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Die Freuden der Geselligkeit

Wenn wir uns vornehmen, einen festlichen Abend zu begehen, so sind erst eine Reihe Vorbereitungen dazu nötig. Außer dem Anziehen und dem Zwang, rechtzeitig zur Stelle sein zu müssen, ist das Beschaffen von Eintrittskarten oder die Vorbereitung unseres Heims für den Empfang von Gästen unerläßlich, und ohne daß es uns recht zum Bewußtsein kommt, verliert unsere Vorfreude schon oft durch die vielen notwendigen Präparationen einen Teil ihres spontanen Schwungs.

Die Naturvölker sind in dieser Hinsicht weit glücklicher. Mit wenigen Ausnahmen ist ihnen die sorgfältige Vorbereitung geselliger Freuden so gut wie unbekannt. Die natürliche Fröhlichkeit der Primitiven verleiht ihnen ein inneres Gleichgewicht, das einem Zustand dauernden Glücklichseins gleichkommt, obwohl sie durchaus nicht in einem Paradiese leben und Sorgen genug haben. Sie sind so vollkommen an ihre enge und gefährliche Welt angepaßt, daß sie sich daran gewöhnt haben, selbst Not, Krankheit oder Enttäuschung mit philosophischer Ruhe hinzunehmen. Wenn die Zeiten schwer sind, hofft der Naturmensch optimistisch auf eine baldige Besserung der Zustände, und wenn das Glück ihm lacht, so lacht er mit ihm und erfreut sich ohne Hast der guten Stunden. Die Zeit ist kein Begriff für ihn, und im Urwald kommt man niemals „zu spät".

Wie nun verschönt man sich die Stunden der Geselligkeit? In den ältesten Kulturen sind Tabak sowohl wie Alkohol noch unbekannt. Sie werden auch gar nicht benötigt, um eine versammelte Gesellschaft in fröhliche Stimmung zu versetzen. Man kommt völlig zwanglos zusammen, denn vorher festgelegte Feste an bestimmten Tagen sind eine Einrichtung späterer Kulturen. Wenn Nahrung da ist und die Wetter- und Verkehrsverhältnisse günstig sind, so trifft man einander frei von jedem Kliquenwesen, sei es, daß man in der Hütte oder in den Gemeinschaftshäusern mit den Nachbarn plaudert, sei es, daß, wie bei den Erntevölkern, ganze Stämme sich gegenseitig besuchen, die gastlich eingeladen werden, an dem Überfluß der von der Natur gespendeten Nahrung teilzuhaben.

Alle geselligen Veranstaltungen hängen hauptsächlich von dem Vorhandensein der benötigten Nahrungsmittel ab, denn nirgendwo in der Welt ist der Hunger ein Anreiz zur Gastlichkeit. Wenn aber genug Wild erlegt worden ist, wenn wilde Früchte — besonders verderbliche — in großen Mengen zur Verfügung stehen, wenn ein Wal harpuniert wurde, so werden Gäste stets gern willkommen geheißen.

Die Speisekarte der Wildnis ist durchaus nicht eintönig, obwohl natürlich das Klima die Möglichkeiten der Speisezubereitung weitgehend beeinflußt. Im Feuerland zum Beispiel, wo nach Gusinde die kalten, nassen Wälder so gut wie „tot" sind und während der Hauptzeit des Jahres unter einem „Leichentuch von Schnee" liegen, liefern Strand, Meer und Steppe die Hauptnahrungs-mittel. In der Nähe der Riffe werden Wasservögel wie Wildgänse, Pinguine, Kormorane und Möven erlegt, während aus dem Meere Seehunde, Seelöwen, Wale, Muscheln, Schnecken, Krabben und Seeigel verspeist werden. Das Guanako der Steppe liefert den beliebtesten Braten. Das zum Essen verwendete Fleisch wird stets in der heißen Asche oder im offenen Feuer gekocht oder gebraten. Das naßkalte Klima ist arm an Pflanzennahrung bis auf einige Berberitzen, aber dennoch leben die Feuerländer trotz ihrer salzlosen Nahrung gesund und ausreichend. Im Gegensatz zu unserer modernen Vitaminsucht kommen diese Völker sehr gut ohne Gemüse aus, und ein alter Naskapiindianer Labradors antwortete mir auf eine hierauf bezügliche Frage: „Der Bär ißt die Blaubeeren, und wir essen den Bären — warum sollen wir uns deshalb mit Früchten und Gemüsen abgeben?", und Vimjalmur Stefansson hat wiederholt betont, daß die fast nur aus Fleisch und Fischen bestehende Nahrung der Eskimo wahrscheinlich die gesündeste der Erde ist.

Die nomadischen Jäger Ostboliviens, wie zum Beispiel die Sirione, haben schon eine weit reichhaltigere Küche. Die Früchte zahlreicher Palmenarten, oft im Feuer gebraten, stellen eine gute Nahrung dar, wobei die Mahlzeiten durch erlegte Tapire, Alligatoren, Wildschweine, Schildkröten, Eichhörnchen, Gürteltiere, Schlangen, Insekten und selbst Würmer vielseitig gestaltet werden, die man meist in der heißen Asche gar kocht.

Aber selbst in unwirtlichen Gebieten gibt es bereits Liebhaber besonderer Leckerbissen. So stellen die Eingeborenen Südostalaskas zur Bewirtung ihrer Gäste eine Art Speiseeis aus den zerstampften Früchten des Seifenbeerenbaumes (Sapindus saponaria) her und verstehen sich auch auf die Zubereitung einer pikanten Speise aus gefrorenem Fischrogen. Auch die Alaskaindianer kannten vor der Ankunft der Entdecker kein Salz, haben aber vielerlei würzige Früchte und Gemüse zu ihrer Verfügung, vor allem Johannisbeeren, Kronbeeren, sogenannte „Lachsbeeren" (salmonberries), Erdbeeren, Heidelbeeren und wilden Sellerie, Sauerampfer und die sehr wohlschmeckende weiße Innenrinde junger Tannen. Ihre Fleischnahrung ist ebenfalls mannigfaltig, und ihre Hauptbeutetiere sind Seehund, Reh und Bär. Die fünf in ihrem Gebiet vorkommenden Lachsarten sind ein besonders wichtiger Ernährungsfaktor. Sie werden entweder frisch gegessen oder an der Luft oder über dem Feuer für späteren Gebrauch getrocknet. Eine eigenartige Delikatesse, die dem geehrten Gast vorgesetzt wird, sind die vorher tagelang in die Erde vergrabenen Lachs- und Heilbuttköpfe, die man in stark riechendem Zustand verspeist. Das Trocknen von Fleisch und Fisch an der Luft ist eine von den Eskimo übernommene Konservierungsmethode. Bedeutend schmackhafter sind die geräucherten Eßwaren, die besonders auch bei den Labradorindianern eine wichtige Rolle spielen. Die Angewohnheit der Eskimo, Fische in Mieten einfrieren zu lassen und sie dann später in leicht verdorbenem Zustande roh zu essen, hat ihnen den von ihren indianischen Nachbarn erfundenen Spottnamen „Rohesser" zugezogen.

Den Erntevölkern garantiert die einmal im Jahr in großen Mengen eingesammelte Erntefrucht nicht nur ihre eigene ökonomische Sicherheit, sondern sie ermöglicht es ihnen auch vor allem, eine weitgehende Gastfreundschaft auszuüben. Während der Reifezeit der wilden Lilienwurzel, der Bunya-bunya und des Nardusamens laden die Australier ganze Nachbarstämme ein, Tänze werden abgehalten und Theaterstücke aufgeführt, und da die Ernährung aller Anwesenden gesichert ist, kann man sich ganz der bei diesen Festen herrschenden Fröhlichkeit hingeben.

In Nordamerika tauschen etwa die Kamia einen Teil ihrer Eichelernte gegen die von ihren Nachbarn, den Diegueno-Stämmen, angepflanzten Wassermelonen ein. Bei den Apachen gehören die von den zur Pinonnußernte ausziehenden Stammesmitgliedern abgehaltenen Feste zu den freudigsten Ereignissen des Jahres. Sie wiederholen sich nochmals, wenn die Zeit gekommen ist, die Meskalknollen einzusammeln. Im hügeligen Gelände schlägt man Lager auf, ißt reichlich und ergötzt sich mit Geschichtenerzählen, Gesängen, Tänzen und nachbarlichem Klatsch. Obwohl die Flüsse und Bäche des Apachenlandes reich an ausgezeichneten Forellen sind, werden diese Fische doch niemals gegessen, da eine alte Legende sie als gesundheitsschädlich schildert. Wie Reagen berichtet, erzählen sich die Apachen, daß ihre Vorfahren einst nach einem Forellenmahl von Krankheit befallen wurden. Ihre Haut „bedeckte sich mit Flecken, die denen der Fische genau glichen", und bald danach verstarben alle, die Forellen gegessen hatten. Seitdem ißt kein Apache eine Forelle, und die Medizinmänner warnen jeden, der diesen Fisch kosten möchte, vor der damit verbundenen „Lebensgefahr".

Bei den Pomo sind Fische sowohl wie Eicheln übernatürlicher Herkunft. Nach ihren Mythen wurde die Erde fünfmal neu erschaffen und viermal durch Naturkatastrophen zerstört. Während der dritten Schöpfungsperiode begab sich der Gott Marumda unter die Menschen und lehrte sie das Pflücken und Zubereiten der Eicheln. „Pflückt diese und macht Mus daraus!' sagte er zu den Frauen und zeigte ihnen, wie die Früchte getrocknet, zerrieben, ihres bitteren Geschmacks beraubt und zu Mehl verarbeitet werden müßten. Als das erste Mahl gekocht war, wollten die gastlichen Pomofrauen ihren Wohltäter zu Tische laden, aber als sie ihn herbeiriefen, war er bereits verschwunden. So trösteten sie sich mit dem Gedanken, daß er nun wohl bei anderen Stämmen weile, um auch diese mit der Nahrhaftigkeit der Eicheln bekanntzumachen. Das Eichelmehl wird meist zu Mus gekocht, aber auch zum Brotbacken verwendet oder als kaffeeartiges Getränk zubereitet.

Die größte Reichhaltigkeit an Kochrezepten findet sich natürlich bei den Bodenbauern, die die von ihnen kultivierten Pflanzen auf die verschiedenste Art zuzubereiten wissen. Auch bei ihnen haben sich ganz besondere Delikatessen entwickelt, die von den eingeborenen Feinschmeckern hochgeschätzt werden. So stellen die Guarani von Paraguay eine Art Käse her, indem sie Mandiokawurzeln im Sumpf vergraben, wo sie einen Gärungsprozeß durchmachen. Meist aber wird der Mandiokabrei in der Sonne getrocknet und zu Mehl zerstampft, um zum Backen der sehr wohlschmeckenden mandiombedju-Fladen zu dienen. Die frische geschälte Knolle wird oft in Wasser gekocht oder zerstampft, getrocknet pulverisiert und als popis in Fett gebacken, während die ungeschälte Mandiokaknolle oft in der heißen Herdasche geröstet wird.

Die vor allem in der Südsee, in Afrika und in Indonesien als Hauptnahrungsmittel dienende Taro- oder Wasserbrotwurzel (Colocasia) muß erst sorgfältig zu Speisezwecken vorbereitet werden, während die jungen, spinatähnlichen Blätter als grünes Gemüse gegessen werden. Die Art, wie zum Beispiel die melanesische Hausfrau die Tarowurzel für die Küche vorbereitet, ist von Krämer-Bannow anschaulich geschildert worden. Die Wurzeln werden in einem Rückentragkorb vom Felde heimgebracht, und die Frau schürt ein tüchtiges Feuer an, worauf sie die Wurzeln mit ihrem Muschelmesser schält. Das gesäuberte Gemüse wird in Bananenblätter eingewickelt, mit einer dicken Außenschicht großer Taroblätter umgeben und mit Lianen zu einem Bündel zusammengebunden. Je nach der Größe ihrer Familie und der Zahl der etwa anwesenden Gäste wird eine entsprechende Anzahl derartiger Bündel hergestellt, außerdem werden für die Schweine aus Schalen, Überbleibseln und Blättern ähnliche Bündel vorbereitet. Sobald das Feuer niedergebrannt ist, nimmt die Frau die erhitzten Steine vom Herd und legt die Tarobündel in die heiße Asche, worauf sie mit den heißen Steinen und einer Sandschicht zugedeckt werden. Nach etwa zwei Stunden sind die Wurzeln gar, die verbrannten Blätterschichten werden abgenommen, und das Gemüse ist für die Mahlzeit fertig. Die Schweine erwarten bereits ungeduldig ihren Anteil. Sie sind so gut gefüttert, daß ein melanesischer Schweinebraten nach dem gleichen Forscher „so zart wie Kalbfleisch" schmeckt.

Eine weitere wichtige Nahrungspflanze der Südsee ist der Sago, der aus dem Mark der Sagopalme gewonnen wird, die man fällt und aufspaltet, wobei die offenen Stammhälften gleich als Tröge zum Zerkleinern des Marks dienen. Der Sago wird durchgesiebt, gewaschen und im Fluß geknetet, dessen Wasser die unerwünschte mehlige Restsubstanz hinwegspült und die zur Speise dienenden Sagobrocken zurückläßt. Diese werden getrocknet und dann entweder zu harten, flachen Broten gebacken oder zu einem gallertartigen Mus verkocht.

Die gleiche Bedeutung als Nahrungspflanze, wie sie in den verschiedensten Weltgegenden etwa der Mandioka, der Taro, der Brotfrucht und der Mangrove zukommt, hat in Afrika die Banane oder der Pisang, den man in der Tat als das Brot der Neger bezeichnen kann. Die Bananen werden oft gebraten, aber auch als Suppe oder Soße zubereitet. Die grüne Frucht wird geschält, in Stücke geschnitten, zerquetscht und zu Mehl verarbeitet, dem man Pfeffer, Salz und andere Ingredienzien zufügt, um Klöße zu formen, die man in Wasser oder öl kocht. Außerdem ist die afrikanische Küche reich an tierischen Produkten aller Art, vom Fleisch, Fisch und Geflügel bis zu Insekten, Ratten, Krokodilen. Strauße und Elefanten gehören, zu den beliebtesten Fleischlieferanten.

Die Hauptmahlzeit wird in Afrika meist abends eingenommen, wenn die Hitze des Tages sich gelegt hat. Die Schilluk essen stets nur nach Sonnenuntergang, da sie es als unanständig betrachten, ihr Mahl in der Helle des Tages einzunehmen. Oft essen befreundete Gruppen miteinander, und das einfache Mahl gestaltet sich zum Fest mit Tanz, dramatischen Darbietungen und Musik. Wenn es dunkel geworden ist, beginnen die Geschichtenerzähler ihr Garn zu spinnen, und die Gestalten ihrer Phantasie verwandeln die Nacht in eine bunte Bühne.

Zu den seltsamsten afrikanischen Delikatessen gehört die sogenannte Speiseerde aus fettem Lehm oder Ton, die besonders in den an den Sudan angrenzenden Gebieten als Leckerbissen geschätzt wird. Diese Erde wird als Gewürz den Speisen zugesetzt oder zu einer Art Mehl zerstampft oder aber zu einer Art Brötchen verbacken. Plischke berichtet, daß besonders Würdenträger oft drei solcher Brötchen täglich verspeisen.

Das Essen von Erde oder die Geophagie ist übrigens eine über die ganze Welt verbreitete Sitte und wird besonders in Südamerika, China und Indonesien geübt. Die kalifornischen Tatu mischen ihr Ahornmehl mit pulverisiertem rotem Ton. In Zeiten der Hungersnot wurden sogar in Deutschland und Rußland die sogenannte „Steinbutter" oder das „Bergmannsmehl" gegessen, und die adligen Damen Spaniens entwickelten während des siebzehnten Jahrhunderts einen solchen Appetit auf die wohlschmeckende Erde von Ertemoz, daß Staat und Kirche einschritten und dieses „Laster" mit schweren Strafen belegten.

Das bekannteste zu Speisezwecken dienende Mineral, das Kochsalz, ist jedoch durchaus nicht allen Völkern bekannt. Eine große Anzahl von Sammler- und Jägerstämmen kommen ohne Salz aus und würzen ihre Speisen mit Pflanzenzusätzen oder mit der aromatischen Asche verbrannter Würzhölzer.

In Afrika wird das Salz überall hochgeschätzt, und in Gebieten, wo es fehlt, werden weite Handelsreisen unternommen, um es zu erlangen. Als Ersatz verstehen es die Eingeborenen, mit Hilfe eines überaus komplizierten Prozesses Salz aus Sumpfpflanzen zu gewinnen.

Kein Volk jedoch kommt gänzlich ohne Wasser aus, dem man oft, besonders bei geselligen Zusammenkünften, würzende oder anregende Stoffe zusetzt, um ein wohlschmeckendes Getränk herzustellen. Das dem Trinkwasser am häufigsten zugesetzte aromatische Pflanzenprodukt ist der Tee. Man nimmt an, daß er von Assam nach China eingeführt wurde, wo seine Beliebtheit besonders seit dem vierten Jahrhundert u. Zr. immer mehr zunahm. Man hat jedoch ein uraltes Dokument aus dem Jahre 56 v. d. Zr. gefunden, in dem ein fauler Sklave in humoristischen Versen aufgefordert wird, nun endlich „den Tee zu kochen und die Trinkgeräte herbeizubringen".

Im Anfang wurde der Tee zu medizinischen Zwecken verwendet. In Krankheitsfällen verschrieb man einen Zusatz von Teeblättern zu Reis, Ingwer, Salz, Orangenschale oder Milch und kochte sogar einen Zwiebeltee.

Wegen seiner stimulierenden Eigenschaften und seines Wohlgeschmacks ist der Tee eines der beliebtesten, ein besonders bei geselligen Zusammenkünften serviertes Genußmittel. In Asien gehören die mit der Zubereitung des Tees verbundenen Zeremonien zu den am höchsten entwickelten kulturellen Traditionen. Der fälschlich unter dem Namen Mate bekannte Lieblingstee der Paraguayer ist von dem Namen der Kalebasse abgeleitet, aus der er mit der sogenannten Bombilla, einem Röhrchen, gesaugt wird. Er ist ein besonders wirksames Stimulans, das bei keiner Indianergesellschaft fehlen darf.

Wie gut der Kaffee, das andere heiße Getränk, das die Welt erobert hat, eigentlich schmecken kann, weiß nur der Reisende, der ihn in seinem Ursprungserdteil Afrika getrunken hat. Er ist nach seinem Herkunftsgebiet, der südabessinischen Provinz Kaffa, benannt und wird in über fünfzig Arten heute fast in allen tropischen Gebieten der Erde angebaut. Erst im fünfzehnten Jahrhundert gelangte die Kenntnis des Kaffees nach Arabien und Java. Zweihundert Jahre danach wurde er in Südamerika und in der übrigen Welt bekannt.

Die sorgsame Art der afrikanischen Kaffeebereitung kann dem Ritual etwa der japanischen Teezeremonie durchaus gleichgestellt werden. Wer je eine Gruppe mit dem Burnus bekleideter Araber beobachtet hat, die sich zum Genuß des „göttlichen" Trankes versammelt haben, wird die feierliche Stimmung eines solchen Zusammenseins noch lange nicht vergessen können. Die grünen Kaffeebohnen werden in einer mit glimmender Holzkohle gefüllten Schale frisch geröstet, worauf jede einzelne Bohne mit einer Holzpinzette herausgenommen und sorgfältig untersucht wird. Die gerösteten Bohnen werden dann mit einem eisernen Stößel in einem Holzmörser zu feinstem Puder zerstampft, der genau abgemessen und mit Wasser vermischt wird, worauf man das Ganze langsam zum Kochen bringt. Das Getränk wird dann in einen Tontopf gegossen und noch drei- bis viermal mit in derselben Weise hergestelltem Kaffee aufgefüllt. Nun erst werden die Tassen der Gäste gefüllt, und ein Wohlgeruch wie aus den Tausend Nächten und der einen Nacht beginnt sich zu verbreiten, zur Inspiration der versammelten fachmännischen Gäste.

Ebenfalls in der ganzen Welt beliebt ist die Schokolade, die aus der Kakaobohne gewonnen wird und deren „Erfinder" die Indianer Zentralamerikas gewesen sind. Ihre cacahuatl-Bohnen stammen von dem Kakaostrauch (Theobroma cacao L.). Als die Eroberer dann in die Reiche der Tolteken und Azteken eindrangen, fanden sie dort nicht nur das neue Getränk vor, sondern beobachteten auch den Gebrauch der Kakaobohnen als Münzen. Noch heute werden besonders in Guatemala Kakaobohnen von den Indianern als Geld benutzt.

Zur Herstellung der Trinkschokolade der alten Mexikaner wurden die Kakaobohnen geröstet, zerrieben und pulverisiert und dann mit Vanille oder Pfeffer gewürzt. Der Zusatz von Zucker war unbekannt, und nur die Reichen konnten es sich leisten, ihre Schokolade mit Honig oder Agavensaft zu süßen.

Im Jahre 1520 gelangte mit den zurückkehrenden spanischen Eroberern die Kenntnis des Kakaos nach Europa. Ungefähr hundert Jahre später kam sie über Spanien nach Italien und Frankreich, wo das neue Getränk außerordentlich beliebt wurde. Das unter dem Namen Schokolade bekannte süße Produkt eroberte den Weltmarkt jedoch erst, nachdem der Holländer van Houten einen Prozeß entdeckt hatte, mit dessen Hilfe er das Kakaopulver von seinen schwerverdaulichen ölen befreite, was zur Herstellung der nun weit wohlschmeckenderen Trinkschokolade führte.

Obwohl der Kakao das klassische Getränk seines mittelamerikanischen Ursprungslandes gewesen ist und obwohl die Kakaobohne jetzt in vielen tropischen Weltgegenden angebaut wird, ist der Kakao das Getränk nur weniger primitiver Stämme und hat die Kulturen der Naturvölker kaum beeinflußt. Erst die Initiative und der Handelsgeist der Europäer haben der Schokolade ihren heutigen Platz auf dem Weltmarkt verschafft.

Viele Völker nun betrachten das Kauen stimulierender Stoffe als ebenso anregend wie den Genuß aromatischer Getränke. Der primitive Vorläufer des modernen Kaugummis ist vor allem der aus der Arecanuß gewonnene Betel, ein bei den Eingeborenen Melanesiens, Mikronesiens, Ostindiens und der malaiischen Halbinsel außerordentlich hochgeschätztes Genußmittel. Indische Kaufleute führten dieses Stimulans in Ostafrika ein, wo es sich noch immer der größten Beliebtheit erfreut.

Bei den betelkauenden Völkern wird dem willkommenen Gast stets als Zeichen der Gastfreundschaft eines der typischen Betelpäckchen angeboten, das aus einem frischen Blatt der Betelpfefferpflanze besteht, in das eine Mischung von pulverisierter Arecanuß mit Kalk oder Korallenpulver eingewickelt ist. Das Genußmittel hat einen erfrischenden bitteren Geschmack, hat aber den Nachteil, die Zähne des Gewohnheitskauers schwärzlich zu verfärben und seinem Zahnfleisch eine unappetitlich braune Färbung zu verleihen. Die Betelpäckchen werden in schöngeschnitzten oder anderweitig hübsch verzierten Behältern der verschiedensten Formen aufbewahrt.

Ähnliche Döschen trugen die alten Tschibtscha Kolumbiens mit sich herum, um ein anderes Stimulans stets bei sich zu haben: die Koka. Längst ehe die moderne Wissenschaft die Heilkräfte des Erythroxyloncoca - Strauches und des aus seinen Blättern gewonnenen Kokains entdeckt hatte, kauten die Eingeborenen Kolumbiens, Boliviens und Perus die bitteren, mit Kalkpulver gemischten Kokablätter, deren anregende Wirkung ihnen wohlvertraut war. In der Welt hat dann später das auf kompliziertere Weise gewonnene reine Kokain verheerende Wirkungen angerichtet, die die Gesetzgebung aller zivilisierten Nationen so weit wie möglich einzuschränken sucht.

Zu den gefährlichsten Rauschmitteln, die die Gesundheit ganzer Völker untergraben haben, gehören vor allem das aus den Samen der Mohnblume gewonnene Opium und der seit Marco Polos Zeiten als ein „Schlüssel zum Paradies" bekannte Haschisch ein Hanfprodukt. Das englische und französische Wort „assassin" („Mörder") ist von dem Namen der Hanfesser oder hachichins abgeleitet, die der alte Scheich al Chebel vor Jahrhunderten während ihres Rauschzustandes dazu anstiftete, seine Feinde zu töten. Dem modernen Interessenten liefern Baudelaires Paradisartificiels wohl die beste Beschreibung der bizarren Visionen des Haschisch — das Werk eines großen Dichters, dessen eigene Gesundheit durch den Mißbrauch dieses Rauschgiftes untergraben wurde.

Das Rauchen von Haschisch und Opium war allem Anschein nach bereits den prähistorischen Pfahlbauern bekannt, wie die in ihren Wohnstätten vorgefundenen Pflanzenüberreste und Rauchgeräte gezeigt haben. Die Naturvölker besitzen eine erstaunliche Kenntnis gewisser Narkotika, die von ihnen geraucht, getrunken oder geschnupft werden. Jedoch sind die Motive, die sie zum Gebrauch derartiger Mittel veranlassen, von denen der Zivilisation grundverschieden. Meist sind ihre Beweggründe religiöser Art. Man versammelt sich aus rituellen Gründen, um gemeinsam den durch ein Narkotikum veranlaßten Zustand visionärer Trunkenheit zu genießen. Bei manchen Stämmen ist die Zusammensetzung der Rauschmittel nur dem Medizinmann bekannt, bei anderen wird der Mut der Soldaten vor einer Schlacht mit geheimnisvollen Drogen angefeuert. Von Sammlern und Jägern kennen nur einige australische Stämme die Rauschwirkung eines Narkotikums, nämlich der Duboisia Hopwoodii, eines Nachtschattengewächses, das Solanin enthält und von ihnen Bedgerie oder Pituri genannt wird.

Die Eingeborenen Neuguineas genießen in Zeiten großer Erregung" einen als n o n d a bekannten Pilz.

Besonders die Indianer verfügen über ein reiches Wissen auf dem Gebiet berauschender Genußmittel. So versetzen sich die Zuni mit Hilfe des Toloachi- oder Jamestown"-Strauches (Datura tatula L.) durch den Genuß der Samen in einen Zustand künstlicher Trance. Die Mexikaner, die Prärieindianer und andere Stämme bereiten sich Narkotika aus dem peyotl - Kaktus, und andere indianische Narkotika wie der aus der piptadenia gewonnene Schnupftabak, der „Schwarze Trank" von Florida (aus Hex cassine) und das gefährliche Marijuana (Canabis sativa L.) tragen selbst im modernen Amerika noch immer zur Kriminalität vor allem von Jugendlichen bei.

Bei dem Genuß dieser gefährlichen Anregungsmittel besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Maß und Übermaß, der sich vor allem auch in der Auswahl der betreffenden Narkotika ausdrückt. So können heute wohl nur noch engherzige Fanatiker etwa die Freuden eines der ältesten Genußmittel der Menschheit verneinen: des Tabaks, dessen bläulicher Rauch überall dort aufsteigt, wo Freunde sich gesellig versammeln, oder wo ein einsamer Denker seinen schöpferischen Inspirationen folgt.

Die Ansichten der modernen Gelehrten über den Ursprung der Sitte des Tabakrauchens gehen noch immer weit auseinander. Obwohl Lindblom im Jahre 1947 geschrieben hat, daß fast alle Meinungen sich heute darüber einig sind, daß der Tabak von der Alten Welt nach Amerika gelangt ist", teilen noch immer zahlreiche Kenner dieser Frage die Ansicht Nordenskiölds, daß nämlich Schnupftabake, Zigaretten, Zigarren, gabelförmige Zigarrenhalter und Tabakspfeifen indianische Erfindungen sind".

Die ersten die Neue Welt durchstreifenden Europäer staunten über die Sitte der Eingeborenen, „Rauch aus einem in den Mund gesteckten Blätterbündel aufsteigen zu lassen", und brachten nach ihrer Rückkehr die Kenntnis dieser Gewohnheit mit in ihre Heimatländer. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts wurde der Tabak in Europa hauptsächlich als Medizin angesehen und vor allem gegen Zahnweh, Gicht und andere Leiden als Heilmittel eingenommen. Jean Nicot, ein französischer Gesandter am portugiesischen Hof, machte vor allem die Adligen mit dem Tabak bekannt und wurde als der Erfinder des „Heilkrautes" nicotiana berühmt, dessen pulverisierte Blätter dem Sohn der Katharina von Medici als Medizin verschrieben wurden.

Das Rauchen der Tabakblätter wurde in Europa erst viel später populär. Seitdem sind die Ansichten über den Tabak als Teufelskraut" oder als Götteratem" durch die Jahrhunderte auseinandergegangen. Wie dem nun auch sein mag — die Worte Stahls, eines der besten Kenner auf dem Gebiet der Kulturgeschichte des Tabaks, sind sicherlich wahr, daß nämlich „keine andere Pflanze das Wirtschafts- und Kulturleben der Menschheit so stark beeinflußt hat wie der Tabak".

Wie wir ja schon von der indianischen Friedenspfeife her wissen, war auch das Rauchen ursprünglich ein nur bei zeremoniellen Gelegenheiten ausgeübter religiöser Ritus, und noch heute sind etwa die Steinbrüche von Pipestone (Minnesota), wo der rote Pfeifenstein gebrochen wird, ein von allen Indianerstämmen respektiertes Heiligtum, das ihrem Glauben nach einst von Manito für den roten Mann erschaffen wurde.

Die verschiedenen Arten des Tabakgenusses sind vor allem in Amerika außerordentlich vielfältig. So steckt man in Südamerika gewaltige Rauchrollen in den Mund, und die Zigarren der Tucanoindianer sind von so gewaltigem Umfang, daß besondere geschnitzte Haltegabeln bei ihrem Genuß benutzt werden müssen. Im übrigen ist das Wort Zigarre mittelamerikanischen Ursprungs und auf das Wort cifar zurückzuführen. Bei zahlreichen Stämmen, wie etwa den kalifornischen Chukchansi, den Gashowu, Tachi, Wukchami, Yaudanchi und Yauelmani, besteht die Sitte, Tabakblätter zu essen. Vor allem die nördlichsten Stämme der pazifischen Küste Nordamerikas vermischen dabei die Tabakblätter mit gebranntem und pulverisiertem Muschelkalk. Zuweilen auch weicht man den Tabak in Wasser ein und trinkt die entstandene Lauge. Die kalifornischen Chukchansi glauben, Zauberer nach dem Genuß dieses Trankes identifizieren zu können. Wenn die Labradorindianer einen Bären erlegt haben, zünden sie ihre Pfeife an und blasen zu Ehren der Seele des verschiedenen „Häuptlings" einige Rauchwolken über ihn hin. Bei den Indianern wird kein Vertragsabschluß vollzogen, keine Friedensverhandlung abgehalten, ohne daß die Gegenwart Manitos durch einige zeremonielle Züge aus der mit bitterem Kinnikinik-Tabak gefüllten Pfeife herbeigerufen worden wäre. Der Tabak der Eskimo heißt Atamaoya. Aber selbst wenn heute der Tabak aus modernen Fabriken bis zu den Indianern vorgedrungen ist, so wird doch, besonders bei „heiligen" Gelegenheiten, stets der den Göttern wohlgefällige Eingeborenentabak aus Weiden- und Fichtenrindenstreifen vorgezogen. Oft bauen die Indianer auch ihren eigenen Tabak an und rauchen ihn neben den wildgesammelten Arten. Die Yurok zum Beispiel, die sonst keinen Bodenbau betreiben, kultivieren als einzige Pflanze den Tabak.

In Gegenden, wo der Tabak ursprünglich unbekannt war, ist die Reaktion der Eingeborenen auf das von den Europäern eingeführte „Rauchkraut" durchaus verschieden gewesen. So wird der Tabak in Neuguinea von Männern, Frauen und Kindern geraucht und gekaut, man handelt das begehrte Kraut ein oder baut es auf Feldern an und rollt sich daraus mitunter auch gewaltige Zigarren. Im Gegensatz hierzu haben etwa die Eingeborenen von Ponape nach O'Connell „niemals die Freuden des Rauchens begriffen", und andere Südseeinsulaner betrachten den Tabak nur als „Würze", die dem einheimischen Betel zum Kauen zugefügt wird. Die Eingeborenen Afrikas jedoch sind geradezu zu Tabaksfanatikern geworden, und Albert Schweitzer nennt das Lambarenegebiet „dieses Land der chronischen Nikotinvergiftung", wobei er bemerkt, daß die Frauen noch mehr rauchen als selbst die Männer. Diese Unmäßigkeit ruft bei ihnen chronische Schlaflosigkeit hervor, und sie beruhigen ihre erregten Nerven selbst während der Nacht mit immer neuen Rauchexzessen. Ein Angestellter der englisch-amerikanischen Tabakkompanie schrieb seiner Firma über die ostafrikanischen Kawirondo: „Wir verpacken unsere Zigaretten zu je vier in ein Päckchen, da die Kawirondo stets vier Zigaretten zur gleichen Zeit rauchen, je eine in jedem Mundwinkel und je eine in jedem Nasenloch."

Bei den Pangwe werden vier verschiedene Tabakarten angebaut. Die Nuer „verbessern" den Wohlgeschmack ihres Tabaks noch durch Zusätze von Asche und Kuhdünger und rauchen die Mischung in gewaltigen Tonpfeifen mit Kürbisbehältern.

Die Formen der von den Naturvölkern verfertigten Pfeifen und Pfeifenköpfe sind Legion, von den aus dem „heiligen" Pfeifenstein der nordamerikanischen und kanadischen Indianer verfertigten roten und schwarzen Steinpfeifen bis zu den reichgeschnitzten Ton-, Schiefer- und Holzpfeifen der rauchenden Stämme der Erde. Auch in Afrika berichten zahlreiche Mythen von dem „göttlichen" Ursprung des Tabaks, und kein Fest der Neger wäre ohne die Freuden des Rauchens auch nur denkbar.

Zu den interessantesten Pfeifenformen der Hochkultur gehört die besonders in Indien, China, Persien und Arabien übliche Wasserpfeife. Sie besteht aus einem wassergefüllten Gefäß (gewöhnlich einer ausgehöhlten Kokosnuß, einem Straußenei, einem Ton- oder Porzellangefäß), in das ein den Pfeifenkopf tragendes Rohr mündet. Der Raucher zieht den gekühlten, wassergereinigten Rauch durch ein Mundstück ein, das ebenfalls mit dem Behälter verbunden ist. Besonders in der mohammedanischen Welt pflegen die Männer in der Kühle des Abends beieinanderzusitzen und den Rauch der Wasserpfeife bei geruhsamem Gespräch zu genießen. Zuweilen raucht eine ganze Gruppe aus einer einzigen Nargileh (vom persischen nargil = Kokosnuß), wobei jeder sein eigenes Mundstück benutzt. Die indische und arabische Wasserpfeife oder huka ist von vielen primitiven Stämmen besonders Afrikas übernommen worden.

Das Bild einer Gruppe rauchender und plaudernder Männer jedoch wäre undenkbar ohne eine weitere Zutat zur Erzeugung geselligen Frohsinns: ein alkoholisches Getränk. Der Alkohol ist keineswegs ein Produkt der Zivilisation. Der in den Cafes von Paris servierte Aperitif, der Wodka der russischen Tafel, der Whisky der englischen Klubs, die Mosel-, Rhein- und Rotweine und der Sekt sind in der Tat nur Verfeinerungen der Biere und Weine primitiver Bodenbauer und der aus gegorener Milch hergestellten alkoholischen Getränke der Hirtenvölker.

Jede Herstellung von Alkohol erfordert Kenntnis des Gärungsprozesses, eines Vorganges, den die Naturvölker ja stets vor Augen hatten. Es mag vorgekommen sein, daß ein Mann, der ein Stück Brot in einen Wasserbehälter zerkrümelte, am nächsten Morgen beobachtete, daß Bläschen aus der Flüssigkeit aufzusteigen begannen und daß sich eine kompakte Masse auf dem Boden des Gefäßes gebildet hatte. Er kostete dieses „Wasser" und fand, daß es ihn in eine ungewöhnlich fröhliche Stimmung versetzte, worauf er beschloß, der Sache weiter nachzugehen. Oder ein Mann fällte den Stamm einer Agave, trank den Saft und nahm den Rest in seiner Kalebasse mit nach Hause. Als er später davon kostete, bemerkte er, daß das Getränk einen bedeutend angenehmeren Geschmack angenommen hatte, und er versuchte nun planmäßig, mehr davon herzustellen.

Alle alkoholischen Getränke zerfallen in zwei Hauptgruppen: Weine, bei denen der Alkohol aus Zucker entsteht, und Biere, bei denen der Alkohol durch Zusatz von stärkehaltigen Stoffen ebenfalls aus Zucker erzeugt wird. Eine Nebenentwicklung stellen die von den Hirtenvölkern aus Milchzucker gewonnenen alkoholischen Getränke dar.

Zu den von den Naturvölkern am häufigsten hergestellten Weinen gehört der Palmwein. Ein Palmbaum wird gefällt und mit der Krone nach oben schräg aufgestellt. Der ganze Stamm wird in regelmäßigen Abständen eingeschnitten und der sich in den Öffnungen sammelnde Saft in Kalebassen aufgefangen, wobei oft ein kleines Feuer unter dem Stamm angezündet wird. Der gesammelte Saft wird in einen großen Behälter geschüttet, zugedeckt und zur Gärung weggestellt. Nach drei bis vier Tagen kann der Wein getrunken werden, und das Gelage kann beginnen. In tropischen Gebieten gärt der am Morgen gesammelte Saft oft schon gegen Mittag und schäumt über den Band des Behälters. Die Gärung erfolgt durch die in der Luft befindlichen Hefepilze, die den Zucker des Saftes in Alkohol und Kohlensäure verwandeln. Die sich am Gefäßboden festsetzende feste Masse ist Hefe.

Verschiedene afrikanische Stämme gewinnen ihren Palmwein, ohne den Baum selbst zu fällen. Sie erklettern den Baum am Abend und zapfen den oberen Teil der Krone an, aus dem die jungen Schößlinge hervorkommen. Schon am folgenden Morgen ist der in den Kalebassen gesammelte Saft trinkfertig, und die gefüllten Behälter locken die Durstigen herbei wie bei uns ein Gasthausschild. Tessmann, der den gelblichen, sektartigen Palmwein der Pangwe kostete, beschreibt seinen „eigenartigen Wohlgeschmack, den man niemals vergißt".

Der Pulque der Indianer, dessen Vorläufer der aztekische octli war, wird aus dem gewaltigen Stamm der Agavenblüte gewonnen, und viele nordamerikanische Indianer, wie etwa die Papago, die die Saguarofrucht dazu verwenden, stellen Weine aus Kakteen her. Meist stehen diese Gelage im Mittelpunkt üppiger Festlichkeiten, bei denen der Medizinmann den Regenzauber vollführt. Andere beliebte Rohstoffe zur Alkoholbereitung der Naturvölker sind Mais, süße Kartoffeln, Mandioka und Zuckerrohr.

Die indischen Khonds verstehen sich auf die Zubereitung eines besonders guten Weines aus der Salopogaxo - Palme, die während ihrer Blütezeit, während deren die Eingeborenen „nichts tun als trinken", täglich bis zu fünfundzwanzig Liter Wein liefert. Tänze und gesellige Veranstaltungen aller Art verschönen diese glückliche Jahreszeit. Im Mittelpunkt des Meginakan - Festes von Borneo steht das Trinken des Nassi-Reisweines, zu dem die Reichen ihre Freunde einladen, wobei Unmengen von Schweinen und Geflügel verzehrt werden.

Noch weitverzweigter fast als die Verbreitung des Weines ist die des Bieres bei den Naturvölkern, das in vielen Weltgegenden eine bedeutende Rolle spielt. Besonders in Afrika wird der Weingenuß durch den des Bieres noch übertroffen. Wer je den Schwarzen Erdteil durchreiste, wird seine eigenen fröhlichen Erinnerungen an die Bierabende der Eingeborenen noch lange nicht vergessen. Wenn frisches Bier gebraut worden ist, versammelt sich die gesamte Dorfbevölkerung zu munterem Gelage.

Das Bier ist auch das beliebteste Getränk der Apachen, die es aus Meskalknollen und aus den Herzblättern der Agave zu brauen verstehen. Wilder Honig, Mais oder Palmlilien liefern die Rohstoffe für das Bier der ostbolivianischen Neoze. Einige Stämme beschleunigen den Gärungsprozeß durch das Kneten der Ingredienzien, andere kauen die Pflanzenteile, ehe die Mischung angesetzt wird.

Das beliebte Bier der primitiven Himalayastämme wird maruwa genannt und aus Hirse und anderen Getreidearten hergestellt. Es wird mit Hilfe von dünnen Trinkrohren aus den mit Bananenblattdeckeln versehenen Bambussegmenten geschlürft, die den Eingeborenen als „Maßkrüge" dienen. Wenn das Gefäß halb leer ist, wird es wiederholt mit heißem Wasser aufgefüllt, bis das Getränk seine stimulierenden Eigenschaften verloren hat. Die Meisterbrauer dieses Bieres sind die buddhistischen Mönche, die sich, genau wie ihre Kollegen in anderen Erdteilen, ausgezeichnet auf diese Kunst verstehen.

Wann und wie die Erfindung der Destillation, die die Erzeugung weit hochprozentigeren Alkohols ermöglichte, gemacht wurde, läßt sich heute nicht mehr genau sagen. Wahrscheinlich beobachtete man, daß ein weingefülltes Gefäß, das sich unter den Strahlen der Tropensonne erhitzte, Tropfen absonderte, die ein bedeutend konzentrierteres Getränk ergaben als der übrige Inhalt des Behälters. Wie dem auch gewesen sein mag: durch eine Verlängerung des Deckels und die Hinzufügung eines Kühlungssystems für die alkoholischen Dämpfe entstand der Destillationsapparat. Sein Endprodukt ist der Kognak, den zum Beispiel die Eingeborenen der Molukken aus ihrem Palmwein herausdestillieren. Durch Hinzufügen weiterer technischer Vervollkommnungen entstanden besonders auf Java, Ceylon, in Siam und an der Malabarküste komplizierte Destillationsapparate, die die Erzeugung der verschiedensten Arten von Branntwein ermöglichten.

Schon im Jahre 1253 erwähnten Missionare, die die gewaltigen Regionen von den zentralsibirischen Burjatengebirgen bis Nordtibet und das Gebiet der Kirgisen bereisten, daß sie dort einen starken, unter dem Namen Kumyss bekannten Branntwein kennengelernt hätten. Auch Marco Polo hat ihn gekostet. Abul Ghazi beschrieb ihn im Jahre 1251 als „eine klare Flüssigkeit wie doppelt destillierter Kornschnaps". Dieser Kumyss wird aus Kamel- und Eselsmilch gewonnen und mit Hilfe von Butterklumpen zur Gärung gebracht.

Trinkgelage und fröhliche Trinker werden in zahlreichen Mythen und Geschichten der Naturvölker verherrlicht. Das Sprichwort der Haya „Nackte Leute brauen das Bier, aber Feingekleidete trinken es" verrät bereits eine gewisse soziale Bitternis, denn es bedeutet, daß die Reichen sich dessen erfreuen, was die Armen für ihren Genuß herstellen.

Wenn bei den Kpando von Togo die Kalebassen die Runde machen, lieben die Trinker es, einander Komplimente zu machen. Wenn das Gefäß sich leert, werden die letzten Tropfen auf die Erde gegossen, wobei der Zecher seinen Trinkernamen nennt und eine höfliche Antwort seiner Freunde darauf erhält. So stellt er sich, wie Breitkopf berichtet, etwa als Da tso mo („Die Schlange kreuzt den Weg") vor, und seine Freunde antworten: „Medzina kpo o" („Sie fürchtet sich nicht vor dem Stecken!"). Nennt er sich Klongo („Schildkrötenschale"), so rufen ihm die übrigen Zecher ein übermütiges „Auch wir sind alte Schildkrötenschalen!" zu, was bedeutet, daß kein Insekt oder anderes Tier die kluge Schildkröte überlisten kann, die in ihrer Schale geschützt sitzt.

Das Trinklied der Dusun von Borneo, das Stahl uns überliefert hat,

Draußen gibt es viel Flüssigkeit,
aber sie macht uns kein Kopfweh —
doch der kleine Topf voll Flüssigkeit im Haus
macht uns den Kopf brummen,

verrät die weise Einsicht, daß man aus dem Teich draußen unbeschadet trinken kann, während das im Hause befindliche weingefüllte Gefäß leicht einen Kater verursacht.

Wie die Gesänge Anakreons und Li-Tai-Pes zeigen, sind die Freuden des Weins auch in den Hochkulturen zu allen Zeiten verherrlicht worden. Der aztekische Gott Xipe hatte den Beinamen „der nächtliche Trinker", und der Genuß des Pulque war in den alten Zeiten nur den verehrten „Männern und Frauen vorgerückten Alters" vorbehalten, wobei nur während des großen Tecuilhuitontli-Festes eine Ausnahme gemacht wurde, bei dem alle Männer, Frauen und Kinder trinken durften, soviel sie wollten.

Um 2500 v. d. Zr. waren in Ägypten bereits vier verschiedene Bierarten bekannt, und der „göttliche" Ursprung des Bieres wurde schon im vierten Jahrtausend v. d. Zr. schriftlich festgelegt. Die Hieroglyphenschrift auf einer uralten Steinplatte enthält die folgende Warnung an junge Leute: „Trinke niemals Bier im Übermaß, du fällst und brichst deine Knochen, und keiner streckt die Hand nach dir, deine Freunde trinken weiter und sagen: ,Werft ihn hinaus, den Trunkenbold!'" Diese Worte haben genau den gleichen Sinn wie die Mahnung, die ich in der Kirche einer kleinen amerikanischen Negersekte hörte: „Hüte dich, daß der Herr nicht den Dosenöffner nimmt und nichts als Bier in dir findet!"

Unter den ägyptischen Studenten scheint überreichlicher Biergenuß durchaus nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein, denn längst vor Beginn unserer Zeitrechnung schrieb ein Gelehrter die folgenden Worte an seinen Schüler: „Ich höre, daß du deine Bücher vernachlässigst und dich dem Vergnügen hingibst. Abends gehst du von Straße zu Straße, und der Geruch des Bieres vertreibt die Menschen aus deiner Nähe und tut deiner Seele Schaden. Ja, man hat dich sogar Mauern übersteigen und in Häuser einbrechen sehen. Du bist den Menschen ein Abscheu und tust ihnen Böses an."

Es wäre jedoch ungerecht gegen die geselligen Freuden der Menschheit, wenn man nur das Essen, Rauchen und Trinken zu ihnen rechnen würde. Harmlose und nützliche Erholungen, wie Tanz, Sport und Spiel, sind ebenso wichtige Faktoren der Freude, und die Fröhlichkeit der Naturvölker drückt sich besonders in einer großen Anzahl von Belustigungen aus, die durchaus nüchterner Natur sind.

Besonders die Kinder kommen durchaus auf ihre Rechnung. Alle Völker der Welt haben die lustigsten Spielzeuge erfunden, um die ersten Jahre ihrer Kleinen auf spielerische und erzieherische Weise zu verschönen. Die afrikanischen Pangwekinder haben Kugelspiele aus runden Steinen, und sie kegeln mit Palmnüssen. Ihre Eltern fertigen ihnen Puppen, Blasrohre, Kreisel, Marionetten, Stelzen, Zauber- und Rätselspiele an und geben ihnen Miniaturarmbrüste, -tierfallen und -trommeln zum Spielen. Sie üben sich auch im Tauziehen und im Wettlauf — kurz, sie haben alles, was zu einer glücklichen Kindheit gehört.

Besonders die Puppen der Naturvölker nehmen oft die interessantesten Formen an, unter denen die der Chorotiindianer Boliviens mit zu den seltsamsten gehören. Der Kopf dieser Puppen ist oft so klein, daß man ihn kaum sehen kann. So werden die Gesichtstatauierungen auf dem ganzen Körper angebracht. Da die Kinder dieser Stämme an den Anblick der Nacktheit gewöhnt sind, zeigen auch ihre Puppen durchaus realistische Einzelheiten.

Auch die mit beweglichen Gliedmaßen ausgestatteten Puppen der altägyptischen Hochkultur waren außerordentlich realistisch. Manche trugen Perücken aus Menschenhaar mit eingeflochtenen kleinen Lehmkugeln - eine Nachahmung der von den nubischen Kindermädchen im Haar getragenen Fettkugeln. Ein sehr beliebtes Spielzeug war der „arbeitende Bäcker", eine auf ein Brett aufmontierte Figur mit beweglichen Armen und Beinen. Zog man an der daran befestigten Schnur, so „knetete" der Bäcker den "Teig", indem er mit seinen Armen einen Tonklumpen hin und her bewegte. Den kleinen Mädchen standen reizend ausgestattete Puppenhäuser zur Verfügung, deren komplette Miniaturmöblierung die Gegenstände der Erwachsenen täuschend nachahmten — vom Spiegel an der Wand bis zu den herausziehbaren Schubladen der Kleider- und Wäscheschränke. Besonders amüsant waren auch die ägyptischen und babylonisch-assyrischen Spielzeuge in Tiergestalt, wie Krokodile mit beweglichen Kinnladen und Igel, die auf einem kleinen Wagen an einer Schnur nachgezogen wurden. Auch zahme Haustiere und Vögel, wie Affen und die wegen ihres Kopfputzes beliebten Wiedehopfe, wurden zur Belustigung der ägyptischen Kinder gehalten.

Die Gesellschaftsspiele der Erwachsenen waren und sind von außerordentlicher Mannigfaltigkeit, wobei vielleicht der Tanz als der verbreitetste Ausdruck fröhlicher Geselligkeit zu gelten hat. Aber selbst schon bei sehr primitiven Stämmen, wie etwa den Australiern, vergnügt man sich mit Ringkämpfen, Wettbewerben im Speerwurf, Ballspielen und ganz besonders den auch in Polynesien, Amerika, Afrika und vielen anderen Weltgegenden beliebten Fadenspielen. Fast alle modernen Gesellschaftsspiele haben ihre primitiven Vorbilder — von den Gedächtnis- bis zu den Brett- und Glücksspielen, wobei bei den letzteren ebensoviele Wertgegenstände verspielt wurden wie etwa bei unseren Pferderennen Geld. So ist zum Beispiel das afrikanische mankala-Spiel über den ganzen Schwarzen Erdteil verbreitet.

Die Ubangi, die fanatische Anhänger des kuka - Spieles sind, verlieren bei ihren Spielorgien unglaubliche Mengen von Kauri-Geldschnecken. Aber nur Männer nehmen an dem Spiel teil, denn die Frauen, berichtet Leyder, „spielen nicht. Sie haben nicht die Zeit dazu".

Sogar Begräbnisse sind bei manchen Stämmen der Anlaß zu Glücksspielen, wobei der Geist des Verstorbenen angeblich den Gewinner begünstigt. Diese Sitte ist besonders bei den südamerikanischen Indianern weitverbreitet. Wie diese Spiele vor sich gehen, hat der Ethnologe Karsten beschrieben:

Der Rest der Nacht gehört dem Glücksspiel mit brennenden Baumwollkugeln. Ein Brett wird quer über den Leib des verstorbenen Indianers gelegt und eine Baumwollkugel darauf getan, die man anzündet. Die Spieler sitzen rechts und links von der Leiche und blasen die brennende Kugel hin und her, so daß sie stets in Bewegung bleibt. Sobald sie vor einem der Spieler liegt, bläst er sie von sich weg zur gegenüberliegenden Seite und so fort. Der Sinn des Spieles besteht darin, die ,Ansteckungsgefahr' der Leiche zu vertreiben, denn man befürchtet, daß der Todesdämon sich unter den überlebenden Verwandten des Verstorbenen neue Opfer suchen möchte."

Der unheimliche Zweck des Spieles hindert jedoch die Teilnehmer durchaus nicht daran, sich dem Spielfieber voll hinzugeben.

Die in ganz Südamerika weitverbreitete Sitte, das Gedächtnis der Toten zu einem Fest für die Lebenden zu machen, kann man noch heute selbst in den modernen Großstädten beobachten. Es besteht kaum ein Unterschied zwischen etwa der Sitte der Quiche-sprechenden Indianer Ekuadors, am „Tag der Seelen" große Eßgelage zu Ehren der Toten abzuhalten, und der modernen mexikanischen Sitte, am „Tag der Seelen" zierlich verzierte Zuckerschädel an den Straßenecken zu verkaufen, wobei besonders Liebespaare die mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen geschmückten Süßigkeiten als Geschenke austauschen.

Neben den auf uralten Bräuchen beruhenden Spielen ist die Geschichte des Sports in den Kulturen aller Zeiten von jeher von größter Bedeutung gewesen. Zu seinen ältesten Äußerungen gehört der Vogelsport, der besonders in der Südsee mit Begeisterung ausgeübt wird. Hierbei wird besonders der durch seine außergewöhnliche Flugkraft hervorragende Fregattvogel (Fregata aquila) bevorzugt, dessen Wärter als heilig angesehen und durch das Tragen eines Federarmbandes als mystischer „Ehemann" des Vogels ausgezeichnet wird, genau so wie einst die venezianischen Dogen durch einen Ring dem Meere vermählt waren. Obwohl der Fregattvogel als „Seelenvogel" Verehrung genießt, hat sich das ihm gewidmete Ritual zu einem regelrechten Sport entwickelt, in dem etwa die Naoero-Insulaner Meister sind, wie P. A. Kayser berichtet. Zuerst muß der Vogel gezähmt werden. Sobald er gefangen ist, werden Eigentumszeichen in Schwanz und Flügel eingeschnitten, so daß man den Besitzer feststellen kann, wenn der Vogel sich in der Luft befindet. Es ist ein Festtag für das ganze Dorf, wenn es gelungen ist, einen neuen Fregattvogel zu zähmen. „Jetzt bettelt er!" ruft man begeistert aus: „Öreita mena!" Die Besitzer füttern ihre Vögel mit Fischen und bieten ihnen das Trinkwasser aus ihrem geöffneten Munde an. Wenn die Vögel zahm genug geworden sind und ihren Herrn nicht mehr verlassen, gibt man ihnen die Freiheit zurück und läßt sie nun an Wettbewerben mit anderen Vögeln teilnehmen, wobei die Flughöhe und andere Künste preisgekrönt werden.

Diese Insulaner verstehen es, fast alle der bei ihnen vorkommenden zahlreichen Vogelarten zu zähmen, vor allem auch den nächtlichen ederakui, dessen Name den Nachtbummlern des Stammes als Spitzname angehängt wird. Hahnen-, Schweine- und Fischkämpfe gehören auf Naoero zu den beliebtesten Vergnügungen. Kinder zähmen sogar die Libellen, obwohl diese Insekten als Reinkarnationen der Verstorbenen angesehen werden, und halten sie auf Bäumen in der Nähe der Hütten, von wo aus sie zur großen Freude ihrer Besitzer die vorbeifliegenden wilden Libellen aus dem Hinterhalt angreifen.

Diese mit gezähmten Tieren vollführten Belustigungen stehen an der Grenze zwischen Sport und Spiel und werden immerhin nur in beschränkten Gebieten ausgeübt. Anders verhält es sich mit den Sportarten, bei denen der Mensch selbst in den Wettbewerb eintritt. Sie sind über die gesamte Erde verbreitet. Das Wandern und Laufen wird von den Naturvölkern nur selten als ein regelrechter Sport angesehen, da es zu natürlich ist, um zum Wettbewerb herauszufordern. Selbst wenn oft schwer beladene Fußgänger gewaltige Strecken über schwieriges Terrain zurücklegen, wird ihr Kraftaufwand nicht als eine sportliche Leistung betrachtet. Ebenso verhält es sich mit dem Schnellauf, der bei den Australiern, Buschmännern und Hottentotten, die imstande sind, ein Beutetier zu Tode zu hetzen, zu den Voraussetzungen des Nahrungserwerbs gehört. Peter Kolb berichtete im Jahre 1719, daß es einem Reiter unmöglich gewesen sei, einem jagenden Hottentotten auch nur zu folgen. Die in den Sierra-Madre-Bergen von Nordmexiko lebenden Tarahumare allerdings haben so erstaunliche Leistungen auf dem Gebiet des Schnellaufs erzielt, daß sie selbst von ihren Nachbarstämmen ralamari oder „Läufer" genannt werden. Sie legen ohne Ruhepause über zweihundert Meilen lange Strecken laufend zurück. Die auf der Tiburon-Insel im Golf von Kalifornien lebenden Geri vermögen es, einen starken Hirsch zu Fuß zu Tode zu hetzen und ein galoppierendes Pferd innerhalb kurzer Zeit einzuholen. Sie üben sich von frühester Kindheit an im Schnellauf, für den sie durch ihre schlanken, wohlproportionierten Körper und ihre traditionelle Sportleidenschaft ganz besonders geeignet sind.

Auch das Klettern wird trotz der oft erreichten erstaunlichen Leistungen von den Naturvölkern kaum als Sport angesehen. Dennoch werden Höchstleistungen etwa beim Erklettern besonders schwieriger Bäume zur Erlangung von Früchten, Eiern und Honigwaben von den Stammesgenossen anerkannt und bewundert.

Meister im Hochsprung jedoch locken eine Menge begeisterter Zuschauer herbei, und viele Stämme, wie etwa die besonders hochgewachsenen und schlanken ostafrikanischen Watussi, betrachten Höchstleistungen auf diesem Gebiet als den Ausdruck männlicher Tugend. Ein junger Mann, der beim Hochsprung nicht mindestens seine eigene Körperhöhe erreicht, wird nicht als erwachsen angesehen. Die Watussi benutzen niedrige Termitenhügel und ähnliche Bodenerhöhungen als Sprungbrett und erreichen mühelos eine Sprunghöhe von zweieinhalb Metern.

Das Werfen ist ein Lieblingssport vieler Stämme, wobei flache Steine als ältester Diskus benutzt werden. Die sichere Hand dieser Meisterjäger und die Beschaffenheit ihrer Waffen bereiten sie von frühester Kindheit an auf diesen Sport vor. Bei den nordamerikanisichen Indianern legen bei derartigen Darbietungen die fachmännischen Zuschauer größeren Wert auf die vom Werfer gezeigte Grazie und Vielseitigkeit als auf die angewandte Körperkraft. Oft werden Wurfspiele in Gruppen veranstaltet, wobei zwei Parteien den genau festgesetzten Regeln folgend gegeneinander spielen und Zuckerrohrstücke, Biberzähne, Nüsse oder Lehmkugeln zum Werfen verwendet werden. Das showialtowe - Wurfspiel der Zuni ist religiöser Natur, und das zum Spiel gehörige Zubehör wird vor Beginn feierlich auf dem Altar des Kriegsgottes, der als Schutzpatron des showialtowe gilt, geweiht.

Das uralte Sports- und Jagdgerät der Australier, der Bumerang, ist auch in anderen Erdgegenden übernommen worden und findet sich außer bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen auch in Indien und Ägypten, wo noch bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts ganze Regimenter mit ihm ausgestattet wurden. Der Zweikampf mit Speeren, der oft bei der Austragung der Zwistigkeiten zwischen verschiedenen Stämmen Anwendung findet, wird als Sport besonders auf Fidji, in Neuguinea, Amerika und Afrika geschätzt.

Ringkämpfe, die ja auch in unsere Sportarenen eingedrungen sind, ziehen auch bei den Naturvölkern große Zuschauermengen an und sind auf der ganzen Welt gebräuchlich, von Australien bis Brasilien, von Afrika bis Finnland, von Polynesien bis zum Kaukasus und von Südostasien bis Japan, wo die s u m o t o r i zu den Nationalhelden gehören.

Ebenso beliebt ist das Boxen. Auf den Tongainseln machte der König sogar die regelmäßige Abhaltung von Boxkämpfen zu einer streng eingehaltenen nationalen c Pflicht. Bei derartigen Kämpfen werden von den Naturvölkern entweder überhaupt keine Boxhandschuhe getragen oder durch eine dicke Umschnürung der Hände ersetzt. Die Box„handschuhe" der Mortlockinsulaner werden durch eingebundene Haifischzähne zur gefährlichen Waffe — der zuerst niederfallende Kämpfer gilt als besiegt. Selbst Schiedsrichter sind bekannt, die besonders in Hawai sofort einschreiten, wenn Verstöße gegen die Sportregeln vorkommen oder wenn ein Kampf sich allzu lange hinzieht. Dabei werden die Kämpfer mit Hilfe eines Stabes getrennt.

Das Schwimmen wird im allgemeinen nicht als Sport betrachtet, wohl aber das Wellenreiten auf besonders dafür angefertigten Brettern, das in Polynesien im Mittelpunkt großer Wettbewerbe steht und bei dem derjenige Teilnehmer gewinnt, der zuerst ohne Umfallen den Strand erreicht.

Die vielleicht beliebteste Sportart der Welt ist das Ballspiel, das von Indianern, Negern, Ägyptern und Europäern seit undenklichen Zeiten gepflegt wurde und wird. Fast alle bekanntesten Ballspiele der zivilisierten Nationen haben ihre primitiven Vorläufer im Sport der Naturvölker, bei denen sie oft heute noch eine zauberische oder symbolische Bedeutung haben ein Zeichen ihres hohen Alters.

Wenn die Jahreszeit des Walfischfangs herannaht, spielen die Makah-Indianer Hockey, wobei ein Walfischknochen als Ball und ein die Keule des Kriegsgottes nachahmender Stab als Schläger benutzt werden.

Die alten aztekischen Codices zeigen die Götter des Lichts und der Dunkelheit beim Ballspiel, und es gehörte zu den Pflichten der mexikanischen Herrscher, zur Mitternachtszeit das Sternbild des Großen Bären zu betrachten, das als „Ballspielplatz der Sterne" bekannt war.

Die Ballspiele besonders der nordamerikanischen Indianer sind so zahlreich, daß ihre genaue Beschreibung allein Bände füllen würde. Bei zweitorigen Ballspielen, wie Lacrosse, Hockey („shinny") und pogatowan, werden Bälle von verschiedener Form und Größe benutzt, die meist aus mit Gras oder Pflanzenfasern ausgestopften weichen Hirschlederkugeln bestehen. Der europäische Fußballsport ist aus dem Ballspiel der Eskimo hervorgegangen, das ganz ähnlichen Regeln folgt und auch einen Lederball verwendet, der dem europäischen zum Verwechseln ähnlich sieht.

Die beim Sport der alten Ägypter verwendeten Bälle hatten etwa einen Durchmesser von zehn Zentimetern und bestanden aus zwei sorgsam zusammengenähten Halbkugeln aus Leder oder feinem Leinen, die mit Stroh oder kleingeschnittenem Schilf ausgestopft waren. Gewandte Ballspieler benutzten oft zerbrechliche bunte Bälle aus Glaserde, um ihre Geschicklichkeit zu zeigen. So hat es die Menschheit im Laufe der Jahrtausende stets verstanden, durch Festmahle, durch Sport und Spiel den Ernst des Lebens angenehm zu unterbrechen. Während es Zerstreuungen und Vergnügungen aller Art seit jeher gegeben hat, können wir jedoch von der Ausbildung scharf umrissener und zeitmäßig im voraus festgesetzter Feste erst seit dem Beginn der Hochkulturen sprechen. So werden etwa nationale und religiöse Feiertage, Geburtstage, Gedenktage, Jubiläen und Feste, die von bestimmten, regelmäßig eingehaltenen Daten abhängen, erst in der Hochkultur gefeiert, denn das Vorausberechnen künftiger Geschehnisse und eine planmäßige Vorbereitung auf ein in der Zukunft liegendes Ereignis ist der Denkweise der Naturvölker vollkommen fremd. So fassen die großen offiziellen Zeremonien der klassischen und vorklassischen Zeiten alle Unterhaltungs- und Freudenelemente zusammen, die in den spontanen Formen primitiver Geselligkeit entwickelt wurden, und prunkvolle Paraden, Tänze, Spiele, Festessen und Gelage tragen gemeinsam zu einer gewaltigen Feier bei, die nun von Kirche, Staat oder Gesellschaft sanktioniert wird.

Die Tschibtscha teilten ihr Jahr in drei Drittel ein, von denen eines ausdrücklich dem Festefeiern gewidmet war. Die Freudenzeit des Mohammedaners beginnt nach dem Ramadan, für die Katholiken endet sie mit dem Beginn der Fastenzeit. So sind die Feste der Zivilisation planmäßig festgelegt worden. Wer immer der Gastgeber sein mag — Familie, Gruppe, Klub, Kirche oder Regierung —, stets regelt eine offizielle Ordnung die Äußerungen unserer geselligen Freuden. Diese Tatsache mag wohl zur besseren äußeren Organisation unserer Feste und Einladungen beitragen, es ist aber durchaus fraglich, ob etwa alle Vergnügungen der modernen Städte sich mit der Heiterkeit zwangloser Improvisation, der Freude um der Freude willen messen können, die die geselligen Versammlungen der Wüste, des Urwalds und der Steppe auszeichnen.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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