Das Zifferblatt einer europäischen Uhr taucht als Zierornament in der Kunst zahlreicher Naturvölker auf. Wichtig ist auch der besonders von Nordenskiöld herausgearbeitete Unterschied zwischen Erfindung und Abänderung (Modifikation) bei der Übernahme von Kulturelementen. Während Erfindung die Herstellung von etwas Neuem bedeutet, stellt eine Modifikation nur die Verbesserung von etwas bereits Bestehendem dar.

Es ist oft sehr schwer, wenn nicht unmöglich, den Ursprungsort einer frühen Erfindung festzustellen, denn die weltweite Verbreitung vieler Kulturgüter ist so ungeheuer, daß wir heute in den verschiedensten Weltgegenden Kulturzentren finden, bei denen nicht nur die Geräte, Häuser und Werkzeuge, sondern auch die religiösen, ethischen und sozialen Institutionen sowie die Wirtschaftsform fast vollkommen gleichartig sind.

Die meisten technischen Errungenschaften unserer modernen Zivilisation setzen eine ununterbrochene Kette von Erfindungen voraus, die bis auf die ältesten Zeiten zurückgehen. Obwohl viele der alten Techniken durch moderne Herstellungsprozesse verbessert worden sind, wird doch eine große Anzahl uralter Gebrauchsgegenstände noch heute genau in derselben Art verwendet wie vor Jahrtausenden. Viele dieser Werkzeuge und Geräte wurden von den Naturvölkern benutzt, längst ehe der Europäer auch nur von ihnen wußte.

Zu den Entdeckungen und Erfindungen, die die nord- und südamerikanischen Indianer vor der Ankunft der Eroberer gemacht hatten, zählt Nordenskiöld vor allem die Kenntnis und Nutzbarmachung von Nahrungspflanzen, wie Mais, Mandioka, Kartoffel, Sonnenblume, Artischocke und Bohne. Auch züchteten die Indianer das Lama, das Alpaka, die Bisamente und den Truthahn. Sie kannten die Baumwolle und das Kokain. Zu ihren Erfindungen gehören die Hängematte, der Gummiball und eine Imprägnierungsmethode zur Herstellung wasserdichter Stoffe. Auch stellten sie Gifte wie das berühmte Kurare her und verwandten auf ihren Kriegszügen Giftgas in Form von Cayennepfefferdämpfen.

Längst vor der Zeit von Coues Autosugg.estion heilte der Medizinmann des Dschungels seine Patienten mit Hilfe ähnlicher Methoden. Während unsere Chirurgen noch um die Jahrhundertwende neunzig Prozent ihrer Patienten bei ihren Trepanationsoperationen verloren, öffneten nordafrikanische Ärzte die Schädel ihrer Kranken mit absoluter Sicherheit und fast ohne Todesfälle. Ebenso verhält es sich mit dem Kaiserschnitt. Jahrhunderte, ehe Wagner-Jauregg für seine Heilmethode der Syphilis durch Malaria den Nobelpreis erhielt, sandten ostafrikanische Medizinmänner ihre syphilitischen Patienten „in die Sümpfe", wo sie sich das heilende Fieber zuzogen.

Telefone aus Kürbisschalen und Rattenfellen wurden in Afrika längst vor dem Zeitalter der Elektrizität benutzt, und die Eskimo telefonieren noch heute mit fellbespannten Behältern über beträchtk'che Strecken. Luftgekühlte Türme, wie sie Marco Polo als „künstliche Lungen in Form von viereckigen Wolkenkratzern" beschreibt, gehören noch heute in Bahrein zu den ältesten Institutionen. Unsere modernen Sonnen- und Schneebrillen haben ihre Vorläufer in den geschnitzten Augenschutzknochen der Eskimo und der arktischen Indianer, und gewebte Augenschirme aller Art sind noch heute in Melanesien, Polynesien und Südamerika gebräuchlich, während die als Augenbinden getragenen dünnen Filzschleier von Tibet den gleichen Zweck erfüllen.

Wenn wir heute als Ausdruck unseres modernen Luxus Gebrauchsgegenstände aller Art aus allen nur erdenklichen Rohmaterialien herstellen, so haben doch erst Hunderte von Handwerkergenerationen vor uns mit ihren aus Stein, Holz, Knochen, Pflanzenfasern und Tierfellen verfertigten Produkten den Weg dazu gezeigt. So ist es interessant, wenigstens die hauptsächlichen primitiven Herstellungsmethoden zu betrachten, denn sie sind der Ursprung vieler Dinge gewesen, deren Besitz wir heute als unerläßlich empfinden.

Wenn der Laie die Sammlungen eines ethnologischen Museums betrachtet und sich von einer Fülle der verschiedensten Gegenstände aus den unterschiedlichsten Materialien umgeben sieht, so legt er sich gewöhnlich die Frage vor: „Welche Handwerksformen und welche Rohmaterialien mögen wohl die ältesten in der Kulturgeschichte der Menschheit gewesen sein?"

Die Art der durch besonders günstige Umstände durch die Jahrtausende unversehrt erhaltenen Kulturobjekte verleitet uns oft zu der Annahme, daß sie nun auch die tatsächlich ältesten gewesen sein müssen. Wir vergessen oft, daß die wichtigsten Ausdrucksformen menschlichen Lebens und materiellen menschlichen Besitzes dazu bestimmt sind, wieder zu „Staub" zu werden - sei es nun der Leib des Homo sapiens selber oder seine aus Pflanzenfasern, tierischen Stoffen und anderen vergänglichen Materialien bestehenden Gebrauchsgegenstände. Längst vor der sogenannten Steinzeit gab es reichliche Mengen von Holz auf der Erde, das genau wie heute zu mehr oder minder vergänglichen Objekten verarbeitet wurde. Bei den heute noch im Jungpaläolithikum lebenden Nachfahren des prähistorischen Menschen, also etwa den australischen Sammlern und Jägern und ihren erst vor kurzem ausgestorbenen tasmanischen Nachbarn, können wir deutlich beobachten, daß ein durch die Verarbeitung des Holzes bestimmtes Urzeitalter den späteren Perioden vorangegangen sein muß. Die Vorgeschichte zählt Zeitalter wie die des Eisens, der Bronze und des geschliffenen Steins auf — wir können heute aber mit relativer Sicherheit feststellen, daß die ihnen vorangehende Ältere Steinzeit des behauenen Steines und das Zeitalter des Holzes sich über weit längere Perioden erstreckten. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die Holzverarbeitung in späteren Zeiten vollkommen durch andere Materialien verdrängt wurde. Wie unsere modernen Gebrauchsgegenstände zeigen, ist das Gegenteil der Fall. Es soll hier nur festgestellt werden, daß das Holz zu den ältesten verfügbaren Werkstoffen gehörte und daß es mit den zu jener Zeit vorhandenen primitiven Werkzeugen am leichtesten zu bearbeiten war.

Genau wie es noch heute in vielen Erdgegenden der Fall ist, so beherrschte die Herstellung hölzerner Gegenstände das Handwerk der ältesten Zeiten. Da die zur Verfügung stehenden Werkzeuge noch nicht die Herstellung differenzierterer Objekte aus dem Block gestatteten, so spielte besonders bei der Anfertigung größerer Stücke wie Windschirme und Boote die leichter zu verarbeitende Rinde eine große Rolle. Muscheln, Tierzähne, Knochen und Steine dienten als Werkzeuge. Ein Gang durch ein Völkermuseum zeigt die erstaunlichen Resultate, die noch heute mit derartig primitive Mitteln ohne Verwendung von Metallschneiden oder Nägeln erzielt werden.

Viele von Naturvölkern erbaute Häuser werden selbst in höher entwickelten Kulturen noch gänzlich durch das Zusammenbinden der Pfosten, Dächer und übrigen Konstruktionsteile zusammengefügt. Die aus Rinde hergestellten Gebrauchsgegenstände, die eine erstaunliche Haltbarkeit aufweisen, werden entweder mit Sehnen oder Fasern zusammengenäht oder mit Leim oder Kitt zusammengeklebt. Große Holzbehälter wie Trommeln oder Einbaumboote werden aus Baumstämmen zurechtgeschlagen und mit Hilfe des Feuers ausgehöhlt.

Wie wir schon sahen, gehört der Grabstock, dieses unerläßliche Gerät der Sammler und Jäger, zu den ältesten menschlichen Werkzeugen. Er besteht entweder aus einem gegabelten Ast oder einem unten angespitzten Stecken, der im Feuer gehärtet wird. Von ihm abgeleitet ist der hölzerne Speer als Jagdgerät. Die feuergehärteten Spitzen solcher Speere sind oft so hart, daß sie zuweilen steinerne oder Metallspitzen an Haltbarkeit übertreffen. Die asiatische Methode des Einweichens von Bambusspeeren in öl mit darauffolgendem Härtungsprozeß in heißer Asche erzeugt Spitzen von metallischer Härte. Noch heute werden bei den Befreiungskämpfen im Fernen Osten solche Bambusspeere verwendet, die erfolgreich mit den modernen Nahkampfwaffen konkurrieren.

Der Schild entwickelte sich aus dem zur Abwehr erhobenen Parierstock und ist in seiner späteren Entwicklung in den verschiedensten Formen aus den verschiedensten Materialien hergestellt worden, wie etwa die afrikanischen Lederschilde zeigen. Eine andere vielgestaltige Waffe ist die hölzerne Keule, die von allen Naturvölkern in allen nur erdenklichen Abarten verwandt wird, von dem einfachen Zweig und der Wurzelknorre bis zu den hervorragend bemalten, mit Ritzornamenten verzierten und mit Quasten, Fransen und Federn geschmückten Zeremonialtanzkeulen der Südseeinsulaner. Selbst die Australier besitzen prächtig zurechtgeschnitzte Keulen, die mit eingravierten Mustern reich verziert sind. Ihre Kehrwiederkeule oder der Bumerang wendet bereits ein kompliziertes physikalisches Prinzip an: die Schraube, bei der beide Enden der Sichelkeule auf verschiedenen Ebenen liegen.

Die meisten primitiven Haushaltungsgegenstände sind von den unseren kaum verschieden, nur daß sie oft bei weitem bessere Handarbeit und schönere Formen haben. Dies trifft besonders auf die Eß- und Schöpflöffel, die Trinkgefäße, Teller und Schüsseln zu. Selbst Holzgabeln werden zum Essen benutzt, allerdings nur in begrenzten Verbreitungsgebieten und meist als Zeremonialobjekte. So wird die typische dreizackige Gabel der Südsee nur von den Kannibalen zum Halten von Menschenfleisch verwendet. Die Haushaltungen der kalifornischen Yurok sind mit Fingerspülschalen, Tabletts und schönen Rotholzkästen ausgestattet. Fast auf der ganzen Erde finden sich Kopfstützen, Schemel und Vorratsbehälter aller Art. Die kunstvoll geschnitzten Sandalen der afrikanischen Tikar sind oft eleganter und schöner als unsere modernen Strandschuhe. Auch die prachtvollen Hauspfosten, Tanzmasken, Trommeln, Holzschüsseln und Kleiderhaken Polynesiens werden ohne Metallwerkzeuge nur mit Hilfe von Muscheln, rauher Fischhaut, Sand und Bimsstein angefertigt.

Da die afrikanischen Eingeborenen sich schon längst vor der Ankunft der Entdecker auf die Kunst der Eisenherstellung verstanden, sind ihre Zeugnisse handwerklicher Kunst, wie ihre Schüsseln, Hauspfosten, Götterbilder und Häuptlingsstühle, von solcher Vollkommenheit, daß die Kunstschulen dieser Urwaldstämme heute von den Weißen besucht werden, die versuchen, ihr kunstgewerbliches Können zu erlernen und nachzuahmen.

Obwohl die Techniken der Holzbearbeitung sich in den Hochkulturen besonders durch die Erfindung des Hobels und die Kunst des Zusammenfügens ineinandergepaßter Teile vervollkommneten, haben sie sich doch im Prinzip nicht verändert. Die hölzernen Tierfallen der Naturvölker, ihre Bogen und Pfeile und zahllosen anderen Kulturgüter sind nicht nur von der modernen Industrie nachgeahmt worden, sondern haben auch als Vorbilder für später aus anderen Materialien hergestellte Gegenstände gedient.

Der am leichtesten zu bearbeitende Holzstoff ist die Rinde. Aus ihr wurde das älteste Haus des Menschen,
der Windschinn, errichtet. Die Körbe und Behälter vieler Stämme werden aus Rinde verfertigt, und in weiten Kulturgebieten ist sie der wichtigste aller Werkstoffe. So werden fast alle Gegenstände zum Beispiel der Labradorindianer mit Ausnahme des aus dem Fell ihrer Jagdtiere gewonnenen Leders ausschließlich aus Holz und Rinde hergestellt. Aber auch das Leder könnten sie ohne ihre Rindenkanus und ihre hölzernen Schlitten nicht erbeuten. Fast ihre gesamten Hausgeräte bestehen aus Birkenrinde, die in zierlicher Weise zurechtgeschnitten und zusammengenäht wird. Als Schneidewerkzeug dient ein Biberzahn, während der Nähfaden aus dünnen Lederstreifen, Tiersehnen oder aufgespaltenen Fichtenwurzeln besteht. Die Gefäße und Behälter werden mit gekochtem Harz oder Fischleim wasserdicht gemacht und mit geschabten Ornamenten verziert, die meist Tierfiguren, mythische Symbole, Pflanzen oder geometrische Formen darstellen. Die erreichte Wirkung zeigt einen gefälligen Farbenkontrast von Beige und Kakaobraun. Eingedickte Heidelbeermarmelade, Bärenfett und der berühmte Pemmikan werden in soliden und zweckmäßigen Birkenrindenbehältern, die festschließende Deckel zum Schutz gegen Insekten, Schmutz und Feuchtigkeit haben, sicher verwahrt.

Die vielleicht wichtigste Verwendungsform der Rinde ist ihre Verwandlung in Rindenstoff, der ein gutes Kleidermaterial ergibt und einen vollgültigen Ersatz für gewebte Stoffe darstellt. Der den Sammlern und Jägern noch unbekannte Rindenstoff ist ein Kennzeichen höherer Kulturformen und wird in Afrika und Madagaskar, vor allem aber in Indonesien und Polynesien hergestellt, wo er als Tapa bekannt ist. Die Kenntnis der Herstellung von Rindenstoffen ist wahrscheinlich aus der Südsee bis nach Nord- und Südamerika gelangt und wurde in Asien und Europa schon in prähistorischen Zeiten angewandt. Die Tapa wird aus der Rinde basthaltiger Bäume, wie Brotfrucht-, Feigen- und Maulbeerbaum, gewonnen. Nachdem die Rinde von dem betreffenden Stamm abgelöst und eingeweicht worden ist, wird sie mit Hilfe besonderer Keulen oder Schlegel bearbeitet, bis sie sich in einen leichten und schmiegsamen Stoff verwandelt hat. Das Endprodukt ist oft feiner als mancher gewebte Stoff. In Polynesien wird die Tapa mit vielfarbigen, präzise angeordneten Ornamenten entweder bemalt oder mit Holz- oder Bambusstempeln bedruckt. In Afrika wird oft ein Stück Elefantenzahn als Schlegel zur Rindenstoffherstellung benutzt und pulverisiertes Rotholz zum Färben verwendet. Die nordwestamerikanischen Indianer lösen die Rinde mit Knochenwerkzeugen von ihren Zedern ab und bearbeiten sie mit Knochenschlegeln. Ihre prächtig bemalten Tanzdecken bestehen zumeist aus Zedernrindenstoff, und ihre aus Hunde- und Ziegenhaaren hergestellten Schlafdecken werden oft mit Rindenfasern durchflochten.

Die Herstellung von Rindenstoff durch das Flachschlagen von Bastfasern ist der Ursprung der Papierherstellung gewesen, eine Erfindung, die auf die Chinesen zurückgeht, deren älteste Papiersorten aus einer Mischung von Maulbeerbaum- und anderen Pflanzenfasern bestanden. Auch der ägyptische Papyrus aus gehämmerten und zusammengeleimten Rohrfasern geht auf die gleiche Technik zurück.

Neben Holz und Rinde machte sich der Mensch bereits in prähistorischen Zeiten auch Knochen, Hörn und Muscheln in Form von Werkzeugen nutzbar. Ganze vorgeschichtliche Zeitalter sind nach der Beschaffenheit der jeweiligen Knochen Werkzeuge benannt worden. Fette und Farben wurden in aus Knochensegmenten bestehenden Behältern verwahrt. Die mit mächtigen Zähnen bewehrten Kieferknochen des Höhlenbären wurden als wirkungsvolle Waffe benutzt, und Harpunenhaken, Ahlen, Fellkratzer und Nadeln wurden schon in prähistorischen Zeiten in derselben Weise aus Knochen hergestellt, wie dies heute noch bei vielen Naturvölkern der Fall ist.

Knochenahlen werden von den Australiern zur Herstellung ihrer Spiralwulstkörbe benutzt, auf den Santa-Cruz-Inseln näht man mit Nadeln aus Schweinerippen, und Fellkratzer aus den Oberschenkelknochen der Jagdtiere sind noch heute von Labrador bis Kalifornien die wichtigsten Handwerkszeuge. Messer aus Affenschenkelknochen mit Hasenzähnen als Schneiden sind in den Dschungeln Ostboliviens gebräuchlich. Ein ähnliches Messer mit Holzgriff und Biberzahnschneide wird von den kanadischen Jägerstämmen benutzt. Derartige Werkzeuge haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert und werden noch heute in denselben Formen benutzt wie in der Urzeit.

Schon die sogenannten Faustkeile der älteren Altsteinzeit (durch Schlag bearbeitete Feuersteinknollen von mandelförmiger, ovaler oder diskusähnlicher Gestalt) stellen so zweckmäßige und gutgearbeitete Geräte dar, daß wir selbst sie bereits als die Ergebnisse einer langen Entwicklungsperiode ansehen müssen. Das Wort „Paläolithikum" bedeutet ja nichts anderes als, vom griechischen p a l a i o s („alt") und l i t h o s („Stein") abgeleitet, Altsteinzeit, die wieder in die Faustkeil-, Klingen- und Knochenkulturen untergeteilt wird, während das „Neolithikum" (oder die Jungsteinzeit) sich schon in seinen ältesten Formen, wie wir bereits sahen1, durch die sogenannte bodenbautreibende Walzenbeilkultur auszeichnet, wobei zum Hackbau, zur Bearbeitung des Bodens eine Hacke mit bereits geschliffener Schneide Verwendung fand.

Die ältesten unpolierten Steingeräte zeichnen sich durch außerordentlich vielfältig geformte muschelförmige Abschlagungen aus. Ihre Formen lassen den Gebrauchszweck leicht erkennen. So können wir noch heute ohne Schwierigkeit die verschiedensten Fellkratzer, Stichel, Messer und andere Geräte unterscheiden, deren Holzgriffe natürlich die Jahrtausende nicht überdauern konnten. Steinerne Pfeilspitzen sind jüngeren Datums.

Steinmesser werden noch heute von vielen Eskimo- und Indianerstämmen benutzt. Sie werden entweder aus einem Stück mit unten geglättetem Griff ende hergestellt, oder man zementiert die steinerne Schneide fest in einen Holzgriff ein. So benutzen die kalifornischen Indianer Quarz- oder Obsidianmesser der ersteren Art zum Abziehen der Felle großer Jagdtiere, während sie kleinere Steinschneiden mit Holzgriffen im Haushalt verwenden. Die alten Azteken benutzten bei ihren religiösen Menschenopfern steinerne Messer aus Obsidian. Noch heute erinnern die bei vielen Völkern zu rituellen Beschneidungen verwendeten Steinmesser an diese uralte Sitte. Steinäxte sind bei archäologischen Ausgrabungen in Südamerika gefunden worden. Steinerne Sägen werden selbst in unserer Zeit noch von lebenden Naturvölkern benutzt, und zwar in Formen, die den in den prähistorischen Ausgrabungen der Schweizer Pfahlbauern gefundenen genau entsprechen. Sie bestehen aus einer hölzernen Basis mit eingesetzten Steinsplittern. Selbst die indische Hochkultur benutzt noch immer steinerne Bohrer. Die von den Naturvölkern benutzten Steinäxte werden mit Kitt oder Harz in gerade oder gebogene Holzgriffe einzementiert oder mit Schnuren festgebunden.

Die von den Naturvölkern der ganzen Welt benutzten Mörser und Reiber stellen eine andere wichtige Art der Nutzbarmachung von Steinen zu Haushaltungszwecken dar, bei der ein großer flacher Stein als Unterlage dient, während ein kleinerer runder zum Zerreiben oder Mahlen von Körnern oder Gemüsen darauf bewegt wird.

Derartige Steinreiben und Mörser werden sowohl von den Erntevölkern Nordamerikas wie von den Bodenbaustämmen Afrikas und der Südsee benutzt.

Viele Stämme stellen auch Schmuckgegenstände aus Stein her. So tragen die Tuareg und die Stämme des westlichen Sudans schwarze Marmorarmreifen, die außerordentlich schön und regelmäßig geformt sind. Ganz besonders prächtig sind auch die aus Basalt, Jade und kostbaren Halbedelsteinen geformten Zeremonialkeulen der Ozeanier, die oft mit Ritzzeichnungen verziert sind und als Symbole der Häuptlingsmacht gelten. Die dunkelgrünen Nephritzepter der Maori gehören zu den künstlerischsten Schaustücken unserer Museen.

Jedem Betrachter völkerkundlicher Sammlungen wird auch die Sauberkeit und Formenschönheit der von den Naturvölkern geflochtenen Fächer, Taschen und Körbe auffallen, die unsere entsprechenden Gegenstücke oft bei weitem übertreffen. Obwohl die Kunst des Ineinanderflechtens von Pflanzenfasern in der ganzen Welt bekannt ist, kommen die besten Stücke doch meist aus Afrika und der Südsee. In den arktischen Gebieten hat der Kunstfleiß der Eingeborenen aus Mangel an pflanzlichem Webmaterial oft andere Formen gefunden.

Die Flechtkunst gehört zu den ältesten Handwerken der Menschheit, und man kann ihre verschiedenen Entwicklungsstufen genau verfolgen. Aus dem einfachen Zusammenflechten von Palmblättern, Bastfäden und Grashalmen entwickelte sich schließlich die Webkunst mit allen ihren verschiedenen auf dem Webstuhl hergestellten Stoffarten. Während die Verbreitung der Flechtkunst weltweit ist, tritt der Webstuhl jedoch erst mit den Bodenbaukulturen als ein Kennzeichen höherer Zivilisationsstufen auf.

Zur Herstellung von Behältern, Matten, Sieben und anderen Gegenständen aus symmetrisch zusammengeflochtenen Pflanzenfasern bedarf es keiner anderen Werkzeuge als gelegentlich einer Ahle oder Nadel aus Knochen oder Holz. Zu den einfachsten auf diese Art hergestellten Gegenständen gehört der aus den Fiederblättern eines einzigen Palmblattes hergestellte Fächer, der besonders in der Südsee und in Südamerika zu den beliebtesten Gebrauchsobjekten gehört.

Weit wichtiger jedoch ist die Herstellung der geflochtenen Behälter, in denen die Naturvölker ihre Gebrauchsgegenstände verwahren und ihre Nahrung herbeitragen. Schon der Begriff „Sammler und Jäger" zeigt, daß selbst die ältesten Völker gewisse Behälter benötigten, um die ihnen zur Verfügung stehenden Nahrungspflanzen darin einzusammeln und heimzutragen. Solegen diese Stämme den größten Wert auf Leichtigkeit, Haltbarkeit und zweckmäßige Form ihrer geflochtenen Behälter.

Die australischen Körbe sind entweder einfach zusammengeflochten oder werden bereits mit Hilfe der sogenannten Spiralwulsttechnik, die sich aus dem Verflechten von Schlingen entwickelt hat, hergestellt. Um (einen aus Schilf oder Gras bestehenden Wulst werden Bastfäden geschlungen, und die einzelnen Wülste werden dann zusammengenäht. Die meisten Sammelkörbe sind an langen Schnüren befestigt, so daß sie über die Schulter gehängt werden können und die Hände für den Grabstock freibleiben. Einige australische Stämme, wie die Eingeborenen von Arnhemland, verzieren ihre geflochtenen Körbe mit menschlichen Figuren oder Tieren (hauptsächlich Eidechsen, Krokodilen und Goannas) in ihrer typischen „Röntgen"-Kunst („X-ray art").

Die afrikanischen Bambuti (Wambutti) verfertigen eich sogleich nach dem Erlegen eines Beutetieres einen praktischen Korb zum Heimtragen des Fleisches, was nach Schmidt-Koppers in folgender Weise geschieht: Kommt nach J. David der Wambutti dazu, ein Wildbret zu zerlegen und fortzutragen, so verfertigt er sich an Ort und Stelle einen Tragkorb, wobei er sich ganz die Konstruktion seiner Rundhütte zum Vorbild nimmt. ,Wenn das kleine Flechtwerk, das durchaus einer Hütte gleicht und etwa l m hoch ist, dicht genug geworden ist, zieht man die ganze Konstruktion aus der Erde, dreht um, füllt mit dem Fleisch und den Eingeweiden auf, und die wegzutragende Last ist fertig.

Nach Gusinde kennen die Yagan (Feuerland) vier verschiedene Arten von Korbflechttechniken, die alle mit verschiedenen Namen benannt werden.

Bei den amerikanischen Indianern hat die Kunst des Körbeflechtens zu so ausgezeichneten Resultaten geführt, daß sie oft Gegenstände, die von anderen Völkern aus Holz oder Lehm hergestellt werden, ebenfalls flechten. So benutzen sie noch heute geflochtene Teller, Schüsseln, Kinderwiegen, Kochtöpfe und Wasserbehälter. Besonders die kalifornischen Indianer, deren Flechtkunst Kroeber als ihr „zweifellos am höchsten entwickeltes Handwerk" bezeichnet, verfertigen Haushaltungsgeräte und Behälter, die sich durch ihre schöne Form, ihre Glätte und Haltbarkeit auszeichnen und oft durch die Verwendung vielfarbigen Materials mit geometrischen Ornamenten verziert werden. Während besonders die nordkalifornischen Indianer sowie die Yulci und ihre Nachbarn die uralte Technik der Spiralwulstflechterei fast ganz aufgegeben haben, sind die Körbe der Maidu beinahe ausschließlich Spiralwulstarbeit. Als Material für die stets aus drei Ruten bestehenden Wülste werden entrindete Weidengerten oder ungeschälte Rotholzzweige verwendet. Als Handwerkszeug zum Zusammennähen der Wülste dienen Knochenahlen oder Holznadeln. Die Maidukörbe sind meist zweifarbig, braunrot und weiß, und können sich durchaus mit den Produkten der anderen kalifornischen Korbflechter vergleichen, wenn sie auch nicht ganz so schön sind wie etwa die geflochtenen Behälter der Porno. Eines ihrer interessantesten geflochtenen Geräte ist der aus Weidenruten geflochtene Samenschlegel, der bei diesen Erntevölkern zur Verarbeitung der von ihnen wild geernteten Naturprodukte eine wichtige Rolle spielt. Geflochtene Binsenmatten gehören zu den beliebtesten Gebrauchsgegenständen der kalifornischen Indianer. Sie dienen als Sitzunterlagen, Betten, Hausbedachungen und Türersatz. Um nur eine ungefähre Vorstellung von der Vielfalt der von den kalifornischen Stämmen hergestellten Flechtprodukte zu geben, sei die folgende von Kroeber zusammengestellte Liste ihrer Hauptprodukte hier erwähnt: Kochkörbe für Eichelmus, hohe runde Behälter zur Aufbewahrung von Haushaltungsgegenständen, gewaltige Körbe zur Aufspeicherung der Erntefrüchte, spitze Körbe zum Tragen von Lasten, kleine buntgemusterte Körbe zum Einsammeln wilder Samen, Samenschlegel, Schüsseln und Teller der verschiedensten Größen, ornamentierte kleine Schüsseln, Tabakkörbe (oft mit Rehlederdeckeln), trichterförmige Körbe zur Verwahrung der Steinmörser zum Ausschlagen von Eichelmehl, Tanzkörbe, Frauenhüte und Traggestelle für kleine Kinder. Diese Liste ist jedoch keineswegs vollständig und könnte durch die Aufzählung der etwa von den Porno, Yuki und Lassik angefertigten Handwerksprodukte noch weitgehend verlängert werden.

Andere amerikanische Indianerstämme, wie zum Beispiel die Apachen, flechten ganz besonders feste und ferne Körbe, die bereits ohne weitere Behandlung fast vollkommen wasserdicht sind. Zu ihrer Herstellung sammeln die Apachenfrauen Weidenruten, die in Wasser eingeweicht und dadurch schmiegsam gemacht werden. Sie werden dann der Länge nach aufgespalten, saubergekratzt und kreisförmig um harte Haltestäbe herum zum Korbe geflochten. Die wenigen noch verbliebenen Öffnungen werden meist mit dünnen Rehlederstreifen durch woben. Das Endprodukt ist ein großer Vorratsbehälter mit weiter Öffnung. Der geflochtene Wasserkrug oder tus, der etwa zehn Liter Flüssigkeit aufnehmen kann, wird vor Gebrauch innen und außen noch mit warmem piñon - Harz bestrichen.

Zu den wichtigsten Erfindungen der südamerikanischen Indianer gehört die sogenannte tipiti - Schlauchpresse, mit deren Hilf e der ungenießbare Saft aus den zur Mehlbereitung zerquetschten Mandiokaknollen ausgepreßt wird. Dieser Schlauch besteht aus diagonal gewobenen Pflanzenfasern, die sich zusammenziehen, wenn an beiden Enden gezogen wird, wodurch der Mehlbrei von allem Saft befreit wird. Außer dem tipiti werden am Xingu noch eine Menge anderer Flechtprodukte, wie große Palmblattkörbe, winzige Köcher, Feuerfächer, Deckelschachteln und umfangreiche Tragkörbe, hergestellt.

Andere Hauptgebiete der Korbmacherkunst finden sich in. Indonesien und auf den Südseeinseln, wo eine Vielfalt von verschiedenen Techniken bekannt ist, von der Spiralwulstflechterei bis zu den außerordentlich fein gearbeiteten geflochtenen Sandalen und Tragkörben. Auf den Santa-Cruz-Inseln werden diese Körbe besonders reich' ornamentiert, mit Quasten und Fransen geschmückt und erreichen eine Feinheit, die an gewebten Stoff erinnert, obwohl sie nur einfach mit der Hand gearbeitet werden.

Die sogenannte knotenlose Flechtmethode erzeugt diese ebenso haltbaren wie geschmeidigen Produkte. Die Köche der Südsee flechten zeltartige große Tüten, die sie bei plötzlichen Regenfällen schützend über das Feuer stülpen. Von gleicher Feinheit sind die berühmten Sitz- und Schlafmatten dieser Völker.

Die Qualität der afrikanischen Körbe ist weltberühmt. Ganze Bände sind mit Beschreibungen ihrer Formen und Ornamentierung gefüllt worden. Eine hochentwickelte Handwerkskunst und eine unerschöpfliche Phantasie haben hier Spielarten erzielt, deren Vielfalt am besten durch einen Museunrsbesuch vor Augen geführt werden kann. Zu den interessantesten Stücken gehören die gewaltigen aus Gras geflochtenen Zäune und Wälle, die Tragkörbe aus weichem Lianengeflecht, die Tausende von Haushaltungsgegenständen, wie Schüsseln, Siebe und Bastteller, und die quadratischen Sonnendächer, die den schlafenden Säugling überschatten. In Kamerun und anderswo werden Hausdächer aus feingeflochtenen Matten hergestellt, und ganze Dorfstraßen werden mit festgewobenen Mauern eingezäunt.

Eine andere wichtige Nutzbarmachung von Pflanzenfasern ist die Herstellung von Schnüren oder Stricken, die als Bindematerialien eine wichtige Rolle in den Kulturen der Naturvölker spielen. Netze und Schlingen werden aus Schnüren hergestellt, und Stützpfosten werden beim Hausbau mit gedrehten Pflanzenfasern zusammengebunden. Die Fasern werden entweder im Originalzustand zu Schnüren verarbeitet oder in komplizierten Fäulungsprozessen gewonnen und zu Bindematerialien von außerordentlicher Haltbarkeit verarbeitet. So sind etwa die Haifischschlingen der Santa-Cruz-Insulaner durchaus geeignet, die gewaltige Beute zu fangen und zu halten.

Eine hübsche von Tessmann überlieferte Geschichte der Pangwe erklärt die Tatsache, daß so viele Tiere und Fische in Schlingen und Netzen gefangen werden, mit der Nachlässigkeit der Tiere selber, die es versäumt haben, die Pflanzungen des Menschen zu zerstören, auf denen die Fasern wachsen, die zur Herstellung von Angelschnuren, Schlingen und Netzen benutzt werden. Die Tikar von Kamerun bauen eine bestimmte Hanfart zur Herstellung der für ihre Seile und Netze benötigten Schnüre an und pflanzen auch die Baumwolle als Rohstoff für ihre feingewobenen Schürzenbänder und Traggurte.

Selbst das menschliche Haar wird zu Schnüren und Geflechten verarbeitet. Die Australier flechten Gürtel, Halsbänder und Haarbänder aus menschlichem und Opossunihaar, und wenn ein Schwiegersohn die Mutter seiner Frau um ihr Haar bittet, um Schnüre daraus herzustellen, so darf sie ihm diese Bitte nicht verweigern. Die Neukaledonier verzieren die Hüte ihrer Häuptlinge niit langen Schnüren aus Menschenhaar, während die Eingeborenen von Assam das gleiche Material zur Verzierung ihrer Speere benutzen. Auf den Melville-Inseln werden mit Federn und Pflanzenfasern durchwobene Geflechte aus Menschenhaar zu Gürteln, Armbändern und anderem Schmuck verarbeitet, auch hängen sich' die Krieger gelbe Federbälle an Menschenhaarschnuren um den Hals, um während der Schlacht hineinzubeißen, genau wie moderne Boxer während des Kampfes ihre Mundstücke zwischen die Zähne nehmen.

Alle diese gewobenen und geflochtenen Gegenstände werden ohne weitere Hilfsmittel nur mit der menschlichen Hand hergestellt, wobei gelegentlich höchstens eine Ahle oder Nadel Verwendung findet. Andere Flechtprodukte jedoch bedürfen gewisser besonderer Arbeitshilfen, wie zum Beispiel eines kleinen Brettes, über dem die zum Netzflechten notwendigen Schlingen geformt werden, oder eines besonderen Holzrahmens, der den Flechtarbeiten Halt verleiht. Ein solcher Rahmen wird zum Beispiel von den Naskapi Labradors zur Anfertigung ihrer hervorragenden Schlafdecken aus Schneehasenfell benutzt, die aus in schräge Streifen geschnittenen, angefeuchteten Pelzrollen gewissermaßen gehäkelt werden. Das Endprodukt ist eine dicke, leichte und warme Decke, die wie aus einem Stück wirkt, obwohl sie aus einem gewaltigen Netzwerk ineinander verflochtener Streifen besteht.

Die entsprechenden Pelzdecken etwa der kalifornischen Maidu können sich an Schönheit nicht mit den von mir in Labrador beobachteten Schneehasenfelldecken messen. Die dort lebenden Indianer knoten ihre Pelzstreifen zu einem einzigen langen Stück zusammen, das mit einer Art Stopfstich zwischen die in einen Rahmen gespannten vertikalen Pelzschnurreihen eingewoben wird. Die Technik der Labradorindianer hingegen ist bedeutend feiner, da sie ihre Pelzrollen mit Hilfe einer Holznadel regelrecht zu winzigen Quadraten zusammenhäkeln, die eng nebeneinanderliegend eine große, vollkommen regelmäßige Decke ergeben, die durch ihre unsichtbaren Luftlöcher außerordentlich warm ist. Andere Indianer-Stämme Kaliforniens flechten Schlaf decken aus Pflanzenfasern, die mit eingeknoteten Federn verziert werden.

Alle diese Flechtprodukte zeichnen sich durch Symmetrie, Schmiegsamkeit und Sauberkeit der Ausführung aus und stellen in der Tat kunstgewerbliche Produkte dar. Dennoch kann ein wirklicher Webprozeß nur dann erfolgen, wenn ein feinerer und längerer Faden zur Verfügung steht als die kurzen, verflochtenen Fasern oder Schnüre der ältesten Kulturen.

Das Bedürfnis nach einem langen feinen Faden von gleichmäßiger Stärke führte zur Erfindung eines neuen Geräts: der Spindel. Wohl sind die Techniken der Freilegung, Säuberung und des „Schwingens" von Pflanzenfasern vielen Völkern bekannt, der echte Spinnprozeß jedoch erfordert nach den Worten Hoopers „das gleichmäßige Ausziehen der gekrempelten Fasern und ihre Verflechtung zu einem fortlaufenden feinen oder derben Faden". Die folgende Definition der Spindel stammt von demselben Autor: „Wenn ein oben mit einem Haken versehenes und unten beschwertes Holzgerät an den zu spinnenden Faden gehängt wird, ist es möglich, eine gleichmäßige Verflechtung der Fasern zu erzielen, und zwar durch die unaufhörliche Drehung des beschwerten Stabes oder der Spindel, wie eine derartige Vorrichtung genannt wird."

Mit der zunehmenden Seßhaftigkeit der Stämme begann die Spindel als eines der wichtigsten Handwerksgeräte aufzutreten, und die Feststellung, daß die Erfindung des Ackerbaues und das Auftauchen der Spindel als Kulturelement eng verbunden sind, ist durchaus berechtigt. Bereits die ältesten Funde zeigen, daß die Künste des Spinnens und Webens schon in allen Haushaltungen der prähistorischen Bodenbauer geübt wurden, und die in den untersten Schichten der transkaspischen Anaukultur von Merw gefundenen tönernen Spinnwirtel sind mindestens auf das Jahr 3500 v. d. Zr. zurückzuführen. Ähnliche Stücke wurden in den Ruinen von Eridu, in der sogenannten Sesklokultur des vorgeschichtlichen Griechenlands und den Ausgrabungsstätten des kretischen Neolithikums gefunden. Besonders zahlreiche Funde von Spinnwirteln und Webgewichten wurden in den ehemaligen Wohnstätten der europäischen Pfahlbauer gemacht, wo sich sogar Teile von Webstühlen, Webrahmen, Maschinen zur Fadenherstellung und von gewebten Matten und Leinenstoffen durch die Jahrtausende hindurch erhalten haben. Die heute noch verwandten primitiven Spindeln gleichen genau denen der ältesten Zeiten, die auch in den Hochkulturen Ägyptens, Indiens und Perus Anwendung fanden. Wenn eine adlige Peruanerin ihr Haus verließ, um ihrer Nachbarin einen Besuch abzustatten, so trug stets eine hinter ihr schreitende Sklavin ihr in einem Körbchen die Spindel und andere Handarbeitsgeräte nach.

Die Tatsachen zeigen, daß auch der aus den Flechttechniken hervorgegangene Webstuhl eine Erfindung der Frau gewesen ist. Erst in jüngeren Kulturepochen mit ihrer Spezialisierung des Handwerks haben Männer die Kunst des Webens übernommen. Die Form des Webstuhls ist von der des Flechtrahmens mit seinen parallel angeordneten Kettenfäden übernommen worden, durch die der Arbeitsfaden oder der „Einschlag" eingewoben wird. Noch heute weben die Eingeborenen Melanesiens und des tropischen Südamerika sowie viele nordamerikanische Indianer ihre Kopfbänder, Gürtel und Traggurte auf solchen einfachen Rahmen, und zwar mit Hilfe einer knöchernen oder hölzernen Filetnadel, die der Vorläufer des Weberschiffchens ist.

Die einzelnen Abarten des primitiven Webstuhls sind von solcher Vielfalt, daß ihre Untersuchung an sich eine Sonderstudie darstellen würde. Die Ethnologen Chapple und Coon haben sie nach ihren mechanischen Kraftprinzipien in drei Hauptgruppen eingeteilt, nämlich: den sogenannten einpfähligen Webstuhl, bei dem ein hölzerner Querstab zwischen zwei Pfählen aufgehängt wird, — den zweipfähligen Webstuhl (meist in horizontaler Lage benutzt), bei dem die Kettenfäden zwischen zwei feststehenden Pfählen ausgespannt sind und der mit einem Tretschemel ausgestattet ist, — und den zweipfähligen Webstuhl der Hochkulturen, bei dem die Einführung von sich drehenden Walzen die Herstellung von unbegrenzt langen Stoff stücken gestattet. Dieser dritte Typ ist bereits mit so vielen Verbesserungen ausgestattet, daß er als Vorbild des modernen industriellen Webstuhls angesehen werden kann.

Aus den alten Handwebstühlen jedoch sind so ausgezeichnet gewobene Textilien hervorgegangen, daß sie oft die Produkte unserer modernen Industrie bei weitem übertreffen. Die außerordentliche Haltbarkeit und Schönheit dieser Stoffe ist auf ihre hastlose Herstellung zurückzuführen. Sie zeichnen sich besonders durch ihre uralten eingewebten Ornamente und ihre wundervollen zarten Naturfarben aus.

Das Vorkommen des Webstuhls ist auf verhältnismäßig enge Gebiete der Erde beschränkt, da er erst spät in der Kulturentwicklung der Menschheit auftaucht. Der sonst so hochentwickelte polynesische Kulturkreis kennt ihn nicht. Mit der Ausnahme der Pueblo und Navaho, deren bunte gewebte Decken und Kleidungsstücke weltberühmt sind, ist die Kenntnis des Webstuhls nicht bis zu den amerikanischen Indianern vorgedrungen. Auch in Südafrika, bei den asiatischen Steppenvölkern und bei den arktischen Stämmen, wo Tierfelle und Filzprodukte die gewebten Stoffe ersetzen, ist der Webstuhl unbekannt geblieben.

Die Entwicklung der Weberei aus der Flechtkunst geht bereits aus den ältesten zum Weben verwendeten Materialien hervor, die hauptsächlich aus Pflanzenfasern, wie Bananenbast, Nesselfasern, Hanf und Baumwolle, bestanden, während das Weben von Wollstoffen bedeutend jüngeren Datums ist.

Zu den besten afrikanischen Webern gehören die Tikar von Kamerun, deren mit Rotholz gefärbten baumwollnen Hüfttücher außerordentlich schon sind. Die langen Häuptlingsgewänder der Haussa und ihrer Nachbarn sind prächtig buntgestreift, und die baumwollnen „phrygischen" Mützen der Westafrikaner zeichnen sich durch' besonders feine Arbeit aus.

Von den Webereien der Melanesier (deren geflochtene Schlaf- und „Geld"matten ja schon ganz besonders gut gearbeitet sind) mögen hier vor allem ihre aus Bananenfasern gewebten fransenverzierten und mit Hohlsaumkanten versehenen Hüfttücher erwähnt werden.

Die auf den Webstühlen der alten Hochkulturen erzeugten Stoffe sind Meisterwerke der Kunst und der Präzisionsarbeit. So webten die präkolumbianischen Peruaner als Opfergeschenke für die Götter ihre von den Sonnenjungfrauen hergestellten Tuniken und Schulterüberwürfe, deren Muster ganze Legenden, wie die des Jaguardämons und der Zickzackschlange, wiedergeben. Auf ihren alten Gewändern sind Speerwerfer und fliegende Vogelschwärme dargestellt, und ihre Hemden, Gürtel und fransenbesetzten Tücher, deren Überbleibsel in prähistorischen Gräbern gefunden worden sind, zeigen eine Feinheit der Ausführung, die nach Wegner die um so viele Jahrhunderte jüngeren Produkte des Franzosen Gobelin in jeder Weise übertreffen. Die Pracht der in Ägypten gewebten Stoffe ist von den Funden im Tal der Könige her wohlbekannt, und die chinesischen Golddamaste, die persischen Samte und die koptischen Frottestoffe, die alle auf Handwebstühlen hergestellt wurden, können von keiner modernen Nachahmung erreicht oder übertroffen werden.

Ein Gewebe jedoch ist trotz der in den modernen Laboratorien erzielten neuesten Entdeckungen auf dem Gebiete der Textilherstellung seit Jahrhunderten stets als das köstlichste betrachtet worden: die Seide, um deretwillen Leben gewagt und geopfert worden sind, um das von den Chinesen jahrtausendelang gehütete Geheimnis zu gewinnen. Die Könige und Kirchenfürsten der alten Zeiten umhüllten ihre Würde mit dem Glanz der Seide, und noch heute bedeutet die Bezeichnung „reine Seide" einen Begriff von Schönheit und Qualität, der selbst von dem modernen Nylon und den ihm verwandten Geweben nicht erreicht werden kann. Um 200 v. d. Zr. entdeckten die Koreaner die Möglichkeiten der Seidenwurmzucht, und langsam verbreitete sich die Kunde des „göttlichen Gewebes" und die Kenntnis der Technik seiner Herstellung über Japan und Innerasien bis nach Persien und Tibet. Erst im sechsten Jahrhundert u. Zr. führte Justinian die Kunst der Seidenproduktion in Byzanz ein, und erst danach übernahmen die Griechen diese Kunst. Die Erfindung der Seide und ihre Herstellung ist keinem Naturvolk bekannt. Die Geschichte der Seide ist eine Geschichte der Hochkultur.

Wir sahen, daß die Erfindung der Webkunst auf die alten Handwerke des Flechtens und der Korbmacherei zurückgeht. Aus diesen uralten Techniken jedoch ist auch ein anderes wichtiges Gewerbe hervorgegangen, das als jüngerer Zweig der Flechtkunst von den Frauen erfunden worden ist: die Kunst der Keramik, die Herstellung von Töpfen und Gefäßen aus Lehm und Ton. Obwohl die beim Flechten und bei der Töpferei verwandten Materialien grundverschieden sind, so sind doch die Methoden der Herstellung beider Produkte einander nahe verwandt.

So geht besonders eine der ältesten keramischen Herstellungstechniken, die Herstellung von Gefäßen aus Tonwülsten, direkt auf die Spiralwulstfleehterei zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, daß etwa die mit den ältesten Flechttechniken vertrauten Völker bereits diese Art der Keramik gekannt haben müßten. Wie der Webstuhl, so taucht auch die Töpferei erst bei Stämmen auf, die die Wirtschaftsstufe des Bodenbaues erreicht haben. Die schweifenden Stämme früherer Wirtschaftsformen hatten weder die Zeit noch die Möglichkeit, bei ihrer unsteten Lebensweise die Kenntnis der Keramik zu entwickeln, und bei ihren ewig wechselnden Aufenthaltsorten wäre ihnen die Mitführung zerbrechlicher Gefäße ja auch gar nicht möglich gewesen.

Eine Anzahl von Theorien hat versucht, die Erfindung der Töpferei zu erklären. So wird zum Beispiel angenommen, daß sie aus der Gewohnheit hervorgegangen sei, geflochtene Behälter mit Lehm wasserdicht zu machen und daß der Gebrauch derartiger Behälter in der Nähe des Feuers zu der Idee geführt habe, nun nur aus Lehm bestehende Gefäße unter Weglassung der geflochtenen Grundform herzustellen. Diese Annahme könnte den Tatsachen entsprechen. Wir haben jedenfalls heute keine Möglichkeit mehr, die Uranfänge der Töpferei zu ergründen. Während jedoch diese Erklärung auf die aus getrocknetem Lehm hergestellten Behälter zutreffen mag, ist es mehr als zweifelhaft, ob die Entstehung gebrannter Tongefäße auf diese Weise erklärt werden kann. Ein Gelehrter von dem Bange Nordenskiölds nennt diese Theorie geradezu „unsinnig". Er legt dar, daß derartige „zufällig" gebrannte Stücke lehmbestrichener Korb waren sich durchaus nicht inhaltbare Tongefäße verwandelt hätten, sondern einfach zu einem „Scherbenhaufen aus gebranntem Ton" geworden wären und nimmt an, daß die Kenntnis des Waschens und der Formung des Töpfertons zu kleinen rohgeformten Gefäßen den bei der Herstellung größerer Behälter angewandten „aufbauenden Methoden" vorangegangen sein müsse.

Je nach der Beschaffenheit des ihnen zur Verfügung stehenden Bohmaterials haben die die Töpferei betreibenden Stämme die verschiedensten Methoden zur Bearbeitung des von ihnen verwandten Tones oder Lehms erfunden. Die Erdmasse wird gereinigt und getrocknet, und Fremdkörper werden durch Durchsieben entfernt. Wenn der Lehm zu fett ist, wird er mit Bindematerialien, wie Sand, Kleie, Asche oder kleinen Holz- oder Grasstücken, gemischt. Das Zusetzen von Schwammstücken zur Töpfermasse ist eine besondere Erfindung der südamerikanischen Indianer. Sobald der „Teig" weich und formbar genug geworden ist, kann die Töpferarbeit selbst beginnen.

In den verschiedenen Erdgegenden lassen sich nach Plischke fünf Hauptmethoden der Keramikherstellung unterscheiden, von denen vier als primitiv anzusprechen sind, während die fünfte ausschließlich den Hochkulturen zuzurechnen ist.

Die einfachste Methode ist die des Hersteilens eines rohen Behälters aus einem Tonklumpen, dessen Mitte eingedrückt wird, während die Außenwände mit der Hand geformt werden, wobei oft ein Stein ins Innere gelegt wird, um die Arbeit zu erleichtern. Die Papua von Neuguinea, die aber auch andere keramische Techniken kennen, stellen noch heute viele ihrer Gefäße auf diese Weise her.

Bei der Spiralwulsttechnik wird eine lange Tonwurst geformt, die erst spiralförmig zum Gefäßboden gewunden und dann vertikal nach oben weiter fortgeführt wird, bis die gewünschte Höhe erreicht ist. Die Innen- und Außenseiten des Gefäßes werden dann mit einem Stein oder Holzstück ausgeglättet. Ähnlich istdieHerstellungsmethode von Gefäßen aus einer Anzahl von Lehmringen, von denen jeder folgende weiter ist als der vorhergehende, wobei also der engste Ring den Boden und der weiteste den oberen Gefäßrand bildet. Auch hierbei werden am Schlüsse die Innen- und Außenseiten des Behälters durch Verstreichen geglättet.

Bei der vierten Töpfereimethode wird ein runder Boden tnit herabhängenden Seitenklappen geformt, die durch langsames Drehen des Gefäßes hochgebogen und miteinander verbunden werden.

Die fünfte keramische Methode, die ausschließlich ein Charakteristikum der Hochkulturen darstellt, benutzt ein neuerfundenes Gerät, die Töpferscheibe, die wie alle Räder insofern eine revolutionäre Neuerung ist,
als sie ein Prinzip verwendet, das kein Vorbild in der Natur aufweist. Ihre Erfindung stellt einen Triumph der menschlichen Intelligenz dar, da das Rad und die sich drehende Scheibe kein zu beobachtendes Naturphänomen nachahmen. In Ägypten war die Töpferscheibe bereits zu Anfang des dritten Jahrtausends v. d. Zr. bekannt; die kretischen Handwerker bedienten sich ihrer schon während der ältesten Perioden der Bronzezeit, und sie war in vielen Gegenden Indiens ebenfalls bekannt. In Europa tauchte sie erst um 500 v. d. Zr. in Frankreich und Deutschland auf. Sie blieb den Eingeborenen des gesamten amerikanischen Kontinents bis zur Ankunft der Entdecker unbekannt.

Die Produkte der primitiven Töpferei werden in offenem Feuer gebrannt und oft mit Ritzornamenten oder gemalten Darstellungen verziert. Die Kenntnis der Glasur ist eine ebenfalls erst in den Hochkulturen gemachte Erfindung.

Bei manchen westafrikanischen Stämmen ist eine interessante Ornamentierungsmethode von Tongefäßen bekannt. Scharfkantige geometrische Ornamente werden in einen Holzstab eingeschnitzt, der dann um den noch weichen Tontopf herumgerollt wird, so daß die Muster sich gleichmäßig in die Oberfläche einprägen. Zur Erzielung komplizierterer Muster wird dieser Holzstab kreuzweise in das Gefäß eingedrückt. In Kamerun werden die so ornamentierten Töpfe und Schüsseln erst ein paar Stunden an der Luft getrocknet und dann während der Nacht im Feuer gebrannt. Derartige keramische Produkte sind außerordentlich schön und dauerhaft. Die westafrikanischen Tongefäße werden in den verschiedensten Größen hergestellt, von der kleinen Schüssel bis zum gewaltig großen runden Kochtopf.

Gute Töpferwaren werden in Nordamerika nur von den Pueblo hergestellt. Ihre Kunstfertigkeit ist jedoch während der letzten Jahrhunderte stark zurückgegangen.

Die alten bunten Keramikprodukte, die in den verlassenen Hopistädten gefunden wurden, waren Kunstwerke, oft mit hervorragend wirkungsvollen schwarzen Ornamenten verziert. Bei den kalifornischen Indianern gehört die Kunst der Töpferei zu den vergessenen Gewerben, und die moderne Indianergeneration muß sich bei den noch lebenden Großeltern Rat holen, um zu erfahren, wie die noch immer in Gebrauch befindlichen Tontöpfe eigentlich hergestellt wurden.

Die südamerikanischen Indianer sind die Erfinder von Töpfen mit Hohlrand gewesen. In steinarmen Gebieten stellen sie Lehmkugeln her, die sie an Stelle der ursprünglich zum Kochen verwendeten heißen Steine benutzen. Diese Indianer verfertigen auch Tonpfeifen von origineller Form, wie denn überhaupt ein Studium der von den verschiedenen Völkern hergestellten tönernen Tabakspfeifen uns über die ganze Welt führen würde, vom Dschungel bis zu den Rauchzimmern Althollands.

Die vollkommensten Exemplare der Topf erkunst sind aus den alten Hochkulturen, besonders aus Persien, Indien, Ägypten, Mexiko und Peru hervorgegangen. Hervorragend gearbeitete Wasserkrüge, oft in Menschengestalt, die den modernen englischen „Toby jugs" gleichen, sind besonders in den Gräbern von Peru gefunden worden.

In der Vorgeschichtswissenschaft haben die verschiedenen Formen der Töpferei verschiedenen Kulturzonen ihre Namen gegeben. Während die zu den Sammlern und Jägern gehörenden Handwerker des Paläolithikums die Kunst der Töpferei noch nicht entwickeln konnten, ist das Neolithikum, das Zeitalter der ältesten. Bodenbauer, überreich an keramischen Produkten gewesen, und drei seiner Hauptabschnitte sind terminologisch nach den vorwiegenden Töpfereiformen benannt worden. So sprechen wir von den neolithischen Kulturen der „Schnurkeramik", der „Glocken- oder Zonenbecher", auch vase a campana genannt, und der „Bandkeramik". Die entsprechenden Funde sind vor allem in Mitteleuropa, auf der iberischen Halbinsel, in Italien, Frankreich, Großbritannien und in den alten Zentren der Donaukultur gemacht worden.

Aber schon in den ältesten Zeiten wurden nicht nur Behälter und Gefäße aus Ton hergestellt, sondern auch menschliche Figuren, die sich in Mitteleuropa schon während des sogenannten Aurignacien fanden. Das Neolithikum war bereits reich an Tier- und Menschenstatuetten (besonders Frauenfiguren), und die prächtig ornamentierten Töpfe und Vasen hatten in verzierten Spinnwirteln, Tonstempeln und ähnlichen Gebrauchsgegenständen ihre praktischen Gegenstücke.

In den altägyptischen Gräbern sind keramische Kunstwerke aller Art gefunden worden, die den Zweck hatten, den Toten im Jenseits zum Gebrauch zu dienen. Besonders im Britischen Museum kann man Hunderte dieser Stücke bewundern, vor allem die symbolischen Figuren und Amulette und die winzigen, mit Früchten und Gemüsen gefüllten Eßteller.

Der Höhepunkt der Töpfereikunst wurde mit der Erfindung des Porzellans erreicht, die einen anderen Beitrag der chinesischen Hochkultur zum materiellen Besitz der Menschheit darstellt. Es kann bis ins siebente Jahrhundert n. d. Zr. zurückverfolgt werden. Die Erfindung des Porzellans geht auf den Wunsch zurück, einen Ersatz für die kostbaren Nephritteller und -schüsseln der ältesten Zeiten zu finden, die in den frühesten Stücken des chinesischen Porzellans in Form und Farbe so genau wie möglich nachgeahmt wurden. Deshalb ist das älteste Porzellan nicht weiß, sondern weist die grünen, grauen oder bläulichen Farbtöne des begehrten Halbedelsteins auf. Die Wertschätzung dünner und fragiler Porzellangefäße ist weit jüngeren Datums und rührt aus der Zeit her, als man das neue Material nicht mehr als eine Imitation des Nephrits betrachtete, sondern es um seiner selbst willen zur Erzeugung feinster Kunstformen herzustellen begann.

Noch heute sind die besonders in den Ateliers von Chingtehchen (Kiangsiprovinz) hergestellten Porzellane die kostbarsten der Welt. Zu allen Zeiten ist das Porzellan als der edelste Tafelschmuck angesehen worden. Kaum waren während des zweiten Weltkrieges die Japaner in die Kiangsiprovinz eingedrungen, so versuchten sie so viele Kunstwerke wie nur möglich als Trophäen aus Chingtehchen fortzuschleppen, und nachdem das chinesische Volk seine Freiheit wiedergewonnen hatte, wurden als symbolische Betonung der Wiederauferstehung des Ruhmes von China die Künstler von Chingtehchen von der Regierung damit beauftragt, eine Anzahl besonders prächtiger Porzellanservice zur Feier des Sieges über die geschlagenen Eindringlinge herzustellen.

Aber nicht nur Mineralien und Pflanzen sind von der Menschheit zur Herstellung von Kunst- und Gebrauchsgegenständen verwendet worden. Auch das Tierreich hat in stärkstem Maße zur Bereicherung des menschlichen Kulturbesitzes beigetragen. Wir sahen bereits, daß Fellkratzer, Häutungsmesser und ähnliche Werkzeuge zu den ältesten prähistorischen Gegenständen gehörten, und es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Fähigkeit, Tierfelle abzuziehen und zu bearbeiten, zu den ältesten Fertigkeiten des Menschen zu zählen ist.

Während die primitivsten Stämme jedoch noch keine Kenntnis der Gerb-, Walk- und Beizprozesse besaßen, stellen doch schon selbst die Australier in kalten Gebieten Pelzmäntel her, indem sie Tierfelle mit Känguruhsehnen zusammennähen. Auch die südafrikanischen Eingeborenen tragen bereits rohgeformte Pelzmäntel, und im Feuerland werden Mäntel und Schlafdecken aus Guanakofeilen als unerläßlich betrachtet. Tierhäute aller Art werden an der gesamten ostafrikanischen Küste von der Südspitze des Kontinents bis zu den Wäldern des Äquatorgebiets zu einer Fülle von Gegenständen und Kleidungsstücken verarbeitet, und ganze Sudangegenden können geradezu als „Lederprovinzen" angesprochen werden.

Während jedoch die Verwertung von Tierfellen in allen Kontinenten üblich ist, bestehen große Unterschiede in der jeweiligen Geschicklichkeit der einzelnen Völker, die Pelze oder das Leder entsprechend zu bearbeiten. Die Kenntnisse der Hirtenvölker sind auf diesem Gebiet besonders entwickelt, aber auch die arktischen und subarktischen Jäger besonders Innerasiens verstehen sich ausgezeichnet auf die Behandlung von Tierhäuten. Zur Herstellung gröberer Gegenstände, wie Wasserbehälter, Zeltdächer, Tragsäcke usw., werden einfach Haut und Sehnen von der Innenseite des Felles abgekratzt. Wenn aber weiches Leder etwa zur Herstellung von Kleidungsstücken, Mokassins, Mützen und ähnlichem benötigt wird, so müssen die Tierhaare von der Haut entfernt werden. Die Säuberung erfolgt mit Stein-, Knochen-, Schiefer- oder Muschelkratzern, oft über einem balkenartigen Gestell, worauf der Pelz durch Ausreißen der Haare oder durch Einweichen der Häute in bestimmten Lösungen entfernt wird.

Zu den zahlreichen Methoden der Tierhaarentfernung gehören in Afrika das Vergraben der Häute mit Asche oder Blättern, in Kalifornien das Einweichen der Felle in Yucca- oder Palmlilienlauge. Die Arktiker weichen die Felle oft in Urin — eine Methode, die auch in Griechenland und Rom. bekannt war. Nach dieser Behandlung können die gelockerten Tierhaare entweder leicht mit der Hand ausgerupft werden, oder man reibt sie wie in vielen afrikanischen Gebieten über einem straffgespannten Seil. Die Naskapiindianer Labradors spannen ihre Felle in einen vertikal aufgestellten Rahmen ein und kratzen die Haare mit dem Schenkelknochen eines Bären oder mit einem Biberzahn ab.

Obwohl die Kunst des Fellgerbens mit Salzen, Alaun und anderen Mineralien eine Hochkulturerfindung ist, kennen doch die primitiven Ledermacher eine Anzahl von Methoden zum Weich- und Schmiegsammachen der Tierhäute. Fischöl, Moose, Tierhirn oder Leber wird in das Rohleder eingerieben, das dann durch Rollen, Schlagen, Auswringen und ähnliche Manipulationen geschmeidig gemacht wird. Die Worte des alten Entdeckers Mason „Bei der Fellbearbeitung der Naturvölker ist Menschenschweiß das Hauptingredienz" sind nur allzu wahr.

Ebenso zahlreich sind die Methoden, mit denen das gebrauchsfertige Leder gefärbt wird. Die außerordentlich weichen und samtartigen Karibufelle, die zum Beispiel die Montagnais - Naskapiindianer zur Mokassinherstellung benutzen, haben nach der Reinigung und Bearbeitung eine schneeweiße Farbe. Damit sie als Fußbekleidung nicht gleich allzu schmutzig aussehen, werden diese weichen Felle sackartig zusammengenäht und über einem mit glimmenden Holzspänen gefüllten Eimer aufgehängt, worauf das Leder eine schöne hellbraune Farbe annimmt. Die Ledergamaschen und Mokassins der Schwarzfußindianer erhalten durch die Schwarzräucherung des Rohleders mit Eichenrinde ihre dunkle Farbe, nach der der ganze Stamm benannt worden ist. Die Eskimo verstehen sich auf das Rotfärben von Leder, indem sie den Saft der Purpurschnecke in die gereinigten und schmiegsam gemachten Felle hineinkauen. Die blaue Farbe der Omahaindianer wird durch eine Mischung von Weißahornrinde mit gelbem Ocker erzeugt, während die Prärieindianer oft Kaktussaft zur Herstellung von Lederfarben verwenden. Die von den afrikanischen Haussa und Mandingo erzeugte tiefrote Farbe wird aus der Rinde des Mangrovenbaumes gewonnen.

Während die Herstellung von Leder das Ziel aller dieser Bearbeitungsmethoden ist, befaßt sich ein anderes wichtiges Handwerk, die Filzbereitung, ausschließlich mit dem von den Häuten entfernten Tierhaar. Die Herstellung von Filz ist besonders bei den zentralasiatischen Völkern und den Sudanstämmen ein lebensnotwendiges Gewerbe, das seine höchste Vervollkommnung in Tibet erreicht hat. Der Jak liefert die notwendigen Tierhaare, während die stets ungegerbten Felle desselben Tieres zu Schuhen, Sätteln, Zaumzeug und anderen Gebrauchsgegenständen verarbeitet werden. Um das Rohmaterial für den Filz zu erhalten, scheren die Tibetaner die lebenden Tiere, deren Haare mit winzigen Häkchen ausgestattet sind, die sich bei entsprechender Behandlung ineinander verfilzen. Die gekrempelten Wollfasern werden ausgebreitet, angefeuchtet und so fest zusammengepreßt, daß ein stoffähnliches, festes und wasserdichtes Material daraus entsteht. Die feinsten tibetanischen Filze sind schleierdünn. Wird etwa zur Herstellung von Winterzeltbedeckungen, Sattelpolstern, Schuhfutter, Bodenbelag und anderen Gebrauchsgegenständen dickerer Filz benötigt, so werden mehrere Filzschichten ineinandergepreßt.

Es ist eine interessante Tatsache, daß die meisten wolleerzeugenden Stämme diese tierische Faser nicht zu Garn und Stoffen verarbeiten und daß die Filzherstellung bedeutend älter ist als die Kenntnis gewebter Wollstoffe. So haben Pflanzen, Tiere und Mineralien das Rohmaterial für die ältesten Industrien geliefert. Aber die Intelligenz des Menschen hat sich nicht mit diesen Stoffen begnügt, sondern hat auch die Schätze der Erde zu finden gewußt. Kupfer und Eisen wurden entdeckt und die Geheimnisse des goldhaltigen Flußsandes durchdrungen; Legierungen wurden durch das Zusammenschmelzen verschiedener Metalle gewonnen und Hochöfen in der Wildnis errichtet. Die aus diesem neuen Wissen entwickelte Möglichkeit, Metallwerkzeuge herzustellen, gab den aus älteren Kulturstufen ererbten Kunstfertigkeiten neuen Antrieb und schuf neue Konstruktions- und Eroberungsmethoden. Neue Erfindungen, neue Industrien und eine größere Unabhängigkeit von den Unbilden der Natur gewährten dem Menschen neue Kräfte und neue Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Anfänge der Eisenzeit, von der unser Zeitalter des Stahls nur eine späte Entwicklungsperiode darstellt, machten sich in Europa schon vor etwa dreitausend Jahren bemerkbar, als die Kenntnis der Eisengewinnung in die Mittelmeergebiete einzudringen begann. In China ist jedoch dieses Metall, wie die Regierungsurkunden des Kaisers Yao zeigen, bereits im Jahre 2357 v. d. Zr. bekannt gewesen und in Ägypten schon um 2800 v. d. Zr., obwohl es dort noch bis etwa 1600 v. d. Zr. als eine Art von Kuriosität betrachtet wurde.

Trotz seines ehrwürdigen Alters stellt das Eisen den jüngsten Zweig der Metallurgie dar. Die aus der Kenntnis des Kupfers hervorgegangene Bronzezeit ist sein Vorläufer gewesen.

Wenn wir an die Metallprodukte der ältesten Völker denken, so ersteht vor unserer Phantasie das Bild der Silber- und Goldschätze, die in Ägypten, Ur, Bolivien und Kolumbien gefunden wurden, und unsere Gedanken verweilen bei den sagenhaften Reichtümern verschollener Reiche und Könige, deren prachtvolle Geräte im Tal der Könige, in Persien, Griechenland und Mexiko ausgegraben worden sind. Obwohl diese alten Hochkulturen Reichtümer besaßen, wie unsere Zeit sie nicht mehr kennt, so sind doch ihre goldenen Kannen und Tafelgeräte, ihre Halsketten, Nasen- und Ohrringe, ihre Götterbilder und anderen Luxusgegenstände durchaus nicht der typische Ausdruck eines hohen Lebensniveaus aller Bürger der jeweiligen Völker gewesen, sondern ^ stellten ein Vorrecht weniger Erlesener dar, deren Schätze auf Kosten der Arbeit der Armen hergestellt wurden. Die Juweliere der Tschibtscha, aus deren Werkstätten die silbernen und goldenen Haushaltungsgeräte für die Paläste der Reichen hervorgingen und die die goldenen Masken und Schmuckstücke ihrer Auftraggeber mit angelötetem Golddraht zu verzieren Q wußten, sind genau so arm gewesen wie die Sklaven, die die Edelmetalle der Ägypter aus den Goldminen G, zutage brachten.

Alle diese Meisterwerke der Kunst hätten jedoch ohne die entsprechenden zu ihrer Herstellung notwendigen Werkzeuge nicht erschaffen werden können. Die ältesten zu Handwerkszeugen verarbeiteten Metalle sind das Kupfer und die Bronze gewesen. Mit dem ausgehenden Neolithikum entwickelte sich die Bronzezeit, als der Mensch es lernte, Kupfer und Zinn zu einer neuen Legierung, der Bronze, zu verschmelzen, eine Technik die in Kreta bereits gegen Ende des vierten Jahrtausends v. d. Zr. bekannt war, die aber schon damals in so vielen Erdgegenden auftrat, daß ihr Ursprungsgebiet heute nicht mehr ermittelt werden kann.

Auf den Hochplateaus von Potosi im bronzeerzeugenden Gebiet Altboliviens standen fünftausend Hochöfen. In China wurden bereits die Bronzen der Schang-Dynastie (1766—1122 v. d. Zr.) genau nach den Regeln der alten Kunsttradition hergestellt. Nachdem sie aus ihren jahrtausendealten chinesischen Gräbern zur Erdoberfläche gebracht wurden, weisen diese Bronzen noch heute die klassische Patina auf, die nur sehr reine Bronzegeräte annehmen, wenn sie dem Wasser oder der Luft ausgesetzt werden, und zwar sind sie entweder „rein blau wie das Gefieder des Eisvogels" oder „von reinem Grün wie die Rinde einer Melone".

Eine Betrachtung der Metallherstellung der Naturvölker jedoch lenkt unsere Blicke in die Richtung von Afrika, denn seit der Entdeckung des Schwarzen Erdteils sind von dorther die besten Stücke primitiver Metallarbeit gekommen. Wenn wir heute die von den Eingeborenen Adamauas, Nigeriens und Togos hergestellten Bronzearmbänder, Werkzeuge und Schmuckstücke betrachten, so sind diese Kunstprodukte nur noch ein schwacher Abglanz der einst so vollkommenen afrikanischen Epoche der cire perdue oder der Metallgießerei mit Hilfe der „verlorenen Form", deren meisterhafteste Produkte die in dem Palast von Benin gefundenen Bronzereliefs und Menschen- und Tierfiguren gewesen sind. Wie die Kostüme der auf diesen Kunstwerken oft dargestellten Europäerfiguren zeigen, muß diese westafrikanische Industrie während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts ihre höchste Stufe erreicht haben.

Bei der cire perdue-Technik wird die zu gießende Figur zuerst aus Wachs geformt (in das bei größeren Gegenständen ein Lehmkern eingefügt wird) und dann mit einer aus Ziegelsteinpulver oder Kalksulfat bestehenden Schicht bedeckt, in die nach dem Trocknen Luft- und Gießlöcher gebohrt werden. Diese Grundform wird dann zum Schmelzen des Wachses im Feuer erhitzt und mit dem flüssigen Metall gefüllt. Die fertige Statue oder Zierplatte ist völlig frei von Gußnähten und wird dann mit Hilfe von Feilen, Hämmern und Punzen noch weiter geglättet. Alle in Benin gefundenen Stücke weisen außerdem noch außerordentlich fein gravierte Hintergründe auf, die meist Blumen und geometrische Formen darstellen und, wie Luschan bemerkt, selbst den Neid des größten Meisters der cera perduta- Kunst der Renaissance, Benvenuto Cellini, erregt hätten.

Der interessanteste Zweig der afrikanischen Metallurgie ist jedoch die Eisengewinnung. Obwohl nicht alle afrikanischen Stämme, wie etwa die Buschmänner und Pygmäen, die Kunst des Eisenschmelzens kennen, so ist diese doch höchstwahrscheinlich in Afrika eher bekannt gewesen als in Europa. Sie kann mit Recht als eine afrikanische Errungenschaft bezeichnet werden. Obwohl verschiedene Gelehrte noch immer der Ansichtsind, daß die Kenntnis der Eisengewinnung von Süd- oder Kleinasien her nach Afrika gekommen sei, haben doch hervorragende Forscher wie vor allem Luschan ihren afrikanischen Ursprung betont. Wie dies nun auch sein mag, so können wir auf jeden Fall Afrika als das klassische Land der primitiven Eisengewinnung ansprechen. Längst vor Beginn der geschriebenen Geschichte wurden von den afrikanischen Stämmen Hochöfen errichtet. Jedoch ist der Bau eines Hochofens keine unerläßliche Voraussetzung bei der Eisengewinnung der Naturvölker. Noch immer schmelzen verschiedene Stämme ihr Eisenerz in der Herdgrube, die dem uralten Erdofen mit seinen zum Kochen erhitzten Steinen gleicht.

Diese Technik bedarf jedoch einiger unerläßlicher Hilfsmittel, vor allem des Blasebalgs, dessen älteste Vorläufer der Fächer und das Blasrohr sind. Aus dem letzteren haben sich die zwei Hauptformen des Blasebalgs entwickelt, die Foy als Schlauch- und Stempelblasebälge bezeichnet. Der Schlauchblasebalg wird von dem erwähnten Forscher in folgender Weise beschrieben: er „wird aus einem meist aus einem Fell hergestellten dreieckigen Sack gebildet, der am spitzen (vorderen) Ende eine Röhre, am breiten und offenen (hinteren) Ende zwei Holzleisten aufweist. Mit ihnen regiert der Schmelzer und Schmied den Blasebalg, indem er beim Emporheben des Sackes zugleich Luft einströmen läßt, beim Niederdrücken aber ihn schließt und die Luft durch die Röhre ins Feuer preßt". Der Stempel- oder Pumpenblasebalg besteht aus einem Gefäß oder Behälter, durch die mit Hilfe eines Stempels Luft in die Herdgrube oder den Schmelzofen geblasen wird. Der europäische Handblasebalg ist eine Kombination beider Systeme.

Die handwerkliche Ausrüstung des primitiven Schmiedes ist die denkbar einfachste. Steine oder Metallklumpen dienen ihm als Hammer und Amboß, und seine Zange sind zwei Holzstäbe oder eine rohgeformte Eisenpinzette. Mit diesen anspruchslosen Hilf smitteln wird eine Vielfalt von Gegenständen hergestellt,von den zuAckerbau,Handwerk und Krieg benötigten Geräten und den Schmuckstücken aller Art, wie eisernen Arm- und Beinschienen, Eisenkragen, Eisenperlen und ähnlichem,bis zu den vielgestaltigen Haumessern zum Roden und Ernten, den speerförmigen Geldsorten und den zahlreichen anderen Hausgeräten und Werkzeugen. In Ostafrika werden besonders gute Eisenketten verfertigt, und selbst die Methoden des zwanzigsten Jahrhunderts folgen im wesentlichen noch immer genau denen der afrikanischen Drahtzieher. Die Hochöfen von Gurma, Togo und Joruba erreichen oft eine Höhe bis zu fünf Metern. Die Schmiede der Fulbe und Mandingo gehören zu den besten Handwerkern der Naturvölker. Die Eisenstollen der westlichen Bantu sind bis zu zwei Kilometer lang. So ist Afrika tatsächlich der Erdteil des Eisens.

Eines der interessantesten mit der Eisenherstellung verbundenen Probleme ist die gesellschaftliche Stellung des Schmiedes. Während er besonders im Westsudan, wo er als priesterähnlicher Günstling der Könige und Häuptlinge angesehen wird, eine bevorzugte Stellung einnimmt, gilt er in ganz Nordafrika als ein gefürchteter und verabscheuter Paria. Stuhlmann erklärt diese Einstellung aus der Tatsache, daß die später zuwandernden hellhäutigen Stämme, wie die Hamiten und andere, die die Neger im Besitz eines Geheimnisses vorfanden, das sie bisher nicht gekannt hatten, sie in ihrem Neid als verdächtige Geschöpfe hinzustellen suchten.

In anderen Erdgegenden, wie etwa in Tibet, werden die Schmiede ebenfalls der niedrigsten Kaste zugerechnet. Die Gründe hierfür sind religiöser Art, denn die Schlächter der „heiligen" Rinder der Buddhisten und die Handwerker, die die dabei benötigten Messer herstellen, sind niedere Wesen, die niemals bis zur Lama würde emporsteigen können. Dies bedeutet aber nicht, daß etwa selbst gläubige Buddhisten sich stets der „sündigen" Fleischnahrung enthalten. So ist in Lhasa ein kluger Ausweg aus Gewissensnöten gefunden worden, indem ein Lama eine religiöse Messe über den zu schlachtenden Ochsen liest, wodurch die Wiedergeburt des Tieres gesichert und der das Messer liefernde Schmied vor unangenehmen Folgen im Jenseits bewahrt wird.

Bei anderen asiatischen Völkern wie etwa den Burjaten gehören die Schmiede der höchsten Gesellschaftsklasse an; sie sind von Steuerzahlung befreit und werden als den Göttern verwandt betrachtet. Die mongolischen d a r x a t sind Schmiede mit dem Rang von Rittern.

Die Wichtigkeit des Eisens hat auch in der Bibel ihren Niederschlag gefunden. So lesen wir etwa im Ersten Buch Samuelis, Kapitel XIII:

Es ward aber kein Schmied im ganzen Lande Israel gefunden; denn die Philister gedachten, die Hebräer möchten Schwert und Spieß machen. Und ganz Israel mußte hinabziehen zu den Philistern, wenn jemand hatte eine Pflugschar, Haue, Beil oder Sense zu schärfen..."

Bereits zu jener Zeit entschied der Besitz des Eisena die Schlachten und machte Weltgeschichte, wie im Buch der Richter 1,19 und IV, 3 zu lesen ist:

Und der Herr war mit Juda, daß er das Gebirge einnahm; denn er konnte die Einwohner im Grunde nicht vertreiben, darum daß sie eiserne Wagen hatten... Und die Kinder Israel schrieen zum Herrn; denn er hatte neunhundert eiserne Wagen und zwang die Kinder Israel mit Gewalt zwanzig Jahre."

Die Wichtigkeit der Metallwerkzeuge für die alten Hochkulturen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sehr richtig sagt Flinders Petrie: „Tausende von Schriftstellern haben die Skulpturen des Parthenon beschrieben, aber nicht einer hat sich mit den Mitteln befaßt, die zu ihrer Herstellung dienten." In seiner interessanten Studie über die Metallwerkzeuge der Alten Welt stellt derselbe Forscher fest, daß die Form des Meißels bereits vor 2500 Jahren vervollkommnet wurde und daß Sägen und Bohrer mit Zähnen aus Korundium und Edelsteinen zum Brechen von Quarzfelsen von den Ägyptern bereits vor 6000 Jahren benutzt wurden. Tatsächlich sind viele uralte Werkzeuge nicht nur niemals übertroffen, sondern sogar im Laufe der Zeiten verschlechtert oder vergessen worden. Dies trifft besonders bei den ägyptischen zweiteiligen Pinzetten und der ägyptischen Sichel zu, die außerordentlich gut und praktisch waren.

Den Eingeborenen Asiens und Europas war das Eisen ursprünglich unbekannt. Die Campas von Peru, der einzige Indianerstamm, der eich auf das Schmelzen von Eisen verstand, hat diese Kenntnis von den Europäern übernommen. Die nordamerikanischen Indianer präkolumbianischer Zeit haben zuweilen genau wie ihre Nachbarn, die sogenannten „Gelbmesser"-Eskimo, Werkzeuge aus dem in ihren Gebieten gefundenen Kupfer hergestellt, jedoch wurden diese Geräte durch Hämmern des kalten Metalls gearbeitet, da die Eingeborenen die Kenntnis des Schmelzprozesses nicht besaßen. Nordenskiöld ist der Meinung, daß die südamerikanischen Indianer das Geheimnis der Bronzeherstellung unabhängig erfunden haben.

In Afrika steht der Prozeß des Eisenschmelzens oft im Mittelpunkt wichtiger religiöser Zeremonien. So müssen die Ganguella, die das Schmelzloch graben, eich für lange Zeit der Nahrung und des Geschlechtsverkehrs enthalten. Heilige Wurzeln werden in die Grube geworfen und dann mit dem Blute eines geopferten Huhne befeuchtet, wozu die Worte gesprochen werden: „Wir toten dich nicht, um dich zu essen, sondern um das Eisen werden zu lassen."

Auch die Pangwe beginnen die wichtige Arbeit nicht, ehe nicht die Medizinmänner die dazu benötigten kostspieligen Medizinen hergestellt haben. Während des Schmelzens ist die Anwesenheit des Medizinmannes unerläßlich, der die Autorisation zum Eisenschmelzen nur gegen einen teuren Preis verkauft, der fünf Schafe, fünf Hühner und fünf Stück Messingdraht beträgt. Die magischen Ingredienzien — ein Blätterbündel, „heilige" Rinde, Gift und ein Stück Gehirnsubstanz eines Vorfahren, der den Schmelzprozeß „überwachen" muß — werden in einen kleinen Topf getan, der in die Schmelzgrube gelegt und dann mit Holzkohle, dem Eisenerz und einer weiteren Kohlenschicht bedeckt wird. Ein Stück glühende Kohle wird dann auf die Grube gelegt, und die die Blasebälge bedienenden Arbeiter beginnen ihr Werk zum Klang der Eisenglocke des Medizinmannes, der unter Gesang und Geschrei seine Tänze vollführt, wobei er seinem Antilopenhorn schrille Töne entlockt.

Bei den asiatischen Burjaten kann ein Mann nur dann Schmied werden, wenn unter seinen Vorfahren bereits Schmiede gewesen sind, und kein gewöhnliches Stammesmitglied kann ohne weiteres den geheiligten Beruf ausüben. Ein Mann jedoch, der die Vorbedingungen erfüllt und die ihm angebotene hohe Ehre des Schmiedehandwerks ausschlägt, muß sterben. Eine alte Mythe der Burjaten berichtet von den unseligen Zeiten, in denen die Menschheit einst ohne die Kenntnis des Eisens ihr Leben fristen mußte. Eines Tages jedoch beschlossen die t en g r i oder guten Geister, den Gott Boshintoj und seine neun Söhne zur Erde hinabzusenden, um die Menschen das heilige Handwerk zu lehren. Der Gott selbst kehrte bald darauf in den Himmel zurück, seine Söhne aber heirateten Menschentöchter, und ihre ersten Schüler wurden die Vorfahren aller künftigen Schmiede.

Die neun Göttersöhne werden alle mit individuellen Namen benannt und sind die Schutzheiligen der Schmiedewerkzeuge. Zu ihrer Ehrung finden regelmäßig religiöse Weihefeste statt, bei denen, wie Sandschejew berichtet, eine heilige Litanei vom Schamanen gesungen wird, in der die Verse vorkommen:

Ihr neun weißen Schmiede Boshintoja!
Die ihr wehende Funken besitzt,
Lärmend klingende Geräte,
Einen feststählernen Amboß,
Eine knirschend-quiekende Feile ...
Als ihr auf die Erde herabstieget,
Stieget ihr wie auf einen Hügel herab,
Obgleich dies das Sajan-Gebirge war ...
In eurer Schmiede
Befinden sich eure kräftigen Zauber,
In euren Blasebälgen
Eure wunderbaren Zauber ...
Das schwarze Eisen habt ihr geschmolzen,
Das blaue Eisen habt ihr schäumend gemacht,
Den schwarzen Kessel habt ihr gelötet,
Den blauen Kessel habt ihr gewälzt,
Den Stahlkessel habt ihr verfertigt,
Das seid ihr!

Groß ist die Macht des Eisens, aber größer noch ist die Erfindungskraft des Menschen.

Wenn wir die Gesamtgeschichte des primitiven Handwerks betrachten, so finden wir, daß bereits in seinen frühesten Anfängen eine logische und klug durchdachte Arbeitsteilung der Geschlechter bestand. Schon bei den Pygmäen und den afrikanischen Buschmännern, den Australiern und Feuerländern wird die Frau als Herrin des Haushaltes betrachtet, während der Mann für die Jagdgeräte und alle mit der Jagd zusammenhängenden Arbeiten (bei den Pygmäen auch für die Zubereitung des Pfeilgiftes) verantwortlich ist. Auf Ceylon gräbt die Weddaf rau die Yamswurzeln aus und kocht die Familiennahrung, während der Mann die erlegten Jagdtiere heimbringt.

Der Forscher Man hat die Arbeitsteilung der Andamanen in interessanter Weise untersucht und gefunden, daß die folgenden Betätigungen zu den Pflichten des Mannes gehören: Jagd, Fischfang, Schildkrötenfang, das Sammeln des wilden Honigs, der Kanubau und die Konstruktion der festen Hütten, außerdem die Herstellung von Bogen, Pfeilen und der meisten Haushaltungsgegenstände, während die Frauen für die Haushaltführung, die Kindererziehung, das Einsammeln der Pflanzennahrung, das Kochen, die Wasserbeschaffung, die Unterhaltung des Feuers, den Bau der leichten Hütten und die Anfertigung von Behältern und Schmuck verantwortlich sind. Das Rasieren der Familienmitglieder und die Verzierung ihrer Haut mit Narben und Tatauierungen gehören ebenfalls zu den Pflichten der Hausfrau.

In den ältesten Kulturen stellt jedes Stammesmitglied selber die von ihm und seiner Familie benötigten Geräte und Werkzeuge her, während die Ausbildung des Fachhandwerks erst in den Bodenbaukulturen erfolgt, wo der Mann oft gewisse Gewerbe übernimmt, die bisher ausschließlich von den Frauen ausgeübt wurden. So wird das Töpferhandwerk im Ostmbamland von Kamerun von den Frauen ausgeübt, und die Männer verfertigen die Flechtarbeiten. Im Gegensatz hierzu stellen in Togo die Männer die keramischen Produkte her. Auf Santa Cruz übernehmen die Frauen fast ausschließlich die Pflichten der Fischerei, des Bodenbaues und des Kochens, und die Männer stellen fast alle materiellen Kulturgüter mit der Ausnahme des Rindenstoffes her, der von den Frauen erzeugt wird. Das Flechten der so hochgeschätzten Matten und das Verfertigen von Werkzeugen und Waffen sind Männerarbeit, die oft in Gruppen im Gemeinschaftshaus ausgeführt wird. Die Töpfereiwaren Melanesiens werden ausschließlich von den Frauen hergestellt.

Wie außerordentlich vielseitig die technischen Kenntnisse zum Beispiel eines Maorijünglings sind, ist von Best untersucht worden. Der junge Mann begann seine Ausbildung mit der Verfertigung der Grünstein- und Knochenwerkzeuge, der Speere und Spaten und lernte dann das Herrichten von Zierhacken und kleineren für die Taroernte benötigten Bodenbaugeräten. Als Fortgeschrittener drang er in die Geheimnisse der Konstruktion von Häusern, Hütten, Kochverschlägen, Vorratshäusern und erhöhten Plattformen zur Nahrungsaufbewahrung ein, worauf er den Bau von Windschirmen, Freiluftquartieren und Weilern erlernte, außerdem die Kunst, Holz mit zwei verschiedenen Breitbeilen zurechtzuschlagen und den Gebrauch von Klopfhölzern und Keilen zum Zersplittern des Holzes für Baumaterial, den Gebrauch der Steinmeißel und -bohrer, die Kunst der Holzschnitzerei und das Malen von Ornamenten. „Ein weiterer Lehrkursus", berichtet Best, „befaßte sich mit dem Kanubau und allem, was dazu gehört, besonders der Herstellung von Angelhaken."

Zuweilen führt die Beschränkung der Herstellung gewisser Geräte auf einige Fachleute zu so starker Spezialisierung, daß das Resultat eine unpraktische Einseitigkeit ist. Dies ist vor allem in Afrika der Fall, wo oft ein bestimmtes Gerät nur von einem Handwerker hergestellt wird, von dem alle, die es benötigen, es kaufen müssen. Tessmann berichtet von den Pangwe, daß ein Mann dort zum Beispiel Eßlöffel schnitzt, sich aber weigert, Schöpflöffel zu liefern, daß ein Schemelmacher nichts als Schemel produziert und ein Armbrustmacher nur Armbrüste. Eine Männertasche kann nur vom Spezialisten für Männertaschen bezogen werden und so weiter. Diese Zustände zwingen oft die Stammesmitglieder, weite Reisen zur Erlangung eines Gegenstandes, wie zum Beispiel einer einfachen, nur aus zwei Lederstreifen bestehenden Kindertrage, zu machen, die jeder selbst herstellen könnte, die aber nur von dem autorisierten Spezialisten erworben werden darf.

In den Hochkulturen hat dann der immer stärker werdende Zug zur Spezialisierung zur Ausbildung regelrechter Handwerkergruppen und -kästen geführt, die in den Gilden des europäischen Mittelalters ihren Höhepunkt erreichten.

Genau wie in unserer Zivilisation kann auch bei den Naturvölkern übertriebene Spezialisierung zu einer Verkümmerung des individuellen Könnens führen. Manche Kunstgewerbler des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch versuchen, die Wertschätzung handgemachter Dinge neu zu beleben und wieder Qualitätsware herzustellen, die sich mit der der Naturvölker vergleichen kann, bei denen die Erzeugung „des Besten für alle" kein Problem ist.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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